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	<title>Die Sprachspielerin &#187; Prosa</title>
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		<title>Silvester-Geschichte</title>
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		<pubDate>Wed, 31 Dec 2008 12:08:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Eigentlich sind es ja die gr&#246;&#223;ten Idioten, die Silvesterb&#246;ller schon Tage vor dem Jahreswechsel z&#252;nden und knallen lassen. Das sind die, die irgendwas nicht verstanden haben, die nicht warten k&#246;nnen, die kein Benehmen haben und ihren Mitmenschen ohne weiteres auf den Geist gehen. Es sind die, die sich nicht um die Sch&#246;nheit mancher Traditionen und [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>Eigentlich sind es ja die gr&#246;&#223;ten Idioten, die Silvesterb&#246;ller schon Tage vor dem Jahreswechsel z&#252;nden und knallen lassen. Das sind die, die irgendwas nicht verstanden haben, die nicht warten k&#246;nnen, die kein Benehmen haben und ihren Mitmenschen ohne weiteres auf den Geist gehen. Es sind die, die sich nicht um die Sch&#246;nheit mancher Traditionen und nicht um R&#252;cksichtnahme auf verschreckte Haustiere scheren. Irgendwelche Volltrottel oder meinetwegen Kinder.</p>
<p>Aber es gibt auch Ausnahmen. Als sie mir sagte, dass sie Silvester nicht mehr erleben w&#252;rde, war so eine. Sie war ganz ruhig dabei, sie sah mir fest in die Augen, aber ich glaube, ihre Stimme zitterte doch ein wenig. Ich wusste nicht, wie ich reagieren, was ich ihr antworten sollte, aber sie erwartete auch weder Reaktion noch Antwort. Sie sah mir weiter in die Augen und sagte: &#8220;Schenkst Du mir ein Feuerwerk, ein letztes?&#8221; und ich brauchte nur zu nicken.</p>
<p>Es war nicht schwer, die Feuerwerksk&#246;rper zu besorgen, mir ein Arrangement zu &#252;berlegen, das gro&#223;e Feld am Waldrand zu finden und sie hinzufahren. Es war nicht schwer, alles aufzubauen und sie dann in die Mitte der Wiese zu f&#252;hren. Es war nur schwer, die Feuerwerksk&#246;rper dann zu z&#252;nden, mit all den Tr&#228;nen in den Augen. Es war schwer ihr zuzusehen, wie sie in den Himmel blickte mit den gro&#223;en Augen eines begeisterten Kindes, mit dem ge&#246;ffneten Mund eines gl&#252;cklichen M&#228;dchens, bis der letzte Funken am Himmel verspr&#252;ht war. Und das schwerste war, sie zur&#252;ckzufahren und zu wissen, dass es nun vorbei war, ihr letztes Feuerwerk, ihr allerletztes, schon viele Tage vor Silvester.</p>
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		<title>Vom S&#252;dwind</title>
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		<pubDate>Wed, 19 Nov 2008 15:47:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Manchmal, wenn die Nacht tief und dunkel ist und der Wind aus S&#252;den weht, von dorther, wo Du bist, Iolanda, dann tr&#228;gt jener S&#252;dwind das Rattern eines Zugs in seinen engen Gleisen zu mir und sein Warnsignal von fern. Dann denke ich an Dich und daran, wie einfach es w&#228;re, jenen Zug zu besteigen, der [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>Manchmal, wenn die Nacht tief und dunkel ist und der Wind aus S&#252;den weht, von dorther, wo Du bist, Iolanda, dann tr&#228;gt jener S&#252;dwind das Rattern eines Zugs in seinen engen Gleisen zu mir und sein Warnsignal von fern. Dann denke ich an Dich und daran, wie einfach es w&#228;re, jenen Zug zu besteigen, der nach S&#252;den f&#228;hrt und zu Dir, wie einfach es w&#228;re und wie leicht es mir f&#228;llt, es nicht zu tun. Ich vermisse Dich nicht, Iolanda, ich vermisste Dich nie. Ich vermisste nie den Geruch Deiner Haut, nicht Dein weiches Fleisch, nicht die W&#228;rme Deines K&#246;rpers in der Nacht, wenn der Zug vorbeifuhr und uns weckte mit seinem Signal und Du Dich an mich schmiegtest, bis Dein Atem wieder ruhig ging. Ich vermisse nicht das Leben neben den Zuggleisen und nicht das Leben mit Dir. Es war so leicht Dich zu verlassen, Iolanda.</p>
<p>Nur wenn der S&#252;dwind das Ger&#228;usch des Zuges zu mir tr&#228;gt, dann denke ich an Dich und das Bahnw&#228;rterh&#228;uschen neben den Gleisen, in dem wir lebten. Ich denke an den Dreck, in dem wir hausten, das schmutzige Geschirr im Sp&#252;lbecken und die verstreute Kleidung auf dem Holzfu&#223;boden, die leeren Flaschen &#252;berall, ich denke an die ehemals wei&#223;en Gardinen, die der S&#252;dwind aus den offenen Fenstern flattern lie&#223;, als wolle er dem H&#228;uschen Fl&#252;gel wachsen lassen. Du erz&#228;hltest mir von der Liebe, Iolanda, und wie sie Dich betrogen und verletzt hatte, immer wieder erz&#228;hltest Du von der ungl&#252;cklichen Liebe; Du trankst dabei, trankst an gegen den Kummer und gegen die K&#228;lte des Nordwinds. „Nach S&#252;den,“ sagtest Du, den Kopf r&#252;cklings &#252;ber das Fensterbrett aus dem Fenster des Bahnw&#228;rterh&#228;uschens h&#228;ngend, wenn der Zug vorbeirauschte, „nach S&#252;den m&#252;sste man, einfach in den Zug steigen und nach S&#252;den.“</p>
<p>Und Dein Blick blieb h&#228;ngen im Blau des Himmels und in den Wolken, w&#228;hrend das Rattern des Zugs in den engen Gleisen unsere Ohren bet&#228;ubte. Du fuhrst nicht, Iolanda, sondern wir liebten uns, bet&#228;ubt vom Wein, auf dem Bretterboden des H&#228;uschens, das zitterte vom Vorbeifahren der Z&#252;ge. Es war so leicht Dich zu verlassen, den Zug nach Norden zu nehmen und zu gehen, fort von Dir, fort vom H&#228;uschen an den Gleisen, fort von unserem Leben und fort von Deinem Blick in den Himmel, wenn Du bet&#228;ubt vom S&#252;den tr&#228;umtest. Noch nie warst Du im S&#252;den gewesen, aber immer hattest Du ihn vermisst, diesen S&#252;den, der Deine Hoffnungen barg und voll Deiner Tr&#228;ume hing, eben deshalb, weil Du ihn nicht kanntest.</p>
<p>Der Wind blies aus Norden, als wir uns das erste Mal trafen und Du weintest, weintest am Grab Deines Vaters, wie ich am Grab meines Vaters h&#228;tte weinen sollen, aber ich konnte nicht, Du wei&#223;t warum. Du weintest und warst betrunken, Dein verwischter Blick und Dein Schwanken, ich musste Dich festhalten, Iolanda, beinahe w&#228;rst Du gest&#252;rzt, zu unseren V&#228;tern ins Grab, die da nebeneinander in ihren ausgehobenen Gruben lagen. Die nebeneinander lagen, weil sie sich gegenseitig fast totgeschlagen hatten, im Suff und liegen geblieben waren, Seite an Seite, in der K&#228;lte des Nordwinds und bewusstlos erfroren. Gemeinsam hatten sie sich betrunken, gemeinsam hatten sie nach Hause gehen wollen, gemeinsam lagen sie nun in den Gruben.</p>
<p>Ein scharfer Wind kam aus Norden und der Friedhof war schon ganz winterlich und kahl, aber Du wolltest bleiben und ich hielt Dich fest, ohne Tr&#228;nen f&#252;r meinen Vater, der von Deinem totgeschlagen worden war, der Deinen totgeschlagen hatte, nach ihrem letzten Bes&#228;ufnis. Ich hielt Dich und dann nahmst Du mich mit zu Dir ins Bahnw&#228;rterh&#228;uschen an den Gleisen, das Deinem Vater geh&#246;rt hatte, und ich blieb. Du erz&#228;hltest mir von der Liebe, Iolanda, und dass Dein Vater Dich geliebt h&#228;tte. Ich sagte, dass auch er Dich nur ausgenutzt und missbraucht h&#228;tte wie die anderen M&#228;nner. Du weintest, Du nicktest, sch&#252;tteltest den Kopf. Dein Vater h&#228;tte sich wenigstens f&#252;r Dich interessiert, sagtest Du, h&#228;tte sich um Dich gek&#252;mmert, auf Dich aufgepasst, unter Schluchzen.</p>
<p>Ich k&#252;mmerte mich um Dich, ich passte auf Dich auf, wie Dein Vater, und ich drang ein in Dein weiches Fleisch und lie&#223; mich nachts von Dir w&#228;rmen, lie&#223; mir die Narben auf meinem R&#252;cken k&#252;ssen von Dir, trank mit Dir und h&#246;rte Dir zu, wenn Du vom S&#252;den erz&#228;hltest und von der Liebe. Und Du warst so dankbar, Iolanda, dass ich mich sch&#228;mte. Es war so leicht zu gehen, nach Norden, als ich genug von Dir hatte, Iolanda, von Deinem warmen Fleisch, Deinen Tr&#228;umen und dem Bahnw&#228;rterh&#228;uschen, in dem uns nachts das Rattern der Z&#252;ge in ihren engen Gleisen weckte, es war so leicht.</p>
<p>Nur wenn der S&#252;dwind weht, in einer Nacht, die tief und dunkel ist, dann denke ich an Dich und wie Du auf dem Holzfu&#223;boden liegst und der Zug st&#246;&#223;t sein Warnsignal aus und der Nordwind weht die Gardinen aus den Fenstern als wolle er das Bahnw&#228;rterh&#228;uschen zum Fliegen bringen.</p>
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		<title>&#8216;Gelegenheit&#8217; oder &#8216;Linguistischer Liebestod&#8217;</title>
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		<pubDate>Fri, 04 Jul 2008 10:34:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Wellenschlagen des Meeres und das Anrauschen der Wogen, das Murmeln des Wassers und Raunen der See neben euch, die gl&#252;henden Schr&#228;gstrahlen der schon beinahe untergegangenen Sonne vor euch, der k&#252;hler werdende Sand, sich den K&#246;rperformen anschmiegend, unter euch und ihr liegt, liegt dicht beieinander. Das ist die perfekte Gelegenheit. Du gibst ihr den Joint [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>Das Wellenschlagen des Meeres und das Anrauschen der Wogen, das Murmeln des Wassers und Raunen der See neben euch, die gl&#252;henden Schr&#228;gstrahlen der schon beinahe untergegangenen Sonne vor euch, der k&#252;hler werdende Sand, sich den K&#246;rperformen anschmiegend, unter euch und ihr liegt, liegt dicht beieinander. Das ist die perfekte Gelegenheit. Du gibst ihr den Joint noch einmal, den sie gerollt hat, mit ihrer Zunge das Papier befeuchtend, das Du beneidetest um die Ber&#252;hrung, der letzte Zug soll f&#252;r sie sein. Mit geschlossenen Lidern saugt sie den Rauch in sich, berauschend, sie h&#228;lt den Atem an, verschlie&#223;t ihn tief in sich, doch w&#228;hrend sie den Stummel im Sand ausdr&#252;ckt, steigt ihr Dampf aus der Nase, wie aus den N&#252;stern eines erhitzten Pferdes. Auch sie ist erhitzt, von der untergehenden Sonne und vom Rausch und sie fragt sich einen Moment, ob das Schwanken tats&#228;chlich von den dunklen Kr&#252;meln im Tabak kommt oder einfach von diesem wiederholten, angestrengten Luftanhalten.</p>
