Hundert

Die ungefähr hundert Centimeter kleine und ungefähr hundert Jahre alte Französin, ganz zerknittert, schlank, elegant, mit wildem weißen Haar, die auf dem Odeonsplatz ihre Freundin oder Tochter lauthals und energisch anfährt: "Mais si, alors…" oder war’s: "Mince alors"? Hellwacher und energiegeladener, selbstbewusster und würdevoller kann man kaum sein, das ist doch ein Trost

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Aimée

ihr Name: Aimée, so musste man sich zu ihr stellen, Geliebte, Süße, im Dorf in Südfrankreich zur Weinerntezeit, Villerouge, ich achtzehn und sie dreißig, alt damals, für mich, reif, Herbst, dunkelbraunes, gewelltes Haare, fällt auf ihre Schultern, braune Augen, schlanke Größe und schön, so schön, Gesicht, strahlend, Strahleblick, ihre Augen, leuchtend, sehr dunkel und so groß, tief, Mund, wie reife Trauben, prall, saftig, diese Lippen, voll und weich, zartrot, ganz glatt, Kussmund, Herzmund, herbstlich-reif, Lippen zum niemals wieder vergessen, zum sich auf ihnen vergessen, ein Lächeln zum Niederknien, Niedersinken, vor ihr, sogleich verliebt, in sie, ein Küssenwollen, sofort, als wir uns erstmals trafen, trotz der Gedanken an Aimées verrückten Vater, früher, bei meinen Großelternbesuchen, als kleines Mädchen, kindliche Furcht vor ihm, Verrückter, fou-fou, der Vater, durch die Gassen schleichend, traurig gekrümmt, sinnloses Stammeln, Hundebellen, sein Zischen, immer Hunde um ihn, struppiges Fell, verdreckt, räudig, Augen blutunterlaufen, Zungen hängend, Zähne gefletscht, sein Rufen, den Hunden zu, sein wahnsinniger Blick, bedrohlich, mein Verschwindenwollen in der Häuserwand, drehte mich um, ganz langsam, und dann weglaufen, wegrennen, nur fort, fort von ihm, der Frau und zwei Kinder verlor, beim Unfall saß er am Steuer, übriggeblieben: Aimée und ein Bruder, Dorfgetuschel, der sei schwul, auch von ihr wissen es alle, hatte es selbst schon flüstern hören, über Zusammenhänge mit dem Unglück rätselnd, böse Zungen, Aimée war in die Stadt geflohen, vor dem Raunen, dann, viel später, zur Weinerntezeit in Villerouge, nach dem Aufstehen vor Sonnenaufgang, Eindringen erster Schrägstrahlen in den dunklen Himmel, Morgenkühle in den Gliedern, Frösteln, zu acht im Laderaum des umgebauten Lastwagens, auf harten Holzbänken, ihr Namennennen und der sofortige Gedanke: die Lesbe und wollte mich ohrfeigen dafür, Aimée mir gegenüber, Zuckermund im Halbdunkel, ihr Lächeln strahlt, sie sieht mich so an, eng, unsere Knie berühren sich beinahe, nur beinahe, kein Zusammenstoß, trotz Ruckeln des Wagens über Feldwege, die Feuchte des Weinbergs am Morgen, Geruch nach nasser Erde und reifen Trauben, Farbpracht des Herbstlaubs, dann Hektik, Angst vor dem Falschmachen, vorm Langsamsein, Schnellerwerden des Arms, dessen Verlängerung die Schere, der Schweiß unter den Handschuhen, Schwererwerden des Eimers, immer wieder Leeren und weiter, nur manchmal, leise, ihr Blick in meinem Nacken, wie die Sonne, die erst hervorkriecht und trocknet, dann wärmt, dann sticht, dann brennt, wie der Rücken zu stechen, die Beine zu brennen beginnen bei jedem Bücken, so beginne ich zu brennen für sie, aber kein Wortwechsel, mit ihr, Aimée, an den ersten Tagen, dann die Einladung zum Essen, von ihr, kümmert sich, denn meine Eltern sind nicht da, süße Luft an diesem Abend im Dorf, bei der Rückkehr vom Feld, süß, blutig und tot, vom Wildschwein, das groß und dunkel in einer Gasse liegt, Jagdsaison, der Geruch macht die Luft schwingen, ein rotes klebrig-dickflüssiges Rinnsal läuft das Sträßchen hinab, nur ein Blick von ihr, dann in meine Augen, ich sagte sofort Ja, Ja, Ratatouille, sie so mütterlich, reif, Rosmarinduft und Thymian, Tomatensoße dick und dunkel wie Wildschweinblut, dunkelrot wie reife Trauben, zum Nachtisch – mein erster Gedanke schon beim Eintreten – wir, wir, mehr Blicken als Essen, unsere Augen verschlingen sich gegenseitig, mit Blicken verschlingen wir unsere Münder, unsere Münder das Ratatouille, kauen, beißen und denken ans Küssen, Gier nach anderem, Hungrigerwerden statt satter, hungrig nach Berührungen, dann, ohne dass wir es bemerken, ein Kuss, uns an den Händen haltend, süße Frauenlippen auf meinen, wie reife Trauben, prall und weich, ein Zusammenstreben jeder unserer Fasern, hin zum Verwandten, Brüste auf Brüsten, voll wie überreife Trauben, unvorstellbare Weichheit, Neugier auf Nie-Erfahrenes, Aimées Augen, Aimées Mund, Aimées Lächeln, Aimée, neu, Geschmack nach Traubensaft, süß, Haut an Haut, zart, weiter unten Geschmack nach Traubenmost, noch süßer und vergorener, ihr Geruch in meiner Nase, neu, ihr Saft an meinem Mund, ihr Flüstern, wie schön Du bist, sagt sie mir immer wieder, immer wieder, wie schön ich bin, zwischen Küssen, Glück durchpulst mich, mein Blut vibriert in mir, beim Abschied, Dorfnacht und immer noch süßer Geruch nach Wildschweinblut, dann fragt sie doch noch, in der Tür: ob ich einen Freund hätte, ich sehe ihre Augen dunkler werden, es sind die wahnsinnigen Augen ihres Vaters, die mich anblicken, ich höre Hundebellen, will verschwinden in der Häuserwand vor Scham, nur ein Moment, bedrohlich, will wegrennen, ich rieche Wildschweinblut, dann der traurige Blick ihres verrückten Vaters in ihrem, gebeugt, Türenschließen und kühle Tränen auf meinen Wangen, drehe mich um, ganz langsam und kein Wortwechsel mehr, nur noch manchmal Aimées leiser Blick in meinem Nacken, weinerntend, kein Wiederberühren, kein Wiederküssen, nie

