Umleitung

Hier geht es vorerst nicht weiter. Denn die Sprachspielerin ist momentan mit Marc von der Wissenswerkstatt und einem Beutelthierchen am anderen Ende der Welt (Neuseeland und Australien) und berichtet darüber unter www.beutelthierchen.de. Also Reiseberichte, ist ja auch eine literarische Gattung. Bitte benutzen Sie die Umleitung.

P.S. Die lebensverschönernden Maßnahmen hat es übrigens durchaus gegeben, sie sind aber leider im Nirvana des Internets verschollen…

Geschrieben in Alltag,Randnotizen | Keine Kommentare

Zur Teddyaffenwoche

Ja, ich weiß, ich bin viel zu spät dran, das war schon die letzte Woche, die Anke Gröner zur Teddybärenwoche ausgerufen hatte. Aber einerseits bin ich ja entschuldigt, dass ich es nicht schon früher mitbekommen habe (akuter Lernstress), andererseits sind die Ergebnisse/Blogbeiträge teilweise so schön, dass ich mich jetzt einfach noch ungefragt und verspätet anschließen muss. Außerdem hat mich Percanta durch ihr Beispiel ermutigt, denn sie hat auch diese Woche noch die Bären Monika und Jochen nachgeschoben, nachdem es letzte Woche bei ihr schon Pu zu bewundern gab.

Außer der Verspätung habe ich aber auch noch ein weiteres Problem: mein Teddy ist kein Bär. Aber darüber tröstet mich dann wieder hinweg, dass es auch bei Lu von miagolare ein Hundi ist, der ihr Teddy war, bei Sven ein Tiger und bei Thommy sogar ein Äffchen namens Toldie (und wazong hat den gleichen). Denn ansonsten handelt es sich tatsächlich weitgehend um Bären-Begleiter, unbedingt besuchen sollte man darunter Isas Bär Brummi, dessen Brummen man sich beim Anklicken des Bildes auch gleich anhören kann.

Weitere Bären gibt es natürlich bei Anke selbst (1, 2), bei Text&Blog, Kiki, Flummi, Dirk, Sara und ondamaris, bei Altmetall, dem Heliumkiffer und meiner Mitmünchnerin Helga. Auch Frau Klugscheisser zeigt ihren alten Teddybären, aber nicht ohne auf einen verschollenen Affen und die Entsorgungsproblematik hinzuweisen, auf die sie letztes Jahr schonmal näher einging. Auch ich hatte andere Kuscheltiere (darunter wahrscheinlich sogar Teddybären), die älter waren und vielleicht sogar ‘liebergehabt’ wurden, aber die sind irgendwie weg. Mag ja sein, dass das eine oder andere Stofftier noch in Südfrankreich aufzufinden ist, wo ich ja meine früheste Kindheit verbrachte, kann aber auch gut sein, dass sie schlicht und ergreifend der Ordnungsliebe meiner Mutter zum Opfer gefallen sind, das halte ich sogar für die wahrscheinlichere Alternative.

Das, was bei mir als liebstes und frühestes Kuscheltier übriggeblieben ist, ist jedenfalls ein Affe, ein relativ großer, sehr weicher, hellbeiger Affe. Und da kommt schon die dritte Einschränkung zur Teilnahme an der Teddybärenwoche: es ist nicht nur zu spät und kein Bär, sondern so besonders alt wie die, die woanders schon vorgestellt worden sind, ist der Affe auch nicht, nicht so liebevoll abgewetzt, abgeliebt und geflickt, der sieht eigentlich noch ganz gut aus, da muss man sich fast schämen.

Bekommen habe ich ihn auch nicht zur Geburt, sondern erst irgendwann zu Grundschulzeiten von meiner Patentante, ich wollte eigentlich unbedingt einen Affen von Steiff (weil eine Freundin so einen hatte, mit Drähten in den Armen), aber das war wohl zu teuer. Der no-name-Affe hat es aber auch genauso getan und wurde sehr geliebt und jetzt kommt das vielleicht einzig Besondere an diesem Nicht-Teddybär: sein Name.

Nein, einer reicht nicht, ich war ein sehr phantasievolles Kind, es mussten drei sein und so heißt er nun: Schimpo Schischi Tapioka. Schimpo, weil Affen eben so heißen müssen, davon war ich überzeugt, da hatte ich gar keine andere Wahl. Schischi, weil das so gut zu Schimpo passt und zusammen gut klingt. Und Tapioka, naja, ich glaube, dass in meiner damaligen Lieblingslektüre (Lustige Taschenbücher, aber nicht weitersagen!) eine Figur mit diesem Namen vorkam und mir der Klang gefiel. Dass Tapioka auch eine Süßkartoffel bzw. irgendwas aus der Maniokknolle ist, erfuhr ich erst viel später (zumindest farblich kommt das aber ungefähr hin)…

Nun gut, dann wäre das vornehme Äffchen mit dem langen Namen also vorgestellt, ich hatte den Artikel schon bis hierhin geschrieben und wollte zum finalen Foto schreiten, als mir genau das passierte, was Anke geschah und überhaupt nur der Grund für diese Teddybärenwoche gewesen ist: ich fand ihn nicht. Nicht an dem Platz in der Rumpelkammer, wo ich ihn ganz sicher vermutete, nicht im Bettkasten, nirgendwo. Und mein ‘Kerl’ (wie Anke das nennt) macht auch keine Anstalten, ihn wiederzufinden. Weg, verschwunden, keine Ahnung wo, verschollen oder weggelaufen, kein Foto jedenfalls. Vielleicht hangelt er sich irgendwo im Urwald von Ast zu Ast oder ist im Affen-Nirwana, ich weiß es nicht. Wahrscheinlich liegt er aber nur unspektakulär und staubbedeckt irgendwo in einem Winkel meiner Wohnung…

Okay, ja, ich geb’s zu, das nennt sich dann wohl ‘Versagen auf der ganzen Linie’: völlig verspätet antreten, einen gar nicht besonders alten Affen mit komischem Dreifachnamen als Teddybären unterschieben wollen und den dann noch nicht einmal finden und fotografieren können! Super, toll gemacht, ganz große Klasse, das ist doch mal ein kompletter Reinfall.