<p>Unterversorgung mit Sauerstoff, jedenfalls aber f&#252;hlt sie sich schwebend und nicht ganz von dieser Welt, obwohl sie die ganze Zeit ruhig und stetig am abendlichen Strand liegt, neben Dir, dicht. Es keimt Lachlust in ihr auf, es sch&#252;ttelt und durchw&#252;hlt sie schon, es keimt Liebeslust in ihr auf, es durchpulst sie schon unruhig, ihr Blut an manchen Stellen. Ich sage es Dir nochmal, das ist die perfekte Gelegenheit. Denn ihr liegt schon und ‚Gelegenheit&#8217; kommt von ‚liegen&#8217;, etymologisch gesehen, und diese Gelegenheit kommt Dir gelegen, worauf wartest Du, dichter r&#252;ckt sie nicht mehr heran.</p>
<p>Fr&#252;her bedeutete Gelegenheit ‚Lage&#8217; und ‚Lager&#8217;, heute jedoch ‚M&#246;glichkeit&#8217; und ‚Chance&#8217; und Du hast jetzt die Chance Deine Lage zu &#228;ndern, um euer Liegen in ein Liebeslager zu verwandeln, warte nicht mehr, es gilt die M&#246;glichkeit zu nutzen in eurer angenehmen Lage, jetzt. Du lerntest sie an der Universit&#228;t kennen und Du betetest sie an, vom ersten Augenblick an, Du liebtest es, hinter ihr zu sitzen und ihr sch&#246;nes, glattgl&#228;nzendes, r&#246;tlich schimmerndes Haar fallen zu sehen, wenn sie den Kopf schr&#228;g legte beim Zuh&#246;ren und sie tat es immer beim Zuh&#246;ren und Du liebtest es immer. Du hast Dich in die Schr&#228;glage ihres Kopfes verliebt und h&#228;ttest ihre Sommersprossen k&#252;ssen m&#246;gen, wenn sie an Dir vorbei ging, so viele, jede einzelne von ihnen.</p>
<p>Daran denkst Du und &#8211; oh nein! &#8211; Du denkst an das Seminar, das sie mit Dir besuchte, und gr&#252;belst, was Du dort zur Wortbildung von ‚Gelegenheit&#8217; gelernt hast, statt an die Bedeutung zu denken: ‚Gelegenheit&#8217; ist das g&#252;nstige Zusammentreffen von Umst&#228;nden und g&#252;nstiger werden sie nicht mehr. Du wei&#223;t, wozu Du jetzt Gelegenheit h&#228;ttest, Du br&#228;uchtest Dich nur zu ihr beugen. Was Du finden w&#252;rdest: es w&#228;re Salzgeschmack auf den verkrusteten Lippen, es w&#228;re s&#252;&#223;er Speichel und ein williger Mund und vielleicht w&#252;rde sie Dich nicht sogleich fortschicken, aus dem Rausch erwacht, sondern Dir Gelegenheit geben, Dich zu bew&#228;hren an ihrer Seite. Kupplerinnen nannte man auch ‚Gelegenheitsmacherinnen&#8217;. Gelegenheitsmacherinnen f&#252;r euch sind jetzt das Meer, das Abendrot, das Wellenraunen, der Sommerduft und der Rausch, der eure Glieder schwer und euer Blut hitzig macht. Der Joint, der ihr Blut Wellen schlagen l&#228;sst in den Adern, der ihren Scho&#223; aufw&#252;hlt, sie schweben macht und Du solltest jetzt, die Gelegenheit am Schopfe packend, Dich hin&#252;berlehnen, zum Kuss Dich beugen, zum ersten. Es ist der geeignete Augenblick.</p>
<p>Statt dessen f&#228;llt Dir endlich ein, dass ‚Gelegenheit&#8217; die Suffigierung eines Partizips ist, und ich sage Dir, der letzte Zug war zu viel f&#252;r Dich, Du starrst in den sich verdunkelnden Himmel &#252;ber Dir statt an das Vers&#252;&#223;ende neben Dir zu denken, Du musst Deine M&#252;digkeit absch&#252;tteln, sofort. Doch Du bleibst benommen, alles ist neblig in Deinem Hirn und Du verstrickst Dich in Deine Gedanken und sinnst nach &#252;ber Redewendungen &#8211; oh nein! &#8211; ‚Gelegenheit macht Diebe&#8217;, f&#228;llt Dir ein, doch Du solltest an die Erwiderung denken: ‚Geld macht Diebe, Gelegenheit macht Lust und Liebe&#8217; und Du solltest an den Diebstahl von K&#252;ssen denken jetzt, auf jede ihrer Sommersprossen unter der meeressalzigen Kruste.</p>
<p>Denn sonst bin ich es, der Dein Klagen h&#246;ren muss, wie ich es war, der Deinen Klagen lauschen musste, dass Du sie nicht anzusprechen wagtest, dass sie, die G&#246;ttergleiche, die G&#246;ttliche, Dir den Lebensmut raube, das Herz br&#228;che, den Verstand stehle. Und letzteres glaube ich gern, wenn Du wegen Deines Nebelhirns diese perfekte Gelegenheit verstreichen l&#228;sst statt zu tun, worauf Du schon so lange sehnlichst wartest.</p>
<p>Die Sonne ist jetzt ins Meer getaucht, endg&#252;ltig, sie sieht nach den Fischen, der Sand ist ausgek&#252;hlt unter euch, Du kannst Dich nicht winden aus den Gedanken Deiner Gehirnwindungen und merkst nicht, wie ihr Blut abk&#252;hlt und sich das Wellenschlagen in ihrem Scho&#223; beruhigt. Sie steht auf, nurmehr ein wenig schwankend und sagt: &#8220;Ich geh&#8217; jetzt mal wieder zu den anderen!&#8221; und sie z&#246;gert nicht.</p>
<p>Ich h&#246;re Dein Herz brechen, Du schreckst auf und bemerkst, dass Du sie verpasst hast, die perfekte Gelegenheit, die nie mehr wiederkehrende, die unwiederbringliche, die einmalige. Und darauf w&#228;re selbst Dein Linguistik-Professor nicht stolz.</p>
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		<title>Das Grau der Tage</title>
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		<pubDate>Fri, 30 May 2008 10:23:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Familiäres]]></category>
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		<description><![CDATA[Ein Augenblick kommt, bleibt kurz, geht und es geschieht:
nichts. Ein n&#228;chster Augenblick kommt, ich atme aus, schlie&#223;e die Augen und es geschieht:
kaum etwas. Das Grau vor meinen Augen wird nur um ein weniges dunkler und die Umrisse, die ich mit ge&#246;ffneten Augen an den R&#228;ndern meines Blickfeldes noch erkennen kann, verschwinden. Ich atme die stickige [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Augenblick kommt, bleibt kurz, geht und es geschieht:</p>
<p>nichts. Ein n&#228;chster Augenblick kommt, ich atme aus, schlie&#223;e die Augen und es geschieht:<br />
kaum etwas. Das Grau vor meinen Augen wird nur um ein weniges dunkler und die Umrisse, die ich mit ge&#246;ffneten Augen an den R&#228;ndern meines Blickfeldes noch erkennen kann, verschwinden. Ich atme die stickige Altenheimsluft meines Zimmers ein, hebe einen Augenblick sp&#228;ter meine Lider erneut und meine Augen blicken ins Grau meiner Tage. Ich bin beinahe blind, beinahe.</p>
<p>Dass ich nicht ganz blind bin, macht es kaum besser. Ich kann mich nur auf die Jagd machen nach Schemen, die ich dort zu erahnen vermag, wo ich nicht hinsehe, ganz au&#223;en, die aber verschwimmen, verschwinden, wenn ich sie in den Blick zu nehmen, zu fixieren suche. Das Perfide an dieser Krankheit ist, dass sie mir genau das entzieht, was mein Interesse findet, was ich anblicken will. Dort, im Zentrum meines Blicks, wird es unscharf und grau, immer nur grau.</p>
<p>Es begann beim Lesen, meiner liebsten Besch&#228;ftigung, es begannen Buchstaben zu fehlen genau an den Stellen, wo ich las, wo ich verstehen wollte. Anfangs konnte ich noch raten, doch es fehlten immer mehr Buchstaben, von Tag zu Tag. Das Schwarz-Wei&#223; der Lettern auf dem Papier wurde verschlungen vom alles verdeckenden, einheitlichen Grau. Und die &#196;rzte konnten nichts tun. Empfahlen mir Lupen und Lichter und schickten mich schlie&#223;lich nach Hause, &#252;berlie&#223;en mich hilflos meiner Erkrankung. Ich versuchte weiterhin zu lesen, doch t&#228;glich wurde es weniger, was ich erkennen konnte und t&#228;glich h&#228;tte ich Tr&#228;nen weinen m&#246;gen um jeden Satz, der sich nicht mehr begreifen lie&#223;, Tr&#228;nen weinen um jedes Buch, das ich nicht mehr lesen konnte.</p>
<p>Schlimmer noch als die Buchstaben war aber das Verschwinden der Gesichter. Das der Pflegerinnen und das der Bekannten, die mich f&#252;r unfreundlich hielten, weil ich sie nicht begr&#252;&#223;te, wenn sie mir auf der Stra&#223;e begegneten. Aber die Menschen, die ich anschauen wollte, in deren Gesichtsz&#252;gen ich zu lesen begehrte, bekamen durchs Zuwenden meines Blicks statt des Gesichts graue Kreise auf die Schultern. Wenn mich heute jemand besuchen kommt, dann muss ich fragen, wer es ist, bevor ich mich freuen kann. Wenn heute eine der Pflegerinnen eintritt, bitte ich sie zuerst, mir ihren Namen zu nennen, denn ich kann sie nicht mehr voneinander unterscheiden.</p>
<p>Eines Morgens trat ich vor den Spiegel und erkannte mich nicht, ich n&#228;herte mich weiter, doch da war nichts, kein Gesicht mehr, nichts als verschwommenes Grau, das alles &#252;berdeckt. Ich kann mich nicht mehr anblicken, ich wei&#223; nicht mehr, wie ich selbst aussehe. Ich kann nicht alte Fotos anschauen, um zu erahnen, wie mein Gesicht heute sein k&#246;nnte. Ich fahre mir &#252;ber die knittrigen Wangen, die faltige Stirn, reibe mir die Augen und versuche mir eine Vorstellung zu machen, aber es gelingt mir nicht.</p>
<p>Der Fernseher wurde zum schwarzen Kasten ohne Farben und ohne Bild und ich stelle ihn lauter, um zu bemerken, dass er l&#228;uft, bis ich es nach einiger Zeit nicht mehr ertragen kann und ihn abstellen muss. Ich sehe vor mich hin, ins Graue, die Augenblicke kommen und gehen, ohne dass etwas gesch&#228;he. Ich bin eingesperrt in mir, bin eingesperrt ins Grau meiner Tage und kann nur sitzen und warten. Meistens warte ich darauf einzuschlafen, nur minutenweise einzunicken, jeder Augenblick, in dem ich schlafe und nicht dieses Grau sehen muss, ist ein gewonnener.</p>
<p>Manchmal dr&#252;cke ich die Tasten meines Telefons, die eingespeicherten Nummern werden gew&#228;hlt und oft erreiche ich dennoch niemanden. Manchmal spreche ich auf die Anrufbeantworter am anderen Ende, um meine eigene Stimme zu h&#246;ren. Manchmal ist jemand zu Hause, aber es ist nie derjenige, den ich zu sprechen hoffte, die Ziffern auf den Telefontasten kann ich nicht mehr lesen. Dann sage ich meiner Enkelin, dass ich sie gern habe, aber ich glaube nicht, dass sie mich zur&#252;ckrufen wird.</p>
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		<title>Herr Ernst</title>
		<link>http://www.sprachspielerin.de/2008/04/19/herr-ernst/</link>
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		<pubDate>Sat, 19 Apr 2008 11:08:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Liebliches]]></category>
		<category><![CDATA[Musikalisches]]></category>
		<category><![CDATA[Prosaisches]]></category>

