Tocotronic – Im Zweifel für den Zweifel

Ein Text so großartig, dass ich ihn hier einfach mal unkommentiert einstellen möchte. Von Tocotronic, versteht sich, von der wunderbaren neuen CD “Schall und Wahn”:

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel
Und für die Pubertät
Im Zweifel gegen Zweisamkeit
Und Normativität

Im Zweifel für den Zweifel
Und gegen allen Zwang
im Zweifel für den Teufel
Und den zügellosen Drang

Im Zweifel für die Bitterkeit
Und meine heißen Tränen
Bleiern wird mir meine Zeit
Und doch muss ich erwähnen:

Im Zweifel für Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen!
Im Zweifel für Zerwürfnisse
Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform

Im Zweifel für Verzärtelung
Und für meinen Knacks
Für die äußerste Zerbrechlichkeit
Für einen Willen wie aus Wachs

Im Zweifel für die Zwitterwesen
Aus weit entfernten Sphären
Im Zweifel fürs Erzittern
Beim Anblick der Chimären

Im Zweifel für die Bitterkeit
Und meine heißen Tränen
Bleiern wird mir meine Zeit
Mir bleibt noch zu erwähnen:

Im Zweifel für Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen!
Im Zweifel für Zerwürfnisse
Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform

Im Zweifel für den Zweifel
Und die Unfassbarkeit
Für die innere Zerknirschung
Wenn man die Zähne zeigt

Im Zweifel fürs Zusammenklappen
Vor gesamtem Saal
Mein Leben wird Zerrüttung
Meine Existenz Skandal

Im Zweifel für die Bitterkeit
Und meine heißen Tränen
Bleiern wird mir meine Zeit
Und doch muss ich erwähnen:

Im Zweifel für Ziellosigkeit
Ihr Menschen, hört mich rufen!
Im Zweifel für Zerwürfnisse
Und für die Zwischenstufen

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform

Reinhören kann man in den Song übrigens hier bei myspace.

Geschrieben in Alltag | 3 Kommentare

Rückblick 2009 – diesmal als Stöckchen/Liste

Nachdem ich das bei den anderen immer so furchtbar gerne lese und spannend finde, habe ich die Liste dieses Jahr doch auch mal ausgefüllt.

1. Zugenommen oder abgenommen?

Erst zugenommen, dann seit dem Sommer wieder abgenommen, beides stressbedingt, schätze ich. Insgesamt wahrscheinlich alles beim Alten.

2. Haare länger oder kürzer?

Deutlich länger, nur mal Spitzen schneiden lassen…

3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Hoffentlich nicht noch kurzsichtiger.

4. Mehr Kohle oder weniger?

Hm, mehr, vorher habe ich gar nichts verdient, jetzt immerhin das Referendarsgehalt. (Ob man damit HartzIV-Niveau erreicht, ist allerdings nicht abschließend geklärt.)

5. Mehr ausgegeben oder weniger?

Wahrscheinlich mehr, wenn man an die ganzen Schulbücher und -Materialien denkt, die Schulbuchverlage haben wirklich verdient an mir! Und dann die Waschmaschine…

6. Mehr bewegt oder weniger?

Etwas mehr. Wieder im Sportstudio angemeldet und mit Yoga angefangen, auch wenn das durch relativ häufige Krankheiten nicht immer so umsetzbar war wie gewünscht…

7. Der hirnrissigste Plan?

Hm. Eigentlich hatte ich keine Zeit für hinrissige Pläne…

8. Die gefährlichste Unternehmung?

Jeden Tag wieder in die Schule gehen.

9. Der beste Sex?

Oh ja!

10. Die teuerste Anschaffung?

Die Waschmaschine, nachdem die alte ihren Geist aufgegeben hat. Nur der Herd, der jetzt auch kaputt ist, wird wohl noch teurer…

11. Das leckerste Essen?

Sicherlich das 5-Gänge-Klassikmenü bei Schuhbeck. Gefolgt vom Menu im Marais und den leckeren Tortellini in brodo in Bologna. Und von schwäbischen Linsen mit Spätzlen und den vielen Hühnersuppen, die wir dieses Jahr gekocht haben.