Aber ätsch, ich stell’ das jetzt trotzdem ein, vielleicht finde ich ihn ja noch irgendwann, dann wird das Foto von Herrn Schimpo Schischi Tapioka nachgeliefert. Vorerst  – damit ihr hier keine Randale macht – müsst ihr euch mit dem Bild eines ‘aktuellen’ Kuscheltiers trösten, das einzige, das die Kinder- und Jugendzeit in meinem Bett überlebt hat bzw. eigentlich noch viel jünger ist, nämlich erst gute 10 Jahre. Auf der anderen Seite sieht man ihm aber an, dass es liebgehabt und ‘benutzt’ wird, denn ich habe es fast jede Nacht in der Hand, es passt da einfach perfekt rein in meine Faust, den Kopf zwischen Daumen und Zeigefinger hindurchgestreckt, und das sieht man auch (u.a. am sehr schiefen Hals des Viechs).

 Ungeheuer_01.jpg

Voilà, darf ich vorstellen: das ‘Ungeheuer’. Ich habe es mal auf meinem Tiger-Sofa fotografiert, damit es wenigstens ein kleines bisschen gefährlich aussieht und nicht so wie die harmlose Schildkröte, die es wahrscheinlich darstellen soll. Das Biest ist natürlich von Steiff, aber warum genau es nun ‘das Ungeheuer’ heißt, weiß ich auch nicht. Seid ihr nun zufrieden mit meinem Teddybären?

Geschrieben in Alltag | 1 Kommentar

Rowohlt-Liebe zum 100.

Schon immer habe ich den Rowohlt-Verlag geliebt, mein absoluter Favorit unter den Verlagen, natürlich wegen der dort veröffentlichten Autoren: Simone de Beauvoir ist dort, Jean-Paul Sartre und Albert Camus auch, außerdem Wolfgang Borchert, Ernest Hemingway, Henry Miller und Philip Roth, Paul Auster und Siri Hustvedt, Virginie Despentes, Nicholson Baker und James Salter, Tahar Ben Jelloun und auch Helmut Krausser und Michel Houellebecq teilweise, um nur eine unvollständige und völlig ungeordnete Liste einiger meiner großen "Idole" hier anzuführen. Ich habe Rowohlt immer geliebt und es war und blieb mein Traum, einmal dort ein Buch zu veröffentlichen, mich so einzureihen zwischen diese großen Namen.

Außerdem gibt es da natürlich auch noch die wunderbaren Rowohlt-Monographien, die ich reihenweise verschlungen habe. Über die roten Rowohlt-Reihen mit Sartre-Büchern in meinem Bücherschrank und darüber, dass ich in einem gewissen Alter immer eines davon mit mir herumschleppte (weshalb einige Bände auch völlig zerfleddert sind), hatte ich ja schon einmal geschrieben. Ich mochte immer dieses Kürzel und das Logo rororo und an den seltsamen Ort ‘Reinbek’, über den man sonst wahrscheinlich nie etwas gehört hätte, habe ich mich auch nur anfangs gewundert.

Ich wollte also ohnehin schon einmal einen Artikel über Rowohlt schreiben und ein Loblied singen, jetzt habe ich aber erfahren, dass mein Lieblingsverlag dieses Jahr auch noch seinen 100. Geburtstag feiert (er wurde nämlich 1808 in Leipzig gegründet), dieser Verlag, über den Joachim Güntner zu diesem Anlass in der NZZ schreibt:

Rowohlt ist nicht so gediegen wie S. Fischer, nicht so nüchtern wie C. H. Beck, nicht so intellektuell wie Suhrkamp. Dafür spritziger, beweglicher, frecher, modischer.

Das bringt es ganz gut auf den Punkt, finde ich: Rowohlt hat dieses gewisse Etwas, ein aufregendes, ein bisschen anrüchiges, anstößiges, erotisches, modernes und avantgardistisches Etwas, finde ich. Also gehen hiermit die herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag von mir an meinen Lieblingsverlag! Die Jubiläums-Website (mit virtuellem Rundgang durchs Verlagsgebäude und sogar einem Jubiläums-Blog) kann sich übrigens wirklich sehen lassen und ist einen Besuch wert!

Nur eine, eine einzige kleine Kritik habe ich: könnt ihr euch noch an die Pfandbrief-Werbung in alten Rowohlt-Büchern erinnern? Erst kürzlich ist mir in einer etwas älteren Ausgabe (1970) des Standardwerks von Marian Szyrocki zur deutschen Literatur des Barocks (damals in der Reihe ‘Rowohlts deutsche Enzyklopädie’) wieder so eine vergilbte Seite aufgefallen:

Poetischer_Trichter.jpg

Der Werbetext dazu lautet (wobei zu beachten ist, dass es sich beim ‘Poetischen Trichter‘ um ein barockes Literatur-Lehrbuch von 1647 von Georg Philipp Harsdörffer handelt, das dem Schüler die ‘Teutsche Dicht- und Reimkunst’ "in Vl. Stunden einzugiessen" fähig sein soll):

Ein poetischer Trichter … macht aus einem prosaischen Menschen nicht in sechs Stunden einen Dichter und Reimer. Und eine Anzeige macht nicht in sechs Minuten aus einem Autofan einen Eisenbahnfahrer, aus einem Weltenbummler einen Eigenheimsparer, aus einem Wasserscheuen einen Badefreund, aus einem Verschwender einen Sparsamen. So soll hier gar nicht erst versucht werden, den Leichtfüßigen, Prassern, Geldverschleuderern und Sparmuffeln, Habenichtsen und Ewigborgern die ‘Teutsche Spar- und Zinskunst’ einzugießen. [...]

