Herbstschmerz II

Alban Nikolai Herbst war so freundlich, meinen Text Herbstschmerz; süß, der in der Novemberausgabe von mindestenshaltbar erschienen ist, einem ‘kleinen Lektorat’ zu unterziehen. Also habe ich die Perspektive deutlicher gemacht, gekürzt und umgeschrieben, hier ist die verbesserte Version:


Hingebreitet über den Fluss liegt die Brücke, aus dem Vogelblick, von weit oben, wirkt sie wie ein graues Betonband über der Strömung, die nicht so reißend ist, wie der Name des Flusses verheißt. Der Brückenbogen überwölbt das Grüngrau des sich voranschiebenden Wassers, an den Wellenbruchstellen weiß bekrönt, und die vergilbte Wiese daneben, von braunen Trampelpfaden durchzogen, von rostigen Bäumen bestanden, ein farbiges Aufbegehren vor dem Winterschlaf; darüber hängt, im herbstlichen Schräglicht, das tiefe Dunkelblau des spätnachmittäglichen Herbsthimmels.

Sich von oben nähernd wird langsam die unstete Lebendigkeit der Brücke sichtbar, das unaufhörliche Hin- und Widerfließen der Busse, Autos und drängelnden Mopeds, die darüberhin eilenden Fahrradfahrer, Fußgänger mit und ohne Kinderwägen, mit und ohne trottenden Hund. Noch weiter vorrückend werden Geräusche hörbar, ein Motorenlärmen und Kinderrufen, ein Geschwätz und Fahrradglockengeläut, Musikfetzen aus einem Autoradio, ein Hundebellen und Menschenlachen, Menschenstimmen, Menschenküssen; das Rauschen von Fluss und Herbstlaub übertönend.

Und in der Mitte der Brücke, an den Beton des Brückengeländers gelehnt, steht sie, direkt über dem Wasser und blickt starr darauf; ihr Haar fällt rostrot wie Herbstblätter auf ihre Schultern, vom Herbstwind bewegt, sanft. Sie sieht konzentriert auf den Fluss, drängt sich an die Wärme des von der tiefstehenden Sonne aufgeheizten Geländers, aber niemand zupft sie am Ärmel, niemand spricht sie an.

Ihr Blick sieht nicht den Fluss und die Farbpracht der Herbstschönheit und ihr Ohr hört nicht die Menschen, hört nichts inmitten des Lärms; in ihrem Kopf ist es dunkel, leer und still. Darin, in ihren Gedanken, ist kein Schrei der Verzweiflung, es ist leiser, sanfter und beständiger; ein Winseln und Wispern der Sehnsucht. Es ist kein stechender Schmerz, es ist ein süßliches, zähflüssiges Fließen einer nie versiegenden Quelle der süßen Qual. Und sie flüstert, beinahe lautlos, nur ihre Lippen formen die Worte:

Mein Herz blutet Dir nach. Mein Herz ist klein und mager und weiß nicht, wem es gehört. Mein Herz ängstigt sich, es zittert. Mein magres Herz liegt in Deiner Hand, die es presst und auswringt und bluten macht. Du bist die Stimme, Du bist der Atem und der Tod.

Ihre Lippen schließen sich, ihre Hände lassen das von der Herbstsonne erwärmte Geländer los, ihr Körper löst sich und sie geht davon. Von oben sieht man den Herbstwind ihr rostrotes Haar bewegen, sieht vergilbte Blätter fallen und den Fluss sich unter der darüber gebreiteten Brücke voranschieben. Ein Vogel durchstreift in den Schrägstrahlen des Herbstlichts den tiefblauen Abendhimmel.

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Stilübung

Der Turmsegler hat angesichts seiner Wiederentdeckung der Stilübungen von Raymond Queneau zum Mitmachen aufgefordert, nach folgenden dürren Geschehnissen eine Variante zu schreiben:

Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als hätte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedesmal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich drauf.
Zwei Stunden später sehe ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: „Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.

(Raymond Queneau: Stilübungen, Suhrkamp 2007)

Beim Turmsegler ist neben zwei weiteren Varianten von Raymond Queneau auch noch seine eigene zu lesen und hier kommt also meine, nur ganz schnell aus der Feder geschüttelt, denn eigentlich habe ich gar keine Zeit:


Wir sitzen im überfüllten Bus und fahren durch Paris, ich glaube nicht, dass mein Herr weiß, wo wir sind, wohin wir fahren, wohin er will. Er will nirgendwo hin, wartet nur darauf, dass er einschläft und sein Nickerchen noch eine Weile im warmen Bus fortsetzen kann, ehe er rausgeschmissen wird. Heute hat er sich nicht einmal ein Tuch über die Schulter gelegt, aber mir ist das egal, dann mache ich eben seine Lederjacke voll, an der kann ich mich sogar besser ankrallen. "Einen hübschen Papagei haben Sie da, so ein schönes, buntes Gefieder!", sagt die junge Frau, die in Ermangelung eines Sitzplatzes im Gang neben uns steht, freundlich. Mein Herr ignoriert sie, wendet nicht einmal den Kopf, wofür sie dankbar sein kann, denn sonst würde sie sein alkoholverpesteter Atem treffen. Ich ignoriere sie nicht, ich recke meinen Hals ein wenig, um ihr besser in den Ausschnitt ihres Kleidchens sehen zu können, sie hat den Mantel geöffnet, hier drin ist es auch wirklich warm und ich vertiefe mich in den Anblick ihrer vom Büstenhalter zusammengepressten Äpfelchen, zwischen denen ich gerne meinen Schnabel wetzen möchte.

Doch dann werde ich abgelenkt von einem Streitgespräch vor uns. Da wirft ein junger Kerl in alberner Kleidung einem anderen vor, ihn anzurempeln. ‘Putin’, krächze ich, denn das tue ich bei jedem Streit, es scheint oft zu passen. Manchmal will mir dann jemand an den Kragen, manchmal verursacht mein Ausruf aber auch Heiterkeit, worüber der Streit dann vergessen wird. Doch der Ältere der beiden ist so hasserfüllt, dass er mich gar nicht hört, der Jüngere weint gleich. Der Bus hält, ich muss mich gut an der Schulter meines Herrn festhalten, Plätze werden frei, der larmoyante Jüngere setzt sich in die Reihe vor uns. Er trägt einen Hut mit Kordel, die ich mir gerne schnappen würde, ich recke mich vor, möchte sie schon in den Schnabel nehmen, da fährt der Bus wieder an und bringt mich in meine Position zurück. Ich strecke mich wieder, da fällt mir erst der widerlich lange Hals des Mannes mit Hut auf, dem meiner in diesem Moment gleichen muss und ich lasse das Projekt fallen.

Mein Herr ist inzwischen eingeschlafen und der blasierte Junge steigt an einer der nächsten Stationen aus. Wir fahren noch eine ganze Weile im warmen Bus durch die Stadt, bis sich jemand beschwert, dass mein Herr stinken würde, nach Alkohol und Pisse und er an der nächsten Station, der Gare Saint Lazare, einfach hinausgeworfen wird, mit mir. Mein Herr trottet ein wenig durch den Bahnhof, kauft sich am Bahnhofskiosk eine Flasche Schnaps und eine Dose Erdnüsse für mich und sucht sich dann eine Bank an der Cour de Rome, wohlwissend dass er drinnen nicht geduldet wird. Er legt seine Mütze vor die Bank, damit Passanten Kleingeld hineinfallen lassen, er trinkt, gibt mir auch einen Schluck und schläft dann weiter, in die Lederjacke gehüllt. Und dann kommt doch tatsächlich der langhalsige Typ aus dem Bus dort vorbei, er diskutiert mit einem Freund, der ihn auf einen Fehler an seinem Überzieher hinweist, da fehle ein Knopf und ich weiß, dass er denkt, dass so der lange Hals des larmoyanten Kerls noch länger aussieht, aber er sagt es nicht. ‘Knopf annähen’, rufe ich, doch sie sind schon wieder vorbei.


 
Mich würde jetzt auch noch interessieren, was z.B. fabe daraus macht oder kid37 oder die Frau Engelin oder vielleicht gibt es dazu ein Gedicht von hor? Aber natürlich sind auch alle anderen recht herzlich eingeladen, eine Variation zu verfassen!

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Herbstschmerz

Nach dieser hier gibt es jetzt meine zweite Veröffentlichung bei mindestenshaltbar, diesmal unter dem Titel Herbstschmerz; süß, zu feiern! 

Man könnte ja meinen, ich sei in vorauseilendem Gehorsam und mit wehenden Fahnen in Helmut Kraussers literarisches Lager der Pathetiker (und bitte nicht: Pathologen) übergelaufen, aber das ist keine neue Entwicklung meines Schreibens. Vielleicht bin ich diesmal in meinem Text Herbstschmerz; süß dennoch zu weit gegangen mit dem Pathos, ich weiß es nicht. Lest und sagt ihr es mir, ob das Pathos sitzt oder trieft…

Wer hier schon länger liest, wird vielleicht bemerken, dass der Text mit diesem Gedicht von mir ein wenig verwandt ist.

Den Song Sweet, den man zum Text auf mindestenshaltbar hören kann, stammt übrigens von einem Künstler namens Julius Way aus Brighton, hier kann man einige seiner Lieder umsonst herunterladen und hier oder hier noch weitere, neuere anhören, er hat eine MySpace-Seite, seine eigene Internet Seite funktioniert offenbar nicht und auch sonst bringt man wenig über ihn in Erfahrung.