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Cadeau

Ich kann kein Französisch und ich weiß auch nicht, ob ich es noch lernen will. Als kleines Kind habe ich zwei Jahre in Südfrankreich gelebt und später war ich beinahe alle Ferien dort, im Haus im Dorf mit dem Schloss. Richtig gelernt habe ich es nie.

Aber Französisch ist die Sprache, in der mir jedes Jahr gesagt wurde, wie sehr ich gewachsen sei und in der ich gewarnt wurde, dass ich gleich herunterfiele von der Mauer vor unserem Haus. Französisch ist die Sprache, in der ich gefragt wurde, ob ich heute ans Meer fahre und die Sprache, in der ich schwieg mit Julien, als wir zwei waren und miteinander spielten. Ich erinnere mich nicht, wie wir uns verständigten.

Französisch ist die Sprache meiner Kindheit, einer südlichen Kindheit und kein deutsches Wort wird jemals die Süße der französischen Worte ‘bonbon‘, ‘gâteau‘ oder gar ‘cadeau‘ erreichen. Kein deutsches Wort könnte jemals die ungetrübte Kinderfreude in mir hervorrufen, mich mit weichem Wohlklang streichelnd. Denn kein Geschenk heute kann das Kinderglück herbeizaubern, das ich bei einem ‘cadeau‘ empfand.

Ich glaube, ich möchte kein Französisch mehr lernen, ich will die Erinnerungen nicht zudecken, ich möchte bleiben beim Halbverstehen und meiner schlechten Aussprache, beim Gestammel, wenn ich zu sprechen versuche, ich möchte bleiben bei meinen Fehlern, aber mir dafür den Zauber bewahren und den wohligen Schauer, wenn ich das Wort ‘cadeau‘ lese.

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Bettgeschichten

Sie liegt rücklings auf mir und stöhnt. Ich spüre ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsflügelchen wegen des Sonnenbrands abschält, spüre das lange, über mich hingebreitete, gelockte Haar und die Kuhle ihres Rückgrats, die rauhe Hornhaut an ihren Füßen, die sich in mich stemmen, ich spüre die Rundung ihres kleinen Hinterns schwer auf mich drücken. Ihr Unterleib bewegt sich immer schneller auf mir und plötzlich flucht sie: „Diese Scheißmatratze, es quietscht bei jeder Bewegung, das macht mehr Lärm als ich!“ Dann lacht sie auch noch. Ich aber finde das nicht komisch.

Ich bin eine französische Federkern-Matratze, zehn Zentimeter dick, zwei Meter lang und einen Meter zwanzig breit, breit genug für zwei, die sich lieben oder besser: frisch verliebt haben. Seit fünfzig Jahren bin ich in diesem Hotelzimmer, ich habe Qualität. Ich muss mich jetzt beschimpfen lassen? Das Quietschen der Federn spricht nur für mich, es zeichnet mich aus als treu und ergeben. Ich stehe stets zur Verfügung, wenn jemand mich braucht, ich scheue keine Beschwerlichkeiten. Ich bin eine leidenschaftliche Matratze, ich könnte die Menschen hassen, aber ich liebe sie, sie sind alles, was ich habe. Ich liebe die, die auf mir leben, ich will sie fühlen und hören, ich mag es, wenn sie mich benutzen und beschmutzen, das ist mein Zweck. Ich liebe die Tragödien, die auf mir vonstatten gehen, ich liebe Ehebrüche und Entjungferungen, ich liebe das erste Mal und das letzte Mal, auch nach der Trennung, ich liebe den Schlaf, den bewegungslos erschöpften und den unruhigen, das Wachliegen und Hin-und-Her-Wälzen und ich liebe das Glück, das sich auf mir vollzieht, immer wieder.