Und das Frappierende und höchst Angenehme daran ist ja, dass man sich da wirklich die Mühe gemacht hat, die Werbung dem Buch anzupassen, sie thematisch intelligent einzupassen, zusätzlich noch ein ‘barockes’ Bild zu malen und einen ziemlich amüsanten, sprachlich durchaus eleganten und ironischen Text dazu zu schreiben! Mir hat das immer sehr gefallen und da kommt meine einzige, kleine Kritik: könnte man das nicht wieder machen, diese lustige und hübsche Pfandbrief-Werbung? Die gehörte doch irgendwie dazu und fehlt mir schon sehr in den neuen Büchern!

 

Linktips zum 100. Geburtstag des Rowohlt-Verlags:

Geschrieben in Dazwischen | 2 Kommentare

Die Dritte

Jetzt also doch endlich noch ein Bericht zur Lesung des Münchner Literaturbüros (MLB) um den 15. Haidhauser Werktstattpreis letzten Samstag im Gasteig. Um es kurz und unspannend zu machen: ich bin Dritte geworden und damit recht zufrieden. Gelesen haben Herrmann Rupp, Aye Alavie, Christoph Altmann, Michael Ried, Damaris Nübel, N. Bohrmann, Karl Bertram Raster, Gipp Primus, Georg Eggers und ich.

MLB1.jpg

Nicht ganz ideal war 1. dass ich schon als zweite lesen musste (das wurde ausgelost, deshalb auch die große 2 vor meinem Namen auf dem Bild) und 2. ich doch etwas aufgeregt war. Trotzdem habe ich es ganz gut über die Bühne und hinter mich gebracht, denke ich und wurde mir gesagt. (Ach ja, gelesen habe ich wieder diesen Text, die Bettgeschichten.)

Unter anderem gab es ein Gedicht über aggressives Einparken in München, das mit solch vehementem Pathos vorgetragen wurde, dass man anfangs nicht wusste, ob man aus Mitleid weinen sollte oder lachen durfte, das Lachen war dann aber sehr befreiend und die ‘Ballade’ sehr lustig. Außerdem kam eine Geschichte von einem Pfarrer, der zu wenige Hostien ausgibt und dann mit seiner Haushälterin durchbrennt, mit lustigem Schluss, bei der man den Lesenden aber immer gern angeschubst hätte, weil er sich in Einzelheiten verlor und furchtbar langsam und monoton las.

Höhepunkt war dann vielleicht die Geschichte, in der eine große Menge Haschisch (für DM!) gekauft und eine Zigarette nach der anderen geraucht wurde, schließlich gab es dann noch ein selbstgesammeltes Pilzgericht, u.a. mit Fliegenpilzen… Die Geschichte war viel länger als zehn Minuten, der Vortrag wurde abgebrochen. Bei einer Nachfrage aus dem Publikum, was denn in diesem Pilzgericht gewesen sei, entpuppte sich die Geschichte als autobiographisch (Antwort: “ja, da haben wir halt…”), der Autor saß inzwischen mit Sonnenbrille vor dem Publikum, den Stoffbeutel immer noch fest auf der Schulter.

Als Vorletzter kam Christoph Altmann mit einer Geschichte über die Probleme eines Heranwachsenden, die mir inhaltlich sehr gut, sprachlich aber weniger gefiel (mir waren da einfach zu viele 3-4-Wort-Sätze dabei), ganz zuletzt dann Hermann Rupp mit einer Geschichte, die eine gute Idee hatte, meiner Meinung nach sprachlich auch sehr gelungen war und mit einer sehr hübschen Pointe endete.

Abstimmung und Auszählung der Stimmen dauerten dann ziemlich lang (jeder durfte einen 1.,2. und 3. Platz vergeben, wobei der 1. drei Stimmen, der 2. zwei Stimmen und der 3. eine Stimme zugesprochen bekamen). Wie auf der Tafel oben zu erkennen ist, gab es einen überragenden 1. Platz: Hermann Rupp mit 92 Stimmen für ‘Der Unsichtbare’, 2.-4. Platz lagen dann sehr nah aneinander. Christoph Altmann wurde mit 76 Stimmen Zweiter, ich mit 75 Stimmen Dritte und Karl Raster landete mit nur einer Stimme weniger auf einem sehr guten vierten Platz. Dazu gab’s eine Flasche Wein und ein paar Siegerfotos, Hermann Rupp bekam das Sparschwein:

MLB2.jpg

Auf dem Foto links neben mir Christoph Altmann und ganz links der Sieger Hermann Rupp (und fragt mich jetzt nicht, wo ich da gerade hinschaue, ich weiß es nicht mehr…). Ich bin dann mit meinen lieben Unterstützern (denen ich natürlich nochmal ganz herzlich danke) ins Café Atlas weitergereist und habe dort ein kleines bisschen gefeiert.

Geschrieben in Alltag | 9 Kommentare

Morgens und abends

Wenn ich morgens aufstehe, dann bin ich fast immer voller Lebensmut und Tatendrang. Wenn ich abends ins Bett gehe, dann meist erschöpft und traurig, mit dem Gefühl, Zeit vergeudet, nichts geschafft zu haben und meine Prüfungen nie im Leben bestehen zu können, mit einem Herzen wie eine Wasserbombe: ein klitzekleines Pieksen in die dünne Plastikhaut bringt es zum Platzen und die Tränen zum Überlaufen. Meine Nerven waren nie die stärksten, aber dennoch frage ich mich, was da zwischendrin, zwischen morgens und abends, an solch einem Tag mit mir geschieht.