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RAF

Don Dahlmann schrieb mir noch, dass die Autoren der Texte für sein Online-Magazin mindestenshaltbar keinen Lohn erhalten. Aber irgendwie muss man ja schon froh sein, wenn man fürs Schreiben nichts zahlen muss. Man stelle sich das vor: jeder Text 10 Euro oder jedes Wort ein Cent. Wie bei ‘Glücksrad‘.

Jedenfalls bin ich ziemlich stolz und freue mich riesig über meine allererste ‘Veröffentlichung’, denn meine kurze Geschichte zum Thema RAF mit dem Titel Hinter tausend Stäben keine Welt ist seit gerade eben hier zu lesen. Viel Vergnügen! 


Nachtrag, hier ist noch einmal der komplette Text:
 

Hinter tausend Stäben keine Welt

Schon im Flur hing eine riesige, blutrote Fahne mit der Abbildung Che Guevaras, natürlich. An seiner Zimmertür, eierschalenweiß, dann der ebenfalls blutrote Stern mit der gekreuzten HK MP5. Er sprach es in einem aus, geübt, Maschinenpistolensalve, "raff", während sie zögerlich und nachdenklich Buchstaben für Buchstaben aneinander reihen musste, "R" … "A" … "F". Und über seinem Bett dann schließlich ein Plakat, helleres Rot, handschriftlich mit Edding: "Furchtbar ist es, zu töten. Aber nicht andere nur, auch uns töten wir, wenn es nottut da doch nur mit Gewalt diese tötende Welt zu ändern ist, wie jeder Lebende weiß." Sie bekam Gänsehaut, beruhigte sich erst, als er sagte, dass dies ein Zitat von Brecht sei. Brecht war schon ein halbes Jahrhundert lang tot und harmlos, erst dann ließ sie sich niederziehen auf die Matratze und ließ sich lieben, dort.

Sein Schwanz hart, als er sich von hinten an sie presste. Er packte sie am Haar und sie dachte an seines, dunkel, fast schwarz, an die dichten, buschigen Augenbrauen, die sehr breiten Koteletten, aber am Hinterschädel eine beinahe kahle Stelle schon, jetzt spürte sie seinen Dreitagebart an ihrem Nacken kratzen. Er zog an ihrem Haar, er biss sie in den Hals, drückte sein aufragendes Geschlecht fest gegen ihren Hintern, aber sie dachte an seine strahlenden, blauen Augen, von einer Sonnenbrille verborgen und an seinen geschmeidigen, raubtierhaften Gang. Er ließ sie los, nur um sich seiner eng-eleganten Kleidung zu entledigen, sein Hemd gebügelt, er roch nach Waschmittel, Rasierwasser, Kosmetika. Zog auch sie aus, das Reißen der Stoffe störte ihn nicht, zwischen Leidenschaft und Brutalität, er klapste ihr auf den nackten Hintern. Überhaupt hatte er auch etwas prolliges, etwas von einem Zuhälter, einem Kleinkriminellen, einem Gangsterboss. Er faszinierte sie. Er drang hinten in sie ein, wie ein Tier, es brannte, aber er hielt sie fest an der Taille, seine Fingernägel in ihrem Fleisch, und als er kam, schrie er, laut und kehlig, dass sie beinahe erschrak.

Er war 34 und sie mehr als zehn Jahre jünger. Er beeindruckte und beängstigte sie zugleich. Immer wenn er sich an sie drückte, war sein Schwanz steif. Was auch daran liegen mochte, dass er sich sonst nie an sie kuschelte. Sonst redete er. Er war ein Arsch und ein Angeber. Sie wusste nicht, was er tat, wenn sie nicht zusammen waren. Sie wusste, dass er ihr nicht allein gehörte, aber in seinem Fall machte ihr das nichts aus. Er liebte andere Frauen und andere Frauen ließen sich von ihm lieben, weil er auf seltsame Art anziehend wirkte. Weil er andere sofort betatschte, wenn er mit ihnen sprach, seine Hand auf ihrem Arm, wie er es bei ihr gemacht hatte und weil viele das mochten, wie sie es gemocht hatte. Wenige fanden dies bei dem Mann mit der Raubkatzen-Eleganz zu aufdringlich. Manchmal nahm er sie mit auf Partys und stellte sie als seine Freundin vor, dafür war sie schön und jung genug. Meistens ging er dann auch mit ihr wieder nach Hause. Oft, nachdem er sich maßlos betrunken und daneben benommen hatte, bis sie ihn rausschmissen. Manchmal ging er als Frau, er schminkte sich mit Lidschatten und noch mehr Puder als er sonst verwendete, brachte mit Haarspray seine Frisur in Form. Auf einer Party pisste er mitten auf den Teppich, weil das Buffet leer war und der Gastgeber sich weigerte, nur für ihn Nachschub zu bestellen. Einmal verprügelte er einen Studenten, weil der sie angesprochen hatte. Er redete viel und gern, ob er betrunken war oder nicht. Er gab sogar vor ihr an mit seinen Frauengeschichten. Und mit Autodiebstählen.

Manchmal holte er sie ab, in einem neuen Wagen, einem Alfa, einem weißen Mercedes, einem lila Porsche, sie fragte nie, sie sagte nie etwas, wenn sie nachts viel zu schnell durch die Stadt rasten. Das Rasen gefiel ihr, die Ledersitze gefielen ihr, er gefiel ihr, mit der Sonnenbrille hinter dem Lenkrad in der Nacht. Gemeinsam ergab das ein Prickeln und Ruckeln unter ihren Schenkeln, das Vibrieren der Autositze erregte sie, durch das fliegende Auto übertrug sich seine Potenz auf ihren Schoß und wenn sie aufstand, nach dem nächtlichen, ziellosen Schnellen durch die Stadt, dann waren die Ledersitze manchmal feucht von ihr.

Sie wusste wenig von ihm, darüber sprach er selten. Sie wusste, dass sein Vater Historiker oder Archivar oder etwas ähnliches gewesen war und seine alleinerziehende Mutter Sekretärin, dass er keinen Schulabschluss hatte, weil er immer wieder geflogen war und das glaubte sie sofort. Sie wusste nicht, wovon er lebte, einmal erzählte er etwas von Schlafwagenschaffner. Richtig arbeiten ging er wohl nicht. Irgendwo hing ein Foto seiner Tochter, er hatte sie lange nicht gesehen, kein Vater, er. Worüber er sonst redete, wusste sie ebenfalls nur ungenau, sie konnte ihm da nicht immer folgen und sie wusste auch nicht, ob sie es wollte. Es fielen Begriffe wie Gesellschaft, Kapitalismus, Faschismus, Revolution, Terrorismus, Gewalt und Bullen, Schweine, Arschlöcher und Fotzen. Er sprach vulgär, bemüht vulgär und ereiferte sich, mit weitausholenden, vereinnahmenden, manchmal bedrohlich wirkenden Gesten, blitzenden Augen und tiefer Stimme, dazwischen ein zynisches Lachen. Sie mochte seine Stimme, sie mochte das Glühen in seinen Augen, wie bei einer vom Scheinwerferlicht angestrahlten Katze. Seiner Stimme lauschte sie, wenn er sprach, seine Worte vergaß sie darüber. Seine Worte kamen ihr nur entfernt bekannt vor, ihr Vater benutzte manchmal ähnliche Begriffe, wenn er von früher erzählte und davon, wie Ohnesorg damals erschossen worden war. Von ihm kamen diese Worte mindestens dreißig Jahre zu spät, er war zu spät. Und er war schon zu alt, um jung zu sterben, als Rebell, als Legende. Seine wütenden Worte blieben ohne Konsequenzen, dahingesagt, wie viele andere Worte. Er drehte sich nur im Kreise, wie ein Tier hinter Gittern, der Bezug zur Welt war ihm verloren gegangen.

Manchmal blieben sie auch einfach zu Hause bei ihm, sie vögelten, sie hörten Janis Joplin, rauchten, sie tranken viel Bier oder weißen Rum, er redete, er las Comics, Asterix, während sie schlief, sie sahen sich die "Schlacht um Algier" auf Video an, sie fickten wieder oder machten irgendein Tiefkühlgericht im Backofen warm. Sie sah ihm zu, wie er mit seinem Tigergang durch die Wohnung schlich, weich und kraftvoll, sie hörte ihm zu, wenn er sprach wie ein Irrer mit schöner Stimme und wildem Blick, sie spürte seine Bewegungen wie die eines Raubtiers in sich. Sie mochte seinen Körper, sein hübsches Gesicht, seinen muskulösen Torso, die Sicherheit, die ihm sein Körper gab, das Blitzen in seinen Augen und die Selbstverständlichkeit seines Selbstbewusstseins.

Einmal wollte er auf eine Party gehen und sie hatte keine Lust, keine Lust, ihm wieder dabei zuzusehen, wie er einen Skandal machte. Sie weigerte sich. Er begann zu reden. Er machte ihr die absurdesten Vorwürfe, er beschimpfte sie, er redete sich selbst in Wut, drehte sich im Kreise, er wurde lauter, er schlug auf die Matratze neben ihr und sie bekam Angst vor ihm und dem wilden Blitzen in seinen Augen, das sie gemocht hatte, vor den Muskeln, die sie bewundert hatte. Sie stand auf und wollte gehen, sie hatte ihm nichts zu sagen. Da sprang auch er auf, plötzlich, tigergleich, packte sie, drückte sie fest, hilflos, er wollte nicht, dass sie ging, und er biss zu, in ihre Nase, bis es blutete, wie ein hungriges Tier. Dann ging sie trotzdem. Sie wollte ihn nicht wiedersehen.

