Literaturblogs

Eigentlich wollte ich das ja schon auf dem FrauenBarCamp erzählen. Da war dann aber keine Zeit und kein Raum mehr zur Verfügung. Also hole ich es jetzt einfach als Artikel hier nach: Die Vorstellung einiger Literaturblogs. Das bedeutet, dass ich nicht theoretisch danach fragen werde, was ein Literaturblog ist, sein kann und wie man ihn definiert, was genau sich nun Literaturblog nennen darf und was nicht. Das können andere sicher viel besser. Es bedeutet einfach, dass ich einige Blogs hier verlinken und kurz beschreiben möchte, damit sich Interessierte gegebenenfalls von dort aus auch weiterklicken können. Natürlich eine höchst subjektive Auswahl.

Aber zuerst: was ist für mich ein Literaturblog, welche Art von Blog führe ich hier an? Ich verstehe darunter zunächst einmal keinen Bücher-Rezensionsblog wie z.B. Liisas Litblog oder auch den Lesekreis. Ich verstehe darunter auch nicht das Tagebuch eines Schriftstellers, wie wir es etwa beim “Leipzig-Tagebuch” von Else Buschheuer (u.a. Autorin von Ruf! Mich! An!) haben. Erstens erzählt sie hier ausschließlich Geschichten aus ihrem Leben und kommentiert ihren Alltag. Auch wenn das sogar schon in Buchform erschienen ist, für mich sind das keine literarischen Texte im engeren Sinne. Außerdem kann man sich sogar streiten, ob das ein Blog ist: man kann nicht kommentieren! Für mich ist das aber ein Definitionselement, das ganz elementar zu einem Blog gehört.

Was ich also unter Literaturblogs verstehe, das sind “Literarische Blogs”, also Blogs, auf denen literarische Texte (Lyrik oder Prosa) veröffentlicht werden. Das muss nicht ausschließlich der Fall sein (natürlich sind meist auch persönliche Texte eingestreut), aber doch überwiegend. Natürlich ist das eine winzige Nische in der (in Deutschland) ohnehin nicht so großen Blogwelt. Hier wird kein Geld verdient, hier finden sich relativ wenige Leser, hier kommt niemand in die Blogcharts. Die Frage, die sich nun also stellt: Wie findet man literarische Blogs?

Ein möglicher Startpunkt ist trotz allem immer noch das Online-Magazin mindestenshaltbar, das bedauerlicherweise im Mai 2008 eingestellt wurde. Trotzdem findet man hier jeweils zu einem bestimmten Thema literarische Texte von Bloggern und Bloggerinnen. Die Blogs dieser Autoren sind wiederum verlinkt, so dass man sich hier schon einige interessante Literaturblogs zusammensammeln kann. Mindestenshaltbar wurde erst von Katharina Borchert geführt, dann von DonDahlmann übernommen und von knallgrau betrieben, bis diese keine Lust mehr hatten. Das ganze ist magazinmäßig aufgezogen, glänzte jeweils durch eine tolle Grafik, setzte sich bei jeder Ausgabe ein bestimmtes Thema und außerdem gab es Podcasts zu ausgewählten Beiträgen.

Wie gesagt: tot, leider. Eine “lebendige” Sammelstelle für Literaturblogs findet man unter Litblogs.net, die schließlich im Untertitel schon “literarische Weblogs” heißen. Dort sind die Feeds von momentan 17 selbständigen literarischen Blogs versammelt. Das Projekt wurde 2004 von Markus A. Hediger und Hartmut Abendschein gegründet und gedeiht und wächst seitdem sanft vor sich hin. Die Feeds aller Blogs sind dort direkt als Paket abonnierbar. Es lohnt sich wirklich, dort zu stöbern!

Einer der dort vertretenen Autoren ist Alban Nikolai Herbst mit seinem Weblog Die Dschungel. Alban Nikolai Herbst heißt eigentlich Alexander von Ribbentrop und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Bekannt wurde er wahrscheinlich vor allem durch einen “Literaturskandal”, gegen seinen Roman “Meere” hatte eine ehemalige Gefährtin 2003 eine einstweilige Verfügung erwirkt. Alban Nikolai Herbst (kurz auch ANH genannt) bloggt seit 2004 und nennt sein Blog auch “seinen Roman”. Dieser heißt nicht umsonst “Die Dschungel”, denn der Aufbau der Seite mit all den Unterkategorien und mit all den anderen Autoren, die neben ANH selbst auf “Die Dschungel” schreiben, ist höchst kompliziert und verschachtelt und außerdem von einer Vermischung von Fiktion und Realität gekennzeichnet. Das sollte einen vom Lesen aber keinesfalls abhalten. Auf der Hauptseite finden sich jeweils eigene und fremde Texte, aber manchmal auch Gedichte, die noch überarbeitet werden. Die Überarbeitung durch und nach Kommentierung wird so sichtbar, was ein höchstspannender Prozess ist. Außerdem gibt es Albans Arbeitsjournal, aus dem ersichtlich wird, dass der Arbeitstag des Autors jeweils gegen 5:30 Uhr beginnt. Auch als Mittel zur Selbstdisziplinierung gedacht (wenn ich das richtig verstanden habe), erfährt man dort, woran Alban arbeitet, welche Musik er hört und auch einiges aus seinem ganz persönlichen Leben. Mehr dazu kann man auch in der Rubrik Tagebuch lesen, wo allerdings nicht nur Alban selbst, sondern auch verschiedene andere Personen (von denen man nicht so genau weiß, ob es sie wirklich gibt) schreiben, die Identitäten bleiben unklar, was ja aber auch ganz reizvoll ist. Ein interessantes Projekt war auch Albans Werkstatt, eine virtuelle Literaturwerkstatt, die er in Zusammenhang mit seiner Poetikprofessur in Heidelberg begonnen hatte. Hier konnte jeder seine Texte einstellen, entweder einfach so oder zu einem gestellten Thema und Alban lektorierte und verbesserte. Sehr hilfreich und ein herausragender Service. Das Ganze ist inzwischen ins “Virtuelle Seminar” der Uni Heidelberg verlegt worden, sicher auch einen Besuch wert!

Weitergehen soll es jetzt mit Sudabeh Mohafez, einer in Teheran geborenen Schriftstellerin, die in Stuttgart lebt und schon mehrere Erzählungen und einen Roman veröffentlicht hat. 2008 war sie für den Bachmannpreis nominiert, ebenfalls 2008 erhielt sie den MDR-Literaturpreis. Ihr Blog heißt ganz bescheiden “zehn zeilen – eukapirates versucht sich an der kleinen Form”. Sie schreibt hier in unregelmäßigen Abständen jeweils 10 Zeilen nach der Methode: maximal 10 Minuten schreiben, maximal 2 Mal überarbeiten. Mit immer wieder interessanten Ergebnissen.

Auch Benjamin Stein, der in München lebt, hat schon Preise erhalten, unter anderem für seinen Roman “Das Alphabet des Juda Liva”, 1993 hat auch er am Bachmannwettbewerb teilgenommen. Auf seinem Blog Turmsegler erscheint ein Mix aus Rezensionen, aus Gedichten und Zitaten anderer Schriftsteller mit Kommentar, Berichten aus dem eigenen Leben und eigenen literarischen Texten. So kann man auch hier dem Entstehen literarischer Werke zusehen.

Ein wunderbarer Lyrik-Blog ist Helmut Schulzes Blog “Parallalie”. Helmut Schulze lebt in Umbrien (Italien) und schreibt dort seine kleinen Texte.

Ein letzter Favorit von mir sind die Niemandslandtage. “Nellas Niemandsland: Neurosen, Nettigkeiten und notwendiger Nonsens” enthält kurze Texte in einer wunderschönen Sprache, die einen besonderen Reiz nochmal daraus gewinnen, dass völlig unklar bleibt, ob sie fiktiv oder autobiographisch sind.

Natürlich ist das nicht alles und, wie gesagt, die Auswahl höchst subjektiv. Dennoch wäre das mal ein Anfang für alle Interessierten. Weitersuchen und -lesen kann man dann auch noch in den Links meiner Blogroll in der Rubrik “Literaturteil” (und teilweise auch im Feuilleton).

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Feuchtgebiete von Charlotte Roche

Ja, ich bin verdammt spät dran. Und das liegt nicht am exzellenten Service von Amazon, von dessen Schnelligkeit ich immer wieder begeistert bin, sondern ausschließlich an mir. Aber jetzt, nachdem meine Prüfungen endlich vorbei und sogar die Ergebnisse (mit denen ich mehr als zufrieden bin) schon da sind, habe ich ja ausreichend Zeit, auch mal besagte Zeit zu verplempern. Denn dass die Lektüre der Feuchtgebiete von Charlotte Roche eher in den Bereich der ‘Zeitverschwendung’ fallen würde (und zusätzlich ‘Geldverschwendung’), war mir eigentlich von Anfang an klar. Aber: die Neugier obsiegte.

Um es kurz zu machen: obwohl das Buch auf jeder Seite nach Skandal schreit, war ich weder schockiert, noch fühlte ich mich provoziert, noch habe ich das Buch vor Ekel aus der Hand legen müssen, wie einige berichten. Das mag an meiner recht hohen ‘Ekelgrenze’ liegen, die schon lange durch Henry Millers Opus pistorum, Das obszöne Werk Georges Batailles oder durch die Werke des Marquis de Sade geschult ist (allesamt aber deutlich bessere Bücher). Die Provokation ist also zumindest bei mir (aber nicht nur bei mir) missglückt. Das wäre nicht weiter schlimm, hätte man nicht bei jedem Wort das Gefühl, dass dieses Buch unbedingt provozieren will! Die Feuchtgebiete sind aber auch kein erotisches Buch, kein ‘Porno’ , wie manchmal geschrieben wurde (obwohl es ab und an auch um Analsex, Bordells und Masturbation geht), zumindest nicht in dem Sinne, dass sie beim Lesen erregen würden. Auch mit dieser Meinung bin ich nicht alleine.