12. Das beeindruckendste Buch?

Hach, hätte ich doch letztes Jahr schon eine Liste geführt und wüsste, was ich alles gelesen habe… War aber ohnehin nicht so viel. Il tailleur grigio von Andrea Camilleri (noch nicht übersetzt) war jedenfalls sehr gut…

13. Der ergreifendste Film?

Hm. Das ist schwierig, wirklich schwierig. Auf DVD vielleicht Geh nicht fort, den musste ich gleich 2x sehen. Für Kino war wirklich wenig Zeit. Das weiße Band war interessant…

14. Die beste CD?

Vielleicht El radio von Chris Garneau. Und bei der italienischen Musik Safari von Jovanotti.

15. Das schönste Konzert?

Waren auch nicht so viele dieses Jahr. Also würde ich sagen Notwist im Volkstheater gewinnen kurz vor dem on3-Radio-Festival bzw. Bavarian Open im Funkhaus (wo überraschenderweise Pete Doherty auftauchte, was sicherlich aber nicht der Höhepunkt des Konzertes war).

16. Die meiste Zeit verbracht mit …?

…meinem Computer (Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen mit Tabellen, Seminarberichte, Stoffverteilungspläne etc.)

17. Die schönste Zeit verbracht mit …?

Dem Lieblingsmenschen. Und Freunden. Und sehr netten Kollegen.

18. Vorherrschendes Gefühl 2009?

Alles ist schrecklich.

19. 2009 zum ersten Mal getan?

Yoga gemacht.

20. 2009 nach langer Zeit wieder getan?

Im Meer gebadet? Naja, sooo lange war’s auch wieder nicht her.

21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Wie, nur drei?
Lehrproben, Seminarberichte und Protokolle, viele Fachsitzungen, Korrekturen, nervige Klassen, Nachtschichten, Stress, Unterrichtsbesuche, Lärm, zu wenig Schlaf abwechselnd mit Schlaflosigkeit – oh, da fiele mir noch jede Menge ein.

22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Wird noch nicht verraten.

23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Hm.

24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Das diesjährige Weihnachtsgeschenk vom Lieblingsmenschen war schon sehr fein… Und der Adventskalender inkl. der roten Stiefel ja sowieso.

25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

“Okay, lass’ uns drüber nachdenken.”

26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

?

27. 2009 war mit einem Wort …?

Schrecklich. Mit kurzen Lichtblicken.

Geschrieben in Alltag | Keine Kommentare

Musik für sich

Heute habe ich mal wieder ein sehr bemerkenswertes Zitat in Alban Nikolai Herbsts Arbeitsjournal gefunden, wo dieser schreibt:

Wäre ich Musiker geworden, wäre ich zumindest latent autistisch. Das liegt daran, daß man Musik für sich ganz allein spielen kann, es kommt auf Publikum nicht an; Literatur ist anders, sie kommuniziert i m m e r, und wenn es nur mit einem „inneren Leser“ ist. Musik, selbst ausgeführte, braucht nur den, der sie spielt.

Über den Unterschied zwischen Musik und Literatur habe ich immer nur von der anderen Seite her nachgedacht, wie ihre jeweilige Technik ist, wie sie Wirklichkeit abbildet und Gefühle wiedergibt, wie sie auf den Hörer/Leser wirkt etc., nie von dorther: wer sie spielt oder schreibt. Und ANH hat Recht, scheint mir. Musik genügt sich selbst, Literatur nicht.

Allenfalls eine gewisse Art der Lyrik (natürlich keinesfalls jede!) könnte dazwischen stehen und selbstgenügsam sein wie Musik oder ein Tagebuch. Und professionelle Musiker müsste man einmal fragen, ob sie sich so etwas wie einen “inneren Zuhörer” nicht doch selbst konstruieren und vorstellen beim Spielen. Ganz abgesehen von Komponisten. Oder?