Zwei, drei Monate vergingen, sie hatte jetzt einen neuen Freund, einen richtigen, einen netten, der sie gut behandelte, sie war glücklich. Doch er fragte sie, ob sie sich nicht wiedersehen könnten, einmal, er wolle sie in die Oper einladen. Sie sagte ja. Er holte sie ab, in einem neuen Wagen, ein blutroter Alfa Romeo und sie fuhren viel zu schnell zur Oper. Sie sagte nichts. Sie saßen in der Königsloge, erste Empore, genau in der Mitte, er hatte keine anderen Karten mehr bekommen, sagte er, sie wusste nicht, was sie dazu hätte sagen können, es gefiel ihr. Die Oper war schön und rührend, wie Opern sind, und sie hatte noch Tränen in den Augen, als sie wieder in den blutroten Alfa stieg.

Stille, nur das Geräusch des Motors und des viel zu schnellen Rollens der Reifen auf der Straße. Dann begann er zu reden. Er habe eine fixe Vorstellung gehabt während der Oper, unablässig habe er daran denken müssen. Er habe sie  nehmen und über die Brüstung der Königsloge lehnen wollen, habe ihr das Kleid heben und hinten in sie eindringen wollen, vor all den Leuten, mit musikalischer Begleitung, habe sie zum Stöhnen bringen wollen an diesem Ort. Er wusste, dass sie einen neuen Freund hatte. Sie sagte nichts. Er fuhr noch schneller, nervöser, sie wusste nicht, wohin. Er sah sie nicht an, er sah durch seine Sonnenbrille starr auf die Straße. Sie spürte seine Anspannung und Wut, seine Unberechenbarkeit und seinen Wahnsinn, übertragen durch die Ledersitze des Alfas und sie hatte Angst. Er war wie ein Raubtier hinter Gittern, um sich selbst kreisend, gefährlich, kurz vor dem Ausbrechen. Sie schüttelte nur den Kopf, "Nein", sagte sie, "nein." An einer Ampel stieg sie aus, mitten in der Stadt, mitten in der Nacht. Sie sah Andreas nie wieder.

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Matratzenkitsch

Sie liegt rücklings auf mir und stöhnt. Ich spüre ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsflügelchen abschält wegen des Sonnenbrands, das lange, über mich hingebreitete, gelockte Haar, ich spüre die Kuhle ihres Rückgrats, die Blasen an ihren Füßen, die sich in mich stemmen, ich spüre die Rundung ihres hübschen Hinterns schwer auf mich drücken. Ihr Unterleib bewegt sich schneller auf mir, dann flucht sie laut: „Diese Scheißmatratze, es quietscht bei jeder Bewegung, verdammt noch mal, das macht mehr Lärm als ich!“ Sie muss lachen. Ich finde das gar nicht komisch.

Ich bin eine französische Federkern-Matratze, zehn Zentimeter dick, zwei Meter lang und einen Meter zwanzig breit, für zwei die sich lieben oder besser: frisch verliebt haben. Seit fünfzig Jahren bin ich in diesem Hotelzimmer, das spricht für meine Qualität. Ich lasse mich doch nicht beschimpfen, jetzt! Das Quietschen der Federn spricht nur für mich, zeichnet mich aus als treu und ergeben. Ich stand stets zur Verfügung, wenn jemand mich brauchte und scheute keine Beschwerlichkeiten. Ich bin besudelt von täglichem und nächtlichem Schweiß, von Blut, von Sperma und süß-saurer Frauenflüssigkeit, von Speichel und Tränen, Urin, Rotwein und Kaffee, all das ist tief in mich eingedrungen. Ich bin imprägniert mit den Ausscheidungen der Menschen, die sich auf mir ausruhten, amüsierten, stärkten, betranken, rauchten, feierten oder trauerten. Mein hellblaues Blumenmuster ist verblasst und ich bin befleckt in allen Farben, durchlöchert von verglimmenden Zigarettenstummeln und sich in mich krampfenden Fingernägeln, selbst gebissen wurde ich ab und an, in rasender Wollust. Aber auch geküsst. In ungeduldiger Erwartung des Geliebten, in unglücklicher Sehnsucht nach dem, der einen verlassen hat.

Sie haben mir eines Tages einen Überzug verpasst, beige und hässlich, der die Befleckungen versteckt, mich auf allen Seiten fest umschließt und nach Plastik riecht. Ich erinnere mich noch an das Ruckeln des Reißverschlusses, es wurde immer enger und dunkler und dunkler. Seitdem bin ich beinahe blind. Durch die durchscheinenden, billigen Leintücher war genug zu sehen, aber durch den dichtgewebten Überzug erkenne ich nur noch Umrisse, Schatten, Schemen. Wenn ich alleine bin, dann bin ich jetzt alleine, ich langweile mich, kann nicht mehr aus dem Fenster blicken, vorbei. Ich mochte den Himmel über Paris, die Sonne, die Wolken, die Schwalben, das liebestrunkene Vibrieren der Luft, die kühlweiße Mondsichel. Jetzt spüre ich nur noch die Sonne warm auf mir und den Herbstwind, wenn jemand das Fenster öffnet und lausche dem Vogelsang.

Ich fühle mich unwohl in meiner Verpackung, das Plastik trennt mich von der Außenwelt, der Welt die ich liebe, den Menschen, die auf mir leben. Ich bin eine leidenschaftliche Matratze. Ich will sie fühlen und riechen und hören, ich will sie sehen, ich mag es, wenn sie mich benutzen und beschmutzen, das ist mein Zweck. Ich liebe die Tragödien, die auf mir vonstatten gegangen sind, ich liebe Ehebrüche und Entjungferungen, ich liebe das erste Mal und das letzte Mal, auch nach der Trennung, ich liebe den Schlaf, den erschöpften und unruhigen, das Wachliegen und ich liebe das Glück, das sich auf mir vollzieht, immer wieder.

Das Zimmer, mein Zimmer ist klein, sehr klein, ich an Stelle der Menschen würde mich beschweren, aber die meisten, die hierher kommen, sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, wie das geht. Das macht sie angenehm. Ich habe schon öfter im Gespräch gehört, dass dies das günstigste Hotel in ganz Paris sein soll. Immerhin ein Superlativ. Dass ich die wahrscheinlich älteste Matratze in Paris bin, erfährt besser niemand. Das Zimmer ist so klein, dass die Besucher nicht wissen, wo sie ihre Koffer abstellen, nicht wissen, wo sie überhaupt stehen sollen, man kann nicht einen Bogen schlagen um mich, man fällt geradezu auf mich, sobald man eintritt.

Ich mag das. Dann spüre ich, dann schnuppere ich, dann lausche ich, genieße ich. Vielen Gästen gefällt das auch und ich wundere mich fast, wie oft sie wiederkehren im Laufe des Tages, wie kurz ihre Ausflüge sind, wie wenig Zeit sie in der Stadt der Liebe verbringen und statt dessen auf mir: mit Liebe. Gerade die Unumgänglichkeit des Niedersinkens auf mich, die Unmöglichkeit eines anderen Aufenthalts, ja einer anderen Tätigkeit in diesem Zimmer scheint verlockend zu wirken. Das erfreut mich, jedes Mal.

Auch diese beiden sind heute zum vierten Mal hier. Heute morgen leise, im Halbschlaf, mehr ein Schieben als Bewegen, heute Mittag nach dem duftenden Baguette mit Käse, dessen Krümel auf mich niederregneten, nach dem Rotwein, laut und lachend, heute Nachmittag zärtlich und schläfrig vor einer kurzen Siesta und jetzt nur sie allein. „So geht das nicht!“, sagt sie. „Ach so,“ er lässt sich neben ihr auf mich fallen, auch er jung, schlank, sein Körper fester als ihrer, sein kurzes Haar kitzelt mich, „Du vertraust mir also nicht!“ Er meint es nicht ganz ernst, er ist sich ihrer so gewiss. „Doch,“ lacht sie, „ich vertraue nur der Matratze nicht.“ Ich will empört sein, bin aber schon viel zu beschäftigt mit dem Gerangel, das da entsteht, dem Armgewirr und Beinverknoten, dem lauten, schmatzenden Küssen und leisen Kichern, seinem neckenden Prusten auf ihrem Bauch, ihren flink-kitzelnden Händen an seinen Rippen. Dann wird es ruhiger, aber die Verknotungen bleiben bestehen.

Ihre Unterhaltung gleicht jetzt einem Gurren, er spricht mit den Lippen nah an ihrem Hals und sie lacht leise und hell, ihr Glucksen, das durch ihren Körper fließt, bringt mich zum Beben. „Du, Du,“ flüstert er und sein Mund wandert, er haucht es auf ihre Haut, „Du, Du…“ wiederholt er immer wieder an verschiedenen Stellen ihres Körpers. Ihr Leib vibriert auf mir, aber nicht mehr vor Lachen. „Duuuuu…“, raunt er lange in ihren Schoß. Wie glücklich die beiden sind. Doch dann steht er ganz plötzlich auf und ich nehme wahr, wie sein Schatten auf dem Boden niederkniet. „Was tust Du“, sagt sie kichernd, „ich bin eine emanzipierte Frau!“, reicht ihm ihre schlanke Hand hinunter und zieht ihn wieder auf mich. Sie kniet jetzt auf mir und dann spüre ich, wie auch seine Knie sich ihr gegenüber in mich bohren, sie scheinen sich an den Händen zu halten. Es wird ganz still auf einmal und erwartungsvoll.