Das Problem aber ist: das Buch ist noch nicht einmal besonders unterhaltsam. Okay, an ein, zwei Stellen musste ich schmunzeln, das war es aber auch schon. Und alles, was das Buch zu sagen hat, ist eigentlich auf den ersten zehn bis zwanzig Seiten schon gesagt. Danach, spätestens aber ab Seite 100 (und das Buch hat 220 Seiten) ist es wirklich nur noch langweilig. Wenn auf den ersten Seiten schon zehnmal das Wort ‘Arschficken’ oder ‘Muschischleim’ steht, dann finde ich es beim elften Mal auch nicht mehr aufregend, sondern fast schon normal. Wenn mir schon erzählt wurde, dass die Protagonistin Helen Memel gerne besagten ‘Muschischleim’, ihre Popel und ihren Wundschorf aufisst, finde ich es wenig überraschend, dass sie dies auch mit dem Inhalt ausgedrückter Pickel, den Ablagerungen an den Augen nach dem Schlafen und mit Ohrenschmalz tut. Habe ich irgendetwas vergessen? Nun, sie isst quasi alles, was ihr Körper so produziert und das wird eben in aller Ausführlichkeit aufgezählt, variiert und breitgetreten. Nunja.

Ich habe leider aber auch noch mehr Probleme mit diesem Buch: ich finde diese Protagonistin Helen überhaupt nicht überzeugend. Natürlich ist sie ohnehin eine Karikatur, aber niemals eine 18jährige! Sie wünscht sich ein Kind und lässt sich mit 18 heimlich sterilisieren (den Arzt, der das macht, soll mir Charlotte Roche aber mal zeigen!). Sie zeichnet ihre Mutter als schreckliche, neurotische, hochgradig gestörte Person, ihren Vater nur als halbgestört, will ihm aber eine ‘Wiedervereinigung’ mit der Mutter (das ist ja ihr großes Ziel!) antun? Sie macht die größten Schweinereien und verwendet dann dennoch mädchenhaft-kindliche Ausdrücke wie ‘Muschi’ und ‘Kacka’? Verzeihung, aber da fielen mir auf Anhieb jede Menge ‘schmutzigere’ Ausdrücke ein. Aber vielleicht ist das einfach der nötigen Variation geschuldet. Ich finde jedenfalls, das passt alles nicht, das geht weit über einen ‘widersprüchlichen Charakter’ hinaus, das ist einfach unglaubwürdig.

Und neben dem Essen sämtlicher Körperausscheidungen (was ja erstmal niemandem schadet) kommen wir noch zu den ‘ganz ekligen’ Stellen: dass Helen im Rausch die vermischte Kotze von sich und ihrer Freundin trinkt, nunja, das wird durch die Drogen ja halbwegs entschuldigt. Aber dass sie ihre Tampons auf dem Boden öffentlicher Toiletten zwischenlagert und dort die Klobrillen offensichtlich mit Vorliebe erstmal mit ihren Schamlippen ab- und sauberwischt, um zu beweisen, dass sie sich trotzdem keinen Pilz einfängt, Entschuldigung, das hat weder mit Körperbewusstsein, mit Kampf gegen den Hygienezwang, noch mit ‘Natürlichkeit’, noch mit Coolness irgend etwas zu tun, das ist einfach nur noch Dummheit. Lachen kann ich darüber leider auch nicht, vielleicht sollte man das.

Die Handlung: wie gesagt, da passiert nicht viel, es ist ein einziger innerer Monolog der Protagonistin, die im Krankenhaus liegt, über Hygiene und deren Gegenteil nachdenkt, ein bisschen aus ihrem kurzen Leben erzählt und unbedingt ihre Eltern wieder zusammenbringen will (was ich nicht begreifen kann, aber vielleicht liegt das daran, dass ich kein Scheidungskind bin). Nach einer Notoperation (die sie durch Selbstverletzung absichtlich herbeigeführt hat, um noch eine längere Chance zur Elternwiedervereinigung an ihrem Krankenbett zu bekommen), gibt sie diesen Plan aber urplötzlich und (für mich) ohne erkennbaren Grund wieder auf. Die ganze Eltern-und-Scheidungskind-Handlung bleibt irgendwie seltsam undeutlich, oberflächlich, aufgesetzt. Stattdessen verliebt sich Helen dann in den braven (und sehr blass gezeichneten) Krankenpfleger (dem sie einige ihrer Geschichten erzählt und der ihre ‘Arschwunde’ nach der Hämorrhoiden-OP fotografieren muss) und naja, das Ende, das ist wirklich die Krönung, die Krönung des Unpassenden und Unglaubwürdigen…

Die oft kritisierte Sprache finde ich nun gar nicht so schrecklich, sondern durchaus dem Thema angemessen, über diese Themen in hochliterarischer Sprache unterrichtet zu werden, macht auch nicht unbedingt mehr Vergnügen. Die Sprache ist (vom Anlass ausgehend) weder besonders schlecht, noch besonders gut, aber auch Charlotte Roche selbst würde höchstwahrscheinlich nicht behaupten, damit ein literarisches Meisterwerk vorgelegt zu haben. Was andere mit “schlecht lektoriert” meinen, verstehe ich aber nicht ganz… Unangenehm finde ich höchstens die Ausdrucksweise “auf Klo”, die dauernd benutzt wird.

Jetzt kommt aber erst das Schlimmste: Charlotte Roche behauptet ja in Interviews immer, sie habe in Feuchtgebiete gegen den Hygienewahn und Rasurzwang anschreiben wollen, gegen Intimwaschlotionen, parfümierte Slipeinlagen und das den Frauen antrainierte Gefühl, ‘untenrum’ schmutzig zu sein und zu stinken. Man kann sich darüber streiten, ob das heutzutage und außerhalb von Amerika überhaupt notwendig ist, aber das ist ja durchaus ein hehres Motiv, das man ihr als Bonus anrechnen sollte! Aber, wie auch schon Sigrid Neudecker geschrieben hat: die Protagonistin wettert zwar gegen Intimrasur und den angeblichen ‘Rasurzwang’ ist selbst aber mit großer Freude komplett rasiert (also außer am Kopf an allen verfügbaren Körperstellen). Macht das irgendeinen Sinn? Und ich möchte darauf noch aufbauen, denn das größte Problem ist doch, dass dieses Buch sein ehrenwertes Anliegen – Sexualität und Körper mit all seinen Begleiterscheinungen und Folgen als etwas natürliches, normales darzustellen – selbst konterkariert. Denn dieses Buch spielt (und hier setze ich einfach einmal voraus: bewusst) mit dem Ekel, so dass es wiederum genau das erzeugt, wogegen es eigentlich vorgehen möchte: das Angewidertsein von Körperlichkeit und Körpersäften.

Feuchtgebiete erzeugt keinen ‘heilsamen Schock’, nach dem die Leserin beruhigt ihre Slipeinlagen weglässt (was ja wirklich gesünder ist!), sich ihrem Liebhaber nicht immer zwanghaft frisch geduscht, parfümiert und komplettrasiert präsentieren muss, sondern verstärkt doch noch den Ekel vor all dem, was da in unserem Körper vorgeht und aus ihm herauskommt! Es baut nicht wirklich Hemmungen ab, wenn von Fürzen beim Sex und den braunen Flecken nach dem Analsex die Rede ist! Es führt nicht zu mehr ‘Natürlichkeit’ und Unverkrampftheit, wenn man vorgeführt bekommt, wie jemand sämtliche Körperausscheidungen verspeist. Dieses Buch versagt meiner Meinung nach bei seinem eigenen Anliegen vollständig und das ist ja wohl der größte Vorwurf, den man diesem Buch machen kann.

Meine Empfehlung also: mal in die Interviews auf YouTube reinschauen (ich empfehle besonders das im NDR, aber auch der 2. Teil bei Kerner ist unterhaltsam), denn hier ist Charlotte Roche deutlich besser, lustiger, lockerer und interessanter als in ihrem Buch. Und wer mag, kann auch die ersten zwanzig Seiten von Feuchtgebiete im Buchladen anlesen. Das reicht für einen Eindruck, macht erstmal auch ein bisschen Spaß, aber danach kommt wie gesagt nicht mehr viel. Und vielleicht züchte ich ja mal ein Avocadobäumchen. Und einen kleinen Vorteil hat das Buch ja tatsächlich auch, wie im Literaturcafé zu lesen steht: plötzlich reden alle mal wieder über ein Buch! Ansonsten können einem die Feuchgebiete wie Herrn Denis Scheck aber auch einfach am Arsch vorbeigehen.


Und hier noch ein Exkurs für all jene, die an weiblichen Dingen ‘untenrum’ näher interessiert sind, alle anderen überspringen das bitte!

Was mich auch gestört hat, ist, dass das Buch, was den ‘Muschischleim’ betrifft, schlichtweg schlecht recherchiert ist. Das kann man der Protagonistin Helen anlasten, die sich eben ihre Gedanken macht, ohne besonders gut informiert zu sein, aber eigentlich erwarte ich schon etwas Genauigkeit von einem Buch, das sich dermaßen ausführlich mit weiblicher Anatomie und weiblichen Ausscheidungen beschäftigt. Helen redet nämlich statt von ‘Muschischleim’ auch oft von ihrem ‘Smegma‘, wenn sie den Zervixschleim meint und behauptet so, dieses Smegma käme nicht davon, dass man sich nicht ausreichend wäscht. Im Lexikon (und bei Wikipedia) steht nämlich: “Mit bloßem Auge sichtbare Ansammlungen von Smegma können sich nur bei mangelnder Intimhygiene bilden” und dem widerspricht sie heftigst, mit dem Hinweis auf ihr beflecktes Höschen (S.22-23).