Mich interessieren die Dinge, die ich lernen muss, ich mag sie, ich arbeite mich anfangs mit Begeisterung durch die Literaturgeschichte, mir gefallen die theologischen Wirren der Reformationszeit und die sozialen des Bauernkriegs, ich schätze Kriemhild, Kudrun und Gyburc und übersetze mit großer Freude aus dem Mittelhochdeutschen, ich entdecke mit viel Interesse die Griechen wieder, die ich seit der Schulzeit so schmählich vernachlässigt habe, am liebsten würde ich mich sogleich über Homer hermachen und die griechischen Lyriker wieder im Original lesen, nichts lieber als das. Und ich weiß auch, dass es in gewisser Weise sogar ein Luxus ist, mich den ganzen Tag lang mit solchen Dingen beschäftigen zu dürfen, tief in Geschichte und Literatur einzutauchen, ich weiß, dass mancher gerne mit mir tauschen würde (statt arbeiten zu gehen).

Was mich aber einerseits stört ist die Begrenzheit der Zeit und die Masse an Stoff, die es mir verbieten, mich tiefer in Einzelheiten einzuarbeiten, mir verbieten, mich zu spezialisieren, nachzufragen, nachzuforschen. Ich soll alles wissen, im Staatsexamen kann man mich alles fragen. Aber mir liegt nicht die Weite des Wissens, nicht die Oberflächlichkeit, mir liegt mehr die Vertiefung und der Perfektionismus im Kleinen, den ich mir jetzt austreiben muss. Ich muss mich selbst andauernd davon abhalten, mich in Details zu verlieren und noch dieses und jenes nachzusehen, denn ich muss einfach durch den Stoff durch! Und es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass ich in die Prüfungen werde gehen müssen und nicht alles wissen werde.

Und andererseits ist es einfach dieses ‘Muss’, das schon jeden Morgen wie ein Damoklesschwert über mir hängt und irgendwann, mitten im vergnüglichen Lesen und Lernen auf mich niedersaust, mir die Unfreiwilligkeit meines Tuns vor Augen führt und mir so jede Lust nimmt. Sobald ich mir vergegenwärtige, dass ich nicht anders kann, als jetzt auf Teufel-Komm-Raus zu lernen, keine Wahl habe, werde ich böse und bockig und mag nicht mehr. Warum nur bin ich so gemacht, dass mir alles, was ich ‘muss’ sogleich weniger Freude macht, dass sich dagegen in mir ein Trotz aufbaut, ein kindlicher, der irgendwann ausbricht und mich die geliebten Bücher verfluchen lässt?

Hätte ich doch nicht so viele Existenzialisten lesen sollen, um diesen Willen zur Freiheit, zur Freiwilligkeit, der mir jeden Tag das Lernen verdirbt, nicht noch zu stärken? Was tue ich gegen diesen Widerspruchskobold, der in mir hockt und immer ‘aber’ sagt oder ‘nein’ ruft? Neuerdings hängt ein Spruch von Goethe über meinem Schreibtisch:

"Beim Muss kann der Mensch allein zeigen, wie’s mit ihm steht. Willkürlich leben kann jeder."

Soso. Mal sehen, ob’s hilft. Und viel leichter wäre es ja auch, wenn ich mich jeweils auf eine Sache konzentrieren könnte, ohne mich um anderes zu sorgen, wenn ich mich mit Dramentheorie beschäftigen könnte, ohne mir zeitgleich Sorgen um das Examen in Geschichte zu machen. Und überhaupt ginge alles viel schneller und besser, wenn ich mir nicht so viele Sorgen machte, die ganz unnütz sind und mich kein Stück weiterbringen. Aber wie stellt man die ab?

Also jeden Tag ein Ringen mit mir, bis zur Lustlosigkeit, bis zur Erschöpfung, bis zur Weinerlichkeit, jeden Tag, bis der widerspenstige Gnom in mir losplärrt und mein Herz zur Wasserbombe macht. Jeden Tag ankämpfen gegen meinen Perfektionismus, gegen die Sorgen, gegen das ‘Müssen’ und gegen andere Ablenkungen sowieso. Und das noch bis Ende Juni. Ich darf gar nicht daran denken, wie lange das noch ist, Gottlob bin ich schlecht im Rechnen.

Was hilft, das sind die Narzissen, die auf meinem Schreibtisch stehen, ich hatte den intensiven Geruch von Narzissen ganz vergessen. Was hilft, das ist eine Umarmung und das Essen, das mir ein lieber und vielgeliebter Mensch liebevoll kocht und bäckt. Was hilft, sind die beiden VW-Käfer, die genau vor meiner Haustür stehen, einer golden, der andere narzissengelb, Stoßstange an Stoßstange, als würden sie sich aneinanderkuscheln und schmusen.

Kaefer_klein.jpg

Was hilft, ist immer wieder das Schreiben, das freiwillige, das mich trotzdem aufrecht gehen lässt. Was hilft, ist ein wenig jammern und getröstet werden. Was hilft, ist viel Schokolade, heißer Tee und ein heißes Bad. Was hilft, ist immer wieder Musik, zum Beispiel einer der allerbesten Songs, die ich kenne, Dilaudid  von The Mountain Goats. Das Lied heißt nicht zufällig ‘Dilaudid’ wie ein Schmerz- und Betäubungsmittel. Bitte das Video einfach nicht beachten, aber die Liveaufnahmen des Songs sind alle deutlich schlechter als das Original, also nur hinhören, aber laut aufdrehen:

Geschrieben in Alltag | 1 Kommentar

Alltagspoesie

Seit fast zwei Wochen findet sich an unserer Haustür folgendes Graffito:

 Love1.jpg

Dies mag ja mit dem heutigen Fest der Liebe irgendwie zusammenhängen und dieses Wort ist ja immerhin noch angenehmer als irgendwelche Beschimpfungen, dennoch finde ich Farbe und Ausführung ästhetisch mangelhaft. Ich habe überhaupt nichts gegen Graffiti, aber dann bitte wenigstens gut gemachte und nicht nur so etwas in hässlichem Grün und an jeder Häuserecke, nein (dunkleres tannengrün wäre in der Weihnachtszeit doch zumindest angebrachter gewesen).

