Draußen

Ich habe meine Gedichte in einen Umschlag gesteckt,
dunkel und tief,
ihn zugeklebt und sie hinaus geschickt in die Welt,
ganz alleine
und jetzt fürchte ich, dass sie frieren und sich fürchten.
Hätte ich doch besser ein gepolstertes Kuvert genommen,
in dem sie warm und weich ruhten,
aber jetzt sind sie draußen in Sturm und Kälte, der wiedergekehrten,
und ohne mich.
Doch sie sind zu zwölft und wie auf der Arche von jedem zwei,
sie liegen Wange an Wange miteinander
und können sich sanfte Worte zuflüstern,
Melodien ins Ohr hauchen,
sie können sich aneinander kuscheln und wärmen,
meine zwölf Gedichte,
darauf hoffe ich.

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Grimassen

Die alte Frau, die mir entgegenkommt, mit so angestrengtem, verkniffenen Gesicht, jeder Gesichtsmuskel ist angespannt, als müsse sie gegen starken Wind anrennen, so dass ich ganz erstaunt schaue und höre, wo er denn sei, dieser Sturm, gegen den sie kämpft, aber ohne Ergebnis. Und die Alte an der Supermarktkasse, die immer wieder die Lippen nach oben und unten auseinander zieht wie ein böser Hund seine Lefzen, wie ein Tier, das die Zähne bleckt, aber bei ihr ist es nicht bedrohlich, denn sie gibt nur die Sicht frei auf ihre lückenhaften, krummen Zahnreihen, dann schließt sie die Lippen wieder, nur um sie gleich darauf wieder krampfhaft zurückzuziehen. Wieso diese Grimassen? Es muss anstrengend sein, das Leben der alten Damen.

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Archäologie

Was ich mir immer wieder überlege, wenn ich über archäologische Funde lese, bei denen neben der Herdstelle, also mitten im Wohnzimmer, Scherben, kaputtes Werkzeug und haufenweise abgenagte Knochen gefunden werden: haben die Leute denn damals ihren Müll nicht vor die Tür gebracht? Alles Messies, oder wie?

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Krümmung

Die alte Dame in der mausgrauen Jacke, deren Stoff zwischen den Schultern gedehnt wird von ihrem großen Buckel, der sie niederdrückt und krümmt, den Oberkörper fast waagerecht hinabpresst, sodass sie nicht geradeaus blicken kann, nur nach unten, hin zu den rentnerbeigen Stiefeln, die sie modisch über der Hose trägt und die einen zehn Zentimeter hohen Absatz haben. Sie geht darauf mit langsamen, prüfenden Schritten voran, sie stöckelt unsicher dahin, stolziert aber auch, als wolle sie dem Buckel, der sie niederdrückt, zum Grab hin, auf das sie zuschreitet, eins auswischen, etwas entgegensetzen, immerhin zehn Zentimeter.

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Außer Kontrolle

Diese unbegründete Furcht, in Bibliotheken oder an anderen ganz stillen Orten, plötzlich laut zu sprechen oder laut zu lesen oder überhaupt ein unkontrolliertes Geräusch von mir zu geben, ohne es selbst zu bemerken, lässt mich immer wieder aufsehen, ob mich andere gerade mit seltsamen Blicken mustern.

Diese irrationale Angst, im Kino, im Theater bei laufender Vorstellung mit einem Mal aufspringen, hinausrennen oder gar laut schreien, Worte rufen zu müssen, weil etwas ausbräche aus mir, lässt mich immer wieder die Armlehnen des Sessels umklammern, als müsste ich mich notfalls an ihnen festhalten. 

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Hundert

Die ungefähr hundert Centimeter kleine und ungefähr hundert Jahre alte Französin, ganz zerknittert, schlank, elegant, mit wildem weißen Haar, die auf dem Odeonsplatz ihre Freundin oder Tochter lauthals und energisch anfährt: "Mais si, alors…" oder war’s: "Mince alors"? Hellwacher und energiegeladener, selbstbewusster und würdevoller kann man kaum sein, das ist doch ein Trost

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Opfer der Maskerade

Ein pummeliges altes Weiblein, dessen Kopfhaut unterm dünnen, fliegenden Haar freiliegt, dessen knittriges Gesicht von zentimeterdicker Schminke mühsam zusammengehalten scheint, zu greller Lippenstift, zu blauer Lidschatten und kreisrunde Rouge-Flecken auf den Wangen, zu dunkel, zu rot, zu kräftig, zu rund. Opfer der weiblichen Maskerade bis ins Alter, was sie selbst wohl im Spiegel sieht, ob sie sich schön erscheint statt lächerlich, ich wünsch’ es ihr.

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Fang mich

Gestern Kinder kurz beim Fangen-Spiel beobachtet – wie lang schon nicht mehr? Wie sie liefen und sich umspielten und umkreisten und auswichen und antäuschten und Haken schlugen und die Fangenden immer die Arme vor den Körper gestreckt hielten, den Oberkörper nach vorn geneigt, den anderen entgegen und die zu Fangenden ihren Schritt verlangsamten für die Kleineren, wie die Kinder sich zuriefen und lachten und kicherten und sich ihre Wangen röteten in der Winterluft.

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Sommersummen

Nur ein Motoren- oder elektrisches Werkzeuggeräusch von weit draußen dringt kurz und gedämpft durch die Balkontür.

Aber ich höre: das Summen einer Hummel nah an meinem Ohr. Ich fühle: Sommersonne warm auf meiner bloßen Haut, da ist Vogelzwitschern und Duft nach Sommer, süß und hitzig, da ist Lust auf ein Picknick oder eine Fahrt ans Meer und ich will sie streicheln, die dicke, pelzige Hummel mit ihrem tiefen Brummen, meinen Sommerboten.

Ich blicke durch die Balkontür und es ist ein kaltklarer, stiller Wintertag mit kühlem Sonnenschein.

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Lieblingsmensch

Der erste Eintrag, das erste Gedicht dieses Jahres: Dich atmen, ist für meinen Lieblingsmenschen, dem ich dieses Blog verdanke und noch so vieles mehr und der mich aushält, obwohl das nicht immer leicht ist. Und auch dieses Gedicht ist für den Lebensmenschen, auch wenn es nicht an einem 23.12. geschrieben wurde, aber daran gedacht habe ich unter anderem. Dieses Gedicht und diese Geschichte waren natürlich auch für ihn.

Neu ist inzwischen auch das Gedicht Du sollst für denselbigen…

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