Ich bin imprägniert von Schweiß und Blut, besudelt von Sperma und süß-saurer Frauenflüssigkeit, mit Speichel und Tränen und mit Urin und Rotwein und Kaffee, beschmutzt von den Menschen, die sich auf mir ausruhten, amüsierten, stärkten, betranken, rauchten, feierten oder trauerten. All das ist tief in mich eingedrungen. Mein blaues Blumenmuster ist verblasst, ich bin befleckt in unzähligen Farben, von verglimmenden Kippen durchlöchert, von Fingernägeln sprödgerissen, selbst gebissen wurde ich ab und an, aber auch geküsst vor Erwartung und vor Sehnsucht im Unglück.

Das Leben hat Spuren hinterlassen auf mir, ich bin nicht mehr makellos und nicht mehr schön anzuschauen und die dünnen Leintücher haben meine Fehler nur unzureichend bedeckt. Deshalb haben sie mir eines Tages einen Überzug verpasst, der die Befleckungen verstecken soll, mich auf allen Seiten fest umschließt und sich nach Plastik anfühlt. Ich erinnere mich an das Ruckeln des Reißverschlusses, es wurde immer enger und beengender und jedes Geräusch leiser. Wenn niemand im Zimmer ist, dann bin ich jetzt tatsächlich ganz alleine und langweile mich, ferne Geräusche dringen nicht mehr zu mir. Seitdem sie mich verpackten, schwitze ich, wenn die Sonne auf mich scheint, so wie heute. Ich spüre nicht mehr jeden sanften Windhauch, nur noch den Herbststurm, wenn jemand das Fenster geöffnet lässt. Der Vogelsang, das Rufen der Schwalben und Gurren der Tauben, das liebestrunkene Vibrieren der Luft und die Akkordeonklänge der Straße dringen kaum noch zu mir. Die Gespräche der Menschen muss ich erraten, wenn sie nicht direkt an mich, in mich sprechen, auf mir ruhend.

Das Zimmer, mein Zimmer ist klein, sehr klein, ich an Stelle der Menschen würde mich beschweren, aber die meisten, die hierher kommen, sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, wie das geht, nicht auf die Idee verfallen, es sei überhaupt möglich. Das macht sie angenehm. Oft ist es ihre erste Reise, ihre erste fremde Stadt gemeinsam mit ihrem Geliebten. Das Zimmer ist so eng, dass die Besucher nicht wissen, wo sie ihre Koffer abstellen, nicht wissen, wo sie überhaupt stehen sollen, man kann nicht einen Bogen schlagen um mich, man fällt geradezu auf mich, sobald man eintritt.

Ich mag das. Dann spüre ich ihre Körper, dann kann ich ihren Gesprächen lauschen, wenn sie mir nah sind, auf mir liegen, dann genieße ich. Vielen Gästen gefällt das auch und ich wundere mich dennoch ein wenig, wie oft sie wiederkehren im Laufe des Tages, wie kurz ihre Ausflüge sind, wie wenig Zeit sie in den Straßen dieser sogenannten Stadt der Liebe verbringen und statt dessen auf mir: mit Liebe. Gerade die Unumgänglichkeit des Niederfallens auf mich, die Unmöglichkeit eines anderen Tuns in diesem Zimmer scheint verlockend zu wirken. Das erfreut mich, jedes Mal.

Auch das junge Paar, das erst gestern hier angekommen ist, für das es noch viel zu entdecken gäbe dort draußen, auch sie sind heute bereits zum vierten Mal hier. Heute morgen leise, im Halbschlaf, mehr ein Schieben als Bewegen, heute Mittag nach dem mit Käse belegten Baguette, dessen Krümel auf mich niederregneten, nach dem Rotwein, laut und lachend, heute Nachmittag zärtlich und schläfrig vor einer kurzen Siesta und jetzt nur sie allein auf mir, das Becken kreisend, während er danebensteht.

„So geht das nicht!“, sagt sie. „Ach so, Du vertraust mir also nicht!“, er lässt sich neben ihr auf mich fallen, auch er jung, schlank, sein Körper fester als ihrer, sein kurzes Haar kitzelt mich. Er meint es nicht ernst, er ist sich ihrer so gewiss. „Doch,“ lacht sie, „ich vertraue nur der Matratze nicht.“ Ich will empört sein, bin aber schon viel zu beschäftigt mit dem Gerangel, das da entsteht, dem Armgewirr und Beinverknoten, dem lauten, schmatzenden Küssen und leisen Kichern, seinem neckenden Prusten auf ihrem Bauch, ihren flink-kitzelnden Händen an seinen Rippen. Dann wird es ruhiger, aber die Verknotungen lockern sich nicht.

Ihre Unterhaltung gleicht jetzt einem Gurren, er spricht mit den Lippen nah an ihrem Hals und sie lacht leise und hell, ihr Glucksen bringt mich zum Beben. „Du, Du,“ flüstert er und sein Mund wandert, er haucht es ihr in die Haut, „Du, Du…“ wiederholt er immer wieder überall in ihren Körper. Ihr Leib vibriert auf mir, aber nicht mehr vor Lachen. „Duuuuu…“, raunt er lange in ihren Schoß. Wie glücklich die beiden sind. Doch dann steht er ganz plötzlich auf. „Was tust Du“, sagt sie kichernd, „Du brauchst nicht vor mir niederzuknien, ich bin eine emanzipierte Frau!“, reicht ihm ihre Hand hinunter und zieht ihn wieder auf mich. Sie sitzt jetzt und dann spüre ich, wie seine Knie sich ihr gegenüber in mich bohren, die beiden scheinen sich an den Händen zu halten. Und es wird ganz still.