Mir gefällt in diesem Sinne der Stempel, der sich ebenfalls an unserem Haus befindet, sehr gut und auch die ‘Frohe Botschaft’ scheint mir hier besser getroffen zu sein:

 ZumMeer_klein1.jpg

Schön wär’s ja, immerhin weist der Pfeil tatsächlich die Richtung zum Wasser, wenn’s auch nur die Isar ist.

Apropos möchte ich auch noch einige Beispiele für Alltagspoesie an meiner Gastherme zeigen. Hier erstmal etwas empfindsames (mit Hase):

 MeinHerz1.jpg

Hier noch ein fazitähnlicher Ausspruch, sozusagen mein Wort zu diesem Jahr, nahe der Selbsterkenntnis:

 Tropf1.jpg

Und letztendlich zumindest noch etwas ein wenig Weihnachtliches vom Kühlschrank:

 Milch1.jpg

Himlagott‘ war sehr leckerer Tee aus Schweden, der so rosa schmeckte wie die Packung aussieht, aber leider schon lange aus ist. Und wenn sowohl im Kühlschrank als auch im Himmel immer Milch vorrätig wäre, dann wäre das ja nicht das Schlechteste (wenn ich mich recht entsinne, dann stammt dieser Satz von Katl). In diesem Sinne: ich wünsche allen nochmal ein schönes Fest, möge es euch rosarot sein, und wer sich noch weiter besinnen mag, kann das ja mal mit meinem Gebet oder der Liebesgeschichte Organon versuchen (als Text oder Podcast), die zumindest in der Kirche spielt.

Geschrieben in Alltag | Keine Kommentare

F. Gräfin zu Reventlow

So nannte sie sich jedenfalls selbst, dieser Name steht als Autorname auf ihren Büchern. Unter anderem am Titelbild der Erstausgabe ihres Romans Von Paul zu Pedro, im Untertitel Amouresken, von 1912, kann man dies feststellen.

Amouresken_01a.jpg

 
Deshalb ist der Streit, ob sie nun eigentlich Fanny zu Reventlow hieß oder lieber Franziska (Gräfin) zu Reventlow heißen wollte (manchmal wird sie gar Franziska von Reventlow genannt), eigentlich schon wieder überflüssig. Fakt ist, dass sie auf die Namen ‘Fanny Liane Wilhelmine Sophie Auguste Adrienne’ getauft wurde, wie sich das für eine Tochter aus einer Adelsfamilie gehörte. Erst als ‘Fanny’ von Husum bzw. Lübeck nach München kam, wurde Fanny wohl plötzlich von manchen für eine Abkürzung von Franziska gehalten. Während Fanny im Norden englisch-vornehm klingt, nannte man in Bayern höchstens seine Kühe so. Fanny unterschrieb weiterhin mit F. Gräfin zu Reventlow und nur selten mit Fanny, noch bei ihrer (Schein-)Heirat 1911 mit Baron Rechenberg-Linten wird in ihrem russischen Pass allerdings ‘Fanny’ stehen, ‚Franziska zu Reventlow‘ schrieb sie gar nur ein einziges Mal mit eigener Hand. Trotzdem ist sie als Franziska zu Reventlow in die (Literatur-)Geschichte eingegangen. Das liegt an obigem Missverständnis und daran, dass auch ihre spätere Herausgeberin, ihre Schwiegertochter Else Reventlow, die sie persönlich nicht mehr kennenlernen konnte, den Namen Franziska für passender hielt. Später haben Biographen auch immer wieder behauptet, Fanny selbst habe eine Abneigung gegen den Namen Fanny gehabt, aber das haben sie sich wohl schlichtweg ausgedacht. So schnell kann’s gehen.

Aber Fanny hatte viele Namen und es wurde vieles über sie geschrieben. Eine Aufzählung ist ein wahres Kuriositätenkabinett und durchaus interessant. Ein paar Stilblüten seien hier beispielhaft zitiert: Ludwig Klages nannte sie „eine heidnische Heilige“ und sah in ihr „das Element nordischen Heidentums in unvermischter Reinheit“, für Rainer Maria Rilke war sie die „Madonna mit dem Kinde“. Oskar Panizza nannte sie einmal eine „Amazone“, dann eine „schleswig-holsteinsche Venus“, aber auch „tapferes Voll-Weib“ und spricht sie als „Sie holsteinsches Prinzeßchen, Sie schneeweißes Marzipan-Persönchen“ an. Für Alfred Schuler war Reventlow eine „Sirene“, für Theodor Lessing eine „Lais“ und „Braut von ganz Schwabing“. Für Stefan George spielte sie „die Rolle des Mephisto“ und für Franz Hessel war sie „die Mildeste und Wildeste“. Otto Falckenberg erzählt zusammenfassend: „Sie war die schöne, kluge, große Hetäre, das weibliche Ideal Schwabings, noch dazu ebenso mütterlich wie amourös: die immer ersehnte Synthese von Mutter und Dirne, die Astarte des ‚kosmischen Urschlammes‘, die Wiederkehr des Mutterrechtes.“ Daraus wird auch deutlich, dass sie alle wichtigen Persönlichkeit der Jahrhundertwende in München kannte, dass alle über sie schrieben und an sie schrieben (Rilke steckte ihr etwa jeden Tag ein Liebesgedicht in den Briefkasten, wie traumhaft!).