Jetzt besteht da aber einfach ein Unterschied: der Zervixschleim fließt vom Gebärmutterhals (lat. Cervix) durch die Scheide nach draußen, zur Selbstreinigung, und das passiert tatsächlich dauernd, mit oder ohne Waschen. Das ist der ‘Muschischleim’, den Helen in ihrer Unterhose findet oder ins Klo fließen sieht und der ganz normal ist. Und ‘Smegma’ heißen eben tatsächlich nur die dadurch entstehenden und nach einer Weile unangenehm riechenden Ablagerungen in den Hautfalten der Schamlippen und um die Klitoris und die haben eben wirklich mit ‘mangelnder Intimhygiene’ zu tun, ganz anders als der Zervixschleim.

Helen erzählt auch davon, wie sich die Konsistenz dieses Smegmas verändere, “mal wie Hüttenkäse, mal wie Olivenöl, je nachdem, wie lange ich mich nicht gewaschen habe” (S.51). Auch das ist kompletter Unsinn. Wie gesagt kommt der Zervixschleim von innen, seine Konsistenz lässt sich durch Waschen nicht beeinflussen, sondern unterliegt vielmehr den Veränderungen im weiblichen Zyklus, in dessen Lauf sich auch die Konsistenz des Schleims verändert. Soviel zur Genauigkeit von dem, womit sich dieses Buch hauptsächlich beschäftigt.

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Endlich! Pascoli!

So, heute war endlich meine letzte schriftliche Prüfung. In zwei Wochen beginnt dann der Durchlauf durch die 11 mündlichen, aber jetzt freue ich mich erst einmal, dass ich alles Schriftliche hinter mich gebracht habe. Heute zum Abschluss also die Klausur in Italienischer Literaturwissenschaft, eigentlich ja nun eines meiner liebsten ‘Fächer’ und ich habe die letzten Tage fast nur mit der Lektüre von Petrarca- und anderen Gedichten verbracht, was ja durchaus sehr nett und angenehm ist.

Nur: es kam mal wieder nichts von dem dran, was ich speziell vorbereitet hatte, gar nichts, keine Standardthemen, nur "Abseitiges"… Und: nicht mein geliebter Francesco Petrarca, kein Petrarkismus, keine Gaspara Stampa, kein Giambattista Marino oder ein sonstiges Barockgedicht, kein Giacomo Leopardi und kein Drama von Luigi Pirandello. Naja, war zwar vergeblich, aber trotzdem nett, wieder einige Sonette von Petrarca zu lesen…

Stattdessen kam unter anderem Giovanni Pascoli dran, von dem ich bisher (also vor dem Lernen auf die Klausur) nicht allzu viel gehört hatte: Lyriker der Jahrhundertwende, des Ästhetizismus, der Dekadenz (neben dem Zeitgenossen D’Annunzio), in Italien wohl vor allem durch Schulbücher sehr bekannt, außerhalb von Italien weniger. Es gab also folgendes Gedicht von Pascoli zu analysieren, das aus seiner Gedichtsammlung Myricae stammt:

Il tuono

E nella notte nera come il nulla,
a un tratto, col fragor d’arduo dirupo
che frana, il tuono rimbombò di schianto:
rimbombò, rimbalzò, rotolò cupo,
e tacque, e poi rimareggiò rinfranto,
e poi vanì. Soave allora un canto

s’udì di madre, e il moto di una culla.

Ein wirklich wunderbares, ein perfektes Gedicht und auch für jene ein wenig zu genießen, die des Italienischen nicht mächtig sind, denn tuono heißt Donner und jetzt: bitte laut vorlesen! Man hört den Donner ja förmlich, besonders sein Anrollen in "rimbombò, rimbalzò, rotolò", das dann rhythmisch hart auf das "cupo" (= dumpf) auftrifft (Betonungen auf dem ò und dem direkt folgenden u von cupo). Und dann schon der erste Vers (E nella notte nera come il nulla), so weich, so sanft mit diesen n’s und l’s, den Alliterationen und dem regelmäßig alternierend betonten Endecasillabo, auch das bitte laut lesen! Übersetzt klingt das viel weniger schön ("Und in der Nacht, schwarz wie das Nichts").

Aber es war ja auch keine Übersetzung, sondern ‘bloß’ eine Analyse bzw. Interpretation verlangt und in diesem Gedicht sind Inhalt (in der Nacht ertönt plötzlich ein Donnern und verhallt dann), Reimform (v.a. der das ganze Gedicht umarmende Reim von nulla in V.1 und culla in V.7), Rhythmik (von ruhig alternierend zu unregelmäßig zurück zu ruhig) und Lautung (besonders die dunklen o’s und die r’s im zentralen 4. Vers, inhaltlich der Höhepunkt des Donners und des Gedichts) wirklich perfekt aufeinander abgestimmt. Eine wirklich geniale, symmetrische und zugleich zyklische Form, bei der einfach alles stimmt und dazu ein lautmalerisches Wunderwerk!

Und dann die letzten beiden Zeilen, wenn der Donner verhallt ist (vanì), dieser neue, zweite Satz, der mit soave (= süß, lieblich) einsetzt, was den Gesang (canto) einer Mutter bezeichnet, den man jetzt nach dem Donner hört und das Geräusch der Bewegung einer Wiege (culla), diese letzten Zeilen, die rhythmisch, lautlich und inhaltlich wieder zur Ruhe zurückkehren, die regelmäßige Bewegung der Wiege im Takt des mütterlichen Gesangs hörbar machen und nach dem naturgewaltigen Ereignis eine familiäre Idylle skizzieren, nur anzitieren, die aber so sehr zu berühren wissen!

Ihr seht: ich bin begeistert (und das obwohl ich eine Klausur darüber schreiben musste), ein wirklich großartiges Gedicht! Auch wenn es nicht einfach war (einige Worte waren ohne Wörterbuch dann doch recht schwierig) und mir auch die Zusatzfragen (nach dem Vergleich mit anderen Naturgedichten und der Literaturgeschichte) etwas zu schaffen machten, bin ich dennoch sehr froh, dieses Gedicht kennengelernt und so genau analysiert zu haben, denn das hat sich wirklich gelohnt. Und jetzt bin ich kaputt, aber glücklich!

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Simone und so

Es begann nicht mit ihr, sie kam später, es begann mit Sartre (natürlich). Jean-Paul Sartres Bücher standen im Bücherschrank meiner Eltern und ich begann mit 15, sie zu lesen. Statt in den Ballettunterricht zu gehen, setzte ich mich also fortan in Cafés, las Sartre und trank meinen ersten Kaffee, der mir scheußlich schmeckte, aber das gehörte dazu, undenkbar war es, Sarte ohne Kaffee zu lesen. Ich las die Zeit der Reife und den Aufschub, die ersten beiden Bände der Tetralogie ‘Die Wege der Freiheit’, schon der Titel eine einzige Verlockung. Und eine Sartre-Biographie stand auch noch im elterlichen Bücherschrank (sie stammte aus einer Zeit, als er noch nicht gestorben war).

Spätestens da muss mir auch Simone de Beauvoir begegnet sein (mit vollem Namen übrigens Simone Lucie-Ernestine-Marie-Bertrand de Beauvoir), die Frau an seiner Seite, die heute 100. Geburtstag hätte, läge sie nicht in Paris begraben, gemeinsam in einem Grab mit Jean-Paul auf dem Cimetière du Montparnasse (den ich natürlich später einmal besuchen musste).

Wenn ich mit 15, mit 16, 17, 18 irgendein Vorbild hatte, dann war sie es. Vielleicht wäre ich lieber wie Sartre selbst ‘gewesen’, dessen Bücher ich eines nach dem anderen verschlang, den Ekel, die Erzählungen, die Dramen, die Wörter (wobei ich wahrscheinlich nur die Hälfte verstand, nehme ich heute an), dessen Das Sein und das Nichts ich zumindest zu lesen versuchte und dessen Bücher ich schon wegen ihres rot-schwarzen Rowohlt-Einbandes liebte und andauernd mit mir herumschleppte. Aber nachdem er als Mann doch nicht so sehr als Vorbild taugte, wollte ich eben werden wie Simone und las auch ihre Bücher, ihre Autobiographien, Sie kam und blieb, Alle Menschen sind sterblich, Die Mandarins von Paris und kaufte mir irgendwann Das andere Geschlecht (über dessen Beginn ich dann aber doch nicht hinauskam).

Ich wollte gerne leben wie sie und eine Beziehung führen wie die zwischen Sartre und Beauvoir, diese unbedingte, unverbrüchliche, ‘notwendige’ Bindung zwischen den beiden, die sich ein Leben lang gegenseitig siezten und in getrennten Wohnungen oder Hotelzimmern lebten, ohne Kinder und ohne die Einschränkungen der Monogamie, frei. Ich wollte gerne so ein freies Leben für Literatur und Philosophie. Ich beneidete Beauvoir um die Beziehung zu Sartre, um den Pakt und ich beneidete sie um die Freiheit, sich dennoch auch andere Liebespartner genommen zu haben, Männer wie Frauen. Ich lernte, dass ihre große Liebe Nelson Algren hieß, ein amerikanischer Schriftsteller und dass sie Sartre oder eben dem Pakt zu Liebe dennoch auf das Leben an Algrens Seite verzichtete.