„Für immer?“, fragt er nur, leise, und schluckt seinen Speichel nach. Ein Zittern läuft durch ihren Körper, als sie „Ja“ wispert, kaum vernehmbar.

Ich würde weinen, wenn ich könnte. Die in mir bewahrte Feuchtigkeit sammelt sich als Kondenswasser an meiner Plastikhülle und ich erwarte ein Erdbeben.

Das Beben wird lang, sanft und für die Ewigkeit, ich atme die Gerüche ihrer jungen Körper, ich höre ihre Münder unaufhörlich aufeinander ruhen, ich ahne, wie tief sie sich in die Augen blicken, ich schmecke Süßes und einige Tropfen Salziges. Dann höre ich die Frau telefonieren, mit der Rezeption. Was ich kosten würde, fragt sie, ob sie mich mitnehmen kann, nach Hause. Vollkommenes Glück.

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Küsse

Ich habe mich verliebt in ihn. In den, der da vor mir her Fahrrad fährt. Es ist mitten in der Nacht, weit nach Mitternacht jedenfalls und wir fahren durch die Stadt, es ist kalt und ich friere in meinem dünnen Pullover. Eine frühe Herbstnacht schon. Ich mag es, wie er auf seinem Fahrrad sitzt, sehr aufrecht und ziemlich schräg, die eine Hand fast immer vom Lenker gelöst, manchmal in seine hintere Hosentasche gesteckt. Abenteuerlich, frei und stolz. Aber sein Rad quietscht, das Licht geht nicht, der dunkelrote Lack ist großflächig abgeplatzt und er fährt mit nur einem Pedal. Die Tretfläche aus Plastik fehlt, nur die metallene, runde Tretkurbel ragt noch hervor und es gelingt ihm seltsamerweise, diese so am Absatz seines Schuhs zu verhaken, dass er treten kann.

Wir fahren durch die Nacht und manchmal halten wir an, bleiben irgendwo stehen, auf einem Gehsteig, der menschenleeren Straße, um besser reden zu können, wir kennen uns erst ein paar Tage. Ich friere, aber ich sage nichts. Ich mag seine Art zu reden. Ich mag seine Stimme, wie er spricht und wie er mir zuhört. Ich mag es, mit ihm zu diskutieren, auch stundenlang und ich mag, was er denkt. Ich höre ihm gerne zu, auch wenn ich friere.

Und ich fahre gerne hinter ihm und sehe ihm beim Fahren zu. Nach und nach arbeiten wir uns durch die Stadt vor, bis wir beim Nymphenburger Kanal anlangen und vom Rad steigen. „Sag mir alles, was Du weißt,“ möchte ich ihm zurufen, „ich will Dir mein ganzes Leben erzählen, alles, nur für Dich.“ Aber ich schweige. Wir reden über Musik, die er mag und die wir schon gehört haben, beide nebeneinander auf dem Teppichboden sitzend, in seinem Zimmer, an dessen Tür geschrieben steht: „Am Ende bin ich nur ich selbst.“ Ich mag, wie er Musik hört und ich mag, wie er darüber sprichst und ich erwähne nicht, wie lange ich mich schon nach ihm sehne.

Wir gehen am Kanal entlang, redend, frierend, das Wasser ganz dunkel, bis wir am Hubertusbrunnen angekommen sind. Die Stufen sind kalt und ein wenig feucht von der Nachtluft, aber der Blick ist schön und wir rücken näher zusammen. Ich liebe seinen Geruch. Ich mag es, wie er mich ansieht und ich könnte ihn stundenlang einfach nur anschauen. Ich mag seine Augen und seine Wimpern und seine Lippen und wie sie sich bewegen beim Sprechen. Ich mag seine kleinen Ohren und sein weiches Haar, seine Bartstoppeln. Ich mag seine Hände und ich will ihn berühren, jetzt. Vorsichtig schiebe ich meine Hand in seine, sehe ihn an, lausche seinem Atem. Er erzählt weiter, reagiert kaum, hält meine Hand aber fest in seiner, erst dann verstummt er. Ich mag es, mit ihm zu lachen, wie vorhin und ich mag es, mit ihm zu schweigen, wie gerade eben. Es stimmt, dass ich ihn nicht kenne, aber ich glaube, ich könnte ihn lieben, wenn ich ihn kennenlernen würde, kennenlernen dürfte. Ich möchte ihn kennenlernen, immer wieder.

Mir ist so kalt, dass ich zu zittern beginne in der Herbstnacht, aber das ist egal jetzt. Ich will ihn weiter ansehen und weiter seinen Geruch atmen. Ich möchte irgend etwas für ihn sein. Und ich kann nicht so lange warten, ich will nicht. Ich habe keine Wahl, ich muss mutig sein, denke ich. Kurzentschlossen neige ich mich vor und dann berühren meine Lippen die seinen, schöne Lippen, weiche Lippen, die ich sanft küsse, ich warte. Er küsst mich zurück, endlich, und so sitzen wir da, in der Kälte der Nacht, drei Uhr morgens, auf den Stufen des Hubertusbrunnens, vor uns das dunkle Wasser und knutschen. Sehen uns ungläubig und gläubig in die Augen und knutschen wieder.

Ich merke, dass ich ihn immer noch mag, immer mehr, seinen Geruch, seine Lippen, seine Zunge, seine Hände und Arme, die sich jetzt um mich gelegt haben, so wie die meinen um ihn. Meine Augen geschlossen und ganz hingegeben an das Küssen in der Stille. Ich möchte ihm sagen, dass ich ihn liebe, aber ich weiß, es ist zu früh dafür, auch wenn ich mir jetzt schon sicher bin. Ich sehne mich nach seinen Küssen in meinem Nacken, nach seinen Berührungen, nach seiner Haut und ich weiß, dass es nicht weit ist, zu ihm nach Hause. Dort könnte es warm sein, sehr nah und sehr neu.

Wir gehen zu unseren Fahrrädern, ich habe das Gefühl zu torkeln, so pulst das Blut durch meine Adern, so betäubt bin ich von seinen Küssen, so benommen von seinem Geruch. Wir fahren bis zu jener großen Kreuzung, an der man nur noch ein Stück nach rechts muss, um zu ihm zu kommen, dorthin, wo wir schon einmal auf dem Teppichboden seine Musik gehört haben, und er hält an. Ich wundere mich. Wir stehen nebeneinander, die Fahrräder zwischen den Beinen balancierend und er sagt nur: „Ich muss jetzt nach rechts.“ Ich nicke, das weiß ich auch. Wir schweigen uns kurz an, ich sehe ihm in die Augen, es dauert bis ich begreife. „Und ich?“, frage ich. „Du musst nach links, wenn ich mich nicht täusche.“ Ich nicke wieder. Ich bin niemand der sich aufdrängt, aber ich bin auch keine, die es schon einmal erlebt hätte, dass sie ein Mann nach Hause schickt. Er steht da und wirkt ein wenig ratlos, ich wundere mich und nicke noch einmal. „Komm gut nach Hause,“ sagt er, „und dann auch mal wieder her.“

Ich winke nur kurz und fahre dann los, immer geradeaus, ich blicke mich nicht um, ich friere immer noch und fahre sehr schnell. Jetzt bin ich mir noch sicherer, dass ich ihn haben will.

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Du

"Hast Du keine Angst?", frage ich Dich und sehe Dir in die Augen. Bekomme aber keine Antwort. Seit vierzehn Jahren war das Vergangenheit, Du und ich. Damals hatte ich Dich gefragt, was wohl wäre, wenn wir uns jemals aus den Augen verlieren und dann nach langer Zeit wiedertreffen sollten. "Ich würde mich sofort wieder in Dich verlieben", hattest Du gesagt, mich in den Arm genommen, nicht mehr losgelassen. Ich hatte genickt. "Ich auch. Aber ich lass Dich nicht mehr gehen, nie mehr."

Damals dachten wir, dass wir ohnehin für immer zusammen bleiben würden, immer und ewig, Du und ich. Ich Deine Erste und Du mein Erster. Mein erster Mann, meine erste Liebe. Die erste Liebe ist immer die letzte. Alles was danach kommt, ist nur noch eine desillusionierte Kopie, der verzweifelte Versuch einer Wiederholung, die hoffnungslose Sehnsucht nach etwas Verlorenem. Nichts ist noch einmal wie beim ersten Mal, nichts. Nicht die heimlichen Blicke, nicht das verschwörerische Flüstern, nicht das beglückte Lächeln, nicht die Intensität der Berührungen, nicht das Küssen und dieser Geschmack nach Erdbeereis, nichts. "Meine Eine und Einzige", hast Du mich damals genannt und es war uns nicht einmal aufgefallen, dass dies nur eine billige Übersetzung aus dem Englischen war. Du hattest es so gemeint. Und ich hatte es geglaubt. Mein Einziger.