Aber damit hört es noch lang nicht auf, es geht noch viel weiter, eine Sammlung von verschiedensten Benennungen (insgesamt knapp 60) habe ich in meiner Arbeit ‘Anleitung zum Unbürgerlichsein – F. Gräfin zu Reventlows Roman Von Paul zu Pedro als Spiel mit Genres und Geschlecht‘ im Anhang angeführt, mit Fußnoten nachgewiesen, versteht sich.

Kann man über jemanden wie Fanny überhaupt noch etwas schreiben? Soll man über sie überhaupt noch etwas schreiben, persönlich? Soll man mitmachen bei dieser Polonaise von Benennungen, noch mehr Stilblüten hinzufügen? Und doch: ich habe über ein halbes Jahr nur von ihr und über sie gelesen, über ihr Werk geschrieben, jede Zeile ihres Tagebuchs gelesen, sie ist mir ans Herz gewachsen. Und ich habe mir ein Bild von ihr gemacht, sie bedeutet mir etwas, ihr Foto steht auf meinem Schreibtisch. Natürlich habe ich mir etwas vorgestellt. Dass sie klein war und zerbrechlich wirkte, schmal und hübsch, dass sie lange Kleider trug und manchmal einen Hut. Dass sie die Haare teilweise ganz kurz trug und burschikos und keck wirkte bei ihrer Hochzeit. Dass ich sie sehr gemocht hätte, aber ich mir nicht sicher bin, ob sie das erwidert hätte. Dass sie sehr mutig war und sehr genau hat wissen müssen, was sie wollte: unverheiratet mit ihrem Sohn leben, zur damaligen Zeit ein Skandal. Dass sie unheimlich vieles anpackte und wieder fallen ließ, aber immer wieder die selbe Begeisterung zeigte für Neues. Dass sie gerne reiste, wirklich hart arbeitete, aber dennoch nie Geld hatte. Dass sie großzügig war und unbekümmert, aber zwischendrin auch unglaublich einsam und unglücklich. Dass sie sich in ihrer Schwangerschaft fast umgebracht hätte, ihr Kind dann aber ihr Ein-und-Alles war. Dass sie Männer sehr liebte, aber eben nicht immer nur einen, schön der Reihe nach. Dass sie Schriftstellerin und Übersetzerin war und viel lieber Malerin sein wollte. Dass sie einfach ihren Weg ging und in keine Schubladen passt. Dass sie einfach bewunderungswürdig ist.

Und zuletzt habe ich mir noch unheimlich oft gedacht, wie unverschämt viele Rezensenten, Biographen und sonstige Autoren in ihrem Urteil ihr gegenüber oft waren. Und wie ignorant. Dass sie andauernd nur über ihr skandalöses Leben schrieben und darüber, wen sie alles kannte und im Bett hatte. Dass es ihnen nicht langweilig wurde, darüber zu schreiben. Und warum zum Teufel sie nicht ab und zu öfter in ihre Bücher hineinsahen und einfach lasen, was sie selbst schrieb. Und dass sie einfach nicht anerkennen wollten, dass sie wirklich schreiben konnte. Dass ihre Bücher unheimlich amüsant, genau beobachtet und gut erzählt sind. Und natürlich dass ihre Bücher das sind, was ich in meiner Arbeit zu zeigen versuche: intertextuell verwobene Kunstwerke.

Das alles tut natürlich überhaupt gar nichts zur Sache, was ich mir dachte und vorstellte und ich denke, es ist mir auch gelungen, meine Sympathien und Antipathien aus dieser wissenschaftlichen Arbeit herauszuhalten. Außer vielleicht ein klein wenig beim allerletzten Satz, wo ich schreibe: „Klar ist aber jetzt schon, dass das Bild von Reventlow als unbedarfter, unbelesener und unpolitischer Autorin von autobiographischer Unterhaltungsliteratur, die sie nur mit Hilfe von Männern verfassen konnte, gründlich revidiert werden muss.“ Und natürlich, wenn ich im Anhang Catherina Godwin aufnehme, eine so gut wie vergessene aber ebenso spannende Autorin, die einiges mit Fanny zu Reventlow teilt und 1910 ein Buch mit dem genialischen Titel ‚Begegnungen mit mir‘ veröffentlichte. Später ist Catherina Godwin dann wohl immer mehr in Richtung niedere Unterhaltungsliteratur abgedriftet, mit Titeln wie ‚Hotel der Erfüllung‘ und ähnlichem.
 

Godwin_01a.jpg

 
Näheres zu meiner Arbeit über Fanny zu Reventlows Roman Von Paul zu Pedro könnt ihr übrigens hier erfahren und die Arbeit auch herunterladen.

Der Titel ‘Anleitung zum Unbürgerlichsein’ ist natürlich Paul Watzlawicks ‘Anleitung zum Unglücklichsein’ entwendet, ich konnte ja nicht ahnen, dass er nur ein paar Tage nach Titelfindung sterben würde und fühle mich auch ein wenig schuldig. Mord durch Zitation sozusagen.

Ach ja, und es lohnt sich wirklich, einfach ihre Romane zu lesen, sie sind tatsächlich herrlich komisch: mein Lieblingsbuch ‘Von Paul zu Pedro – Amouresken’ (über Männer, Beziehungen, die Liebe und die leidige Angelegenheit mit Geld und Beruf), ‘Der Geldkomplex’ (sehr amüsante Parodie auf die Psychoanalyse, gibt es auch als Hörbuch; hier auch die Abbildung des Titelbildes der Erstausgabe von 1916), ‘Herrn Dames Aufzeichnungen’ (über das Leben der Bohème in München-Schwabing der Jahrhundertwende) und natürlich ihre Tagebücher. Um komplett zu sein hier auch ihr erster, autobiographischer Roman Ellen Olestjerne, ihr letzter, unvollendeter ‘Der Selbstmordverein’ (leider momentan nicht einzeln erhältlich), ihre Erzählungen (sehr hübsche Ausgabe, die neben den Erzählungen auch ‘Von Paul zu Pedro’ enthält) und – der Einfachheit halber – die gesammelten Werke in 5 Bänden.