Ich lernte, dass ihr Kosename Biber war (frz. castor) und dass sie manchmal durchaus unter Sartres anderen Liebschaften litt (was ich aber nicht wie andere darauf zurückführte, dass sie eben eine Frau war und dass dies bei Frauen so ist, ich halte dies nicht für ‘weiblich’!). Ich las das Buch von Bianca Lamblin (Memoiren eines getäuschten Mädchens) und lernte, dass Beauvoir manche ihrer Philosophieschülerinnen verführte und diese dann teilweise wieder mit Sartre teilte und dass dies für die ‘Dritten’ im Bunde sicher nicht immer angenehm war. Ich lernte auch, dass Sartre offenbar ein sehr schlechter Liebhaber war und spätestens da beneidete ich Beauvoir etwas weniger.

Im Studium lernte ich wieder, welche Rolle Beauvoir für den Feminismus und die Gender-Studies spielte und welche Position sie hier in den Kontroversen einnahm. Sie schrieb in Das andere Geschlecht nicht nur den Satz "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es" und brachte damit die Rolle der weiblichen Sozialisation auf den Punkt, sie nahm auch an, dass Frauen und Männer ansonsten gleich sind, gleich sein können, dass es keine angeborenen Unterschiede gäbe. Damit machte sie sich nicht nur Männer zum Feind, sondern auch jene Frauen und Feministinnen, die auf einer grundsätzlichen Verschiedenheit von Männern und Frauen beharren, die ‘EssenzialistInnen’ (und die dann damit entweder versuchen, Frauen ab- oder aber aufzuwerten als bessere Menschen).

Ich war immer Beauvoirs Meinung. Dass Frauen weder besser noch schlechter sind und kaum anders. Und freute mich darüber, wie sie die Einteilung von Menschen in Männer und Frauen kritisierte und die Konstruktion von Mensch=Mann und Frau=anders:

Die Menschheit ist männlich und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Bezug auf sich. [...] Sie wird bestimmt und unterschieden mit Bezug auf den Mann, dieser aber nicht mit Bezug auf sie; sie ist das Unwesentliche angesichts des Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere!

(Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht, Reinbek: Rowohlt 1968, S.10-11)

Ich freute mich, wie sehr sie immer darauf beharrte, einfach ein Mensch zu sein, so dass sie sagen konnte: "Ich hielt mich nicht für eine ‚Frau’; ich war ich!". Und als ich das Grab von Sartre und Beauvoir besuchte, da nickte ich ihm, der mich so geprägt hat, im Schatten von dessen größerer Bekanntheit sie immer stand, kurz zu, aber den Zettel mit dem schnell notierten Dank legte ich auf ihre Seite des Grabs.

 

Linktips:

  • Biographie Beauvoirs hier oder hier (mit weiteren Links und ausführlicher Bibliographie)
  • Artikel von Hannelore Schlaffer aus der SZ auf jetzt.de
  • Artikel von Ingrid Galster in der NZZ (via Lotrees)
  • Artikel von Barbara Vinken in der taz
  • Artikel von Christine Pries in der FR
  • Artikel von Julia Foss in der FAZ
  • Artikel von Ursula März zu Simone de Beauvoirs Briefen an Nelson Algren in der Zeit
  • Interessante Artikel von Alice Schwarzer, die mit Simone de Beauvoir befreundet war: hier und hier (und hier auch noch ein Interview mit Alice Schwarzer zum Thema)
  • Fotos von Simone de Beauvoir.
  • Beauvoir-Seite von dieStandard.
  • Zum erst jetzt aufgetauchten und von Le Nouvel Observateur veröffentlichten Nacktfoto Beauvoirs: http://lesekreis.org (das Foto gibt es hier größer/besser)
  • zum Nackfoto jetzt auch ein Artikel in der Zeit von Joachim Fritz-Vannahme, der unter dem Titel ‘Der skandalöse Akt’ über die Entstehung des Bildes und die Retusche durch den Nouvel Observateur berichtet

Filmtip: Simone de Beauvoir, eine moderne Frau, Dokumentarfilm, Frankreich 2007, Regie: Dominique Gros, am 10.01.08 um 22.40 Uhr auf arte.

Buchtip: Hans-Martin Schönherr-Mann: Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht, dtv 2007 (Schönherr-Mann ist auch Sartre-Spezialist und Professor für politische Philosophie an der Münchner LMU).

Mehr Buchtips hier.

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Krausser III

Nachdem ich hier schon über die erste und zweite Vorlesung des Schriftstellers Helmut Krausser zu Pathos und Präzision im Rahmen der Poetikprofessur der LMU München berichtet habe, nun zur dritten Lesung am 06.12.2007, die diesmal nicht in einem Hörsaal der Ludwig Maximilians Universität sondern im Münchner Literaturhaus stattfand.

Krausser wollte diesmal vielleicht noch etwas arroganter und überheblicher erscheinen als die letzten Male, aber natürlich nicht ohne Selbstironie und seine Lesung mäanderte wieder ziemlich unstrukturiert, aber anekdotisch, unterhaltsam um ein Thema, auf das er immer wieder zurückkam, es von allen Seiten attackierend, das er diesmal aber immerhin klar benannte: "Gibt es das gute Buch?"

Er selbst täte sich schwer, über Poetik zu reden, denn er wechsle die seine bei jedem neuen Buch aus (und sie verändere sich auch, je mehr man sich dem Ziel eines Buches nähere) und diese Pose übersteigert Krausser noch, wenn er später behauptet, von Literatur überhaupt nichts zu verstehen. Für eine Poetik-Vorlesung sei er somit völlig ungeeignet und überhaupt bekäme er auch zu wenig Geld dafür. Schon gar viel zu wenig Geld, um uns tatsächlich etwas über Literatur beizubringen, denn die Konkurrenz auf dem Buchmarkt sei so schon hart genug.

Um diesen Buchmarkt, seine Unwägbar- und Ungerechtigkeiten und die Unwissenheit und Ignoranz mancher Kritiker geht es bei dieser Vorlesung sehr oft. Und außerdem natürlich um Perfektion, die ja eigentlich dazu führen müsse, dass ein Buch einfach von allen (also auch allen Kritikern) gut gefunden würde. Krausser stellt aber schnell klar, dass es nur eine ‘subjektive Perfektion’ geben könne, irgendjemand fände ja immer irgendeinen Mangel.

Der einzige Mensch, sagt Krausser, der Wesentliches zu einem Text zu sagen hat, sei dessen Autor. Denn niemand kenne den Text so gut wie er (womit er freilich Recht hat) und nicht jeder Text wisse mehr als sein Autor (womit ich mir trotzdem nicht sicher bin). Dass Autoren von Literatur so viel verstünden wie Vögel von der Ornithologie, das sei Unsinn, aber mit System. Der Autor wisse die Wahrheit über seinen Text, aber freilich müsse er sie nicht sagen, er könne lügen.

Jedenfalls sollten wir deshalb nicht auf unsere Professoren hören, die ja bekanntlich das Gegenteil von Krausser behaupten (sondern auf die Autoren), denn alle anderen, die über Texte redeten, seien nur Parasiten, die Literaturwissenschaft eine ganze Wissenschaft der Textaneignung. Das nennt man dann wohl (zusammen mit dem Vorwurf, zu wenig Geld zu bekommen) Gastgeber-Beschimpfung.

Diesmal bringt Helmut Krausser – immer noch nachdenkend über den perfekten Text – eigene Cover-Versionen bekannter Gedichte von Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke und Conrad Ferdinand Meyer, sozusagen ‘Updates’, die unter anderem die sprachliche Aktualisierung im Sinn haben. An Friedrich Hölderlins Hälfte des Lebens traut er sich dann doch nicht, die ‘Verbesserungen’ würden hier zu marginal ausfallen. Christian Morgensterns Das ästhetische Wiesel schreibt er dagegen ganz um, nur die Anekdote beibehaltend, denn an sich sei auch dieses Gedicht perfekt.

Perfekt sei auch der Satz von Charles Bukowski "Da waren Männer, die taten Dinge", zumindest im Kontext betrachtet und von sich selbst findet er auch ein, zwei perfekte Sätze und zumindest ein perfektes Gedicht, das er selbst jahrelang für defizitär hielt (es steht zusammen mit anderen perfekten Gedichten in Plasma). Krausser meint, dass der Mythos der Perfektion so manchem Schriftsteller posthum auch peinlich sein könnte und er legt Franz Kafkas ersten Satz aus Der Prozess auseinander, er hat viele verbesserte Varianten dafür: "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." So wie der Original-Satz von Kafka dastünde, könne man sich den Rest des Romans jedenfalls genaugenommen auch sparen.

Warum aber strebt ein Autor überhaupt nach Perfektion, wenn sie nur subjektiv und zeitabhängig ist, warum vertut man Zeit, in der man Texte schreiben könnte, deren Mängel den meisten Lesern gar nicht auffallen würden? Kraussers Antwort ist schlicht: Die Liebe zum Wort. Diese habe Gemeinsamkeiten mit der Liebe von Eltern zu ihren Kindern, Zuneigung und Eitelkeit sei hier vermischt. Trotzdem sei aber die Legende vom ersten Satz, der unbedingt sitzen müsse, Quatsch. Der beste Einstieg nütze nichts, wenn der Text schlecht sei, wenn der Text aber gut sei, verzeihe man auch den mäßigen ersten Satz. Perfektion im Roman sei ohnehin kaum jemals erreichbar, irgendwo sei immer ein kleiner Fehler, Perfektion im Gedicht aber hin und wieder schon.