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		<description><![CDATA[Darf ich vorstellen: die neue und wieder wundersch&#246;ne April-Ausgabe von mindestenshaltbar ist da, diesmal ohne Thema aber daf&#252;r mit Musik! Und in diesem &#8216;Heft&#8217; ist nach einer Pause auch wieder eine Geschichte von mir: Herr Ernst. Ich bin ganz zufrieden damit, sie ist richtig &#8216;handlungsreich&#8217; f&#252;r meine Verh&#228;ltnisse, also: r&#252;bergehen, Lesebefehl! Kommentare bitte gerne hier [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>Darf ich vorstellen: die neue und wieder wundersch&#246;ne April-Ausgabe von <a title="mindestenshaltbar" href="http://www.mindestenshaltbar.net/" target="_blank">mindestenshaltbar</a> ist da, diesmal ohne Thema aber daf&#252;r mit Musik! Und in diesem &#8216;Heft&#8217; ist nach einer Pause auch wieder eine Geschichte von mir: <a title="mindestenshaltbar" href="http://www.mindestenshaltbar.net/0404/stories/2239/main" target="_blank"><em>Herr Ernst</em></a>. Ich bin ganz zufrieden damit, sie ist richtig &#8216;handlungsreich&#8217; f&#252;r meine Verh&#228;ltnisse, also: r&#252;bergehen, Lesebefehl! Kommentare bitte gerne hier oder dort.</p>
<p>Noch ein Wort zur Musik zu meiner Geschichte: die ist vom gro&#223;artigen Kevin Hamann alias <em>Clickclickdecker</em> alias <em>My first trumpet</em>. Der Mensch hat so viele verschiedene Musikprojekte, dass es zwar sehr erfreulich aber langsam auch ein bisschen un&#252;bersichtlich wird. Es gibt ihn erstens als Clickclickdecker (mit <a title="click" href="http://www.clickclickdecker.de/" target="_blank">Homepage</a> und <a title="click" href="http://clickclickdecker.blogsport.de/" target="_blank">Blog</a>), das ist sehr sympathisch-melancholischer Gitarren-Indie-Rock mit deutschen Texten, die oft in einem absurd hohen Tempo vorgetragen werden, sehr h&#252;bsch! Als Click hat der Herr mich auch schon zwei Mal auf Konzerten in M&#252;nchen sehr erfreut.</p>
<p>Au&#223;erdem gibt es dann aber eben <em>My first trumpet</em>, Clicks &#8216;Elektropop-Projekt&#8217;, in das man bei <a title="click" href="http://www.myspace.com/myfirsttrumpet" target="_blank">mySpace reinh&#246;ren</a> und dessen Platte <em>Frerk</em> man sich <a title="click" href="http://aerotone.300l600.de/index.php?id=2,73,0,0,1,0" target="_blank">hier</a> komplett umsonst herunterladen kann (macht das unbedingt, es lohnt sich!). Aus dieser Platte stammt das St&#252;ck mit dem wunderbaren Titel &#8216;Autonarkose&#8217;, das ich mir zu meiner Geschichte ausgesucht habe.</p>
<p>Letztlich ist Click zur Zeit aber am aktivsten mit seinem Projekt <em>Bratze</em> (auch hier <a title="bratze" href="http://www.myspace.com/bratzebratze" target="_blank">mySpace</a>, <a title="bratze" href="http://www.bratze.eu/" target="_blank">Homepage</a>, <a title="bratze" href="http://bratze.blogsport.de/" target="_blank">Blog</a>), das es sich sicher auch zu beobachten lohnt. Also, h&#246;rt euch das an oder lest zu Click nochmal nach: in der Wissenswerkstatt gibt es einen Artikel zu &#8220;<a title="Wissenswerkstatt" href="http://www.wissenswerkstatt.net/2007/08/12/elektropop-mit-herz-my-first-trumpet-bezaubert-mit-frerk/" target="_blank"><em>My first trumpet</em> bezaubert mit <em>Frerk</em></a>&#8221; und auch einen zu Click als &#8220;<a title="Wissenswerkstatt" href="http://www.wissenswerkstatt.net/2007/03/27/ueberzeugungstaetergitarrenrock-clickclickdecker/" target="_blank">&#220;berzeugungst&#228;tergitarrenrocker</a>&#8220;.</p>
<hr />
Nachtrag: Nachdem mindestenshaltbar inzwischen eingestellt wurde, hier der Text nochmal komplett:</p>
<p><strong>Herr Ernst</strong></p>
<p>Vielleicht h&#228;tte man es an dem Christbaum merken m&#252;ssen, der im M&#228;rz immer noch geschm&#252;ckt auf dem kleinen Balkon stand. Vielleicht h&#228;tte man es einfach daran merken m&#252;ssen, dass man dem alten Herrn Ernst gar nicht mehr im Treppenhaus begegnete. Aber nach dem Tod seiner Frau im Herbst war er ohnehin immer seltener aus der Wohnung gekommen und sein immer m&#252;rrisches Wesen machte es einem leicht, ihn nicht zu vermissen. Erst hinterher fragte man sich, ob man nicht etwas h&#228;tte bemerken m&#252;ssen, fragte sich, warum man denn nicht an ihn gedacht und sich gesorgt hatte.</p>
<p>Seine Frau war ganz anders gewesen, das genaue Gegenteil, sehr lebhaft, lebensfroh und kontaktfreudig, jeden sprach sie im Treppenhaus an, sie lauerte den Bewohnern regelrecht auf, um sie in ein Schw&#228;tzchen zu verstricken und oft h&#246;rte man sie laut und mit sch&#246;ner Alt-Stimme singen, tags&#252;ber, wenn ihr Mann nicht zu Hause war. W&#228;hrend er in der Arbeit war, sang sie die alten Schlager aus ihrer Jugend und manchmal musste man sich dann ein Lachen verkneifen, wenn die alte Dame mit tiefer Stimme &#8220;Kann denn Liebe S&#252;nde sein?&#8221; oder &#8220;Warum soll eine Frau kein Verh&#228;ltnis haben?&#8221; tr&#228;llerte. Ihr Mann hatte das gar nicht gern. Auch das Klavierspiel hatte er ihr verboten und ihr Klavier kurz nach der Hochzeit verkauft, denn das Musikmachen war ihm verd&#228;chtig und geh&#246;rte sich nicht f&#252;r eine anst&#228;ndige Ehefrau, das war seine Meinung. Deshalb blieb es still, sobald er nach Hause gekommen war, sehr still, kein Gesang, kein Radio, kein Lachen mehr von Frau Ernst.</p>
<p>Sie vermisste ihr Klavier, sie sprach oft davon, wie sie als junges M&#228;dchen Klavierstunden bekommen hatte und trotz ihrer kleinen H&#228;nde sofort Schlager spielen wollte, ohne l&#228;stige Anf&#228;nger- und Finger&#252;bungen und wie ihr das auch gelungen war. Ihr Klavier hatte ihr Mann ihr genommen, aber ihre Stimme konnte er ihr doch nicht nehmen. Und so sang sie fr&#246;hlich und trotzig, auch ohne Klavierbegleitung, sobald er nur das Haus verlie&#223;. Jeden der Hausbewohner packte sie mindestens einmal nach einem Gespr&#228;ch bei der Hand und f&#252;hrte ihn mit leuchtenden Augen in ihre Wohnung, wo sie stolz wie ein Kind ihren gr&#246;&#223;ten Schatz herzeigte: ein original Autogramm von Zarah Leander, ihrem gro&#223;en Idol, extra f&#252;r sie.</p>
<p>Man musste sie einfach m&#246;gen, die Frau Ernst, auch wenn sie einem manchmal geh&#246;rig auf die Nerven gehen konnte, wenn man es eilig hatte, sie einen aber doch im Gespr&#228;ch festhielt. Ihr Tod kam pl&#246;tzlich, kurz nachdem ihr Mann in Rente gegangen war, so pl&#246;tzlich wie sie es sich immer gew&#252;nscht hatte. Auch ihre Mutter war damals mitten am Tag, im fahrenden Linienbus ganz unvorbereitet zwischen all den Leuten vom Schlag getroffen worden und sofort tot, wie sie erz&#228;hlte, so wolle sie auch sterben, so ohne jede Vorwarnung, ohne Krankheit, ohne Schmerzen. Denn sie, sie sei niemals im Leben krank gewesen, nie, nicht einmal eine Erk&#228;ltung habe sie jemals gehabt und sie k&#246;nne es sich auch gar nicht vorstellen, auch nicht im Alter, das passe einfach nicht zu ihrer Rossnatur. Dann lieber kerngesund und pl&#246;tzlich umfallen. Dieser Wunsch war ihr dann tats&#228;chlich erf&#252;llt worden, aber viel fr&#252;her, als sie gedacht hatte.</p>
<p>Denn eigentlich freute sie sich sehr auf die Rente ihres Mannes, sie erz&#228;hlte immer wieder begeistert von den Pl&#228;nen, die sie f&#252;r diese Zeit hatte, sie h&#228;tten ja endlich noch reisen, noch so viel erleben k&#246;nnen! Ein Leben lang hatte Herr Ernst gearbeitet, von fr&#252;h bis sp&#228;t, auch f&#252;r sie, sagte er, f&#252;r sie, die keine Ausbildung hatte, weil schon ihre Mutter das nach dem Besuch der Hauswirtschaftsschule f&#252;r ein gutb&#252;rgerliches M&#228;dchen f&#252;r &#252;berfl&#252;ssig gehalten hatte, obwohl sie gerne etwas h&#228;tte lernen wollen, f&#252;r sie hatte Herr Ernst gearbeitet, f&#252;r die es sich seiner Meinung nach auch &#252;berhaupt nicht ziemte zu arbeiten. Anst&#228;ndige Frauen blieben zu Hause, machten den Haushalt, umsorgten den Ehemann und brachten abends p&#252;nktlich das Essen auf den Tisch, anst&#228;ndige M&#228;nner sorgten daf&#252;r f&#252;r den Lebensunterhalt, so einfach war das.</p>
<p>Und dann war es endlich so weit, mit der Rente. Vielleicht ertrug sie es einfach nicht, diesen m&#252;rrischen Menschen und sein strenges Regiment pl&#246;tzlich den ganzen Tag zu Hause um sich zu haben, ertrug es nicht, dass er ihr jetzt dauernd sagte, was zu tun war und sie bei jeder Regel&#252;bertretung ermahnte, dass er jedes Schw&#228;tzchen mit den Nachbarn, die f&#252;r ihn Unbekannte waren, f&#252;r &#252;berfl&#252;ssig hielt und es missbilligte, vielleicht ertrug sie es einfach nicht, dass sie jetzt auch tags&#252;ber nicht mehr singen durfte. Vielleicht entzog ihr seine reine Anwesenheit die Lebenslust. Jedenfalls lag sie eines Morgens einfach tot neben ihm im Bett, nur wenige Wochen, nachdem er seine Rente angetreten hatte, und an diesem Tag sah man den Herrn Ernst zum ersten und letzten Mal emotional aufgew&#252;hlt und erregt. Er lief durchs Treppenhaus und klingelte alle Nachbarn aus dem Schlaf, weil er nicht wusste, was er tun solle mit seiner toten Frau, weil er &#252;berhaupt nicht wusste, was er tun sollte.</p>
<p>Nach der Beerdigung von Frau Ernst, an der s&#228;mtliche Hausbewohner teilnahmen, zog Herr Ernst sich zur&#252;ck und verlie&#223; die Wohnung nur noch schwarz gekleidet zu seinen seltenen Eink&#228;ufen, sprach mit niemandem, nur den lautgestellten Fernseher h&#246;rte man ab und zu durch die W&#228;nde. Nie bekam er Besuch, er hatte keine Freunde, seine Frau war wohl die einzige gewesen, die seinen strengen Charakter aushalten konnte.</p>
<p>Dann war es Fr&#252;hling geworden, die Jahreszeit, in der Frau Ernst sonst Fr&#252;hlingslieder gesungen und fr&#246;hlich den sorgf&#228;ltig verteilten Weihnachtsschmuck gegen eine verfr&#252;hte Osterdekoration ausgetauscht hatte, die Jahreszeit, in der sie jedem, dessen sie im Treppenhaus habhaft werden konnte, froh erz&#228;hlte, dass es in einem Fr&#252;hling gewesen sei, in einem Fr&#252;hling im Krieg, in dem sie ihren Mann kennengelernt habe, ein Fr&#252;hling, in dem die Bomben noch die aufgerissenen Felder zu einem gl&#252;henden Bl&#252;hen gebracht hatten. Freudestrahlend berichtete sie dann von ihrem &#8220;Ernstl&#8221;, wie &#8220;schmuck&#8221; er damals in Uniform ausgesehen habe &#8211; wof&#252;r sie auch gerne Fotos als Beweis vorlegte &#8211; und wie gl&#252;cklich sie damals mit ihm gewesen sei.</p>