Kann man denn wirklich so unglaublich jung sein, frage ich mich jetzt, nach vierzehn Jahren. Tatsächlich eine zufällige Begegnung, tatsächlich ein sofortiges Erkennen zwischen uns, eine Anziehung, magnetisch, und jetzt nebeneinander liegen. Aber das mit dem Verlieben will einfach nicht wieder klappen. Du bist nicht mehr Der und ich nicht mehr Die. Aber wir könnten ja Freunde werden jetzt. "Sag mal", fragst Du zurück, "stört es Dich, wenn ich, nur so ganz freundschaftlich, meine Hand auf Deinen Hintern lege?" Ich habe auf meine Frage keine Antwort bekommen und sehe Dir noch immer in die Augen. Ich finde nicht, was ich erwarte. Ich nicke nur. Du hast keine Angst. Ich habe einen Freund und Du, bei Dir weiß man das nicht so genau, aber das ist egal, jetzt.

"Fühlt sich immer noch so gut an", sagst Du. Ich lächle nur. Ich bin nicht mehr verliebt in Dich und auch nicht wieder. Du hast etwas zugenommen in den letzten vierzehn Jahren und ich wahrscheinlich auch. Auch das ist egal, jetzt. Du riechst noch immer wie früher. Dein Geruch macht mich träumen. Ich nähere meinen Schoß dem Deinen an, um so nahe an Dich heranzukommen, dass ich meine Hand über Deinen Arm strecken und ebenfalls auf Deinen Hintern legen kann, ganz freundschaftlich. So bleiben wir liegen. Du schmeckst nach Erdbeereis, immer wieder Erdbeereis.

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Die Sprachspielerin

Und ich habe nichts zu sagen. Es ist nur so, dass mir die Sprache immer noch am nächsten ist, nichts weiter. Die Worte umschwirren mich wie eine Wolke aus Millionen von Mücken und mein Geist muss nur nach ihnen greifen und sie sortieren und sie verwirren und mit ihnen spielen. Ich habe nichts zu sagen, nichts zu erzählen, ich will nichts erklären, nichts lehren und nichts verändern. Mein Leben ist eines von vielen, ich bin eine von vielen. Da ist eben nur diese Wolke, die es mir nahelegt, mit ihr zu spielen und zu schreiben. Diese Wolke aus Worten, die mich umgaukeln. Die mich verwirren und die mich auch trennen von der Welt. Das bleibt nicht aus. Ich träume, also bin ich nicht, ich lausche den Worten um mich, also bin ich nicht, ich spiele mit den Worten um mich, also bin ich nicht, ich bin selbst eine Wolke aus Worten.

Dauernd das Surren der Adjektive um meinen Kopf, das Dröhnen der Substantive, das Schwirren der Verben, der Zickzackkurs der Partikeln. Dauernd dieses Flüstern und Raunen, ein Knistern und Zirpen, ein Sirren und Zischen, ein Hauchen, Hecheln und Atmen, ein Schnurren, Schluchzen und Glucksen, ein Gurren und Zwitschern, ein Rauschen, Rieseln und Rattern, ein Knirschen und Quietschen, ein Scharren, Krächzen und Krähen, ein Winseln, Fauchen, Pfeifen und Röcheln, ein Ächzen, Knacken und Knattern, ein Rascheln, Glucksen und Kichern, ein tiefes Klingen und Schwingen, ein rauhes Rufen und gesättigtes Stöhnen, ein erstickter Schrei manchmal, ein Winseln, Fauchen und Jaulen, ein Jammern, Heulen und Schreien, ein Jauchzen, Jubeln und lautes Lachen. Die Worte halten nicht still, bleiben nicht ruhig, sie flattern, flirren und züngeln an mir und hüllen mich so ein in ihr aufgeregtes Umherfliegen, schreien mir in die Ohren. Sie liegen wie Dunst um mich, wie Nebel, wie Watte, die mich verpackt, wie eine Glasglocke, die mich abschottet, wie ein Meer, das mich endlos umrauscht, wie eine Mauer, wie eine Feuerwand.

Das ist der einzige Grund zu schreiben. Ich kann mich auf nichts sonst konzentrieren. Ich kann nicht sprechen und nicht zuhören, weil diese Wolke aus Worten jedes gesprochene Wort übertönt. Ich kann mit nichts sonst umgehen als mit Worten und mir nichts sonst merken. Vielleicht ist es noch nicht bedenklich, dass ich die Geburtstage meiner Eltern nicht kenne, erstaunlich ist aber, dass ich meinen eigenen einfach nicht behalten kann. Mein Glück war, dass ich schon im Kindergarten ein Mädchen kennenlernte, das genau am selben Tag wie ich geboren worden war. Immer wenn ich von anderen Kindern gefragt wurde, wann mein Geburtstag sei bzw. diese Frage im Rufen der Worte um mich her erahnte, verwies ich sie nach einem kurzen, unangenehmen Moment, in dem mir mein Unwissen schmerzlich bewusst wurde, einfach an meine Freundin, die ohne weiteres Auskunft geben konnte. Mit ihr verstand ich mich stumm. Sie blieb meine Freundin und Klassenkameradin, ohne sie wäre meine Schullaufbahn – vor allem in sozialer Hinsicht – wohl anders verlaufen.

Denn eben so wenig wie Geburtstage konnte ich mir schon immer Namen ins Gedächtnis rufen, nichts half, ich sah nur Gesichter, die mir bekannt vorkamen, aber in diesem Moment stürzten derartig viele mögliche Namen aus der mich umschwirrenden Wortwolke auf mich ein, dass ich mich unmöglich entscheiden konnte. Dann fragte ich meine Freundin, manchmal nur mit einem Blick. Sie flüsterte mir ins Ohr, nur Worte, keine ganzen Sätze, denen ich nicht hätte folgen können. Wenn sie mit mir sprach, war ich durch nichts sonst abgelenkt. Sie stellte sich neben mich und sprach für mich, ich brauchte nur zu lächeln. Ich weiß nicht, warum sie mir über all die Jahre erhalten blieb und mir nicht den Dienst quittierte und die Freundschaft kündigte. Heute denke ich, dass sie nie etwas zurückbekommen hat für ihre für mich so kostbaren Dienste. Dennoch blieb sie einfach an meiner Seite. Vielleicht war sie schlichtweg fasziniert von meiner Skurrilität, nur angezogen von dem Gedanken, wie sehr sie mir in vielerlei Hinsicht überlegen war. Vielleicht mochte sie mich gar nicht. Vielleicht hatte sie sich über die Jahre einfach an mich und an ihre Unabdingbarkeit für mein Leben gewöhnt.

Zu Schulzeiten fiel es nicht weiter auf, dass ich mich nie ohne sie in Gesellschaft begab, dass ich mit ihr tuschelte, um mich an wichtige Informationen über Menschen zu erinnern, die ich eigentlich längst hätte kennen müssen. Ich weiß nicht, wie das ihr und anderen Menschen gelingt. Sind ihnen die Worte nicht so nah wie mir, halten sie einen größeren Abstand? Oder sprechen sie nur nicht so laut mit ihnen? Raunen die Worte den anderen nur ganz leise ins Ohr und sind so eine Hilfe und Unterstützung, während sie bei mir so viel Lärm schlagen, dass sie alles andere übertönen? Ich kann mich auf kein Gespräch konzentrieren, ich kann Menschen einfach nicht dauerhaft zuhören. Und das nicht, weil ich sie für unsympathisch hielte – ich bin kein Misanthrop und Kulturpessimist, der der Meinung wäre, heutzutage seien alle Menschen dumm und redeten nur blödes Zeug.

Nein, oft möchte ich Menschen wirklich zuhören, sie sind mir angenehm, sie schmeicheln meinen Augen, ich mag ihren Geruch und bin ehrlich interessiert an ihnen. Aber ich kann nicht, ich kann einfach nicht. Wenn ich es versuche, dann beginnt sich langsam ihr Gesicht von ihrer Stimme zu trennen, auf eine grausame Weise schält sich für mich Haut, Nase, Augen und der sich bewegende Mund von der Person. Das Gesicht löst sich für mich sichtbar ab von dem, was ich für ihr Selbst halte, ihr Gesicht wird zu einer Maske, die sich komisch bewegt, die Augen leer und tot, ohne Person dahinter, ihre Stimme wird dann unverständlich für mich. Die Stimme kommt nicht mehr aus dem Menschen, dessen Totenmaske ich sich vor mir bewegen sehe, sondern wird zu einer metallenen Automatenstimme. Ich kann den Sinn ihrer Worte dann einfach nicht erfassen, die Worte um mich beginnen lauter zu flirren und schließlich zu schreien und ich muss mich erschreckt abwenden.

Ich erinnere mich noch an viele Gespräche mit meiner Freundin an meiner Seite, sie unterhält sich normal mit anderen und ab und zu flüstert sie mir Dinge ins Ohr, mit wem ‚wir‘ da sprechen, wie sie heißen, was sie machen, woher ich sie kennen müsste und ich versuche die Worte dieser Menschen zu verstehen, die gegen die mich umgebende Wortwolke anschreien, ohne es zu wissen und zu bemerken. Ich versuche so sehr zuzuhören, aber dann sehe ich wieder die Masken, in die sich ihre Gesichter verwandeln und ich muss mich abwenden, ich muss wegsehen und ich muss weghören, um diese Trennung von Mensch und Stimme, von Person und Gesicht ertragen zu können. Damit sind Gespräche zumeist beendet, die Wortwolke hat mich wieder.