Krausser führt selbst die Autoren an, die ihn geprägt hätten, da waren als erste Lektüre die griechischen Heldensagen, dann folgte Karl May (den er aus der Schulbibliothek stahl), mit 9 Charles Dickens, mit 10 Ephraim Kishon und später Max Frisch, Bert Brecht, Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer, Franz Kafka, Ernest Hemingway, Charles Bukowski, Louis-Ferdinand Céline, Knut Hamsun, Ernst Jünger, Fjodor Dostojewski, Gustave Flaubert, Robert Gernhardt… (die Liste ist sicher nicht vollständig).

Jeder Autor werde so beeinflusst von anderen Autoren und er mixe die verschiedenen Techniken, die er sich dort abschaue, bis das Ergebnis originär und originell auf den Leser wirke. Ein Autor, der ein Werk vorlegen wolle, der müsse sein erstes Buch auf jeden Fall vor 30 veröffentlichen. Was man dazu brauche, sei vor allem ein übersteigertes Selbstbewusstsein, etwas Talent und ein großer Wille, denn nur aus Größenwahn könne Größe entstehen. Sei das erste Buch auch immer fehlerbehaftet, so könne man aus einem gedruckten Buch doch viel mehr lernen, als aus einem unabgeschlossenen Manuskript, das zweite Buch könne dann besser werden. 

Trotzdem beschäftigt Krausser die Frage weiterhin, warum manche schlechten Bücher Preise bekämen und manche guten Bücher keine Beachtung fänden (und er bringt als Beispiel den beinahe vergessenen Friedo Lampe). Es sei ja so, dass jedes gute Buch auch Verrisse, teils bösartige Verrisse bekomme, außer das Buch sei so harmlos, dass es nicht einmal fähig sei, noch den kleinsten Hass zu erregen. Insgesamt sei das aber ein Glücksspiel (vor allem bei der Vergabe von Literaturpreisen) und Krausser bescheinigt der Literaturkritik ein zwangsläufiges Versagen. Literaturkritik sei am Ende lächerlich und auch wenn sie gut geschrieben sei, bliebe sie doch nur Kundenservice und Verbraucherinformation.

Ihm persönlich gehe Literaturkritik auf den Sack (nicht nur wegen der beiden Totalverrisse seines Romans Eros in der SZ und FAZ, die ihn viel Geld gekostet hätten). Die Leserbewertungen bei Amazon seien aber dasselbe in grün hinter den Ohren, nur oft noch viel blöder. Für ihn sei Literatur eine heilige Sache, aber als Autor dürfe man die Literaturkritik auf keinen Fall ernst nehmen. Das Problem sei auch, dass man sich nicht wehren könne, selbst wenn Dinge falsch dargestellt würden, ein Leserbrief sei jedenfalls nicht das Mittel der Wahl.

Existiere es denn wirklich nicht, das rundum gute Buch, das jeden Rezensenten an die Wand wirft?, fragt Krausser. Nein, antwortet er sich selbst, denn die Lektüre eines Buches sei von vielen Dingen abhängig, u.a. von der Bildung, der Lebenslage, der Stimmung, der Aufmerksamkeit, der seelischen Befindlichkeiten, es könne also gar kein allseits gutes Buch geben. Es gebe schlicht unterschiedliche Bedürfnisse, verschiedene Anforderungen an ein Buch, von Person zu Person, Jahr zu Jahr wechselnd (z.B. könne man ein Buch mit 16 grandios finden, es aber später belächeln).

Das Problem sei nur, dass Rezensenten, diese Halbtagsdiktatoren, sich wie beleidigte Kinder benähmen, die ihre Meinung hinausposaunten, als gälte es einen Kreuzzug zu führen und dass sie davon ausgingen, jedes Buch sei genau für sie geschrieben worden. Ein Literaturkanon wie der Marcel Reich-Ranickis sei nur deshalb bewundernswert, weil es ein Individuum geschafft habe, sich vor der Zeit aufzubrezeln.

Sehr angetan ist Helmut Krausser von Daniel Kehlmann, hier träfen sich ausnahmsweise einmal wieder Tiefe und Schönheit mit Lesbarkeit oder sogar Unterhaltsamkeit. Statt daraus zu folgern, Kehlmann sei nur ein ‘Unterhaltungsautor’, sei es doch eigentlich logisch und sehr erfreulich, wenn sich endlich mal ein gutes Buch auch gut verkaufe.

Kraussers Blick auf die Zukunft: eine neue Romantik, ein neuer Idealismus, ein Sturm-und-Drang des Inneren deute sich zumindest an (auch wenn eine neue Epoche sicher neue Benennungen hervorbrächte). Die Behauptung, nach Joyce könne man nicht mehr auktorial schreiben, stamme von Autoren, die weder auktorial nocht sonst wie schreiben könnten. Ein Autor könne niemals etwas für die Nachfolgenden einengen, die einfachste Definition von Kunst sei schließlich immer noch ‘Bereicherung der Welt, Erweiterung des Horizonts’, das stünde ganz im Gegensatz zu einer Einschränkung.

Den Willen zur Originalität, den Krausser in den letzten 50 Jahren in der deutschen Literatur walten sieht, hält er für hemmend, die Ergebnisse für verkrampft, man solle aus der Tradition schöpfen, aus ihr ins Eigene einfügen, sich aber nicht beschränken und in erster Linie solle man das Publikum unterhalten, Literatur sei schlichtweg ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Kein Autor, sei er noch so ein großes Genie, sei unabdingbar und die Welt käme selbst ohne Hölderlin irgendwie klar (Krausser könnte auf seiner Meinung nach mittelmäßige Autoren wie Wolf Biermann, Heinrich Böll oder Stefan George aber gut verzichten). Das Volk sei heute nicht dümmer als früher, vielmehr lebten wir in einer gebildeten Zeit, man solle aufhören zu jammern und in Weimar hätte es auch nicht mehr oder bessere Schriftsteller gegeben, die hätten sich nur besser zu vermarkten gewusst.

Sensiblen Kreaturen wie sich selbst rate er aber von der Beschäftigung mit Kunst strikt ab. Er selbst sei eine schizophrene Persönlichkeit, mal mild, mal wütend, er verbiete sich nichts, denn sonst würde er ‘mit Kondom denken’. Andererseits sei er mit sich selbst im Reinen, er habe in seinen Büchern nichts wider besseres Wissen verschwiegen, aber er könne ganz gut lügen.

Am Ende der Vorlesung spricht er also klar an, was man die ganze Zeit über als Eindruck mitnehmen konnte: Krausser bezieht gerne Position, baut sie gern groß auf und stellt sich mit Freude quer, gleichzeitig blitzt aber immer durch: vielleicht meine ich das auch gar nicht so, vielleicht posiere ich nur, vielleicht lüge ich, vielleicht ist es aber auch wirklich meine heiligste Überzeugung, man kann sich nicht sicher sein mit ihm und das ist sehr spannend. Schade, dass dies die letzte Lesung war.

Die Tagung bzw. das Kolloquium Helmut Krausser und die Gegenwartsliteratur der Romantik, das ebenfalls im Literaturhaus München stattfindet, geht noch bis zum Samstag, dem 08.12.2007, das Programm findet sich hier oder hier.

Hier geht es nochmal zu Krausser I und Krausser II.

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Krausser II

Nachdem ich über Helmut Kraussers erste Lesung ja schon sehr erfreut war (wie ich hier auch berichtet habe), fand am 29.11.2007 also die zweite der drei Lesungen im Rahmen der Poetikprofessur an der Ludwig Maximilians Universität München statt. Die dritte Lesung wird dann nächste Woche, am 6.12.2007, im Literaturhaus München sein.

Obwohl der Münchner Poetikprofessor Krausser nach der vollmundigen Ankündigungsrede von Dr. Claude D. Conter  angab, jetzt doch nervös geworden zu sein, war er diesmal von Anfang an deutlich entspannter als letztes Mal. Der Hörsaal der LMU war wieder so gut wie voll, der Dichter blieb wieder sitzen (und erklärte dies mit seiner Unfähigkeit, im Stehen zu reden) und war wieder komisch, ironisch, belesen, pathetisch und ein großartiger Vorleser. Um es vorwegzunehmen: ich war begeistert, beinahe noch mehr als das letzte Mal. Und um das auch einmal dazuzusagen: eine Vorlesung ist das natürlich nicht, was Krausser da macht. Der rote Faden ist sehr undeutlich ausgeprägt, tragend sind eher die Assoziationen und Einfälle des Autors, aber das ist auch ganz gut so.

Begonnen hat Helmut Krausser diesmal – natürlich ging es wieder um das Pathos – mit dem Julius Caesar von William Shakespeare, den man unbedingt lesen solle. Danach war lange nichts, sagt Krausser. Bis Georg Büchner kam und Dantons Tod. Das war es dann aber auch wieder mit dem chronologischen Vorgehen und ich kann nur ähnlich assoziativ aneinanderreihen, was mir gefallen hat bzw. was ich mitnotiert habe, das bitte ich zu entschuldigen.

Ganz anders als Alban Nikolai Herbst in seiner Heidelberger Poetik-Vorlesung befürwortet Helmut Krausser eine Trennung zwischen U- und E-Literatur überhaupt nicht und meint sogar, die E-Literatur sei zumeist marginal, beleidigt, von sich selbst eingenommen und messianisch, obwohl sie ein Randdasein friste. Man solle doch lieber den Reichtum des Nebeneinander anerkennen und genießen. Krausser ist der Meinung, gute Literatur müsse es auch mit Harry Potter oder einem Computerspiel aufnehmen bzw. auch eine Dreizehnjährige ohne viel Leseerfahrung begeistern können.