„Für immer?“ Er schluckt an seinem Speichel. Ein Zittern läuft durch mich, als sie „Ja“ wispert. Ich würde weinen, wenn ich könnte. Die in mir bewahrte Feuchtigkeit sammelt sich als Kondenswasser an meiner Plastikhülle und ich erwarte ein Erdbeben.

Das Beben wird lang, sanft und für die Ewigkeit, ich höre ihre Münder unaufhörlich aufeinander ruhen, ihre jungen Körper lasten auf mir wie ein einziger und einige Tropfen fallen auf mich. Dann höre ich die junge Frau telefonieren, mit der Rezeption. Was ich kosten würde, fragt sie, ob sie mich mitnehmen kann, nach Hause. Vollkommenes Glück.

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Stilübung

Der Turmsegler hat angesichts seiner Wiederentdeckung der Stilübungen von Raymond Queneau zum Mitmachen aufgefordert, nach folgenden dürren Geschehnissen eine Variante zu schreiben:

Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit. Ein Kerl von etwa sechsundzwanzig Jahren, weicher Hut mit Kordel anstelle des Bandes, zu langer Hals, als hätte man daran gezogen. Leute steigen aus. Der in Frage stehende Kerl ist über seinen Nachbarn erbost. Er wirft ihm vor, ihn jedesmal, wenn jemand vorbeikommt, anzurempeln. Weinerlicher Ton, der bösartig klingen soll. Als er einen leeren Platz sieht, stürzt er sich drauf.
Zwei Stunden später sehe ich ihn an der Cour de Rome, vor der Gare Saint-Lazare, wieder. Er ist mit einem Kameraden zusammen, der zu ihm sagt: „Du solltest dir noch einen Knopf an deinen Überzieher nähen lassen.“ Er zeigt ihm wo (am Ausschnitt) und warum.

(Raymond Queneau: Stilübungen, Suhrkamp 2007)

Beim Turmsegler ist neben zwei weiteren Varianten von Raymond Queneau auch noch seine eigene zu lesen und hier kommt also meine, nur ganz schnell aus der Feder geschüttelt, denn eigentlich habe ich gar keine Zeit:


Wir sitzen im überfüllten Bus und fahren durch Paris, ich glaube nicht, dass mein Herr weiß, wo wir sind, wohin wir fahren, wohin er will. Er will nirgendwo hin, wartet nur darauf, dass er einschläft und sein Nickerchen noch eine Weile im warmen Bus fortsetzen kann, ehe er rausgeschmissen wird. Heute hat er sich nicht einmal ein Tuch über die Schulter gelegt, aber mir ist das egal, dann mache ich eben seine Lederjacke voll, an der kann ich mich sogar besser ankrallen. "Einen hübschen Papagei haben Sie da, so ein schönes, buntes Gefieder!", sagt die junge Frau, die in Ermangelung eines Sitzplatzes im Gang neben uns steht, freundlich. Mein Herr ignoriert sie, wendet nicht einmal den Kopf, wofür sie dankbar sein kann, denn sonst würde sie sein alkoholverpesteter Atem treffen. Ich ignoriere sie nicht, ich recke meinen Hals ein wenig, um ihr besser in den Ausschnitt ihres Kleidchens sehen zu können, sie hat den Mantel geöffnet, hier drin ist es auch wirklich warm und ich vertiefe mich in den Anblick ihrer vom Büstenhalter zusammengepressten Äpfelchen, zwischen denen ich gerne meinen Schnabel wetzen möchte.

Doch dann werde ich abgelenkt von einem Streitgespräch vor uns. Da wirft ein junger Kerl in alberner Kleidung einem anderen vor, ihn anzurempeln. ‘Putin’, krächze ich, denn das tue ich bei jedem Streit, es scheint oft zu passen. Manchmal will mir dann jemand an den Kragen, manchmal verursacht mein Ausruf aber auch Heiterkeit, worüber der Streit dann vergessen wird. Doch der Ältere der beiden ist so hasserfüllt, dass er mich gar nicht hört, der Jüngere weint gleich. Der Bus hält, ich muss mich gut an der Schulter meines Herrn festhalten, Plätze werden frei, der larmoyante Jüngere setzt sich in die Reihe vor uns. Er trägt einen Hut mit Kordel, die ich mir gerne schnappen würde, ich recke mich vor, möchte sie schon in den Schnabel nehmen, da fährt der Bus wieder an und bringt mich in meine Position zurück. Ich strecke mich wieder, da fällt mir erst der widerlich lange Hals des Mannes mit Hut auf, dem meiner in diesem Moment gleichen muss und ich lasse das Projekt fallen.