Weghören ist dafür etwas, was ich ausgesprochen gut beherrsche. Stimmen anderer kann ich immer einfach ausknipsen, ich nehme sie dann gar nicht mehr wahr, sie sind weit fort, ich bette mich in die Worte um mich wie in Watte, um nichts mehr zu hören als ihr Surren und Schwirren, um nur noch in Gedanken nach schöneren Worten zu suchen und schöne Sätze zu bilden. Ich tauche ein in meine Wortwolke und tauche unter darin, versinke in den Worten wie in einem Meer aus Watte, das mich abschirmt gegen die Welt. Meine Eltern verzweifelten daran, dass ich so gekonnt nicht zuhören konnte und wollte, meine Lehrer verzweifelten daran, dass ich ihre Stimmen ausknipste und den Unterricht zwar nicht störte, aber auch vollkommen teilnahmslos an mir vorübergehen ließ, nur mit mir selbst beschäftigt oder lesend.

Lesen hatte ich mir schon mit vier Jahren selbst beigebracht und Lesen war meine Rettung. Lesen ermöglichte es mir nicht nur, trotz allem einigermaßen gute Leistungen in der Schule zu erreichen, obwohl ich nicht zuhören konnte. Ich las die Schulbücher und die Hefteinträge meiner Freundin und die Tafelanschrift und sonst alles, was mir in die Hände fiel. Mündlich hatte ich immer schlechte Noten, weil ich die Fragen nicht verstand und weil ich mich im Lärm meiner eigenen Antworten verhedderte. Aber schreiben konnte ich und schriftlich gehörte ich so in den meisten Fächern zu den besten. Das bewahrte mich auch vor der Sonderschule oder Fördermaßnahmen, die bei mir keinerlei Sinn gehabt hätten. Ich galt einfach als hochbegabt und komisch und irgendwann wollte mir niemand mehr helfen.

Lesen und Schreiben waren aber auch sonst die Rettung für mich. Wenn ich die auf Papier gestreuten Buchstaben mit den Augen verfolge oder wenn sich nur die Spitze meines Stiftes dem Papier nähert, dann ist es, als würde die Wolke an meiner Seite niedersinken, als würden die Worte neben mir zu Boden fallen wie dunkle Schneeflocken. Schwarz auf Weiß verstummt jedes sonstige Geraune und Gekicher, alles Flüstern und Schreien der Worte um mich. Es genügt die Annäherung meines Stiftes an das Papier und die Konzentration vor dem Ansetzen, es genügt das Aufklappen eines Buches und die Annäherung meiner Pupillen an die Schriftzeichen und alles wird still. Ich konnte ganz meisterlich lesen und schreiben und ich tat es wann immer ich konnte. Die Stille ist herrlich. Ich schwelge im Schweigen der Worte um mich, bei gleichzeitiger Konzentration auf andere, die ich lese, die ich schreibe, die ich dadurch aber kontrolliere. Die nur aufstehen und sprechen, wenn ich sie dazu auffordere, die sich nur zu Wort melden, wenn ich es will, die sich meinem Willen unterwerfen und nicht vor sich hinschnattern und rattern, ohne dass ich es beeinflussen kann. Die sich meinem Willen und meiner Vorstellung von einem Satz beugen. Wie gesagt, so bald ich dazu fähig war, las und schrieb ich so oft ich konnte. Dann war und bin ich glücklich. Einfach nur zufrieden und ich selbst. Bei mir und nicht getrennt. Dann bin ich nicht betäubt. Pures Bei-Sich-Sein, pures Glück.

Meine Pubertät war eine etwas unglücklichere Phase. Ich verliebte mich und wusste noch nicht um die Probleme, zu denen dies in meinem speziellen Fall führte. Ich verliebte mich in Jungen oder Mädchen, die ich sah, wenn ich vom Schreiben aufblickte. Wenn dann mein Blick für einen kurzen Moment auf einen mir schön, makellos erscheinenden Menschen fiel, egal ob männlich oder weiblich, dann verliebte ich mich sofort oder tat das, was ich dafür hielt. Ich verliebte mich in jeden schönen Menschen, den ich traf, egal welchen Alters, und ich versuchte daraufhin jedesmal sofort, mich ihnen schreibend anzunähern. Nach jenem kurzen Aufblicken und dem Moment des Verliebens während des Schreibens begann etwas, was man nur als ‚Andichten‘ bezeichnen kann. Ich senkte dann den Blick wieder, bevor das Surren der Wortwolke noch einsetzen und meine Ohren betäuben konnte und begann, die erblickte Person mit Metaphern zu belegen, so viele mir nur einfielen, sie zu beschreiben wie ich sie in jenem kurzen Moment wahrgenommen hatte, wie ich sie eingesogen hatte in jenem kurzen Augenblick des Schweigens der Worte. Um die Wolke, die mich von der Welt und damit auch von dem von mir geliebten Menschen trennen konnte, am neuerlichen Aufsteigen zu hindern, schrieb ich wie besessen los, schrieb ich alles nieder, was mir zum Geliebten einfiel. Ich schwelgte im Schreiben, im Andichten des Geliebten und schwelgte zugleich im Schweigen jenes Wortmeeres, dessen Rauschen sonst die Liebe vergessen gemacht hätte.

Dieses Vorgehen hatte niemals den gewünschten Erfolg. In sehr seltenen Fällen vergaß ich, blind und stumm vor Liebe, bei einem erneuten Auf- und Erblicken der geliebten Person das Schreiben, ich starrte sie einfach nur an, während sich die Worte wie Wände langsam wieder um mich erhoben. So vertieft war ich dann in den Anblick, dass ich die Worte erst bemerkte, wenn sie wieder über meinem Kopf zusammenschlugen und jede Interaktion, geschweige denn Kommunikation, unmöglich machten. Wenn mich die Geliebte jetzt ansprach, dann konnte ich sie nur wie ein Wahnsinniger anblicken, ich schwieg, ich konnte nichts sagen, nicht zuhören, die Worte umtosten mich lauter denn je, brandeten auf im Rhythmus meines irrwitzigen Herzschlags und ich konnte mich nur, stumm zur Seite blickend und mich abwendend, in die geschriebene Sprache retten. Hatte mich das Geliebte aber einmal angesprochen, so war dessen Entzauberung vollzogen und alle Liebe dahin, ich hatte seine Maske gesehen und die grausame Leere dahinter und konnte nichts mehr Schönes an diesem Menschen finden. Eine peinliche, aber immer noch relativ schmerzlose Art des Liebens in jener Zeit.

Schlimmer war es, wenn ich den Geliebten andichtete und das Schicksal – oder ein gemeinsamer Klassenkamerad – die Ode an die Liebe jener Person in die Hände spielte. Die Begeisterung über mein Geschriebenes blieb meist aus, oft reagierten sie mit Wut oder Verachtung, jedenfalls nicht positiv auf die Verehrung durch mich sozialen Krüppel, der schwülstige Verse schrieb, aber zu einem Lächeln nicht fähig war. Eine junge Lehrerin, die ich im Unterricht andichtete und die mir dabei über die Schulter in mein Heft blickte, gab mir einmal eine Ohrfeige, rot vor Wut, vor der ganzen Klasse. Ich muss zugeben, dass meine Metaphern nicht immer dezent waren und dass ich mit ihnen gerne auch sinnliche Freuden jeder Art ausmalte. Dennoch überraschte mich die Vehemenz, mit der sie mir meinen Schreibblock aus der Hand riss, Seiten zerfetzte und die Überreste meines Schreibpapiers zu Boden warf, um auch noch darauf herumzutrampeln. Sie war noch schöner in jenem Augenblick. Und die Wortwolke schwieg einen Moment und ließ mich sie in völliger Verzückung ansehen. Sie war so empört über meinen Blick, dass sie mir noch eine Ohrfeige gab. Die schlimmste Art des Liebens zu jener Zeit. Noch lange war ich in diese Lehrerin verliebt, aber seitdem erwähnte ich dies mit keinem Wort mehr, ich schrieb nichts mehr über sie, sie blieb von mir unbeschrieben.

Ich dachte viel an Berührungen zu jener Zeit, an Haut und an Küsse, ich träumte davon, ganz im Gefühl aufzugehen, eine andere Person still zu streicheln. Nicht reden zu müssen, nichts hören zu müssen, nur zu tasten und zu spüren und zu küssen. Ich hatte die leise Ahnung, dass die Worte dann schweigen müssten, nur eine Weile lang.

In den allermeisten Fällen hatte meine Methode mich zu verlieben jedenfalls ausschließlich unerfreuliche Folgen. Selbst wenn meine unziemlichen Metaphern nämlich unentdeckt blieben, dann blieb andererseits auch meine Liebe unentdeckt und damit völlig folgenlos. Grund für unmäßiges Leiden. Hierin unterschied ich mich nicht einmal sehr von meinen Altersgenossen. Nur dass ich es sofort niederschrieb. Auf das Liebes-Sonett folgte ein japanisches Todesgedicht, auf ein verliebtes Madrigal eine Elegie des Leidens, auf die Hymne auf den Geliebten ein Klagelied, auf die Ode an die Freude der Text zu einem Requiem, meinem eigenen. Ich genoss den Schmerz aber viel zu sehr, um zu handeln und den Worten Taten folgen zu lassen, auch darin meinen Altersgenossen ähnlich.