Außerdem verteidigt er sich dagegen, einen konservativen Literaturbegriff zu haben, er sei eigentlich kein Romantiker und kein letzter Mohikaner, kein Traditionalist, sondern stehe für einen Mix von alt und neu, die Gleichzeitigkeit aller tradierter Formen, die in der Moderne möglich sei. Und die Mannigfaltigkeit der Gegenwart könne nur dadurch ent- und bestehen, dass sie auch einiges enthalte, was ihm nicht gefalle.

Niemand sei heutzutage nur ein Mensch, wir sind mehrere, sagt Krausser, jeder von uns. Und deshalb müsse auch auf Verschiedenes unterschiedlich reagiert werden (und reagiert werden dürfen). Nur die Spießer unter den Autoren versteckten sich in irgendwelchen Höhlen und hinter ihrer einmal erreichten Unverwechselbarkeit, statt Neues auszuprobieren. Er sei also nicht reaktionär, sondern wolle lediglich über die komplette Bandbreite der tradierten Stilmittel verfügen. Überhaupt seien die Reaktionäre von heute oft die Revolutionäre von morgen.

In diesem Kontext spricht Helmut Krausser auch über Metrik und Reim, die lange Zeit nur noch in der komischen Literatur für angemessen gehalten worden seien und teilweise noch heute für moderne Literatur verdammt würden. Krausser ist dagegen der Meinung, dass unsere Zeit nach formaler Strenge giere. Allerdings sollten Dichter unter 30 doch keinen Reim benutzen, einfach weil sie ihn nicht beherrschten. Jeder Vers sei eine Falle, man stehe mit einem Fuss im Grab und mit dem anderen auf einer Bananenschale.

Die Literatur des deutschen Sprachraums nach 1945 bezeichnet Krausser als suhrkampgetränktes Pathos-Vakuum, enstanden durch die Abscheu vor allen Stilmitteln der Nazis, u.a. auch vor dem Pathos. Das Existenzrecht der Literatur habe nur noch im Experiment bestanden, die Schriftsteller wollten nicht mehr bezirzen und bezaubern, dadurch sei das ‘Dienstleistungsverhältnis’ zwischen Autor und Lesern beschädigt worden. Stattdessen hätten die Autoren ihre Leser nun erziehen wollen, was nichts anderes sei als gutgemeinte Verachtung, der Wunsch nach Unterhaltung bei den Lesern sei diesen von den Schriftstellern sogar übel genommen worden.

Gerade wegen dieses ‘Pathos-Vakuums’ im deutschsprachigen Literaturraum habe hier Charles Bukowski so großen Erfolg haben können, nicht nur was er schrieb sei interessant gewesen, sondern auch wie er schrieb. Bukowski habe immer viel gewagt und getrunken und es sei keineswegs peinlich, ihn auch noch in höherem Alter zu lesen und gut zu finden. Besonders Bukowskis Lyrik lobt er.

Das Problem sei, dass dieser Literaturgeschmack der deutschen Nachkriegszeit (aus Unsicherheit im Urteil) in den Redaktionen noch weiter gepflegt würde wie ein uraltes, krankes Pferd, das einfach nicht verrecken wolle. Erst jetzt seien im Roman wieder narrative Strukturen ohne formale Experimente möglich und erlaubt. Folglich müssten die Autoren auch wieder lernen, das Stilmittel des Pathos sicher zu handhaben.

Irgendwo dazwischen kommt ein Gedicht von Dirk von Petersdorff namens Raucherecke (das man hier nachlesen kann und das dem Band Die Teufel in Arezzo entstammt), das sei das einzige, worum er den Dichter beneide. Außerdem spricht Krausser sehr positiv von Ian McEwan und seinem Roman Abbitte, nicht ganz so positiv von Ernest Hemingways ‘Kriegsgewinnlerpathos’ und noch etwas negativer von Ernst Jüngers Roman In Stahlgewittern, der literarisch eigentlich nicht wertvoll und nur ein Tatsachenbericht sei (dem man daraus dann aber auch keinen Vorwurf machen dürfe, der Humor der Protagonisten dürfe keineswegs dem Autor angekreidet werden).

Zuletzt ärgert sich Krausser noch über das angemaßte Gutmenschentum eines besserwisserischen Trommelzwergs, der allen auf die Nerven gehe und macht einen kleinen Schlenker zu Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht. Hier schließt Krausser mit der Frage, ob Kunst ihre Nebenwirkungen auf einem Beipackzettel mitteilen müsse? Dies sei ein schwieriges Thema, das er unbeantwortet lässt.

Kraussers Randbemerkungen zum Pathos: Pathos sei wie ein Messer – gefährlich in der falschen Hand. Hohles Pathos müsse nicht bekämpft werden, denn es platzt von selbst, wenn es sich bläht. Pathos sei Kokain für unsere ratio, ein galoppierendes Pferd unter unserem Arsch, ein Rauschmittel. Pathos sei natürlich nicht typisch deutsch. Pathos sei verbunden mit Eros (denn in der Adoleszenz, in den Jahren, in denen Eros zum bestimmenden Trieb werde, sei das Pathos ein wichtiges Ausdrucksmittel; manche Menschen seien nur ein Mal im Leben kreativ und zwar, wenn sie um ihre erste Liebe würben).

Pathos sei auch mit Thanatos verknüpft (obwohl der Tod allgemein sehr zu begrüßen sei, werde er individuell weniger positiv gesehen, führe zu Quengeleien und Widerspruch und zum Pathos des Leidens, letztlich zum Pathos des Leidens zu Tode). Auch Pathos und Melodie hingen zusammen (auch Melodie, agitiere und errege, mache verrückt und entrücke; so sei das Misstrauen gegen die Melodie in der ernsten Musik nicht zufällig gleichzeitig mit dem Misstrauen gegen jedes Pathos in der Literatur aufgetreten, jetzt erst gäbe es auch eine Rückkehr der Melodie, denn die E-Musik müsse erkennen, dass sie in eine Sackgasse gelaufen sei).

Aus seinen eigenen Texten wählt Helmut Krausser diesmal wieder ein Gedicht (ein abgebrochenes Sonett) und Ausschnitte aus seinem Roman Eros, der ihm einmal mehr den Vorwurf des Kitsches eingebracht habe (das Pathos im Roman rechtfertigt er aber damit, dass es aus der Position eines Jugendlichen erzählt werde und kein Adoleszent sei jemals kitschig). Er beschäftigt sich kurz mit der Frage, warum sein Werk derart umstritten sei und selten lauwarme Reaktionen hervorrufe. Aber als Künstler könne man ohne Feinde nicht leben.

Seine letzten Sätze richtet Krausser an die ‘Suchenden und Schreibenden’ unter den Zuhörern und rät ihnen: ‘Lassen Sie’s sein.’ Es mache einfach zu viel Arbeit. Und denen, die es partout nicht lassen könnten, empfiehlt er, hin und wieder unmodern zu sein. Sich nicht allem aus der literarischen Tradition verpflichtet zu fühlen, es aber im Auge zu behalten. Man solle schreiben, wie man es fühle und keinesfalls so, wie man glaube, dass es andere von einem erwarten. Künstler seien schließlich nur der Wahrheit verpflichtet.

 

Hier geht es zu Krausser III und hier nochmal zu Krausser I

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Krausser I

Der auch als ‘der letzte Romantiker‘ bezeichnete Schriftsteller Helmut Krausser hat in diesem Wintersemester die von Professor Jahraus wiederbelebte Poetikprofessur der LMU München inne und gestern, am 08.11.2007, fand die erste von drei Lesungen statt.

Vor zehn oder elf Jahren war ich schon einmal auf einer Lesung Kraussers, in einer kleinen städtischen Bibliothek in München und ich bin mir nicht mehr sicher, ob er aus Thanatos oder aus der Hagen-Trinker-Trilogie gelesen hat. Ich ging noch zur Schule, war – wie ich gerade beim Blick in meinen Bücherschrank festgestellt habe – zu schüchtern, um mir ein Autogramm zu holen und er saß da, trug – wenn ich mich recht erinnere – eine Lederjacke und sprach vor allem davon, wann denn das Buffett eröffnet werde und es endlich etwas zu trinken gebe. Ansonsten blieb er anständig, seine Ausstrahlung aber war die erotische eines typischen Draufgänger-Trinker-Dichters à la Bukowski.

Jetzt sitzt er in diesem ziemlich großen Hörsaal der Ludwig Maximilians Universität München, es sind ziemlich viele Leute da und diesmal trägt er ein weißes Hemd mit feinen, dunklen Streifen und eine schwarze Jacke dazu, keine Anzugsjacke, aber beinahe, die Geheimratsecken sind größer. Und er wirkt nervös, beißt sich auf die Lippen, als er vorgestellt wird, trinkt immer wieder Wasser, lächelt nicht und sieht zwischendurch etwas ratlos in die Runde, wenn er nicht ohnehin den Kopf gesenkt hält. Und auch als ihm das Wort überlassen wird, tritt er nicht ans Rednerpult, er bleibt sitzen, auf derselben Höhe wie die Zuschauer und beginnt mit einer Entschuldigung: die Vorlesung zum Thema ‘Pathos und Präzision’ sei ihm viel zu lang geraten, er habe kürzen müssen, der zweite Teil werde das nächste Mal vorgetragen. Rhetorisch nicht eben gelungen, den Vortrag entschuldigend zu beginnen, aber es macht ihn sympathisch.