Geschrieben in Randnotizen | 5 Kommentare

Gisbert zu Knyphausen

Ich muss jetzt mal wieder eine kleine Werbepause einlegen. Denn der Mensch da, namens Gisbert zu Knyphausen singt:

“Ich bin schon lang nicht mehr auf der Suche nach dem Sinn. Denn er wird sich immer verändern. Und ich weiß ziemlich genau was ich bin, aber nicht wo das hin will. Und das find’ ich gar nicht so schlimm.” (Der Blick in deinen Augen).

Oder auch: “Manchmal glaube ich, dass ich zu langsam bin für all die Dinge, die um mich herum geschehen. Doch all die Menschen, die ich wirklich, wirklich gerne mag, sie sind genauso außer Atem wie ich.” (Sommertag)

Ich könnte jetzt immer so weiter machen, dann stünden hier irgendwann Gisberts komplette Texte, denn (beinahe) alles davon ist zitierenswert, aber noch schöner sind die Texte dann doch mit seiner Musik. So schön, dass mir dazu schlichtweg die Worte fehlen, Gisbert zu Knyphausens Lieder treffen irgendwelche Nerven, verschaffen Gänsehaut und sonstige Schauder, bringen teils Augen fast zum Überlaufen und Münder zu einem (mehr oder minder) schmerzlichen Lächeln, machen verzücken und freuen, tun jedenfalls jede Menge mit einem und dann wird man sie nicht mehr los.

Die Krankheit breitet sich wie eine Kontaktallergie aus, wenn man sich durch die mySpace-Seite hört, dann klebt man schon an der süß-schmerzliche Sucht, aber das ist bei weitem noch nicht alles: es lohnt sich wirklich, wirklich sich auch die ganze Platte zu kaufen, darauf findet man 12 Lieder und einfach jedes davon ist ein Juwel, keine Minute verschwendet beim Anhören und Hinhören und Wiederhören und Immerwiederhören. Ich kaufe ja auch immer seltener CDs, aber selten war ich zufriedener damit, dass ich es getan habe.

Gisbert zu Knyphausen-Hören ist wie Füße im Sand vergraben oder wie die Wange an warmes Holz legen.

So steht es hier und das trifft es ziemlich gut. Das ist eigentlich schon alles, was ich dazu sagen kann und wollte, macht euch selber ein Bild, hört rein, schaut euch meinen hochadligen Altersgenossen (das ist nämlich kein Pseudonym, sondern sein echter Name) an, z.B. hier wenn er “Sommertag” singt:

Und gleich noch ein Video, damit ihr auch schön süchtig werdet und das Album kaufen müsst, daran führt wirklich kein Weg vorbei (und nein, ich bin nicht bestochen worden, kein bisschen, nur begeistert), hier “Verschwende deine Zeit (Gisbert Blues Nr.135)”:

Noch mehr Videos (“Kleine Ballade” und “Gute Nachrichten”) gibt es hier bei neueHelden.tv zusammen mit Bildern und einem Podcast, zwei weitere Videos in der Solo-Version findet man beim musikexpress. Mehr Infos zu Gisbert zu Knyphausen gibt es im Blog von Omaha-Records und damit ihr nicht denkt, dass ich alleine spinne: begeisterte Stimmen meldeten sich u.a. schon bei Intro (hier auch eine Plattenkritik und ein Interview zusammen mit Kettcar/Marcus Wiebusch), im Spiegel und bei der Roten Raupe (wo man auch einen Song gratis downloaden kann) oder hier oder hier oder sehr schön auch hier.

Das ist dann auch schon der einzige Haken an der Geschichte: ein Geheimtip ist Gisbert leider nicht mehr, so richtig ‘für sich haben’ (wie man es sich bei diesen Texten manchmal wünscht) kann man ihn also nicht mehr.