<p>&#8220;Jaja,&#8221;, sagte sie dann, &#8220;eine Frau wird erst sch&#246;n durch die Liebe.&#8221; Wenn man &#8220;Ernstl&#8221; aber kannte, dann musste man den Schluss ziehen, dass dies niemals an ihm hatte liegen k&#246;nnen, sondern vielmehr Frau Ernst &#252;ber die F&#228;higkeit verf&#252;gte, mit beinahe jedem Menschen, in beinahe jeder Situation gl&#252;cklich zu sein. Ihre Augen verschatteten sich nur, wenn sie erz&#228;hlte, dass sie keine Kinder hatten bekommen k&#246;nnen, obwohl sie sich Kinder so sehr gew&#252;nscht habe, aber sie fand sicher sehr bald einen Grund, das Thema zu wechseln und fr&#246;hlich von etwas anderem zu sprechen. Vielleicht war sie dann l&#228;chelnd damit fortgefahren, dass nur der Nachname ihres Mannes nun wirklich nicht zu ihr passe.</p>
<p>In diesem Fr&#252;hjahr, nach ihrem Tod, blieb der Christbaum, den Herr Ernst trotz allem im Dezember hinausgestellt hatte, bis in den M&#228;rz auf dem kleinen Balkon stehen, aber niemand wunderte sich, niemand dachte &#252;berhaupt noch an Herrn Ernst. Vielleicht h&#228;tte man einmal bei ihm klingeln, ihm Hilfe anbieten sollen, aber andererseits war man sich sicher zur&#252;ckgewiesen zu werden und es schien doch alles in Ordnung. Auch roch man nichts, der Winter war kalt und Herrn Ernsts Sparsamkeit f&#252;hrte dazu, dass er die Heizung meist ausgeschaltet lie&#223;. Erst als der gro&#223;e Briefkasten vor Werbung und Kontoausz&#252;gen &#252;berquoll, rief irgendwer aus dem Haus die Polizei, nachdem Herr Ernst auch nach mehrmaligem Klingeln nicht ge&#246;ffnet hatte. Er musste schon im Dezember gestorben sein, Verwesung und teilweise Mumifikation waren schon fortgeschritten, als man ihn auf der Couch sitzend fand, auf seinem Scho&#223; das alte Notenheft mit dem Autogramm von Zarah Leander.</p>
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		<title>Requiem</title>
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		<pubDate>Fri, 28 Mar 2008 15:36:30 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
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		<category><![CDATA[Musikalisches]]></category>
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		<description><![CDATA[Nimm sie zur&#252;ck, Du kannst sie wiederhaben, Dir geh&#246;rt sie, ich will sie nicht mehr, sie kann Dich nicht vergessen. Wenn sie zu mir aufschaut, dann sehe ich ihren Blick suchen, nach &#196;hnlichkeiten mit Dir. Wenn sie mit mir spricht, dann sp&#252;re ich, dass ihr Ohr nach Deiner Stimme und Deinen Worten verlangt. Wenn ich [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>
Nimm sie zur&#252;ck, Du kannst sie wiederhaben, Dir geh&#246;rt sie, ich will sie nicht mehr, sie kann Dich nicht vergessen. Wenn sie zu mir aufschaut, dann sehe ich ihren Blick suchen, nach &#196;hnlichkeiten mit Dir. Wenn sie mit mir spricht, dann sp&#252;re ich, dass ihr Ohr nach Deiner Stimme und Deinen Worten verlangt. Wenn ich sie k&#252;sse, dann wei&#223; ich, dass sie an Deine Lippen denkt, wenn ich sie ber&#252;hre, wei&#223; ich, dass sie Deine schlanken Pianistenh&#228;nde ersehnt, wenn ich mit ihr schlafe, dann f&#252;hle ich ihr Begehren nach Dir, wenn ich sie st&#246;hnen h&#246;re, scheint sie mir nur Deinen Namen zu hauchen.</p>
<p>Ich versuchte das Requiem eurer Liebe zu sein, <em>requiem aeternam dona eis</em>, aber es will nicht erklingen. Alles Fleisch ist wie Gras, nur nicht Dein Fleisch, an das sie unabl&#228;ssig denkt, wenn sie meines ber&#252;hrt. Es will nicht verdorren, so sehr ich mich auch bem&#252;he, sie kann Dich noch immer nicht vergessen.</p>
<p>Ich wollte sie tr&#246;sten, vorhin, ich wollte ihr Tee bringen, dampfend und bes&#228;nftigend, aber sie hat mich nicht erh&#246;rt, sie hatte kein Erbarmen mit mir, sie hat ihre T&#252;r nur noch fester vor mir verschlossen und sich ans Klavier gesetzt. Sie spielt Deine St&#252;cke, immer wieder die St&#252;cke, die Du f&#252;r sie komponiert hast und ihr vorspieltest. Sie spielt lang, Du hast ihr viele Kompositionen geschenkt und wenn sie fertig ist, beginnt sie von vorn. Es ist ein Tag der Tr&#228;nen heute, sie weint, man h&#246;rt es am Klang der Tasten unter ihren zittrigen Fingern.</p>
<p>Vielleicht denkt sie noch nicht einmal an Dich, nicht an die Trennung von Dir, sie ist vielmehr ganz in Deinen St&#252;cken, ganz versunken in Dich. Ich hasse Deine St&#252;cke und wie sie sie spielt, ich sitze wartend in der K&#252;che, unterm ewigen Licht der Leuchtstoffr&#246;hre und f&#252;hle mich elend wie im Maul eines L&#246;wen, aber ich wage es nicht, ihre T&#252;r zu &#246;ffnen, ich wage es nicht sie anzusprechen. Bisher habe ich immer nur abgewartet bis es vorbei war.</p>
<p>Bis sie selbst die T&#252;re &#246;ffnete, sie selbst herauskam zu mir, mit abgewendetem Blick. Ich empfing sie wie ein vom Himmel gefallenes Geschenk, wie ein verwirrtes Kind, wie eine Neugeborene und wenn sie mit mir ins Bett gehen wollte, tat ich so als w&#252;sste ich nicht, dass ich nur das Feuer l&#246;schte, das Du, das Deine Musik in ihr entfachte. Ich glaube nicht, dass sie auch nur ein einziges Mal wirklich bei mir, mit mir war. Ich glaube nicht mehr, dass es besser werden wird, wie ich es lange geglaubt habe, ich glaube nicht mehr, dass sie mich lieben lernen wird, wie sie Dich liebte. Ich glaube nicht mehr an ein seliges Ende f&#252;r uns. Sie kann Dich nicht vergessen.</p>
<p>Sie kann das Requiem nicht vergessen, das Du ihr versprochen hast. Das Requiem, das sie sich von Dir zum Geburtstag w&#252;nschte, das Du ihr komponiertest und ihr dann doch nicht gabst, weil es inzwischen vorbei war zwischen euch. Manchmal sitzt sie nur still vor dem Klavier, mit leerem Blick, die H&#228;nde im Scho&#223; und denkt an die Schublade, in der ihr Requiem vielleicht liegt oder sie denkt an die Flammen, die ihr Requiem vielleicht verbrannt haben. Und sie denkt sich aus, wie es klingen k&#246;nnte. Sie wei&#223; nur, dass es mit einem Trompetensolo beginnen sollte, wir wissen warum, denn das war schon das Zeichen f&#252;r euer Ende, ein Widerhaken in ihrem Fleisch, ein Widerhaken in Deinem.</p>
<p>Ich war dabei, als es passierte, es war nach einer Feier des Trompeters, zu der auch Du kommen wolltest. Du schienst vielbesch&#228;ftigt zu dieser Zeit, manchmal wolltest Du sie nicht sehen oder konntest es nicht, niemand von uns wusste genaueres. Du hattest versprochen zu kommen und ich wei&#223;, dass sie sich schon freute, Dich dort zu sehen, aber dann kamst Du nicht. Daf&#252;r blieben wir um so l&#228;nger, ich schlief auf dem Boden und sie im Hochbett des Trompeters. Sie war entt&#228;uscht und betrunken, ich glaube nicht, dass sie nachdachte, sie wollte nur nach oben, ins Hochbett, und es war ihr egal, dass er ebenfalls hinaufstieg. Und ich schlief ein, zwei Meter unter ihnen.</p>
<p>Du kannst mir keinen Vorwurf machen, ich h&#228;tte es nicht verhindern k&#246;nnen, auch wenn ich Dein Freund war, so wie der Trompeter Dein Freund war. Das einzig R&#228;tselhafte war, dass sie es Dir nicht einfach gestand, dass sie den Trompeter im Rausch gek&#252;sst hatte und zu Dir zur&#252;ckkehrte, Du h&#228;ttest ihr doch verziehen. Sp&#228;ter erkl&#228;rte sie mir, dass sie dem Anschein der Inkonsequenz aus dem Weg hatte gehen, sich ihre Wankelm&#252;tigkeit nicht hatte eingestehen wollen, zu dem Versprechen zu stehen versuchte, das sie dem Trompeter mit ihren K&#252;ssen gegeben zu haben glaubte. Sie wollte ihm nicht weh tun, sie mochte ihn. Aber sie liebte Dich.</p>
<p>Und deshalb kam sie dann doch zur&#252;ck zu Dir: eine Trompete k&#246;nne immer nur eine Melodie spielen, hat sie mir sp&#228;ter gesagt, w&#228;hrend die Orgel doch meist drei- oder vierstimmig sei und wenn n&#246;tig k&#246;nnten sogar allein die F&#252;&#223;e vierstimmig spielen. Sie sagte es, als sei das eine Erkl&#228;rung f&#252;r ihr Verhalten. Du hast sie noch einmal zur&#252;ckgenommen, nach Wochen, aber der Bruch zwischen euch wollte nicht mehr heilen und die Ank&#252;ndigung des Trompetensolos am Beginn ihres Requiems war nur eine der Gemeinheiten, nur eine der vielen kleinen Qu&#228;lereien, die Du ihr zuf&#252;gtest.</p>
<p>Sie sagt, sie habe das Gef&#252;hl, Dich get&#246;tet zu haben in dem Moment, in dem sie Dich dann endg&#252;ltig verlassen habe. Weil Du daraufhin v&#246;llig aus ihrem Leben verschwunden seist, pl&#246;tzlich, nichts mehr mit ihr zu tun haben wolltest, nichts, ihr das Requiem verweigertest. Du gabst ihr nur ein kurzes St&#252;ck zum Abschied, das sie nicht spielen wollte, denn es war &#252;berschrieben mit: <em>Kaltes Lebewohl</em>.</p>
<p>Ich blieb der Freund an ihrer Seite und begann von diesem Moment an zu warten, bis ich etwas anderes f&#252;r sie w&#252;rde sein k&#246;nnen, bis sie mich erh&#246;rte, sich meiner erbarmte. Ich h&#246;rte mir geduldig wie ein Lamm an, was Du ihr immer noch und immer noch bedeutetest, wie sie ihre Loblieder sang und tausend Mal Hosanna. Und dass sie nicht vergessen konnte, wie sie zum ersten Mal bei Dir war und danach die Decke noch mit schamrotem Gesicht bis &#252;ber ihre nackten Br&#252;ste zog und wie Du ihr Erdbeereis brachtest, dann. Sie kauft oft Erdbeereis und ich erfuhr mehr, als ich wissen wollte, ich wei&#223; mehr, als ich wissen sollte. Ich habe keine kleine, nein, eine gro&#223;e Zeit lang M&#252;he gehabt, mit ihr und ich finde keinen Trost. Mein Leben hatte ein Ziel, ihre Liebe, aber ich kann sie nicht erlangen. Jetzt wei&#223; ich: sie kann nicht hinwegkommen &#252;ber Deine Erdbeerk&#252;sse.</p>