 Geldkomplex_01a.jpg

 

Und – ein heißer Tip – Fannys ausgesprochen reizender Briefwechsel mit ihrem zeitweiligen Lebensgefährten Bohdan von Suchocki: ‘Wir üben uns jetzt wie Esel schreien’. Dort (im sehr kundigen Vorwort von Jürgen Gutsch) sind auch zwei Schüttelreime von Fanny zu Reventlow zu finden, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Denn wenn ich diese Pfötchen knutsch
gehn meiner Seele Knötchen pfutsch

Man muss nicht so viel Liebe treiben,
dass sich die Triebe selbst entleiben.

 

Und wer an einer Stadtführung zur Münchner Bohème interessiert ist, um sein Wissen zu vertiefen, der lese hier weiter.

Geschrieben in Wissenschaft | 7 Kommentare

Das Klavier

Und das Klavier steht schwarz und stumm in einer Ecke meiner Wohnung. Dennoch ist es nicht nur ein Möbelstück, es ist viel mehr. Das Klavier lebt bei mir. Es ist ein Hausgenosse und Mitbewohner, könnte man sagen, es gehört zur Familie. Denn es ist ein beseelter, sehr lebendiger Gegenstand. Das sage nicht nur ich, das sagt auch Nietzsche, von dem es eine schöne Anekdote gibt, die auch Thomas Mann in seinem ‚Doktor Faustus‘ verarbeitet hat.

Nietzsches Jugendfreund Paul Deussen berichtet nämlich, dass Nietzsche 1865 in Köln ‚versehentlich‘ von einem Kutscher statt in ein Restaurant in ein Bordell gebracht wurde (dafür sind heute dann die Taxifahrer zuständig). "Ich sah mich", soll Nietzsche am folgenden Tag erzählt haben, "plötzlich umgeben von einem halben Dutzend Erscheinungen in Flitter und Gaze, welche mich erwartungsvoll ansahen. Sprachlos stand ich eine Weile. Dann ging ich instinktmäßig auf ein Klavier als auf das einzige seelenhafte Wesen in der Gesellschaft los und schlug einige Akkorde an. Sie lösten meine Erstarrung und ich gewann das Freie."

Bei Thomas Mann und aus der Perspektive Adrian Leverkühns klingt das dann so:

„Ich schelle, die Thür geht von selber auf, und auf dem Flur kommt mir eine geputzte Madam entgegen, mit rosinfarbenen Backen, einen Rosenkranz wachsfarbener Perlen auf ihrem Speck, und begrüßt mich fast züchtiger berden, hocherfreut flötend und scharmutzierend, wie einen Langerwarteten, komplimentiert mich danach durch Portièren in ein schimmernd Gemach mit eingefaßter Bespannung, einem Kristall-Lüster, Wandleuchtern vor Spiegeln, und seidnen Gautschen, darauf sitzen dir Nymphen und Töchter der Wüste, sechs oder sieben, wie soll ich sagen, Morphos, Glasflügler, Esmeralden, wenig gekleidet, durchsichtig gekleidet, in Tüll, Gaze und Glitzerwerk, das Haar lang offen, kurzlockig das Haar, gepuderte Halbkugeln, Arme mit Spangen, und sehen Dich mit erwartungsvollen, vom Lüster gleißenden Augen an. Mich sehen sie an, nicht dich. Hat mich der Kerl, der Gose-Schleppfuß in eine Schlupfbude geführt! Ich stand und verbarg meine Affekten, sehe mir gegenüber ein offen Klavier, einen Freund, geh über den Teppich drauf los und schlage im Stehen zwei, drei Akkorde an, weiß noch, was es war…“ (Thomas Mann: Doktor Faustus, Frankfurt a.M.: Fischer 1997, S.191).

Dass Nietzsche selbst bestreitet, mit den Flitter-Mädchen auch nur irgendetwas zu tun gehabt zu haben und so die beliebte These, dass sich Nietzsche hier die Syphilis und damit den Wahnsinn ins Haus geholt habe, abstreitet, während Adrian sich in eine der Esmeralden verliebt und sich durchaus ansteckt, soll hier nicht weiter interessieren. Und auch nicht, dass damals Bordelle offenbar wunderhübsche Aufenthaltsräume mit Klavier und zuvorkommende ‚Wirtinnen‘ hatten. Auch über die hervorragende Schreibweise Thomas Manns, wie spaßig er bei allem Ernst ist und darüber, dass er noch sehr viel längere Sätze bauen konnte als ich, soll hier kein Wort verloren werden. Entscheidend ist vielmehr, dass Herrn Nietzsche das Klavier im Raum belebter und menschlicher erschien als die Gaze-Damen und Herrn Leverkühn sogar als einziger Freund in der Not.

Mein Verhältnis zu dem Klavier ist durchaus ähnlich freundlich und leidenschaftlich. Jemand, der sich damit auskennt, setzte sich vor mehreren Jahren mal an mein Klavier und meinte – als er sich vom Spiel wieder erhoben hatte – dass man dem Klavier, den Tasten, dem Anschlag anmerke, dass ich es mit Leidenschaft behandle. Man merke, dass ich meine Gefühle daran ausließe und das meinte er weniger esoterisch als vielmehr mechanisch und weniger rügend als anerkennend. Mag durchaus sein, dass ich manchmal auch roh mit ihm umgehe, meinem schwarzen Hausgenossen, und ihn mehr schlage als zum Klingen bringe. Grundsätzlich bin ich ihm aber doch eher liebevoll verbunden, schon seit dem ersten Blick. Verliebt habe ich mich da zu aller erst in seine Pedale.