All dies änderte sich erst, als ich zu studieren begann und ihn kennenlernte. Er gefiel mir auf den ersten Blick, als ich von meiner Vorlesungsmitschrift aufsah. Natürlich studierte ich lieber zu Hause die angegebenen Bücher, als in Vorlesungen zu gehen, aber diese Einführungsvorlesung im ersten Semester Germanistik war Pflicht. Was hätte ich auch sonst studieren sollen, die ich Literatur aller Epochen und Gattungen verschlang wie andere ihr Abendessen nach einem anstrengenden und entbehrungsreichen Tag? Für ihn war Germanistik nur ein Nebenfach, das er bald wieder aufgeben sollte, um sich ganz und gar der Hauptsache zu widmen: der Musik. Aber jetzt saß er vor mir und sah sich um, er wollte mich etwas fragen. Aber er verstummte sogleich wieder, als er meinen begeisterten und dennoch ängstlichen Blick auf sich spürte. Ich hatte solche Furcht, ihn sofort wieder zu verlieren!

Er war so schön! Er hatte blonde, kurze Locken und tiefgrüne, strahlende Augen, helle Haut und die allerfeinsten Gesichtszüge. Beim Sich-Umwenden hatte er eine Hand auf die Rückenlehne gelegt und ich sah seine unglaublich langen und feingliedrigen Finger, ich sah den zarten, blonden Flaum auf seinen schmalen Pianistenhänden, seine ganz kurzen Nägel, die minimalen Verdickungen an den Gelenken seiner Fingerglieder, die Sehnen die auf seinem Handrücken hervortraten und mit den bläulich durch die Haut scheinenden Adern spielten, die Eleganz seiner Handhaltung und ich war rettungslos verloren.

Und als erster muss er meine Hilflosigkeit und Furcht gespürt haben, denn er verstummte sofort wieder und auch er sah mich nur an, sprachlos. Er drehte sich wieder nach vorn und wie verzaubert blickte ich jetzt auf seinen Nacken, die seitlichen Muskelfasern, die sich beim Vorbeugen des Kopfes anspannten, auch sein Nacken unter den Locken blond beflaumt und diese unheimlich zarte, weibliche Haut, die ich nur noch berühren wollte. Er schrieb etwas. Riss dann ein Eck Papier aus seinem Schreibblock, drehte sich zu mir – langsam – und gab mir das Zettelchen, auf dem nur ein Wort und ein Satzzeichen zu lesen waren: „Nachher?“ Und ich, wie erlöst, brauchte nur noch zu nicken, nicht zu sprechen, nichts zu fragen, nichts zu antworten.

Mit dem Rest der Vorlesung folgte die längste Stunde meines Lebens, in der ich ihm nur auf den Nacken sah und auf seine Hände, wie sie schrieben. Niemals hatte ich jemanden mit so schönen Bewegungen schreiben sehen, seine Kinderschrift auf das Papier setzen sehen, niemals so schöne Finger so elegant einen Stift führen sehen, niemals so sehr nur dem Kratzen einer fremden Feder auf dem Papier gelauscht. Und die mich umschwirrenden Worte schwiegen. So sehr war ich in seiner Bewegung, in seinem Schreiben, dass sie nicht wagten, meine Beobachtung zu unterbrechen. Das Schweigen der Worte kam durch sein Schreiben, durch ihn, zu mir hinüber.

Nach der Vorlesung packten wir synchron mit einer unheimlichen und eifrigen Geschwindigkeit zusammen, er nahm mich mit größter Selbstverständlichkeit an der Hand und führte mich, die ich ihm um ein weniges nachfolgte, wortlos hinaus. Neben mir, zwei Köpfe größer als ich, ein großer Mann und doch kindlich mit der Länge seiner Glieder, mit der Schlaksigkeit seiner Bewegungen, mit seiner nicht ganz schlanken Statur und dem jungenhaften Blond, dem Sprühen seiner grünen Augen. Schräg von unten blickte ich zu ihm auf und ließ mich mitnehmen, sah nicht auf den Boden, nicht wohin wir gingen, stolperte ein wenig, hingerissen von ihm und von seinem immer noch andauernden Schweigen und vom Schweigen der Worte um mich. Er führte mich in einen anderen Trakt der Universität, in ein winziges, fensterloses Zimmerchen, vielleicht zwei Quadratmeter groß, in dem ein Klavier stand, zwei Stühle, sonst nichts. Er schloss die Tür hinter uns, immer noch hatte keiner von uns beiden ein Wort gesprochen, er nahm meine Hände in seine, ich fühlte sie knistern bei dieser ersten Berührung, für die Ewigkeit einer Sekunde sah er mir in die Augen, dann ließ er mich wieder los, wies mich mit einer Kinnbewegung zu einem der Stühle, auf dem ich mich niederließ und setzte sich selbst ans Klavier.

Er setzte sich ans Klavier und improvisierte und ich hörte ihm zu. Nichts sonst. Es gab nichts einfacheres, nichts klareres, nichts schöneres auf der Welt. Er begann zu spielen und ich verstand ihn sofort, ich verstand ihn um so vieles besser, als wenn er gesprochen hätte zu mir, selbst als wenn er mir geschrieben hätte, ich verstand alles, jedes Gefühl, jede Stimmung, jede Schwingung, jede Nuance seines Wesens, die Geschichte seines Lebens, alles lag direkt und klar vor mir, alles lag in seinem Spiel. Die Wortwolke sortierte sich unter seiner Musik, sie schwebte ganz ruhig und gemessen um mich her, langsam, leise, harmonisch, im Takt der Musik und ab und zu trat ein Wort ganz unaufdringlich hervor und sagte mir, was er mir gerade sagen wollte. Die Worte flogen in unheimlicher, leichter Harmonie um mich, so wie seine graziösen Hände über die Tastatur flogen. Ich musste nur zuhören und verstand und ich wusste, dass er wusste und empfand, wie sehr ich verstand. Wir hatten jedes Zeitgefühl verloren, nichts existierte mehr außerhalb dieses kleinen Raumes, nur er und ich und das Klavierspiel. Ich war ganz vertieft in ihn und die Worte, die ihn beschrieben, die er mir sagte durch die Musik, mit der er mir sich und die Welt erklärte, als er aufhörte zu spielen.

Wir liebten uns noch dort, auf dem Boden dieses kleinen, fensterlosen Musikzimmers, zu Füßen des Klaviers, das mir seine Geschichte erzählt hatte. Alles war so einfach und klar zwischen uns, aus der Einfachheit entstand Harmonie und aus der Harmonie Schönheit.

Ich kenne weder seinen Namen noch seinen Geburtstag. Er ist bald darauf bei mir eingezogen, und zwischen uns blieb alles so selbstverständlich. Will ich ihm etwas sagen, dann schreibe ich ihm, er liest und versteht. Die Alltagsfragen beantwortet er mir mit kleinen Zetteln: „Was willst Du heute essen?“, „Erdbeereis“ etwa oder „Ja, ich liebe Dich“. Will er mir mehr erzählen, setzt er sich ans Klavier und ich höre ihm zu. Es funktioniert. Wir verstehen uns. Wir akzeptieren uns gegenseitig in unserer Sprachlosigkeit und Fülle an andersartiger Sprache und Ausdrucksform. Auch er spricht nicht gerne, auch er kann sich anders besser ausdrücken: in der Musik, so wie ich im Schreiben. Meine Wortwolke beruhigt sich, wenn er spielt und sie schweigt, wenn er schweigt. Sie ist ganz stumm, wenn ich ihm stumm gegenüber stehe.

Und wenn ich ihn umarme und seine zarte, helle Haut mit blondem Flaum berühre, an meiner fühle, wenn ich seine schönen, schlanken Pianistenhände meinen Körper streicheln spüre, wenn sich unsere Lippen treffen und ein wenig öffnen, dann habe ich manchmal das Gefühl, als würde sich auch die Wortwolke ganz leise ein wenig öffnen und ihn einlassen zu mir, sich nicht mehr zwischen uns stellen, sondern die Arme um ihn breiten und um ihn legen, genauso wie ich es tue. Das Schreien der Worte wird zum Rauschen eines fernen Wasserfalls, das uns beide einschließt und vereint. Ich bin glücklich. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Ich bin absolut glücklich. Ich habe nichts zu sagen, nichts zu erklären, ich will nichts verändern oder verbessern. Alles ist perfekt.

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Zu Hause

Und der unergründlichste Geruch ist der nach ‘zu Hause’. Er steigt einem in die Nase, wenn man nach dem beinahe monatelangen Sommerurlaub das Treppenhaus des Mietshauses betritt und die Koffer nach oben trägt, fast ununterscheidbar vermischt mit dem vertrauten Geräusch des Treppenknarzens, denn jede Stufe hat ihren wohlbekannten, aber in Vergessenheit geratenen Ton. Bei jedem Schritt die Treppe hinan wird der Geruch stärker. Und er schlägt einem beim Öffnen der Wohnungstür entgegen, ein etwas abgestandener Geruch nach zu Hause, der einen empfängt, auf den man gewartet und gehofft hat und den man sich doch gar nicht mehr vorstellen konnte. Man stellt die Koffer in die nächste Ecke und schnüffelt ein wenig, macht vielleicht eine Bemerkung zu denen, die mit einem in dieses ‘zu Hause’ zurückgekehrt sind, jedenfalls wird man sich bewusst, dass dieser Geruch überhaupt nur in jenem Moment wahrnehmbar ist und morgen wieder vergessen sein wird, nicht verschwunden, aber verschleiert.