<p>Stundenlang h&#246;rt sie manchmal das Mozart- oder Brahms-Requiem, als k&#246;nne sie daraus erahnen, wie Deines klingen k&#246;nnte. Stundenlang h&#246;rt sie die Orgelst&#252;cke aus <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Schlafes_Bruder_%28Film%29" target="_blank" title="Wiki"><em>Schlafes Bruder</em></a>, denn Du hattest ihr versprochen, die St&#252;cke zu &#252;ben, um sie ihr vorzuspielen. Immer wieder h&#246;rt sie die rasende Toccata <em>Tu es petra</em> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Henri_Mulet" target="_blank" title="Wiki">Henri Mulet</a> und denkt dabei an den Moment, in dem ein Schmetterling durchs herbstliche Kirchenschiff segelte, wie getragen vom Atem der Orgel, w&#228;hrend Du dieses St&#252;ck spieltest. Wenn sie eine Orgel h&#246;rt, dann denkt sie immer nur an Dich und manchmal weint sie einen Tag der Tr&#228;nen lang um Dich, immer noch.</p>
<p>Sie &#246;ffnet die T&#252;r nicht, ich sitze wartend in der K&#252;che, unter dem ewigen Licht der Leuchtstoffr&#246;hre und sie spielt immer wieder dieses St&#252;ck, das von Dir sein muss, es ist Dein Stil, aber ich kenne es noch nicht. Es kann nur das <em>Kalte Lebewohl</em> sein, aber es klingt nicht so. Es klingt sanft, z&#228;rtlich, liebevoll und warm, sie h&#246;rt nicht auf, es immer wieder zu spielen. Ich wei&#223; nicht, was ich jetzt tun soll. Ich ertrage dieses St&#252;ck nicht, das sie zum ersten Mal spielt, in das sie versinkt, in dem sie aufgeht wie in ihrer Liebe zu Dir, ich w&#252;nschte sie h&#228;tte es nie gespielt, wie sie es zwei Jahre lang niemals spielte, in einer Schublade verbarg, den Titel scheuend.</p>
<p>Was soll ich tun? In manchen Momenten des Zorns dachte ich, sie zu verlassen w&#228;re zu wenig, w&#252;rde meine Dem&#252;tigung nicht wieder gut machen, ich wollte warten auf einen Tag der Rache, wollte kein Lamm sein, mich nicht zur Opferbank f&#252;hren lassen. Doch ich liebe sie immer noch. Wer rettet mich vor dem Rachen des L&#246;wen? Wer erbarmt sich meiner? Ich trage Leid, ich trage Traurigkeit, aber wes soll ich mich tr&#246;sten? Ich werde gehen m&#252;ssen.</p>
<p>Nimm sie zur&#252;ck, sie wird immer Dir geh&#246;ren, ob Du willst oder nicht. Nimm sie zur&#252;ck und gib ihr ihr Requiem, spiel ihr <em>Schlafes Bruder</em> vor, lass die Orgel atmen, lass die Kirchenb&#228;nke vibrieren von ihrem gewaltigen Klang und lass Schmetterlinge fliegen f&#252;r sie. Gib ihr Erdbeerk&#252;sse und nimm sie zur&#252;ck, sie geh&#246;rt Dir, sie wird Dich nie vergessen. Ich will sie nicht mehr, ich gebe auf, ich werde gehen, <em>requiem aeternam dona nobis</em>.</p>
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		<title>Altern</title>
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		<pubDate>Fri, 07 Mar 2008 09:06:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Liebliches]]></category>
		<category><![CDATA[Prosaisches]]></category>
		<category><![CDATA[Schmerzliches]]></category>

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		<description><![CDATA[„Der ist doch viel zu jung f&#252;r Dich!“, sagten sie und ich verstand es nicht, verstand nicht das ‚zu‘ im Satz und nicht die Emp&#246;rung in ihren Stimmen. Laut in den Stimmen meiner Freundinnen, leiser in denen meiner Kollegen und &#252;berdeutlich in der Stimme meiner Mutter. Ja, er ist jung, Mitte zwanzig. Aber wieso ‚zu [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>„Der ist doch viel zu jung f&#252;r Dich!“, sagten sie und ich verstand es nicht, verstand nicht das ‚zu‘ im Satz und nicht die Emp&#246;rung in ihren Stimmen. Laut in den Stimmen meiner Freundinnen, leiser in denen meiner Kollegen und &#252;berdeutlich in der Stimme meiner Mutter. Ja, er ist jung, Mitte zwanzig. Aber wieso ‚zu jung‘ oder gar ‚viel zu jung‘, wer bestimmt dar&#252;ber, wer setzt dieses Ma&#223;? Und was zum Teufel hat das mit mir zu tun, selbst wenn ich um so viele Jahre &#228;lter bin? Er ist jung und das ist er ohne mich und mit mir, nichts au&#223;er den verstreichenden Jahren kann daran etwas &#228;ndern, ich mache ihn weder j&#252;nger noch &#228;lter, nichts &#228;ndert sein Zusammensein mit mir an seiner Jugend. Warum also immer wieder dieser Vorwurf an mich?</p>
<p>Er gefiel mir und mir schmeichelte, dass er sich f&#252;r mich interessierte, mir schmeichelte, dass er mich umwarb und k&#252;sste und begehrte, der mein Sohn h&#228;tte sein k&#246;nnen. Wie man so sch&#246;n sagt. Wie ich oft sagen h&#246;rte. Ich zweifelte, aber sein immer steif werdendes Geschlecht, sobald er seinen K&#246;rper an meinen presste, war ein Argument f&#252;r sich. Eines der sch&#246;nsten Komplimente f&#252;r eine alternde Frau, eine Frau, die mehr f&#252;rchtet zu altern, als sie tats&#228;chlich altert, ein Kompliment, das mich verj&#252;ngte und nach dem ich s&#252;chtig wurde, das ich immer wieder haben wollte.</p>
<p>Und er? Ich habe ihn nie gefragt, was er an mir als &#228;lterer Frau sch&#228;tzte und ich habe immer geflissentlich vermieden, seiner Mutter zu begegnen. Er wollte lernen. Mehr war es anfangs nicht, erst dann verliebten wir uns.</p>
<p>Was es dann wurde? Eine ganz normale Beziehung, ohne ‚alt‘ und ohne ‚jung‘ und vor allem ohne ‚zu‘, zumindest wenn wir unter uns blieben. Eine sch&#246;ne Beziehung, eine frische, junge, immer wieder &#252;berraschende Beziehung, etwas Aufregendes, eine liebevolle, z&#228;rtliche Beziehung. Erst dann begann, was wohl in jeder Liebesgeschichte irgendwann beginnt, weil eine jede altert mit der Zeit.</p>
<p>Ich schien mich abzunutzen wie eine Gegenstand, den man t&#228;glich ber&#252;hrt, Gew&#246;hnung setzte ein. Mein K&#246;rper schien sich abzunutzen von Tag zu Tag und die Nacktheit meines K&#246;rpers erregte nicht mehr. Mein nackter K&#246;rper ruhte immer &#246;fter neben seinem, ohne dass er reagierte, immer &#246;fter umarmte er mich, ohne dass sein Geschlecht aufstand und gegen meine Pobacken dr&#252;ckte.</p>
<p>Ich hatte geglaubt, er w&#252;rde mein Altern nicht mehr bemerken, denn er hatte mich ja schon &#228;lter kennengelernt, nicht mehr frisch und glatt und prall wie ein junges M&#228;dchen. Ich dachte, er w&#252;rde sich nicht an meiner Orangenhaut und meiner erschlaffenden Bauchdecke st&#246;ren, wenn sie von Anfang an zu mir geh&#246;rten. Aber ich altere weiter, unaufhaltsam, das Erschlaffen schreitet fort und ich glaube, er bemerkt es doch. Er sagt nichts, aber ich sp&#252;re seine Blicke auf meiner weichen Haut, schr&#228;g und stumm und brennend in jeder meiner Falten. Oder bilde ich sie mir nur ein? Ist es nur, dass ich an nichts anderes mehr denken kann und deshalb Blicke sp&#252;re, die es nicht gibt?</p>
<p>Vielleicht ist es doch nur das Altern unserer Beziehung und nicht meines, das zu dieser Abnutzung und Gleichg&#252;ltigkeit f&#252;hrt. Mein K&#246;rper ist abgegriffen von seinen Ber&#252;hrungen, er ist abgek&#252;sst von seinen Lippen und die Wiederholungen werden seltener, er versagt mir seine Komplimente. Und nichts ist schmerzlicher als seine Lippen, die sich den meinen entziehen, mich nicht mehr k&#252;ssen m&#246;gen, nichts ist dem&#252;tigender als sein weiches Geschlecht, das mich nicht mehr will.</p>
<p>Ich liege neben ihm, dem jungen Mann, den alle f&#252;r ‚zu jung‘ f&#252;r mich halten und weine, wenn er eingeschlafen ist. Ich weine &#252;ber das Ausbleiben seiner Ber&#252;hrungen, das Erschlaffen meiner Haut, ich weine &#252;ber die St&#228;rke seiner Begierde, die vorbei ist, ich weine dar&#252;ber, dass ich mich jetzt erst wirklich alt f&#252;hle, neben ihm, der mich einst verj&#252;ngt hatte und der sich nun meinem abgenutzten K&#246;rper verweigert. Und doch liebe ich ihn, kann ihn nicht verlassen, muss mich t&#228;glich dieser Dem&#252;tigung aussetzen und f&#252;rchte, dass er irgendwann gehen wird.</p>
<p>Nur manchmal, in guten Momenten, l&#228;chle ich und sage zu mir: Eigentor! Du wolltest begehrt werden von einem Jungen, Dich durch ihn verj&#252;ngen und schl&#228;fst jetzt unbegehrt neben einem, der Dir Dein Altern erst vor Augen f&#252;hrt. Selbst Schuld, denke ich dann, Du h&#228;ttest h&#246;ren sollen auf die Entr&#252;stung in den Stimmen Deiner Freundinnen, Kollegen, Deiner Mutter, nur einmal, Du h&#228;ttest Dich nicht verlieben, nicht s&#252;chtig werden d&#252;rfen und Du h&#228;ttest es wissen m&#252;ssen, dass auch Beziehungen altern, nicht nur Du, m&#252;der werden und schlaffer und sich abnutzen und dass nichts hilft dagegen.</p>
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		<title>Aim&#233;e</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jan 2008 09:04:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Französisches]]></category>
		<category><![CDATA[Liebliches]]></category>
		<category><![CDATA[Lyrisches]]></category>
		<category><![CDATA[Prosaisches]]></category>

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		<description><![CDATA[ihr Name: Aim&#233;e, so musste man sich zu ihr stellen, Geliebte, S&#252;&#223;e, im Dorf in S&#252;dfrankreich zur Weinerntezeit, Villerouge, ich achtzehn und sie drei&#223;ig, alt damals, f&#252;r mich, reif, Herbst, dunkelbraunes, gewelltes Haare, f&#228;llt auf ihre Schultern, braune Augen, schlanke Gr&#246;&#223;e und sch&#246;n, so sch&#246;n, Gesicht, strahlend, Strahleblick, ihre Augen, leuchtend, sehr dunkel und so [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>ihr Name: Aim&#233;e, so musste man sich zu ihr stellen, Geliebte, S&#252;&#223;e, im Dorf in S&#252;dfrankreich zur <a href="http://www.sprachspielerin.de/2007/09/05/weinernte/" target="_blank" title="Sprachspielerin">Weinernte</a>zeit, Villerouge, ich achtzehn und sie drei&#223;ig, alt damals, f&#252;r mich, reif, Herbst, dunkelbraunes, gewelltes Haare, f&#228;llt auf ihre Schultern, braune Augen, schlanke Gr&#246;&#223;e und sch&#246;n, so sch&#246;n, Gesicht, strahlend, Strahleblick, ihre Augen, leuchtend, sehr dunkel und so gro&#223;, tief, Mund, wie reife Trauben, prall, saftig, diese Lippen, voll und weich, zartrot, ganz glatt, Kussmund, Herzmund, herbstlich-reif, Lippen zum niemals wieder vergessen, zum sich auf ihnen vergessen, ein L&#228;cheln zum Niederknien, Niedersinken, vor ihr, sogleich verliebt, in sie, ein K&#252;ssenwollen, sofort, als wir uns erstmals trafen, trotz der Gedanken an Aim&#233;es verr&#252;ckten Vater, fr&#252;her, bei meinen Gro&#223;elternbesuchen, als kleines M&#228;dchen, kindliche