P7020003_blog.jpg

Die Pedale meines Klaviers sind eher klein, golden, hübsch nach außen geschwungen und ihre Spitzen von Socken glanzpoliert, sie verschwinden in grünem und rotem Filz, sie wirken antik und putzig an dem großen, dunklen Kasten. Zwar benutze ich sie auch gerne und ausgiebig – besonders das rechte – , was mich aber mehr entzückt, ist schlichtweg ihr Anblick. Ansonsten ist es ein ganz gewöhnliches Klavier, der Klang eher weich, nicht japanisch und ich glaube, es fühlt sich wohl in seiner Ecke. Und es bleibt nicht immer unbeschäftigt. Ich habe zwar zu spät angefangen zu spielen und war auch nie ehrgeizig genug, um wirklich gut zu werden, dennoch habe ich nie ganz damit aufgehört und mir ein kleines Repertoire angeeignet, das je nach Stimmung erprobt wird. Tatsächlich gibt es Tage, da habe ich nur nichts zu tun oder will nichts tun oder will irgendetwas anderes auf keinen Fall jetzt tun und dann greife ich einfach ins Notenregal und ziehe heraus, was ich finde.

Meist wähle ich das Stück aber nach dem Gefühl, das mich gerade beherrscht. Wenn ich glücklich und zufrieden bin, dann natürlich Mozart oder aber Yann Tiersen, wenn ich untröstlich bin dann Chopin, wenn ich ratlos bin Satie, wenn ich nachdenklich bin Debussy oder Ravel, wenn ich spielerisch bin Schostakowitsch, wenn ich romantisch bin Schumann oder Michael Nyman, wenn ich an Venedig denkeP7020008_blog.jpg Mendelssohn, bei Wut oder Leidenschaft (was ja eng verwandt ist) Piazzolla. So oder so ähnlich. Und zum Nachdenken Bach, immer Bach in den Schreib- und Lernpausen, wenn ich nicht weiter weiß, wenn ich mich nicht konzentrieren kann, wenn ich einen Einfall und Anstoß brauche. Denn nur bei Bach passiert das so perfekt und einfach, dass sich meine Gedanken vom Spiel lösen, dass meine Finger die Noten spielen, die Tasten greifen, ohne dass ich nachdenken muss, dass das alles einfach von selbst passiert und meine Gedanken schweifen können. Ich spiele dann wie automatisiert, den Blick fest auf die Noten gerichtet, aber mein Denken ganz wo anders. Dabei kommen mir oft die besten Ideen. Mein Kopf wird klar, denn meine Gefühle stecken im Klavier, im Spiel.

Was meine Nachbarn zu all dem sagen, weiß ich nicht und will ich wohl auch nicht so genau wissen.

Geschrieben in Dazwischen | Keine Kommentare

Über mich

Sprachspielerin_01.jpgGeboren wurde ich in Starnberg – der Ort des Geschehens eher ein Zufall, denn ich kam nie in den Genuss, am schönen See zu wohnen. Bald zog ich – nicht einmal ein Jahr alt – von München in ein kleines Dorf im Süden Südfrankreichs, um dort zwei Jahre zu leben und die Wärme und Landluft zu genießen.

Dann der Schock: zurück in der Großstadt München ein katholischer Kindergarten, eine durchschnittliche Grundschule, ein humanistisches Gymnasium. In der Oberstufe noch nebenbei ein bisschen Studium an der Hochschule für Politik. Schon nach einem Semester Philosophiestudium an der LMU der erfolgreich-glückliche Studienwechsel zu Germanistik und Geschichte, nicht nur aus Verlegenheit für das Lehramt an Gymnasien. Wo sonst hat man dann doch noch so viel mit Literatur zu tun…

Einige Semester später kam Italienisch dazu, was dazu führte, dass ich ein Jahr als deutsche Sprachassistentin an so etwas ähnlichem wie einer Berufsschule in Pordenone, einer Kleinstadt im Friaul, verbrachte. Mehr Zeit verbrachte ich aber (neben dem örtlichen, hervorragenden Kino) in Venedig, nur eine Zugstunde entfernt, ein Hort von Kunst und Kultur und gar nicht so touristisch, wenn man nur weiß wohin gehen.

Im Winter 2006 und Frühjahr 2007 entstand meine germanistische Abschlussarbeit über den Roman ‘Von Paul zu Pedro – Amouresken‘ der Jahrhunderwende-Schriftstellerin und Bohèmienne Fanny Gräfin zu Reventlow bei Prof. Annette Keck. Die Arbeit kann man inzwischen hier herunterladen.

Sprachspielerin_02.jpg

Das Staatsexamen habe ich hinter mich gebracht, ebenso das Referendariat an zwei Münchner Gymnasien. Im Sommer 2010 war ich dann “fertige” Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Italienisch – “fertig” in jedem Sinn des Wortes, sodass ich mir ein Jahr frei nahm. Januar 2011 bis Mai 2011 war ich mit dem Lieblingsmenschen in Neuseeland und Australien unterwegs, was man hier nachlesen kann.

Weiter geht es nun für mich in Baden-Württemberg, in der Nähe von Schwäbisch Gmünd, mit Umzug, Hochzeit und neuer Schule.

Wer mir beim Lesen, Leben, Schreiben und Arbeiten ein wenig unter die Arme greifen will, findet hier meinen Wunschzettel.

Geschrieben in | 1 Kommentar
blogoscoop