Mein Herr ist inzwischen eingeschlafen und der blasierte Junge steigt an einer der nächsten Stationen aus. Wir fahren noch eine ganze Weile im warmen Bus durch die Stadt, bis sich jemand beschwert, dass mein Herr stinken würde, nach Alkohol und Pisse und er an der nächsten Station, der Gare Saint Lazare, einfach hinausgeworfen wird, mit mir. Mein Herr trottet ein wenig durch den Bahnhof, kauft sich am Bahnhofskiosk eine Flasche Schnaps und eine Dose Erdnüsse für mich und sucht sich dann eine Bank an der Cour de Rome, wohlwissend dass er drinnen nicht geduldet wird. Er legt seine Mütze vor die Bank, damit Passanten Kleingeld hineinfallen lassen, er trinkt, gibt mir auch einen Schluck und schläft dann weiter, in die Lederjacke gehüllt. Und dann kommt doch tatsächlich der langhalsige Typ aus dem Bus dort vorbei, er diskutiert mit einem Freund, der ihn auf einen Fehler an seinem Überzieher hinweist, da fehle ein Knopf und ich weiß, dass er denkt, dass so der lange Hals des larmoyanten Kerls noch länger aussieht, aber er sagt es nicht. ‘Knopf annähen’, rufe ich, doch sie sind schon wieder vorbei.


 
Mich würde jetzt auch noch interessieren, was z.B. fabe daraus macht oder kid37 oder die Frau Engelin oder vielleicht gibt es dazu ein Gedicht von hor? Aber natürlich sind auch alle anderen recht herzlich eingeladen, eine Variation zu verfassen!

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Matratzenkitsch

Sie liegt rücklings auf mir und stöhnt. Ich spüre ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsflügelchen abschält wegen des Sonnenbrands, das lange, über mich hingebreitete, gelockte Haar, ich spüre die Kuhle ihres Rückgrats, die Blasen an ihren Füßen, die sich in mich stemmen, ich spüre die Rundung ihres hübschen Hinterns schwer auf mich drücken. Ihr Unterleib bewegt sich schneller auf mir, dann flucht sie laut: „Diese Scheißmatratze, es quietscht bei jeder Bewegung, verdammt noch mal, das macht mehr Lärm als ich!“ Sie muss lachen. Ich finde das gar nicht komisch.

Ich bin eine französische Federkern-Matratze, zehn Zentimeter dick, zwei Meter lang und einen Meter zwanzig breit, für zwei die sich lieben oder besser: frisch verliebt haben. Seit fünfzig Jahren bin ich in diesem Hotelzimmer, das spricht für meine Qualität. Ich lasse mich doch nicht beschimpfen, jetzt! Das Quietschen der Federn spricht nur für mich, zeichnet mich aus als treu und ergeben. Ich stand stets zur Verfügung, wenn jemand mich brauchte und scheute keine Beschwerlichkeiten. Ich bin besudelt von täglichem und nächtlichem Schweiß, von Blut, von Sperma und süß-saurer Frauenflüssigkeit, von Speichel und Tränen, Urin, Rotwein und Kaffee, all das ist tief in mich eingedrungen. Ich bin imprägniert mit den Ausscheidungen der Menschen, die sich auf mir ausruhten, amüsierten, stärkten, betranken, rauchten, feierten oder trauerten. Mein hellblaues Blumenmuster ist verblasst und ich bin befleckt in allen Farben, durchlöchert von verglimmenden Zigarettenstummeln und sich in mich krampfenden Fingernägeln, selbst gebissen wurde ich ab und an, in rasender Wollust. Aber auch geküsst. In ungeduldiger Erwartung des Geliebten, in unglücklicher Sehnsucht nach dem, der einen verlassen hat.

Sie haben mir eines Tages einen Überzug verpasst, beige und hässlich, der die Befleckungen versteckt, mich auf allen Seiten fest umschließt und nach Plastik riecht. Ich erinnere mich noch an das Ruckeln des Reißverschlusses, es wurde immer enger und dunkler und dunkler. Seitdem bin ich beinahe blind. Durch die durchscheinenden, billigen Leintücher war genug zu sehen, aber durch den dichtgewebten Überzug erkenne ich nur noch Umrisse, Schatten, Schemen. Wenn ich alleine bin, dann bin ich jetzt alleine, ich langweile mich, kann nicht mehr aus dem Fenster blicken, vorbei. Ich mochte den Himmel über Paris, die Sonne, die Wolken, die Schwalben, das liebestrunkene Vibrieren der Luft, die kühlweiße Mondsichel. Jetzt spüre ich nur noch die Sonne warm auf mir und den Herbstwind, wenn jemand das Fenster öffnet und lausche dem Vogelsang.

Ich fühle mich unwohl in meiner Verpackung, das Plastik trennt mich von der Außenwelt, der Welt die ich liebe, den Menschen, die auf mir leben. Ich bin eine leidenschaftliche Matratze. Ich will sie fühlen und riechen und hören, ich will sie sehen, ich mag es, wenn sie mich benutzen und beschmutzen, das ist mein Zweck. Ich liebe die Tragödien, die auf mir vonstatten gegangen sind, ich liebe Ehebrüche und Entjungferungen, ich liebe das erste Mal und das letzte Mal, auch nach der Trennung, ich liebe den Schlaf, den erschöpften und unruhigen, das Wachliegen und ich liebe das Glück, das sich auf mir vollzieht, immer wieder.

Das Zimmer, mein Zimmer ist klein, sehr klein, ich an Stelle der Menschen würde mich beschweren, aber die meisten, die hierher kommen, sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, wie das geht. Das macht sie angenehm. Ich habe schon öfter im Gespräch gehört, dass dies das günstigste Hotel in ganz Paris sein soll. Immerhin ein Superlativ. Dass ich die wahrscheinlich älteste Matratze in Paris bin, erfährt besser niemand. Das Zimmer ist so klein, dass die Besucher nicht wissen, wo sie ihre Koffer abstellen, nicht wissen, wo sie überhaupt stehen sollen, man kann nicht einen Bogen schlagen um mich, man fällt geradezu auf mich, sobald man eintritt.