Furcht vor ihm, Verr&#252;ckter, fou-fou, der Vater, durch die Gassen schleichend, traurig gekr&#252;mmt, sinnloses Stammeln, Hundebellen, sein Zischen, immer Hunde um ihn, struppiges Fell, verdreckt, r&#228;udig, Augen blutunterlaufen, Zungen h&#228;ngend, Z&#228;hne gefletscht, sein Rufen, den Hunden zu, sein wahnsinniger Blick, bedrohlich, mein Verschwindenwollen in der H&#228;userwand, drehte mich um, ganz langsam, und dann weglaufen, wegrennen, nur fort, fort von ihm, der Frau und zwei Kinder verlor, beim Unfall sa&#223; er am Steuer, &#252;briggeblieben: Aim&#233;e und ein Bruder, Dorfgetuschel, der sei schwul, auch von ihr wissen es alle, hatte es selbst schon fl&#252;stern h&#246;ren, &#252;ber Zusammenh&#228;nge mit dem Ungl&#252;ck r&#228;tselnd, b&#246;se Zungen, Aim&#233;e war in die Stadt geflohen, vor dem Raunen, dann, viel sp&#228;ter, zur Weinerntezeit in Villerouge, nach dem Aufstehen vor Sonnenaufgang, Eindringen erster Schr&#228;gstrahlen in den dunklen Himmel, Morgenk&#252;hle in den Gliedern, Fr&#246;steln, zu acht im Laderaum des umgebauten Lastwagens, auf harten Holzb&#228;nken, ihr Namennennen und der sofortige Gedanke: die Lesbe und wollte mich ohrfeigen daf&#252;r, Aim&#233;e mir gegen&#252;ber, Zuckermund im Halbdunkel, ihr L&#228;cheln strahlt, sie sieht mich so an, eng, unsere Knie ber&#252;hren sich beinahe, nur beinahe, kein Zusammensto&#223;, trotz Ruckeln des Wagens &#252;ber Feldwege, die Feuchte des Weinbergs am Morgen, Geruch nach nasser Erde und reifen Trauben, Farbpracht des Herbstlaubs, dann Hektik, Angst vor dem Falschmachen, vorm Langsamsein, Schnellerwerden des Arms, dessen Verl&#228;ngerung die Schere, der Schwei&#223; unter den Handschuhen, Schwererwerden des Eimers, immer wieder Leeren und weiter, nur manchmal, leise, ihr Blick in meinem Nacken, wie die Sonne, die erst hervorkriecht und trocknet, dann w&#228;rmt, dann sticht, dann brennt, wie der R&#252;cken zu stechen, die Beine zu brennen beginnen bei jedem B&#252;cken, so beginne ich zu brennen f&#252;r sie, aber kein Wortwechsel, mit ihr, Aim&#233;e, an den ersten Tagen, dann die Einladung zum Essen, von ihr, k&#252;mmert sich, denn meine Eltern sind nicht da, s&#252;&#223;e Luft an diesem Abend im Dorf, bei der R&#252;ckkehr vom Feld, s&#252;&#223;, blutig und tot, vom Wildschwein, das gro&#223; und dunkel in einer Gasse liegt, Jagdsaison, der Geruch macht die Luft schwingen, ein rotes klebrig-dickfl&#252;ssiges Rinnsal l&#228;uft das Str&#228;&#223;chen hinab, nur ein Blick von ihr, dann in meine Augen, ich sagte sofort Ja, Ja, Ratatouille, sie so m&#252;tterlich, reif, Rosmarinduft und Thymian, Tomatenso&#223;e dick und dunkel wie Wildschweinblut, dunkelrot wie reife Trauben, zum Nachtisch – mein erster Gedanke schon beim Eintreten – wir, wir, mehr Blicken als Essen, unsere Augen verschlingen sich gegenseitig, mit Blicken verschlingen wir unsere M&#252;nder, unsere M&#252;nder das Ratatouille, kauen, bei&#223;en und denken ans K&#252;ssen, Gier nach anderem, Hungrigerwerden statt satter, hungrig nach Ber&#252;hrungen, dann, ohne dass wir es bemerken, ein Kuss, uns an den H&#228;nden haltend, s&#252;&#223;e Frauenlippen auf meinen, wie reife Trauben, prall und weich, ein Zusammenstreben jeder unserer Fasern, hin zum Verwandten, Br&#252;ste auf Br&#252;sten, voll wie &#252;berreife Trauben, unvorstellbare Weichheit, Neugier auf Nie-Erfahrenes, Aim&#233;es Augen, Aim&#233;es Mund, Aim&#233;es L&#228;cheln, Aim&#233;e, neu, Geschmack nach Traubensaft, s&#252;&#223;, Haut an Haut, zart, weiter unten Geschmack nach Traubenmost, noch s&#252;&#223;er und vergorener, ihr Geruch in meiner Nase, neu, ihr Saft an meinem Mund, ihr Fl&#252;stern, wie sch&#246;n Du bist, sagt sie mir immer wieder, immer wieder, wie sch&#246;n ich bin, zwischen K&#252;ssen, Gl&#252;ck durchpulst mich, mein Blut vibriert in mir, beim Abschied, Dorfnacht und immer noch s&#252;&#223;er Geruch nach Wildschweinblut, dann fragt sie doch noch, in der T&#252;r: ob ich einen Freund h&#228;tte, ich sehe ihre Augen dunkler werden, es sind die wahnsinnigen Augen ihres Vaters, die mich anblicken, ich h&#246;re Hundebellen, will verschwinden in der H&#228;userwand vor Scham, nur ein Moment, bedrohlich, will wegrennen, ich rieche Wildschweinblut, dann der traurige Blick ihres verr&#252;ckten Vaters in ihrem, gebeugt, T&#252;renschlie&#223;en und k&#252;hle Tr&#228;nen auf meinen Wangen, drehe mich um, ganz langsam und kein Wortwechsel mehr, nur noch manchmal Aim&#233;es leiser Blick in meinem Nacken, weinerntend, kein Wiederber&#252;hren, kein Wiederk&#252;ssen, nie</p>
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		<title>Organon</title>
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		<pubDate>Sat, 15 Dec 2007 11:14:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Liebliches]]></category>
		<category><![CDATA[Musikalisches]]></category>
		<category><![CDATA[Prosaisches]]></category>
		<category><![CDATA[Schmerzliches]]></category>

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		<description><![CDATA[  
Es ist nicht leicht, zu denken, wenn die Orgel spielt. Es ist nicht einfach, nachzudenken, wenn die Orgel Dich bezaubert und bezirzt mit ihren L&#228;ufen, wenn sie Dich einwickelt mit ihrem s&#228;uselnd sanften Singen, wenn sie Dir Honig ums Maul schmiert, s&#252;&#223;, wenn sie Dich lockt und verf&#252;hrt mit ihrem Sirenengesang, sich einschmeichelt [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>  <!-- Story Content --></p>
<p>Es ist nicht leicht, zu denken, wenn die Orgel spielt. Es ist nicht einfach, nachzudenken, wenn die Orgel Dich bezaubert und bezirzt mit ihren L&#228;ufen, wenn sie Dich einwickelt mit ihrem s&#228;uselnd sanften Singen, wenn sie Dir Honig ums Maul schmiert, s&#252;&#223;, wenn sie Dich lockt und verf&#252;hrt mit ihrem Sirenengesang, sich einschmeichelt bei Dir mit bet&#246;rendem Klang. Es ist schwer, zu denken, wenn der Orgelklang anschwillt, die Orgel laut atmet, zu dr&#246;hnen beginnt und die Kirchenb&#228;nke zum Vibrieren bringt und Dein Herz gleich dazu. Es ist sehr schwer, zu denken, wenn die Orgel von dem Menschen gespielt wird, den Du liebst</p>
<p>Es ist nicht leicht, einen Menschen zu lieben, der glaubt, w&#228;hrend Du nie einen Glauben hattest. Manchmal sitzt Du bei ihm auf der Empore und beobachtest seine schlanken H&#228;nde, wie sie &#252;ber die Tasten wehen und die F&#252;&#223;e, die die Pedale treten und wie er laut und heftig ein Register zieht. Und Du denkst an seine fliegenden oder heftigen Finger auf Deiner Haut, aber wagst es nicht, Dich ihm zu n&#228;hern im Spiel. Du denkst daran, diesen Menschen, den Du liebst, dort auf der Orgelbank zu lieben, auf die Manuale gest&#252;tzt, eines Nachts, wenn drau&#223;en stiller Schnee f&#228;llt. Er hat die Schl&#252;ssel, doch er k&#252;sst Dich in der Kirche nicht einmal auf den Mund.</p>
<p>Es ist nicht einfach, seiner Musik zu lauschen, s&#252;&#223; und m&#228;chtig, unten im Kirchenraum, wenn der Boden unter Deinen Fu&#223;sohlen zu zittern beginnt und der Orgelklang Deine Sinne weckt, Deinen K&#246;rper mit G&#228;nsehaut &#252;berzieht und Du kannst Dich nicht einfach wehren gegen die Verf&#252;hrungskraft, die Bet&#228;ubungsmacht der Orgel. Denn die Orgel ist ein Werkzeug, wie der berauschende Weihrauch, wie die H&#246;he des gotischen Kirchenschiffs, wie das Gold am Altar und der schl&#228;frige Singsang der Pfarrer, die Orgel ist ein Werkzeug, um den Menschen das Opium des Glaubens zu verabreichen. Und dennoch kannst Du die Orgel nicht hassen.</p>
<p>Du sitzt dort unten auf der hintersten Holzbank, deren Lehne sich Dir in den R&#252;cken bohrt, Du frierst, weil sie diese Kirche nie heizen und alles in Dir str&#228;ubt sich gegen den Anblick des angenagelten Leichnams, &#252;bergro&#223; vor Dir am Kreuz, es ekelt Dich, es w&#252;rgt Dich, aber Du gehst nicht. Es ist schwer, den Menschen, den Du liebst, Orgel spielen, das Werkzeug bedienen zu h&#246;ren und trotzig sitzen zu bleiben, wenn der Pfarrer zum Aufstehn oder Niederknien aufruft. Es ist seltsam, die anderen Menschen vor Dir zu beobachten, die so gut wissen, was sie tun m&#252;ssen, was sie sagen m&#252;ssen, im Gottesdienst, die es einge&#252;bt haben von Kindheit an, nur Du nicht, und die Dir wie Marionetten erscheinen, von unbekannten Befehlen bewegt.</p>
<p>Du kannst an Nietzsche denken, an Feuerbach und Marx und dennoch &#252;bermannt Dich die Macht der Orgel, verscheucht jeden Gedanken, macht Dich zittern und beten zu dem Menschen, den Du liebst und der die Orgel spielt. Seinetwegen kommst Du in die Kirche, seinetwegen sitzt Du auf der kalten Bank, seinetwegen m&#246;chtest Du die H&#228;nde falten, nur seinetwegen w&#252;rdest Du niederknien. Manchmal neidest Du dem Menschen, den Du liebst, den Gott, den er hat, denn er gibt ihm Halt, den Du nie finden wirst. Und manchmal neidest Du seinem Gott ihn, denn er gibt seinem Gott Liebe, die er Dir vorenth&#228;lt und Du willst nicht teilen und Du willst frei sein vom Glauben.</p>
<p>Es ist noch Jahre sp&#228;ter schwer, wenn Du das Orgelspiel eines anderen h&#246;ren m&#246;chtest, in der Kirche zu sitzen und dem Atem der Orgel zu lauschen, wie er durchs Kirschenschiff weht, wenn der letzte Ton verhallt ist und nicht zu weinen. Zu schwer war es, jemanden zu lieben, der glaubt, w&#228;hrend Du nie einen Glauben hattest.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p align="justify">Zuerst erschienen in <a title="mindestenshaltbar" target="_blank" href="http://www.mindestenshaltbar.net/">mindestenshaltbar</a>: <a href="http://www.mindestenshaltbar.net/0312/stories/2146/main" target="_blank" title="mindestenshaltbar"><em>Organon</em></a>, dort gibt es die Geschichte auch als <a href="http://www.mindestenshaltbar.net/static/podcast/files/nicht_leicht.mp3" target="_blank" title="mindestenshaltbar">Podcast</a>, gelesen von Lisa-Maria Jank.</p>
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		<title>Bettgeschichten</title>