Der Herr Poetikprofessor versteckt sich fast, von hinten kann man ihn sicher nicht gut erkennen, aber ich sitze vorn und sehe, wie er zwischen Halbsätzen mit den Zähnen zu mahlen scheint, seinen Kiefer bewegt, beinahe als würde er kauen und mit der Zunge unter Ober- oder Unterlippe wühlt. Er erwähnt den Begriff Aposiopese, fragt nach, ob dieser bekannt sei, fährt dann aber unbeirrt und ohne Erklärung fort in seiner Rede. Für den Zuschauer kommt es zu einer seltsamen Verdoppelung des Autors, denn hinter ihn ist groß das Ankündigungsplakat der Vorlesung an die Wand projiziert, mit seinem Abbild in schwarz-weiß. Dort oben blickt er intensiv, aus unbebrillten dunklen Augen, erotisch aufgeladen, beinahe hypnotisierend, die Geheimratsecken sind weggeschnitten, unten blickt er kaum aus seinem Manuskript auf und hinter seiner Brille hervor.

Aber Helmut Krausser ist witzig – von Anfang an – und wird mit jedem Absatz sicherer, fühlt sich sichtlich wohler, als er sich ein wenig von der Theorie entfernt und statt dessen literarische Texte vorliest, er blüht auf, legt Wärme und auch ein wenig Pathos in seine dunkle Stimme, wird lauter und lebendiger. Er feiert das Pathos nicht, aber er befürwortet es besonnen, möchte es wieder aufgenommen wissen ins Repertoire stilistischen Handwerkszeugs, gerne gepaart mit Ironie, verteidigt es gegen Kritiker, die nur noch Textökonomie unterstützen und Klarheit. Pathos sei eine Übertreibung und Verdeutlichung, eine Unterstreichung der Wichtigkeit, ein Schritt an die Kante, bewege manche Menschen, während es für andere nur schwer erträglich sei. Kinder und Jugendliche würden magisch vom Pathos angezogen, es scheine etwas natürliches zu sein, was den Menschen erst später ausgetrieben werde. Und schließlich: Kunst ohne Pathos sei unmenschlich und blutleer.

Nebenbei streut Helmut Krausser noch jede Menge Aphorismen, hier nur eine Auswahl: mit Verweis auf Friedrich Schillers Die Verschwörung des Fiesco zu Genua sagt er, dass ein Text immer selbst Schuld trage an seinem Nachleben; von der Seele behauptet er, dass sie existiere, weil das Wort Seele existiere. Umwege (auch beim Schreiben) erhöhten die Ortskenntnis, meint er. Künstlern vorzuwerfen, sie würden zu weit gehen, sei ähnlich, wie Bäumen eine zu große Standorttreue vorzuhalten. Er wundert sich, dass Autoren oft vermieden etwas zu behaupten, denn um am Ende Recht zu behalten, müsse man schließlich zuvor etwas behauptet haben und jeder Autor wolle schließlich Recht behalten.

Im zweiten Teil des Vortrages liest Helmut Krausser aus seinem Roman Thanatos, mit dem er sich – hinsichtlich des Pathos – am weitesten vorgewagt habe, wofür er von verschiedenen Kritikern auch ‘auf die Finger’ bekommen habe. Er meint jedoch, dass sich dieser Roman nicht die Romantik einverleibe, sondern sich in die Romantik einverleibe und hält ihn durchaus für einen parodistischen Roman, auch wenn die Parodie an keinem Punkt genau festzumachen sei. Nach einer wundervollen Lesung der Mordtat in seinem Roman verbeugt er sich mit auf dem Rücken gekreuzten Händen, zum ersten Mal vor seinem Publikum stehend.

Auf die nächste Lesung, die am 29.11. wieder an der LMU stattfinden wird (die dritte Lesung dann im Münchner Literaturhaus), bin ich sehr gespannt, nein: ich freue mich darauf. Mal sehen, ob ich für die Tagung bzw. das Kolloquium Helmut Krausser und die Gegenwartsliteratur der Romantik vom 06.-08.12.2007 im Literaturhaus Zeit finden werde, das Programm liest sich jedenfalls sehr spannend.

 

Hier geht es inzwischen zu Krausser II und Krausser III.

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F. Gräfin zu Reventlow

So nannte sie sich jedenfalls selbst, dieser Name steht als Autorname auf ihren Büchern. Unter anderem am Titelbild der Erstausgabe ihres Romans Von Paul zu Pedro, im Untertitel Amouresken, von 1912, kann man dies feststellen.

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Deshalb ist der Streit, ob sie nun eigentlich Fanny zu Reventlow hieß oder lieber Franziska (Gräfin) zu Reventlow heißen wollte (manchmal wird sie gar Franziska von Reventlow genannt), eigentlich schon wieder überflüssig. Fakt ist, dass sie auf die Namen ‘Fanny Liane Wilhelmine Sophie Auguste Adrienne’ getauft wurde, wie sich das für eine Tochter aus einer Adelsfamilie gehörte. Erst als ‘Fanny’ von Husum bzw. Lübeck nach München kam, wurde Fanny wohl plötzlich von manchen für eine Abkürzung von Franziska gehalten. Während Fanny im Norden englisch-vornehm klingt, nannte man in Bayern höchstens seine Kühe so. Fanny unterschrieb weiterhin mit F. Gräfin zu Reventlow und nur selten mit Fanny, noch bei ihrer (Schein-)Heirat 1911 mit Baron Rechenberg-Linten wird in ihrem russischen Pass allerdings ‘Fanny’ stehen, ‚Franziska zu Reventlow‘ schrieb sie gar nur ein einziges Mal mit eigener Hand. Trotzdem ist sie als Franziska zu Reventlow in die (Literatur-)Geschichte eingegangen. Das liegt an obigem Missverständnis und daran, dass auch ihre spätere Herausgeberin, ihre Schwiegertochter Else Reventlow, die sie persönlich nicht mehr kennenlernen konnte, den Namen Franziska für passender hielt. Später haben Biographen auch immer wieder behauptet, Fanny selbst habe eine Abneigung gegen den Namen Fanny gehabt, aber das haben sie sich wohl schlichtweg ausgedacht. So schnell kann’s gehen.

Aber Fanny hatte viele Namen und es wurde vieles über sie geschrieben. Eine Aufzählung ist ein wahres Kuriositätenkabinett und durchaus interessant. Ein paar Stilblüten seien hier beispielhaft zitiert: Ludwig Klages nannte sie „eine heidnische Heilige“ und sah in ihr „das Element nordischen Heidentums in unvermischter Reinheit“, für Rainer Maria Rilke war sie die „Madonna mit dem Kinde“. Oskar Panizza nannte sie einmal eine „Amazone“, dann eine „schleswig-holsteinsche Venus“, aber auch „tapferes Voll-Weib“ und spricht sie als „Sie holsteinsches Prinzeßchen, Sie schneeweißes Marzipan-Persönchen“ an. Für Alfred Schuler war Reventlow eine „Sirene“, für Theodor Lessing eine „Lais“ und „Braut von ganz Schwabing“. Für Stefan George spielte sie „die Rolle des Mephisto“ und für Franz Hessel war sie „die Mildeste und Wildeste“. Otto Falckenberg erzählt zusammenfassend: „Sie war die schöne, kluge, große Hetäre, das weibliche Ideal Schwabings, noch dazu ebenso mütterlich wie amourös: die immer ersehnte Synthese von Mutter und Dirne, die Astarte des ‚kosmischen Urschlammes‘, die Wiederkehr des Mutterrechtes.“ Daraus wird auch deutlich, dass sie alle wichtigen Persönlichkeit der Jahrhundertwende in München kannte, dass alle über sie schrieben und an sie schrieben (Rilke steckte ihr etwa jeden Tag ein Liebesgedicht in den Briefkasten, wie traumhaft!).

Aber damit hört es noch lang nicht auf, es geht noch viel weiter, eine Sammlung von verschiedensten Benennungen (insgesamt knapp 60) habe ich in meiner Arbeit ‘Anleitung zum Unbürgerlichsein – F. Gräfin zu Reventlows Roman Von Paul zu Pedro als Spiel mit Genres und Geschlecht‘ im Anhang angeführt, mit Fußnoten nachgewiesen, versteht sich.

Kann man über jemanden wie Fanny überhaupt noch etwas schreiben? Soll man über sie überhaupt noch etwas schreiben, persönlich? Soll man mitmachen bei dieser Polonaise von Benennungen, noch mehr Stilblüten hinzufügen? Und doch: ich habe über ein halbes Jahr nur von ihr und über sie gelesen, über ihr Werk geschrieben, jede Zeile ihres Tagebuchs gelesen, sie ist mir ans Herz gewachsen. Und ich habe mir ein Bild von ihr gemacht, sie bedeutet mir etwas, ihr Foto steht auf meinem Schreibtisch. Natürlich habe ich mir etwas vorgestellt. Dass sie klein war und zerbrechlich wirkte, schmal und hübsch, dass sie lange Kleider trug und manchmal einen Hut. Dass sie die Haare teilweise ganz kurz trug und burschikos und keck wirkte bei ihrer Hochzeit. Dass ich sie sehr gemocht hätte, aber ich mir nicht sicher bin, ob sie das erwidert hätte. Dass sie sehr mutig war und sehr genau hat wissen müssen, was sie wollte: unverheiratet mit ihrem Sohn leben, zur damaligen Zeit ein Skandal. Dass sie unheimlich vieles anpackte und wieder fallen ließ, aber immer wieder die selbe Begeisterung zeigte für Neues. Dass sie gerne reiste, wirklich hart arbeitete, aber dennoch nie Geld hatte. Dass sie großzügig war und unbekümmert, aber zwischendrin auch unglaublich einsam und unglücklich. Dass sie sich in ihrer Schwangerschaft fast umgebracht hätte, ihr Kind dann aber ihr Ein-und-Alles war. Dass sie Männer sehr liebte, aber eben nicht immer nur einen, schön der Reihe nach. Dass sie Schriftstellerin und Übersetzerin war und viel lieber Malerin sein wollte. Dass sie einfach ihren Weg ging und in keine Schubladen passt. Dass sie einfach bewunderungswürdig ist.