Ich mag das. Dann spüre ich, dann schnuppere ich, dann lausche ich, genieße ich. Vielen Gästen gefällt das auch und ich wundere mich fast, wie oft sie wiederkehren im Laufe des Tages, wie kurz ihre Ausflüge sind, wie wenig Zeit sie in der Stadt der Liebe verbringen und statt dessen auf mir: mit Liebe. Gerade die Unumgänglichkeit des Niedersinkens auf mich, die Unmöglichkeit eines anderen Aufenthalts, ja einer anderen Tätigkeit in diesem Zimmer scheint verlockend zu wirken. Das erfreut mich, jedes Mal.

Auch diese beiden sind heute zum vierten Mal hier. Heute morgen leise, im Halbschlaf, mehr ein Schieben als Bewegen, heute Mittag nach dem duftenden Baguette mit Käse, dessen Krümel auf mich niederregneten, nach dem Rotwein, laut und lachend, heute Nachmittag zärtlich und schläfrig vor einer kurzen Siesta und jetzt nur sie allein. „So geht das nicht!“, sagt sie. „Ach so,“ er lässt sich neben ihr auf mich fallen, auch er jung, schlank, sein Körper fester als ihrer, sein kurzes Haar kitzelt mich, „Du vertraust mir also nicht!“ Er meint es nicht ganz ernst, er ist sich ihrer so gewiss. „Doch,“ lacht sie, „ich vertraue nur der Matratze nicht.“ Ich will empört sein, bin aber schon viel zu beschäftigt mit dem Gerangel, das da entsteht, dem Armgewirr und Beinverknoten, dem lauten, schmatzenden Küssen und leisen Kichern, seinem neckenden Prusten auf ihrem Bauch, ihren flink-kitzelnden Händen an seinen Rippen. Dann wird es ruhiger, aber die Verknotungen bleiben bestehen.

Ihre Unterhaltung gleicht jetzt einem Gurren, er spricht mit den Lippen nah an ihrem Hals und sie lacht leise und hell, ihr Glucksen, das durch ihren Körper fließt, bringt mich zum Beben. „Du, Du,“ flüstert er und sein Mund wandert, er haucht es auf ihre Haut, „Du, Du…“ wiederholt er immer wieder an verschiedenen Stellen ihres Körpers. Ihr Leib vibriert auf mir, aber nicht mehr vor Lachen. „Duuuuu…“, raunt er lange in ihren Schoß. Wie glücklich die beiden sind. Doch dann steht er ganz plötzlich auf und ich nehme wahr, wie sein Schatten auf dem Boden niederkniet. „Was tust Du“, sagt sie kichernd, „ich bin eine emanzipierte Frau!“, reicht ihm ihre schlanke Hand hinunter und zieht ihn wieder auf mich. Sie kniet jetzt auf mir und dann spüre ich, wie auch seine Knie sich ihr gegenüber in mich bohren, sie scheinen sich an den Händen zu halten. Es wird ganz still auf einmal und erwartungsvoll.

„Für immer?“, fragt er nur, leise, und schluckt seinen Speichel nach. Ein Zittern läuft durch ihren Körper, als sie „Ja“ wispert, kaum vernehmbar.

Ich würde weinen, wenn ich könnte. Die in mir bewahrte Feuchtigkeit sammelt sich als Kondenswasser an meiner Plastikhülle und ich erwarte ein Erdbeben.

Das Beben wird lang, sanft und für die Ewigkeit, ich atme die Gerüche ihrer jungen Körper, ich höre ihre Münder unaufhörlich aufeinander ruhen, ich ahne, wie tief sie sich in die Augen blicken, ich schmecke Süßes und einige Tropfen Salziges. Dann höre ich die Frau telefonieren, mit der Rezeption. Was ich kosten würde, fragt sie, ob sie mich mitnehmen kann, nach Hause. Vollkommenes Glück.

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Zu Hause

Und der unergründlichste Geruch ist der nach ‘zu Hause’. Er steigt einem in die Nase, wenn man nach dem beinahe monatelangen Sommerurlaub das Treppenhaus des Mietshauses betritt und die Koffer nach oben trägt, fast ununterscheidbar vermischt mit dem vertrauten Geräusch des Treppenknarzens, denn jede Stufe hat ihren wohlbekannten, aber in Vergessenheit geratenen Ton. Bei jedem Schritt die Treppe hinan wird der Geruch stärker. Und er schlägt einem beim Öffnen der Wohnungstür entgegen, ein etwas abgestandener Geruch nach zu Hause, der einen empfängt, auf den man gewartet und gehofft hat und den man sich doch gar nicht mehr vorstellen konnte. Man stellt die Koffer in die nächste Ecke und schnüffelt ein wenig, macht vielleicht eine Bemerkung zu denen, die mit einem in dieses ‘zu Hause’ zurückgekehrt sind, jedenfalls wird man sich bewusst, dass dieser Geruch überhaupt nur in jenem Moment wahrnehmbar ist und morgen wieder vergessen sein wird, nicht verschwunden, aber verschleiert.