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		<pubDate>Sat, 08 Dec 2007 10:58:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Französisches]]></category>
		<category><![CDATA[Liebliches]]></category>
		<category><![CDATA[Prosaisches]]></category>

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		<description><![CDATA[Sie liegt r&#252;cklings auf mir und st&#246;hnt. Ich sp&#252;re ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsfl&#252;gelchen wegen des Sonnenbrands absch&#228;lt, sp&#252;re das lange, &#252;ber mich hingebreitete, gelockte Haar und die Kuhle ihres R&#252;ckgrats, die rauhe Hornhaut an ihren F&#252;&#223;en, die sich in mich stemmen, ich sp&#252;re die Rundung ihres kleinen Hinterns schwer auf [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>
Sie liegt r&#252;cklings auf mir und st&#246;hnt. Ich sp&#252;re ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsfl&#252;gelchen wegen des Sonnenbrands absch&#228;lt, sp&#252;re das lange, &#252;ber mich hingebreitete, gelockte Haar und die Kuhle ihres R&#252;ckgrats, die rauhe Hornhaut an ihren F&#252;&#223;en, die sich in mich stemmen, ich sp&#252;re die Rundung ihres kleinen Hinterns schwer auf mich dr&#252;cken. Ihr Unterleib bewegt sich immer schneller auf mir und pl&#246;tzlich flucht sie: „Diese Schei&#223;matratze, es quietscht bei jeder Bewegung, das macht mehr L&#228;rm als ich!“ Dann lacht sie auch noch. Ich aber finde das nicht komisch.</p>
<p>Ich bin eine franz&#246;sische Federkern-Matratze, zehn Zentimeter dick, zwei Meter lang und einen Meter zwanzig breit, breit genug f&#252;r zwei, die sich lieben oder besser: frisch verliebt haben. Seit f&#252;nfzig Jahren bin ich in diesem Hotelzimmer, ich habe Qualit&#228;t. Ich muss mich jetzt beschimpfen lassen? Das Quietschen der Federn spricht nur f&#252;r mich, es zeichnet mich aus als treu und ergeben. Ich stehe stets zur Verf&#252;gung, wenn jemand mich braucht, ich scheue keine Beschwerlichkeiten. Ich bin eine leidenschaftliche Matratze, ich k&#246;nnte die Menschen hassen, aber ich liebe sie, sie sind alles, was ich habe. Ich liebe die, die auf mir leben, ich will sie f&#252;hlen und h&#246;ren, ich mag es, wenn sie mich benutzen und beschmutzen, das ist mein Zweck. Ich liebe die Trag&#246;dien, die auf mir vonstatten gehen, ich liebe Ehebr&#252;che und Entjungferungen, ich liebe das erste Mal und das letzte Mal, auch nach der Trennung, ich liebe den Schlaf, den bewegungslos ersch&#246;pften und den unruhigen, das Wachliegen und Hin-und-Her-W&#228;lzen und ich liebe das Gl&#252;ck, das sich auf mir vollzieht, immer wieder.</p>
<p>Ich bin impr&#228;gniert von Schwei&#223; und Blut, besudelt von Sperma und s&#252;&#223;-saurer Frauenfl&#252;ssigkeit, mit Speichel und Tr&#228;nen und mit Urin und Rotwein und Kaffee, beschmutzt von den Menschen, die sich auf mir ausruhten, am&#252;sierten, st&#228;rkten, betranken, rauchten, feierten oder trauerten. All das ist tief in mich eingedrungen. Mein blaues Blumenmuster ist verblasst, ich bin befleckt in unz&#228;hligen Farben, von verglimmenden Kippen durchl&#246;chert, von Fingern&#228;geln spr&#246;dgerissen, selbst gebissen wurde ich ab und an, aber auch gek&#252;sst vor Erwartung und vor Sehnsucht im Ungl&#252;ck.</p>
<p>Das Leben hat Spuren hinterlassen auf mir, ich bin nicht mehr makellos und nicht mehr sch&#246;n anzuschauen und die d&#252;nnen Leint&#252;cher haben meine Fehler nur unzureichend bedeckt. Deshalb haben sie mir eines Tages einen &#220;berzug verpasst, der die Befleckungen verstecken soll, mich auf allen Seiten fest umschlie&#223;t und sich nach Plastik anf&#252;hlt. Ich erinnere mich an das Ruckeln des Rei&#223;verschlusses, es wurde immer enger und beengender und jedes Ger&#228;usch leiser. Wenn niemand im Zimmer ist, dann bin ich jetzt tats&#228;chlich ganz alleine und langweile mich, ferne Ger&#228;usche dringen nicht mehr zu mir. Seitdem sie mich verpackten, schwitze ich, wenn die Sonne auf mich scheint, so wie heute. Ich sp&#252;re nicht mehr jeden sanften Windhauch, nur noch den Herbststurm, wenn jemand das Fenster ge&#246;ffnet l&#228;sst. Der Vogelsang, das Rufen der Schwalben und Gurren der Tauben, das liebestrunkene Vibrieren der Luft und die Akkordeonkl&#228;nge der Stra&#223;e dringen kaum noch zu mir. Die Gespr&#228;che der Menschen muss ich erraten, wenn sie nicht direkt an mich, in mich sprechen, auf mir ruhend.</p>
<p>Das Zimmer, mein Zimmer ist klein, sehr klein, ich an Stelle der Menschen w&#252;rde mich beschweren, aber die meisten, die hierher kommen, sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, wie das geht, nicht auf die Idee verfallen, es sei &#252;berhaupt m&#246;glich. Das macht sie angenehm. Oft ist es ihre erste Reise, ihre erste fremde Stadt gemeinsam mit ihrem Geliebten. Das Zimmer ist so eng, dass die Besucher nicht wissen, wo sie ihre Koffer abstellen, nicht wissen, wo sie &#252;berhaupt stehen sollen, man kann nicht einen Bogen schlagen um mich, man f&#228;llt geradezu auf mich, sobald man eintritt.</p>
<p>Ich mag das. Dann sp&#252;re ich ihre K&#246;rper, dann kann ich ihren Gespr&#228;chen lauschen, wenn sie mir nah sind, auf mir liegen, dann genie&#223;e ich. Vielen G&#228;sten gef&#228;llt das auch und ich wundere mich dennoch ein wenig, wie oft sie wiederkehren im Laufe des Tages, wie kurz ihre Ausfl&#252;ge sind, wie wenig Zeit sie in den Stra&#223;en dieser sogenannten Stadt der Liebe verbringen und statt dessen auf mir: mit Liebe. Gerade die Unumg&#228;nglichkeit des Niederfallens auf mich, die Unm&#246;glichkeit eines anderen Tuns in diesem Zimmer scheint verlockend zu wirken. Das erfreut mich, jedes Mal.</p>
<p>Auch das junge Paar, das erst gestern hier angekommen ist, f&#252;r das es noch viel zu entdecken g&#228;be dort drau&#223;en, auch sie sind heute bereits zum vierten Mal hier. Heute morgen leise, im Halbschlaf, mehr ein Schieben als Bewegen, heute Mittag nach dem mit K&#228;se belegten Baguette, dessen Kr&#252;mel auf mich niederregneten, nach dem Rotwein, laut und lachend, heute Nachmittag z&#228;rtlich und schl&#228;frig vor einer kurzen Siesta und jetzt nur sie allein auf mir, das Becken kreisend, w&#228;hrend er danebensteht.</p>
<p>„So geht das nicht!“, sagt sie. „Ach so, Du vertraust mir also nicht!“, er l&#228;sst sich neben ihr auf mich fallen, auch er jung, schlank, sein K&#246;rper fester als ihrer, sein kurzes Haar kitzelt mich. Er meint es nicht ernst, er ist sich ihrer so gewiss. „Doch,“ lacht sie, „ich vertraue nur der Matratze nicht.“ Ich will emp&#246;rt sein, bin aber schon viel zu besch&#228;ftigt mit dem Gerangel, das da entsteht, dem Armgewirr und Beinverknoten, dem lauten, schmatzenden K&#252;ssen und leisen Kichern, seinem neckenden Prusten auf ihrem Bauch, ihren flink-kitzelnden H&#228;nden an seinen Rippen. Dann wird es ruhiger, aber die Verknotungen lockern sich nicht.</p>
<p>Ihre Unterhaltung gleicht jetzt einem Gurren, er spricht mit den Lippen nah an ihrem Hals und sie lacht leise und hell, ihr Glucksen bringt mich zum Beben. „Du, Du,“ fl&#252;stert er und sein Mund wandert, er haucht es ihr in die Haut, „Du, Du&#8230;“ wiederholt er immer wieder &#252;berall in ihren K&#246;rper. Ihr Leib vibriert auf mir, aber nicht mehr vor Lachen. „Duuuuu&#8230;“, raunt er lange in ihren Scho&#223;. Wie gl&#252;cklich die beiden sind. Doch dann steht er ganz pl&#246;tzlich auf. „Was tust Du“, sagt sie kichernd, „Du brauchst nicht vor mir niederzuknien, ich bin eine emanzipierte Frau!“, reicht ihm ihre Hand hinunter und zieht ihn wieder auf mich. Sie sitzt jetzt und dann sp&#252;re ich, wie seine Knie sich ihr gegen&#252;ber in mich bohren, die beiden scheinen sich an den H&#228;nden zu halten. Und es wird ganz still.</p>
<p>„F&#252;r immer?“ Er schluckt an seinem Speichel. Ein Zittern l&#228;uft durch mich, als sie „Ja“ wispert. Ich w&#252;rde weinen, wenn ich k&#246;nnte. Die in mir bewahrte Feuchtigkeit sammelt sich als Kondenswasser an meiner Plastikh&#252;lle und ich erwarte ein Erdbeben.</p>
<p>Das Beben wird lang, sanft und f&#252;r die Ewigkeit, ich h&#246;re ihre M&#252;nder unaufh&#246;rlich aufeinander ruhen, ihre jungen K&#246;rper lasten auf mir wie ein einziger und einige Tropfen fallen auf mich. Dann h&#246;re ich die junge Frau telefonieren, mit der Rezeption. Was ich kosten w&#252;rde, fragt sie, ob sie mich mitnehmen kann, nach Hause. Vollkommenes Gl&#252;ck.</p>
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		<title>Herbstschmerz II</title>
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		<pubDate>Mon, 26 Nov 2007 17:09:22 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Herbstliches]]></category>
		<category><![CDATA[Prosaisches]]></category>
		<category><![CDATA[Schmerzliches]]></category>

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		<description><![CDATA[Alban Nikolai Herbst war so freundlich, meinen Text Herbstschmerz; s&#252;&#223;, der in der Novemberausgabe von mindestenshaltbar erschienen ist, einem &#8216;kleinen Lektorat&#8217; zu unterziehen. Also habe ich die Perspektive deutlicher gemacht, gek&#252;rzt und umgeschrieben, hier ist die verbesserte Version:

Hingebreitet &#252;ber den Fluss liegt die Br&#252;cke, aus dem Vogelblick, von weit oben, wirkt sie wie ein graues [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p><a title="ANH" target="_blank" href="http://albannikolaiherbst.twoday.net/">Alban Nikolai Herbst</a> war so freundlich, meinen Text <em><a title="mindestenshaltbar" target="_blank" href="http://www.mindestenshaltbar.net/0311/stories/2087/main">Herbstschmerz</a><a title="Sprachspielerin" target="_blank" href="http://www.sprachspielerin.de/2007/11/11/herbstschmerz/">; s&#252;&#223;</a></em>, der in der Novemberausgabe von <a title="mindestenshaltbar" target="_blank" href="http://www.mindestenshaltbar.net/">mindestenshaltbar</a> erschienen ist, einem &#8216;kleinen Lektorat&#8217; zu unterziehen. Also habe ich die Perspektive deutlicher gemacht, gek&#252;rzt und umgeschrieben, hier ist die verbesserte Version:</p>
<hr width="100%" size="2" />
