Blütenweiß

Die Alte, deren zahnloser, zerfallener Mund an einem winzigen Zigarettenstummel saugt, hat ihr Haupt in ein grobes Tuch gehüllt, den Leib in einen riesigen beigen Männer-Regenmantel eingeschlagen. An den Füßen trägt sie Chucks, blütenweiß.

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Italienische Träume

Heute Nacht auf Italienisch geträumt.

Von der italienischen Lehrerin, die mir im Italienischunterricht immer assistiert. Im Traum mit ihr gestritten, ich weiß nicht mehr, worum.

Ich fürchte, ich war heute im Unterricht deshalb ein wenig unfreundlich zu ihr.

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Krabbengang

Manchmal tut man etwas und macht und tut und tut und kommt nicht einmal dazu zu überlegen, ob man will, was man da tut und wozu.

Wie eine winzige Krabbe im Seitwärtsgang über einen weiten Sandstrand rennt, den Blick nicht nach vorn, nicht wissend wo das Meer ist, aber hektisch die Beine kreuzend und laufend, laufend, nur laufend.

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Musik für sich

Heute habe ich mal wieder ein sehr bemerkenswertes Zitat in Alban Nikolai Herbsts Arbeitsjournal gefunden, wo dieser schreibt:

Wäre ich Musiker geworden, wäre ich zumindest latent autistisch. Das liegt daran, daß man Musik für sich ganz allein spielen kann, es kommt auf Publikum nicht an; Literatur ist anders, sie kommuniziert i m m e r, und wenn es nur mit einem „inneren Leser“ ist. Musik, selbst ausgeführte, braucht nur den, der sie spielt.

Über den Unterschied zwischen Musik und Literatur habe ich immer nur von der anderen Seite her nachgedacht, wie ihre jeweilige Technik ist, wie sie Wirklichkeit abbildet und Gefühle wiedergibt, wie sie auf den Hörer/Leser wirkt etc., nie von dorther: wer sie spielt oder schreibt. Und ANH hat Recht, scheint mir. Musik genügt sich selbst, Literatur nicht.

Allenfalls eine gewisse Art der Lyrik (natürlich keinesfalls jede!) könnte dazwischen stehen und selbstgenügsam sein wie Musik oder ein Tagebuch. Und professionelle Musiker müsste man einmal fragen, ob sie sich so etwas wie einen “inneren Zuhörer” nicht doch selbst konstruieren und vorstellen beim Spielen. Ganz abgesehen von Komponisten. Oder?

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Die Dauer des Sterbens

“Man sollte sich mit alten Menschen versöhnen, die jederzeit plötzlich sterben können”, sage ich und meine meine Großmutter.

“So schnell stirbt man nicht, Du siehst doch, wie lange das dauert”, sagt mein Vater und meint meinen Großvater.

Die Dauer des Sterbens ist unvorhersehbar.

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An den Sommer

Ich will das Summen der Bienen, das Brummen der Hummeln und das Zirpen der Bein an Bein wetzenden Grillen, ich will das unablässige Getöse der Insekten, das die heiße, staubige Luft erfüllt und zum Vibrieren bringt, ich will das Klagen der Schwalben und Gurren der flügelschlagenden, liebestrunkenen Tauben, ich will den Gesang der Nachtigallen am Wasserfall und das Fiepen der pelzigen Fledermäuse des Nachts, ich will das Glänzen der sich in der Sonne wärmenden Schlangen und das raschelnde Davonhuschen der Eidechsen, ich will das fleischig-rote Innere der blauen Feigen und die saftige Süße der Trauben vom Weinstock, ich will die Mühsal des Brombeersammelns und das unerwartet Bittere der vom Baum gepflückten Mandeln, ich will die Hitze, die mir den Leib dörrt, die Zunge beschwert und den Geist benebelt, will den Schatten eines Kirschbaums oder des harzigduftenden Pinienwäldchens, ich will den Wind, der mir das Haar zaust, die Stille nach einem Gewitter und den Duft des heißen, nassen Asphalts, ich will das Rot des trockenen, aufgebrochenen Erdreichs und sein Edelsteinfunkeln, ich will die silbrigen Olivenbäume und den Ginster, den gelben, ich will die aufsteigenden Geruchswolken von Thymian, von Rosmarin und von Lavendel, ich will das sanfte Sich-Öffnen der bunten Belles-des-nuits am Abend, will das funkelnde Fallen der Sternschnuppen aus dem weiten Nachthimmel und die lauen Sommernächte, in denen die Erde abkühlt und Kraft schöpft für die sich morgendlich immer wieder erneuernde Hitze, ich will die Spiegelung des Meers im Blau meiner Augen und seinen kühlen Wellenschlag um meinen Leib, ich will Dich, Sommer, ganz.

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Der Anfang von etwas

Ich liebe den Anfang von etwas, diese unüberbietbare Neugier und Offenheit, dieses Hungrige und Gierige, diese Unersättlichkeit, dieses Sich-Hingeben ans Neue, dieses Überwältigt-Sein, diese absolute Begeisterung und Leidenschaft.

Ich liebe das Ende von etwas, die neuerlichen Gefühlsaufwallungen und die wiedererweckte Leidenschaft, die Befriedigung oder Tragik, den Schmerz und die Tränen oder das Glück und den Erfolg, die Ergebnisse und Entscheidungen, die den Weg wieder ebnen für den Anfang von etwas.

Nur das in der Mitte, das dazwischen, das Laue, ist mir oft unerträglich.

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Großmutter

Meine Großmutter sagte früher immer über sich und meinen Opa: "Wenn einer von uns mal stirbt, dann ziehe ich in unser Wochenendhaus aufs Land." Sie ist lange vor ihm gestorben.

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Draußen

Ich habe meine Gedichte in einen Umschlag gesteckt,
dunkel und tief,
ihn zugeklebt und sie hinaus geschickt in die Welt,
ganz alleine
und jetzt fürchte ich, dass sie frieren und sich fürchten.
Hätte ich doch besser ein gepolstertes Kuvert genommen,
in dem sie warm und weich ruhten,
aber jetzt sind sie draußen in Sturm und Kälte, der wiedergekehrten,
und ohne mich.
Doch sie sind zu zwölft und wie auf der Arche von jedem zwei,
sie liegen Wange an Wange miteinander
und können sich sanfte Worte zuflüstern,
Melodien ins Ohr hauchen,
sie können sich aneinander kuscheln und wärmen,
meine zwölf Gedichte,
darauf hoffe ich.

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Grimassen

Die alte Frau, die mir entgegenkommt, mit so angestrengtem, verkniffenen Gesicht, jeder Gesichtsmuskel ist angespannt, als müsse sie gegen starken Wind anrennen, so dass ich ganz erstaunt schaue und höre, wo er denn sei, dieser Sturm, gegen den sie kämpft, aber ohne Ergebnis. Und die Alte an der Supermarktkasse, die immer wieder die Lippen nach oben und unten auseinander zieht wie ein böser Hund seine Lefzen, wie ein Tier, das die Zähne bleckt, aber bei ihr ist es nicht bedrohlich, denn sie gibt nur die Sicht frei auf ihre lückenhaften, krummen Zahnreihen, dann schließt sie die Lippen wieder, nur um sie gleich darauf wieder krampfhaft zurückzuziehen. Wieso diese Grimassen? Es muss anstrengend sein, das Leben der alten Damen.

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