Und zuletzt habe ich mir noch unheimlich oft gedacht, wie unverschämt viele Rezensenten, Biographen und sonstige Autoren in ihrem Urteil ihr gegenüber oft waren. Und wie ignorant. Dass sie andauernd nur über ihr skandalöses Leben schrieben und darüber, wen sie alles kannte und im Bett hatte. Dass es ihnen nicht langweilig wurde, darüber zu schreiben. Und warum zum Teufel sie nicht ab und zu öfter in ihre Bücher hineinsahen und einfach lasen, was sie selbst schrieb. Und dass sie einfach nicht anerkennen wollten, dass sie wirklich schreiben konnte. Dass ihre Bücher unheimlich amüsant, genau beobachtet und gut erzählt sind. Und natürlich dass ihre Bücher das sind, was ich in meiner Arbeit zu zeigen versuche: intertextuell verwobene Kunstwerke.

Das alles tut natürlich überhaupt gar nichts zur Sache, was ich mir dachte und vorstellte und ich denke, es ist mir auch gelungen, meine Sympathien und Antipathien aus dieser wissenschaftlichen Arbeit herauszuhalten. Außer vielleicht ein klein wenig beim allerletzten Satz, wo ich schreibe: „Klar ist aber jetzt schon, dass das Bild von Reventlow als unbedarfter, unbelesener und unpolitischer Autorin von autobiographischer Unterhaltungsliteratur, die sie nur mit Hilfe von Männern verfassen konnte, gründlich revidiert werden muss.“ Und natürlich, wenn ich im Anhang Catherina Godwin aufnehme, eine so gut wie vergessene aber ebenso spannende Autorin, die einiges mit Fanny zu Reventlow teilt und 1910 ein Buch mit dem genialischen Titel ‚Begegnungen mit mir‘ veröffentlichte. Später ist Catherina Godwin dann wohl immer mehr in Richtung niedere Unterhaltungsliteratur abgedriftet, mit Titeln wie ‚Hotel der Erfüllung‘ und ähnlichem.
 

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Näheres zu meiner Arbeit über Fanny zu Reventlows Roman Von Paul zu Pedro könnt ihr übrigens hier erfahren und die Arbeit auch herunterladen.

Der Titel ‘Anleitung zum Unbürgerlichsein’ ist natürlich Paul Watzlawicks ‘Anleitung zum Unglücklichsein’ entwendet, ich konnte ja nicht ahnen, dass er nur ein paar Tage nach Titelfindung sterben würde und fühle mich auch ein wenig schuldig. Mord durch Zitation sozusagen.

Ach ja, und es lohnt sich wirklich, einfach ihre Romane zu lesen, sie sind tatsächlich herrlich komisch: mein Lieblingsbuch ‘Von Paul zu Pedro – Amouresken’ (über Männer, Beziehungen, die Liebe und die leidige Angelegenheit mit Geld und Beruf), ‘Der Geldkomplex’ (sehr amüsante Parodie auf die Psychoanalyse, gibt es auch als Hörbuch; hier auch die Abbildung des Titelbildes der Erstausgabe von 1916), ‘Herrn Dames Aufzeichnungen’ (über das Leben der Bohème in München-Schwabing der Jahrhundertwende) und natürlich ihre Tagebücher. Um komplett zu sein hier auch ihr erster, autobiographischer Roman Ellen Olestjerne, ihr letzter, unvollendeter ‘Der Selbstmordverein’ (leider momentan nicht einzeln erhältlich), ihre Erzählungen (sehr hübsche Ausgabe, die neben den Erzählungen auch ‘Von Paul zu Pedro’ enthält) und – der Einfachheit halber – die gesammelten Werke in 5 Bänden.

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Und – ein heißer Tip – Fannys ausgesprochen reizender Briefwechsel mit ihrem zeitweiligen Lebensgefährten Bohdan von Suchocki: ‘Wir üben uns jetzt wie Esel schreien’. Dort (im sehr kundigen Vorwort von Jürgen Gutsch) sind auch zwei Schüttelreime von Fanny zu Reventlow zu finden, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Denn wenn ich diese Pfötchen knutsch
gehn meiner Seele Knötchen pfutsch

Man muss nicht so viel Liebe treiben,
dass sich die Triebe selbst entleiben.

 

Und wer an einer Stadtführung zur Münchner Bohème interessiert ist, um sein Wissen zu vertiefen, der lese hier weiter.

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Neue Netze

Das neue Netz? – Tagung an der Universität Bamberg 20.-22. September 2007
Technorati: dnn2007

Eigentlich gehöre ich ja gar nicht dazu. Ich bin weder Soziologin, noch Kommunikations-, Medienwissenschaftlerin, Informatikerin oder ähnliches, wie die meisten hier. Ich halte keinen Vortrag, ich beschäftige mich auch sonst nicht wissenschaftlich mit dem Web 2.0 und bin eigentlich davon ausgegangen, dass ich das Zuhören durchaus mit eigenem Lesen oder Schreiben unterbrechen würde. Aber mein Block und mein Buch ruhen in meiner Tasche aus. Irgendwie wird alles viel zu interessant.

Am Ende des Tages bildet man einen Stuhlkreis, es soll diskutiert werden, es stottert erst und holpert, dann läuft es an und die Diskussion gewinnt an Fahrt, wird engagiert und auch ein klein wenig emotional, die Blickpunkte der verschiedenen Disziplinen prallen tatsächlich produktiv aufeinander. Da treten ganz dezent die unterschiedlichsten Dialekte zum Vorschein, es wird sanft gesächselt und Wienerisch gesprochen zum Niederknien. Und es keimt zwischendurch kurz das Gefühl auf, dass das hier ein klitzekleiner Teil der Geschichte ist. Irgendwie ist ja jeder Moment irgendwie Geschichte, hinterher, aber dieser vielleicht doch etwas mehr. Weil es etwas Neues ist, was hier gemacht und besprochen wird, ein wissenschaftlicher Diskurs über das ‚Neue Netz‘. Weil die hier zwar nicht die ersten sind, die sich an einer Definition versuchen, aber ihnen darin auch noch nicht gar so viele voraus gegangen sind und ein Ergebnis noch lange nicht absehbar ist. Ich gehöre eigentlich gar nicht dazu, aber jetzt bin ich Teil davon.

Was mich als Literaturwissenschaftlerin aber noch mehr interessieren würde, ist der Zusammenhang zwischen (literarischen) Blogs, weiblichem Sprechen und Authentizität. Erstens ist es ja wohl so, dass nach Jan Schmidt die Blogosphäre vorwiegend weiblich ist. Zweitens werden Blogs offenbar mit einem hohen Grad an Authentizität in Verbindung gebracht, d.h. es wird auch davon ausgegangen, dass es sich um mehr oder minder unzensiertes autobiographisches Sprechen (im Gegensatz zum fiktiven Sprechen) handelt. Drittens wird in den literaturwissenschaftlichen Gender-Studies davon ausgegangen, dass es zwischen Weiblichkeit und Autobiographie einen doppelten Zusammenhang gibt: erstens ermöglichen bestimmte literarische Moden, die ein scheinbar autobiographisches Sprechen ausstellen (wie etwa der empfindsame Briefroman des 18. Jahrhunderts) den Eintritt von Frauen in die Literatur. Dies auch, weil autobiographisches, authentisches, natürliches Sprechen immer schon mit dem Sprechen von Frauen in Zusammenhang gebracht wurde. Das hat nicht zuletzt mit der behaupteten Kultur – Natur Dichotomie zwischen Mann und Frau zu tun. Gerade der Briefroman ist dann ein Genre, das mit diesen Annahmen spielt, nämlich bewusst autobiographisches Sprechen fingiert. Es entsteht die Fiktion von Authentizität. Und dies noch einmal verstärkt, wenn es sich um eine weibliche Autorin handelt. Dann wird der Text oft sofort auf sie und ihr Leben zurückgelesen, der Text wörtlich genommen. Weibliches Schreiben erscheint identisch mit autobiographischem Schreiben, schon weil man Frauen ein fiktional-literarisches Schreiben gar nicht zutraut.

Was könnte man jetzt als Literaturwissenschaftler aus diesen Annahmen schließen? Dass, ganz platt gesagt, die Blogs die Briefromane der Moderne sind? Mit allen Chancen und Problemen? Autobiographisch/authentisch markiertes Sprechen, vorwiegend von Frauen? Ist die Blogosphäre deshalb weiblich geprägt, weil genau dieses Sprechen auch den Frauen den Zugang zu einer Autorposition erlaubt? Und umgekehrt, werden Blogs deshalb als autobiographisch gelesen, weil sie besonders häufig von Frauen geschrieben werden? Wie kommt es überhaupt zu dieser Verbindung von Blog und Authentizität? Wie erzeugen Blogs diese Fiktion von Authentizität? Oder ist es nur so, dass – ähnlich wie bei einer Wissenschaft 2.0 – bloß eine klare und anerkannte Markierung dafür fehlt, dass es sich jetzt um einen fiktionalen Text handelt? Wie sieht es aus, wenn ein Autor/eine Autorin bewusst mit dieser Fiktion von Authentizität spielt, etwa in literarischen Blogs?

Fragen über Fragen, mit denen sich wahrscheinlich noch niemand in der (deutschen) Literaturwissenschaft beschäftigt hat, oder? Antworten, Anmerkungen und Literaturtips bitte gerne hier!

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