<p>Hingebreitet &#252;ber den Fluss liegt die Br&#252;cke, aus dem Vogelblick, von weit oben, wirkt sie wie ein graues Betonband &#252;ber der Str&#246;mung, die nicht so rei&#223;end ist, wie der Name des Flusses verhei&#223;t. Der Br&#252;ckenbogen &#252;berw&#246;lbt das Gr&#252;ngrau des sich voranschiebenden Wassers, an den Wellenbruchstellen wei&#223; bekr&#246;nt, und die vergilbte Wiese daneben, von braunen Trampelpfaden durchzogen, von rostigen B&#228;umen bestanden, ein farbiges Aufbegehren vor dem Winterschlaf; dar&#252;ber h&#228;ngt, im herbstlichen Schr&#228;glicht, das tiefe Dunkelblau des sp&#228;tnachmitt&#228;glichen Herbsthimmels.</p>
<p>Sich von oben n&#228;hernd wird langsam die unstete Lebendigkeit der Br&#252;cke sichtbar, das unaufh&#246;rliche Hin- und Widerflie&#223;en der Busse, Autos und dr&#228;ngelnden Mopeds, die dar&#252;berhin eilenden Fahrradfahrer, Fu&#223;g&#228;nger mit und ohne Kinderw&#228;gen, mit und ohne trottenden Hund. Noch weiter vorr&#252;ckend werden Ger&#228;usche h&#246;rbar, ein Motorenl&#228;rmen und Kinderrufen, ein Geschw&#228;tz und Fahrradglockengel&#228;ut, Musikfetzen aus einem Autoradio, ein Hundebellen und Menschenlachen, Menschenstimmen, Menschenk&#252;ssen; das Rauschen von Fluss und Herbstlaub &#252;bert&#246;nend.</p>
<p>Und in der Mitte der Br&#252;cke, an den Beton des Br&#252;ckengel&#228;nders gelehnt, steht sie, direkt &#252;ber dem Wasser und blickt starr darauf; ihr Haar f&#228;llt rostrot wie Herbstbl&#228;tter auf ihre Schultern, vom Herbstwind bewegt, sanft. Sie sieht konzentriert auf den Fluss, dr&#228;ngt sich an die W&#228;rme des von der tiefstehenden Sonne aufgeheizten Gel&#228;nders, aber niemand zupft sie am &#196;rmel, niemand spricht sie an.</p>
<p>Ihr Blick sieht nicht den Fluss und die Farbpracht der Herbstsch&#246;nheit und ihr Ohr h&#246;rt nicht die Menschen, h&#246;rt nichts inmitten des L&#228;rms; in ihrem Kopf ist es dunkel, leer und still. Darin, in ihren Gedanken, ist kein Schrei der Verzweiflung, es ist leiser, sanfter und best&#228;ndiger; ein Winseln und Wispern der Sehnsucht. Es ist kein stechender Schmerz, es ist ein s&#252;&#223;liches, z&#228;hfl&#252;ssiges Flie&#223;en einer nie versiegenden Quelle der s&#252;&#223;en Qual. Und sie fl&#252;stert, beinahe lautlos, nur ihre Lippen formen die Worte:</p>
<p>Mein Herz blutet Dir nach. Mein Herz ist klein und mager und wei&#223; nicht, wem es geh&#246;rt. Mein Herz &#228;ngstigt sich, es zittert. Mein magres Herz liegt in Deiner Hand, die es presst und auswringt und bluten macht. Du bist die Stimme, Du bist der Atem und der Tod.</p>
<p>Ihre Lippen schlie&#223;en sich, ihre H&#228;nde lassen das von der Herbstsonne erw&#228;rmte Gel&#228;nder los, ihr K&#246;rper l&#246;st sich und sie geht davon. Von oben sieht man den Herbstwind ihr rostrotes Haar bewegen, sieht vergilbte Bl&#228;tter fallen und den Fluss sich unter der dar&#252;ber gebreiteten Br&#252;cke voranschieben. Ein Vogel durchstreift in den Schr&#228;gstrahlen des Herbstlichts den tiefblauen Abendhimmel. </p>
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		<title>Stil&#252;bung</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Nov 2007 16:24:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sprachspielerin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Prosa]]></category>
		<category><![CDATA[Französisches]]></category>
		<category><![CDATA[Lustiges]]></category>
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		<description><![CDATA[Der Turmsegler hat angesichts seiner Wiederentdeckung der Stil&#252;bungen von Raymond Queneau zum Mitmachen aufgefordert, nach folgenden d&#252;rren Geschehnissen eine Variante zu schreiben:
Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als h&#228;tte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage [...]


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			<content:encoded><![CDATA[<p>Der <a title="Turmsegler" target="_blank" href="http://turmsegler.net/">Turmsegler</a> hat angesichts seiner <a title="Turmsegler" target="_blank" href="http://turmsegler.net/20071114/stiluebungen/">Wiederentdeckung</a> der <a href="http://www.amazon.de/gp/product/3518224190?ie=UTF8&amp;tag=diesprach-21&amp;link_code=as3&amp;camp=2514&amp;creative=9386&amp;creativeASIN=3518224190" target="_blank" title="Amazon"><em>Stil&#252;bungen</em></a> von <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Raymond_Queneau" target="_blank" title="Wiki">Raymond Queneau</a> zum Mitmachen <a title="Turmsegler" target="_blank" href="http://turmsegler.net/20071114/termin-am-mittag/">aufgefordert</a>, nach folgenden d&#252;rren Geschehnissen eine Variante zu schreiben:</p>
<blockquote><p>Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als h&#228;tte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende Kerl ist &#252;ber seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedesmal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der b&#246;sartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, st&#252;rzt er sich drauf.<br />Zwei Stunden sp&#228;ter sehe ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: „Du solltest dir noch einen Knopf an deinen &#220;berzieher n&#228;hen lassen.“ Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.</p>
<p>(<a href="http://www.amazon.de/gp/product/3518224190?ie=UTF8&amp;tag=diesprach-21&amp;link_code=as3&amp;camp=2514&amp;creative=9386&amp;creativeASIN=3518224190" target="_blank" title="Amazon">Raymond Queneau: <em>Stil&#252;bungen, </em>Suhrkamp 2007</a>)</p></blockquote>
<p>Beim <a title="Turmsegler" target="_blank" href="http://turmsegler.net/">Turmsegler</a> ist neben zwei weiteren Varianten von Raymond Queneau auch noch seine eigene zu lesen und hier kommt also meine, nur ganz schnell aus der Feder gesch&#252;ttelt, denn eigentlich habe ich gar keine Zeit:</p>
<hr width="100%" size="2" />
<p>Wir sitzen im &#252;berf&#252;llten Bus und fahren durch Paris, ich glaube nicht, dass mein Herr wei&#223;, wo wir sind, wohin wir fahren, wohin er will. Er will nirgendwo hin, wartet nur darauf, dass er einschl&#228;ft und sein Nickerchen noch eine Weile im warmen Bus fortsetzen kann, ehe er rausgeschmissen wird. Heute hat er sich nicht einmal ein Tuch &#252;ber die Schulter gelegt, aber mir ist das egal, dann mache ich eben seine Lederjacke voll, an der kann ich mich sogar besser ankrallen. &quot;Einen h&#252;bschen Papagei haben Sie da, so ein sch&#246;nes, buntes Gefieder!&quot;, sagt die junge Frau, die in Ermangelung eines Sitzplatzes im Gang neben uns steht, freundlich. Mein Herr ignoriert sie, wendet nicht einmal den Kopf, wof&#252;r sie dankbar sein kann, denn sonst w&#252;rde sie sein alkoholverpesteter Atem treffen. Ich ignoriere sie nicht, ich recke meinen Hals ein wenig, um ihr besser in den Ausschnitt ihres Kleidchens sehen zu k&#246;nnen, sie hat den Mantel ge&#246;ffnet, hier drin ist es auch wirklich warm und ich vertiefe mich in den Anblick ihrer vom B&#252;stenhalter zusammengepressten &#196;pfelchen, zwischen denen ich gerne meinen Schnabel wetzen m&#246;chte.</p>
<p>Doch dann werde ich abgelenkt von einem Streitgespr&#228;ch vor uns. Da wirft ein junger Kerl in alberner Kleidung einem anderen vor, ihn anzurempeln. &#8216;Putin&#8217;, kr&#228;chze ich, denn das tue ich bei jedem Streit, es scheint oft zu passen. Manchmal will mir dann jemand an den Kragen, manchmal verursacht mein Ausruf aber auch Heiterkeit, wor&#252;ber der Streit dann vergessen wird. Doch der &#196;ltere der beiden ist so hasserf&#252;llt, dass er mich gar nicht h&#246;rt, der J&#252;ngere weint gleich. Der Bus h&#228;lt, ich muss mich gut an der Schulter meines Herrn festhalten, Pl&#228;tze werden frei, der larmoyante J&#252;ngere setzt sich in die Reihe vor uns. Er tr&#228;gt einen Hut mit Kordel, die ich mir gerne schnappen w&#252;rde, ich recke mich vor, m&#246;chte sie schon in den Schnabel nehmen, da f&#228;hrt der Bus wieder an und bringt mich in meine Position zur&#252;ck. Ich strecke mich wieder, da f&#228;llt mir erst der widerlich lange Hals des Mannes mit Hut auf, dem meiner in diesem Moment gleichen muss und ich lasse das Projekt fallen.</p>
<p>Mein Herr ist inzwischen eingeschlafen und der blasierte Junge steigt an einer der n&#228;chsten Stationen aus. Wir fahren noch eine ganze Weile im warmen Bus durch die Stadt, bis sich jemand beschwert, dass mein Herr stinken w&#252;rde, nach Alkohol und Pisse und er an der n&#228;chsten Station, der Gare Saint Lazare, einfach hinausgeworfen wird, mit mir. Mein Herr trottet ein wenig durch den Bahnhof, kauft sich am Bahnhofskiosk eine Flasche Schnaps und eine Dose Erdn&#252;sse f&#252;r mich und sucht sich dann eine Bank an der Cour de Rome, wohlwissend dass er drinnen nicht geduldet wird. Er legt seine M&#252;tze vor die Bank, damit Passanten Kleingeld hineinfallen lassen, er trinkt, gibt mir auch einen Schluck und schl&#228;ft dann weiter, in die Lederjacke geh&#252;llt. Und dann kommt doch tats&#228;chlich der langhalsige Typ aus dem Bus dort vorbei, er diskutiert mit einem Freund, der ihn auf einen Fehler an seinem &#220;berzieher hinweist, da fehle ein Knopf und ich wei&#223;, dass er denkt, dass so der lange Hals des larmoyanten Kerls noch l&#228;nger aussieht, aber er sagt es nicht. &#8216;Knopf ann&#228;hen&#8217;, rufe ich, doch sie sind schon wieder vorbei.</p>
<hr width="100%" size="2" />
<p>&nbsp;<br />Mich w&#252;rde jetzt auch noch interessieren, was z.B. <a title="Coderwelsh" target="_blank" href="http://www.coderwelsh.de/blog/">fabe</a> daraus macht oder <a title="Das hermetische Caf&#233;" target="_blank" href="http://kid37.blogger.de/">kid37</a> oder die <a href="http://bones.write-insight.de/" target="_blank" title="engl">Frau</a> <a title="engl" target="_blank" href="http://light-inside.de/">Engelin</a> oder vielleicht gibt es dazu ein Gedicht von <a title="hor" target="_blank" href="http://hor.de/">hor</a>? Aber nat&#252;rlich sind auch alle anderen recht herzlich eingeladen, eine Variation zu verfassen!</p>
<blockquote><blockquote>
</blockquote>
</blockquote>
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