Geschrieben in Alltag | 6 Kommentare

Lebenszeichen aus der Atempause mit ohne Musik

Ich war über das Pfingstwochenende nur vier kurze Tage in Italien (in Anduins im Friaul), bin jetzt aber so entspannt und ausgeruht wie eine gefühlte Ewigkeit schon nicht mehr. Das lag sicher nicht nur an den vier Tagen ganz ohne Lesen und Lernen, sondern vor allem an den zehn fürchterlich netten Menschen, mit denen ich da war. Außerdem an der Sonne, die morgens schon ins Zelt schien, am entspannten Grillen draußen (trotz einiger Regentropfen), am ebenso entspannten gemeinsamen Spaghetti-Kochen auf dem Camping-Kocher, an der Pizza, am Rotwein, am Klettern (wenn es auch nur ein bisschen war) und den anderen beim Klettern Zusehen, am Nichts-Tun, am in der Wiese Liegen und in den Himmel Schauen, am abends ums Lagerfeuer Sitzen bis es zu kalt wurde, an den guten und lustigen Gesprächen, am vielen Lachen und am Balancieren auf der Slackline (auf der ich immerhin schon ca. 10 Schritte geschafft habe).

Vielleicht wird das mit dem Bloggen jetzt auch wieder etwas besser, nachdem hier ja über drei Wochen Schweigen herrschte… Aber die Zeit vor dem Kurzurlaub war sehr anstrengend, die mündlichen Prüfungen in Geschichte haben mir ziemlich zugesetzt, sind dann im Endeffekt aber dennoch sehr gut gelaufen. Bloggen war mir in der letzten Zeit einfach zu viel, keine Ideen, keine Lust, keine Muße und keine Muse. Höchstens bei Twitter habe ich ab und zu 140 Zeichen hinterlassen.

Jetzt habe ich eine kurze Atempause, der nächste Prüfungsmarathon mit drei Prüfungen in Deutsch und vier Prüfungen in Italienisch beginnt ‘erst’ in knappen zwei Wochen, allerdings folgt dann eine dicht auf die nächste (auch mal drei Tage hintereinander), was bedeutet, dass ich jetzt schon eifrig vorarbeiten muss. Momentan bin ich noch recht gelassen, die Deutsch-Themen machen mir Spaß, da freue ich mich fast drauf und Italienisch wird schon auch irgendwie gehen. Außerdem tröstet die Aussicht, dass am 20. Juni dann alles endlich ein Ende hat, dass dann alles vorbei ist, dass es nicht mehr Monate sind, die da voller Lernerei (und nichts anderem) vor mir liegen, sondern nur noch ein paar Wochen.

Ich habe da schon vor einiger Zeit ein Stöckchen zugeworfen bekommen, von der lieben Chrizzo, welche 5 Lieder ich mit auf die einsame Insel nehmen würde, aber diese Auswahl überfordert mich momentan. Erstens höre ich so gut wie nie einzelne ‘Lieder’, sondern immer nur ganze Platten (ist ja auch barbarisch, die so aus dem Kontext zu reißen) und es fiele mir insofern sehr schwer, da bestimmte Lieder aus meinen Lieblings-CDs herauszusuchen. Und zweitens finde ich es einfach unheimlich schwierig, denn das ändert sich natürlich von Woche zu Woche, von Stimmung zu Stimmung und überhaupt. Im Moment komme ich ohnehin kaum dazu, richtig Musik zu hören, die dudelt höchstens ab und an im Hintergrund, wenn ich nicht allzu konzentriert sein muss. Also ein schlechter Moment gerade, liebe Chrizzo. Ich hoffe mir wird verziehen. Ganz sicher würde ich die Lieder hauptsächlich aus meinen Klangspielen rekrutieren, aber welche…???