Und der stärkste Geruch ist natürlich der der Kindheit, der in den man nach den Schulferien zurückkehrt, in die Wohnung welche man mit den Eltern bewohnt. Ein Stück dieses Geruchs trägt man wohl mit sich fort, wenn man auszieht, ein Stück nimmt man mit und es taucht wieder auf im neuen zu Hause, aber so intensiv wie in der Kindheit wird er niemals wieder sein. In der Kindheit, mit acht oder zehn, da setzt man sich benommen an den Küchentisch, von der langen Fahrt und weil man keine Koffer mehr tragen möchte, man atmet tief ein und versucht ein bisschen zu genießen, dass man wieder zu Hause ist, auch wenn es schwer ist und man sich ein klein wenig zusammennehmen muss, um nicht doch in Tränen auszubrechen. Man ist erschöpft von der langen Fahrt und davon, dass man sich ein wenig übernommen hat mit den Koffern, weil man dem Vater zeigen wollte, wie stark und tapfer man ist.

Man denkt an das Ferienhaus im Süden zurück und an die monatelange Hitze – zumindest erscheint es einem im Nachhinein als eine unwahrscheinliche Hitze, im Nachhinein als monatelang – an den Frieden, das Nichtstun und das lange Schlafen unter dem dünnen weißen Laken, unter dem Dach, mit den Schwalben, die einen des Morgens weckten und die man vom Fenster aus beobachtete, an das Rauschen des Meeres und die Ruhe, in der so viele Gedanken zu einem kamen. An das Liegen, Dösen und ununterbrochene Lesen vor allem, im Bett, im Sand, in der Wiese, auf einer Klippe oder auf dem Fenstersims der Burgruine. Man denkt an den Geruch des Südens, an wildwachsenden Lavendel, Rosmarin und Thymian, an den Duft des frischen Baguettes am Morgen aber auch den des Hundekots in den engen, verwinkelten Gassen des Dorfes. Und an den Duft der geteerten Straßen nach einem kurzen, warmen Gewitter. Man denkt an das Fell der Katze, in die man sich in diesem Sommer verliebt hat, an ihr Maunzen und dass man sie trotzdem nicht mitnehmen durfte. Man denkt an frische Trauben aus dem Weinberg, gestohlen und an selbst geknackte Mandeln, mit einem Stein aufgeschlagen und an die vom Baum gepflückten Feigen, die vom Strauch gezupften Brombeeren. Und man denkt an den Abschied, vom Haus, vom Dorf, von den Nachbarn, vom Sommer und den Ferien, so viele Abschiede. Man denkt an die lange Fahrt, zwölf Stunden beinahe, und die ersten Regengüsse dieses Herbstes, die einen im Stau der deutschen Autobahn begrüßten, ganz plötzlich ist es kalt und grau und Herbst. Und man beginnt sich Gedanken um die Schule zu machen, die ja bald wieder anfangen muss und die so weit zurücklag, jetzt ist wieder alles ernst und nicht mehr pflichtlos süß. Eine Weile bleibt man also benommen am Küchentisch sitzen und atmet den Geruch, der einen so glücklich-unglücklich macht, bis man sich entschließt, dass es eben weitergehen müsse.

Dann geht man kurz in sein Zimmer, alles ist wie immer, unverändert, und genau das bedrückt einen. Die Eltern packen schon aus, die Lebensmittel zuerst und man selbst soll auch bald seinen Koffer auspacken, aber genau das mag man nicht. Das wäre endgültig, der Vollzug, die Bestätigung der Rückkehr, so als wäre man nie fort gewesen, alle äußeren Anzeichen der Reise damit beseitigt. Man drückt sich also noch ein paar Stunden darum. Und dann, man ahnte es schon, kommt die nächste, immer-gleiche Hürde des Ankommens zu Hause: man solle die Post und den Briefkastenschlüssel von der Hausmeisterin holen und ihr dafür das kleine, im fremden, südlichen Land besorgte Geschenk zukommen lassen. Da ist man dann wiederum glücklich-unglücklich, denn an der Heimkehr ist nichts so spannend wie das Öffnen der Stapel an Post, die in der Ferienzeit gekommen sein müssen. Gleichzeitig beginnt man sich aber auch zu fürchten, vor der Hausmeisterin, vor dem Weg, vor dem Hund der Hausmeisterin, vor dem ganz-alleine Erfüllen dieser Aufgabe und die Eltern benötigen eine gute Portion ihrer Überredungskunst, bis man sich aufmacht.

Die Treppe hinab, durch den Innenhof, in dem immer noch dieser herbstliche Nieselregen fällt, und schon die leise Furcht, das Herz beginnt zu klopfen, wenn man das unbekannte, nur zu dieser einen Gelegenheit im Jahr betretene Treppenhaus des Hinterhauses erklimmt. Die Hausmeisterin ist nicht böse, man müsste sich nicht vor ihr ängstigen, aber man sieht sie nur selten; man spielt mit ihrem Enkel – er geht in die selbe Klasse und wohnt bei der Großmutter, von seinen Eltern weiß man nichts – im Hof und den schickt man auch den Ball holen, wenn er über die Mauer geworfen wird; und manchmal hört man die Hausmeisterin schreien, hört sie schreien und jammern, am Abend oder mitten in der Nacht, ihr Mann schreit noch lauter, die Wand zwischen Vorder- und Rückgebäude dämpft den Schall nur wenig, man liegt im Kinderzimmer und weiß nicht, was man machen, was man sich auch nur dazu denken soll; manchmal sieht man sie mit blauem Auge, mit geschwollener Unterlippe, aber man fragt sie nicht, man hat seltsamerweise kein Mitleid mit ihr, stattdessen fürchtet man sich, fürchtet sich auch vor ihr und dem, was da wohl mit ihr geschieht.