Und der stärkste Geruch ist natürlich der der Kindheit, der in den man nach den Schulferien zurückkehrt, in die Wohnung welche man mit den Eltern bewohnt. Ein Stück dieses Geruchs trägt man wohl mit sich fort, wenn man auszieht, ein Stück nimmt man mit und es taucht wieder auf im neuen zu Hause, aber so intensiv wie in der Kindheit wird er niemals wieder sein. In der Kindheit, mit acht oder zehn, da setzt man sich benommen an den Küchentisch, von der langen Fahrt und weil man keine Koffer mehr tragen möchte, man atmet tief ein und versucht ein bisschen zu genießen, dass man wieder zu Hause ist, auch wenn es schwer ist und man sich ein klein wenig zusammennehmen muss, um nicht doch in Tränen auszubrechen. Man ist erschöpft von der langen Fahrt und davon, dass man sich ein wenig übernommen hat mit den Koffern, weil man dem Vater zeigen wollte, wie stark und tapfer man ist.

Man denkt an das Ferienhaus im Süden zurück und an die monatelange Hitze – zumindest erscheint es einem im Nachhinein als eine unwahrscheinliche Hitze, im Nachhinein als monatelang – an den Frieden, das Nichtstun und das lange Schlafen unter dem dünnen weißen Laken, unter dem Dach, mit den Schwalben, die einen des Morgens weckten und die man vom Fenster aus beobachtete, an das Rauschen des Meeres und die Ruhe, in der so viele Gedanken zu einem kamen. An das Liegen, Dösen und ununterbrochene Lesen vor allem, im Bett, im Sand, in der Wiese, auf einer Klippe oder auf dem Fenstersims der Burgruine. Man denkt an den Geruch des Südens, an wildwachsenden Lavendel, Rosmarin und Thymian, an den Duft des frischen Baguettes am Morgen aber auch den des Hundekots in den engen, verwinkelten Gassen des Dorfes. Und an den Duft der geteerten Straßen nach einem kurzen, warmen Gewitter. Man denkt an das Fell der Katze, in die man sich in diesem Sommer verliebt hat, an ihr Maunzen und dass man sie trotzdem nicht mitnehmen durfte. Man denkt an frische Trauben aus dem Weinberg, gestohlen und an selbst geknackte Mandeln, mit einem Stein aufgeschlagen und an die vom Baum gepflückten Feigen, die vom Strauch gezupften Brombeeren. Und man denkt an den Abschied, vom Haus, vom Dorf, von den Nachbarn, vom Sommer und den Ferien, so viele Abschiede. Man denkt an die lange Fahrt, zwölf Stunden beinahe, und die ersten Regengüsse dieses Herbstes, die einen im Stau der deutschen Autobahn begrüßten, ganz plötzlich ist es kalt und grau und Herbst. Und man beginnt sich Gedanken um die Schule zu machen, die ja bald wieder anfangen muss und die so weit zurücklag, jetzt ist wieder alles ernst und nicht mehr pflichtlos süß. Eine Weile bleibt man also benommen am Küchentisch sitzen und atmet den Geruch, der einen so glücklich-unglücklich macht, bis man sich entschließt, dass es eben weitergehen müsse.

Dann geht man kurz in sein Zimmer, alles ist wie immer, unverändert, und genau das bedrückt einen. Die Eltern packen schon aus, die Lebensmittel zuerst und man selbst soll auch bald seinen Koffer auspacken, aber genau das mag man nicht. Das wäre endgültig, der Vollzug, die Bestätigung der Rückkehr, so als wäre man nie fort gewesen, alle äußeren Anzeichen der Reise damit beseitigt. Man drückt sich also noch ein paar Stunden darum. Und dann, man ahnte es schon, kommt die nächste, immer-gleiche Hürde des Ankommens zu Hause: man solle die Post und den Briefkastenschlüssel von der Hausmeisterin holen und ihr dafür das kleine, im fremden, südlichen Land besorgte Geschenk zukommen lassen. Da ist man dann wiederum glücklich-unglücklich, denn an der Heimkehr ist nichts so spannend wie das Öffnen der Stapel an Post, die in der Ferienzeit gekommen sein müssen. Gleichzeitig beginnt man sich aber auch zu fürchten, vor der Hausmeisterin, vor dem Weg, vor dem Hund der Hausmeisterin, vor dem ganz-alleine Erfüllen dieser Aufgabe und die Eltern benötigen eine gute Portion ihrer Überredungskunst, bis man sich aufmacht.

Die Treppe hinab, durch den Innenhof, in dem immer noch dieser herbstliche Nieselregen fällt, und schon die leise Furcht, das Herz beginnt zu klopfen, wenn man das unbekannte, nur zu dieser einen Gelegenheit im Jahr betretene Treppenhaus des Hinterhauses erklimmt. Die Hausmeisterin ist nicht böse, man müsste sich nicht vor ihr ängstigen, aber man sieht sie nur selten; man spielt mit ihrem Enkel – er geht in die selbe Klasse und wohnt bei der Großmutter, von seinen Eltern weiß man nichts – im Hof und den schickt man auch den Ball holen, wenn er über die Mauer geworfen wird; und manchmal hört man die Hausmeisterin schreien, hört sie schreien und jammern, am Abend oder mitten in der Nacht, ihr Mann schreit noch lauter, die Wand zwischen Vorder- und Rückgebäude dämpft den Schall nur wenig, man liegt im Kinderzimmer und weiß nicht, was man machen, was man sich auch nur dazu denken soll; manchmal sieht man sie mit blauem Auge, mit geschwollener Unterlippe, aber man fragt sie nicht, man hat seltsamerweise kein Mitleid mit ihr, stattdessen fürchtet man sich, fürchtet sich auch vor ihr und dem, was da wohl mit ihr geschieht.

Aber man muss einmal im Jahr die Post holen und sucht im Dunkeln den Lichtschalter im fremden Treppenhaus des Hinterhauses, das so ganz anders ist, von so anderen Leuten bewohnt wird, und versucht beherzt hinaufzugehen und sich den starken Herzschlag nicht anmerken zu lassen und die Furcht. Und man drückt auf die Klingel und weiß schon den nächsten Schreck: der Hund der anfängt zu bellen, laut, man kennt keine Hunde, man mag keine Hunde, und wenn sich die Türe ein kleines Stück öffnet, dann sieht man erst die Schnauze des Hundes, zum Bellen geöffnet, und seine Zähne unter den Zotteln seines Barts. Und der Hund wird angeschrien, dass er mit dem Kläffen aufhören solle und man hat Angst, vor dem Hund, der sich durch den Spalt auf einen stürzen könnte, vor den Besitzern, die ihn zurückzuhalten versuchen und schreien, schon wieder schreien, man hat Angst. Und man sieht in den Spalt in die Wohnung und da ist der kläffende Hund und es riecht komisch, nicht nach zu Hause, komisch, es sieht unaufgeräumt aus und da steht der Mann der Hausmeisterin im Unterhemd da und sieht einen mit kleinen, missbilligend funkelnden Augen – könnte man meinen – an: “Ja?” und “Herrgott, jetzt halt‘ amal die Schnauze, Drecksviech!” zum Hund.

Dass man die Post abholen wolle und den Briefkastenschlüssel, stottert man und fühlt sich wie ein viel kleineres Kind, als man eigentlich ist. Da müsse er nachsehen, wo das seine Frau gelassen habe, brummt er und schließt die Tür erst einmal wieder, wegen dem Hund wahrscheinlich, was einen fast schon wieder erleichtert aber doch auch ein wenig unhöflich erscheint. Dann öffnet sich die Tür wiederum ein wenig und durch den schmalen Spalt wird einem eine Tüte hingestreckt: “Da müsst‘ der Briefkastnschlüssl auch drin sein…” sagt er und man bemüht sich noch eben mit ein paar freundlichen Worten das kleine Mitbringsel loszuwerden, die Herkunft aus dem Urlaubsland zu erklären und sich noch einmal herzlich für alles zu bedanken. Schließt sich die Tür endlich, dann rennt man auch schon die Stiege hinab, das Gebell des Hundes und ermahnende Gekeife des Besitzers beinahe überhörend, man presst die Tüte fest an seine Brust und trägt sie durch den Nieselregen, am immer noch stark pochenden Herzen geborgen, zurück, zurück nach ‘zu Hause’. Da, wo es heute immer noch so riecht wie zu Hause, wo man sich an den Küchentisch setzen darf und die Post sortieren, für die Eltern und einen selbst und die Urlaubspostkarten der Klassenkameraden lesen und zu Hause sein, auch wenn man der monatelangen Hitze nachtrauern mag, zu Hause sein.

Und am nächsten Tag ist der Geruch schon wieder unwahrnehmbar, bald geht man wieder in die Schule, spielt im Hof, aber der Enkel der Hausmeisterin ist nicht mehr da und man hört die Hausmeisterin nachts nicht mehr schreien und jammern, es ist beklemmend ruhig nebenan, man sieht sie überhaupt nicht mehr, die Hausmeisterin; und die Klassenlehrerin sagt, dass der Enkel wohl nicht mehr käme und in einem Heim sei und man versteht das nicht; im Haus sagt man sich, der Alte werde wohl auch bald rausgeschmissen, könne die Miete nicht mehr zahlen, gebe sein ganzes Geld für Schnaps aus und die Hausmeisterin hört man gar nicht mehr, sieht man gar nicht mehr.

Der unergründlichste Geruch ist der nach ‘zu Hause’. Wenn man eines hat.

 

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