Geschrieben in Alltag | 1 Kommentar

Herr Ernst

Darf ich vorstellen: die neue und wieder wunderschöne April-Ausgabe von mindestenshaltbar ist da, diesmal ohne Thema aber dafür mit Musik! Und in diesem ‘Heft’ ist nach einer Pause auch wieder eine Geschichte von mir: Herr Ernst. Ich bin ganz zufrieden damit, sie ist richtig ‘handlungsreich’ für meine Verhältnisse, also: rübergehen, Lesebefehl! Kommentare bitte gerne hier oder dort.

Noch ein Wort zur Musik zu meiner Geschichte: die ist vom großartigen Kevin Hamann alias Clickclickdecker alias My first trumpet. Der Mensch hat so viele verschiedene Musikprojekte, dass es zwar sehr erfreulich aber langsam auch ein bisschen unübersichtlich wird. Es gibt ihn erstens als Clickclickdecker (mit Homepage und Blog), das ist sehr sympathisch-melancholischer Gitarren-Indie-Rock mit deutschen Texten, die oft in einem absurd hohen Tempo vorgetragen werden, sehr hübsch! Als Click hat der Herr mich auch schon zwei Mal auf Konzerten in München sehr erfreut.

Außerdem gibt es dann aber eben My first trumpet, Clicks ‘Elektropop-Projekt’, in das man bei mySpace reinhören und dessen Platte Frerk man sich hier komplett umsonst herunterladen kann (macht das unbedingt, es lohnt sich!). Aus dieser Platte stammt das Stück mit dem wunderbaren Titel ‘Autonarkose’, das ich mir zu meiner Geschichte ausgesucht habe.

Letztlich ist Click zur Zeit aber am aktivsten mit seinem Projekt Bratze (auch hier mySpace, Homepage, Blog), das es sich sicher auch zu beobachten lohnt. Also, hört euch das an oder lest zu Click nochmal nach: in der Wissenswerkstatt gibt es einen Artikel zu “My first trumpet bezaubert mit Frerk” und auch einen zu Click als “Überzeugungstätergitarrenrocker“.


Nachtrag: Nachdem mindestenshaltbar inzwischen eingestellt wurde, hier der Text nochmal komplett:

Herr Ernst

Vielleicht hätte man es an dem Christbaum merken müssen, der im März immer noch geschmückt auf dem kleinen Balkon stand. Vielleicht hätte man es einfach daran merken müssen, dass man dem alten Herrn Ernst gar nicht mehr im Treppenhaus begegnete. Aber nach dem Tod seiner Frau im Herbst war er ohnehin immer seltener aus der Wohnung gekommen und sein immer mürrisches Wesen machte es einem leicht, ihn nicht zu vermissen. Erst hinterher fragte man sich, ob man nicht etwas hätte bemerken müssen, fragte sich, warum man denn nicht an ihn gedacht und sich gesorgt hatte.

Seine Frau war ganz anders gewesen, das genaue Gegenteil, sehr lebhaft, lebensfroh und kontaktfreudig, jeden sprach sie im Treppenhaus an, sie lauerte den Bewohnern regelrecht auf, um sie in ein Schwätzchen zu verstricken und oft hörte man sie laut und mit schöner Alt-Stimme singen, tagsüber, wenn ihr Mann nicht zu Hause war. Während er in der Arbeit war, sang sie die alten Schlager aus ihrer Jugend und manchmal musste man sich dann ein Lachen verkneifen, wenn die alte Dame mit tiefer Stimme “Kann denn Liebe Sünde sein?” oder “Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?” trällerte. Ihr Mann hatte das gar nicht gern. Auch das Klavierspiel hatte er ihr verboten und ihr Klavier kurz nach der Hochzeit verkauft, denn das Musikmachen war ihm verdächtig und gehörte sich nicht für eine anständige Ehefrau, das war seine Meinung. Deshalb blieb es still, sobald er nach Hause gekommen war, sehr still, kein Gesang, kein Radio, kein Lachen mehr von Frau Ernst.