Aber man muss einmal im Jahr die Post holen und sucht im Dunkeln den Lichtschalter im fremden Treppenhaus des Hinterhauses, das so ganz anders ist, von so anderen Leuten bewohnt wird, und versucht beherzt hinaufzugehen und sich den starken Herzschlag nicht anmerken zu lassen und die Furcht. Und man drückt auf die Klingel und weiß schon den nächsten Schreck: der Hund der anfängt zu bellen, laut, man kennt keine Hunde, man mag keine Hunde, und wenn sich die Türe ein kleines Stück öffnet, dann sieht man erst die Schnauze des Hundes, zum Bellen geöffnet, und seine Zähne unter den Zotteln seines Barts. Und der Hund wird angeschrien, dass er mit dem Kläffen aufhören solle und man hat Angst, vor dem Hund, der sich durch den Spalt auf einen stürzen könnte, vor den Besitzern, die ihn zurückzuhalten versuchen und schreien, schon wieder schreien, man hat Angst. Und man sieht in den Spalt in die Wohnung und da ist der kläffende Hund und es riecht komisch, nicht nach zu Hause, komisch, es sieht unaufgeräumt aus und da steht der Mann der Hausmeisterin im Unterhemd da und sieht einen mit kleinen, missbilligend funkelnden Augen – könnte man meinen – an: “Ja?” und “Herrgott, jetzt halt‘ amal die Schnauze, Drecksviech!” zum Hund.

Dass man die Post abholen wolle und den Briefkastenschlüssel, stottert man und fühlt sich wie ein viel kleineres Kind, als man eigentlich ist. Da müsse er nachsehen, wo das seine Frau gelassen habe, brummt er und schließt die Tür erst einmal wieder, wegen dem Hund wahrscheinlich, was einen fast schon wieder erleichtert aber doch auch ein wenig unhöflich erscheint. Dann öffnet sich die Tür wiederum ein wenig und durch den schmalen Spalt wird einem eine Tüte hingestreckt: “Da müsst‘ der Briefkastnschlüssl auch drin sein…” sagt er und man bemüht sich noch eben mit ein paar freundlichen Worten das kleine Mitbringsel loszuwerden, die Herkunft aus dem Urlaubsland zu erklären und sich noch einmal herzlich für alles zu bedanken. Schließt sich die Tür endlich, dann rennt man auch schon die Stiege hinab, das Gebell des Hundes und ermahnende Gekeife des Besitzers beinahe überhörend, man presst die Tüte fest an seine Brust und trägt sie durch den Nieselregen, am immer noch stark pochenden Herzen geborgen, zurück, zurück nach ‘zu Hause’. Da, wo es heute immer noch so riecht wie zu Hause, wo man sich an den Küchentisch setzen darf und die Post sortieren, für die Eltern und einen selbst und die Urlaubspostkarten der Klassenkameraden lesen und zu Hause sein, auch wenn man der monatelangen Hitze nachtrauern mag, zu Hause sein.

Und am nächsten Tag ist der Geruch schon wieder unwahrnehmbar, bald geht man wieder in die Schule, spielt im Hof, aber der Enkel der Hausmeisterin ist nicht mehr da und man hört die Hausmeisterin nachts nicht mehr schreien und jammern, es ist beklemmend ruhig nebenan, man sieht sie überhaupt nicht mehr, die Hausmeisterin; und die Klassenlehrerin sagt, dass der Enkel wohl nicht mehr käme und in einem Heim sei und man versteht das nicht; im Haus sagt man sich, der Alte werde wohl auch bald rausgeschmissen, könne die Miete nicht mehr zahlen, gebe sein ganzes Geld für Schnaps aus und die Hausmeisterin hört man gar nicht mehr, sieht man gar nicht mehr.

Der unergründlichste Geruch ist der nach ‘zu Hause’. Wenn man eines hat.

 

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Weinernte

Fruchtende Blutdolden
zäh zu ziehen
von klebrigen Stengeln,
fleischende Zahnwunden
zu schneiden in grünes Holz.
Chaque jour
je te veux
plus que hier.
Hell ermüdete Augen
in sich täglich
verdunkelnden Gesichtern,
sprengende Schädelsonne,
gebeugte Hitze auf Rücken.
La petite.
Schwärmende Mückenstieben,
vom Winde gepeitscht
gegen Leiblaub.
Und er packt mich
im Genick
wie eine junge Katze.
Toute ma tendresse.
Zärtliches Schneckenverstecken
vor sammelnden Gieraugen.
Heranhunden der Porteure
mit Rufen und Pfiffen,
wie sie mit Arabern sprechen,
sich aufzukrümmen,
sich leer zu entlasten.
Si tu es loin de moi…
Tages
Trägzeitziehendes
Tristwerk.

 

Oktober 1999

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