Sie vermisste ihr Klavier, sie sprach oft davon, wie sie als junges Mädchen Klavierstunden bekommen hatte und trotz ihrer kleinen Hände sofort Schlager spielen wollte, ohne lästige Anfänger- und Fingerübungen und wie ihr das auch gelungen war. Ihr Klavier hatte ihr Mann ihr genommen, aber ihre Stimme konnte er ihr doch nicht nehmen. Und so sang sie fröhlich und trotzig, auch ohne Klavierbegleitung, sobald er nur das Haus verließ. Jeden der Hausbewohner packte sie mindestens einmal nach einem Gespräch bei der Hand und führte ihn mit leuchtenden Augen in ihre Wohnung, wo sie stolz wie ein Kind ihren größten Schatz herzeigte: ein original Autogramm von Zarah Leander, ihrem großen Idol, extra für sie.

Man musste sie einfach mögen, die Frau Ernst, auch wenn sie einem manchmal gehörig auf die Nerven gehen konnte, wenn man es eilig hatte, sie einen aber doch im Gespräch festhielt. Ihr Tod kam plötzlich, kurz nachdem ihr Mann in Rente gegangen war, so plötzlich wie sie es sich immer gewünscht hatte. Auch ihre Mutter war damals mitten am Tag, im fahrenden Linienbus ganz unvorbereitet zwischen all den Leuten vom Schlag getroffen worden und sofort tot, wie sie erzählte, so wolle sie auch sterben, so ohne jede Vorwarnung, ohne Krankheit, ohne Schmerzen. Denn sie, sie sei niemals im Leben krank gewesen, nie, nicht einmal eine Erkältung habe sie jemals gehabt und sie könne es sich auch gar nicht vorstellen, auch nicht im Alter, das passe einfach nicht zu ihrer Rossnatur. Dann lieber kerngesund und plötzlich umfallen. Dieser Wunsch war ihr dann tatsächlich erfüllt worden, aber viel früher, als sie gedacht hatte.

Denn eigentlich freute sie sich sehr auf die Rente ihres Mannes, sie erzählte immer wieder begeistert von den Plänen, die sie für diese Zeit hatte, sie hätten ja endlich noch reisen, noch so viel erleben können! Ein Leben lang hatte Herr Ernst gearbeitet, von früh bis spät, auch für sie, sagte er, für sie, die keine Ausbildung hatte, weil schon ihre Mutter das nach dem Besuch der Hauswirtschaftsschule für ein gutbürgerliches Mädchen für überflüssig gehalten hatte, obwohl sie gerne etwas hätte lernen wollen, für sie hatte Herr Ernst gearbeitet, für die es sich seiner Meinung nach auch überhaupt nicht ziemte zu arbeiten. Anständige Frauen blieben zu Hause, machten den Haushalt, umsorgten den Ehemann und brachten abends pünktlich das Essen auf den Tisch, anständige Männer sorgten dafür für den Lebensunterhalt, so einfach war das.

Und dann war es endlich so weit, mit der Rente. Vielleicht ertrug sie es einfach nicht, diesen mürrischen Menschen und sein strenges Regiment plötzlich den ganzen Tag zu Hause um sich zu haben, ertrug es nicht, dass er ihr jetzt dauernd sagte, was zu tun war und sie bei jeder Regelübertretung ermahnte, dass er jedes Schwätzchen mit den Nachbarn, die für ihn Unbekannte waren, für überflüssig hielt und es missbilligte, vielleicht ertrug sie es einfach nicht, dass sie jetzt auch tagsüber nicht mehr singen durfte. Vielleicht entzog ihr seine reine Anwesenheit die Lebenslust. Jedenfalls lag sie eines Morgens einfach tot neben ihm im Bett, nur wenige Wochen, nachdem er seine Rente angetreten hatte, und an diesem Tag sah man den Herrn Ernst zum ersten und letzten Mal emotional aufgewühlt und erregt. Er lief durchs Treppenhaus und klingelte alle Nachbarn aus dem Schlaf, weil er nicht wusste, was er tun solle mit seiner toten Frau, weil er überhaupt nicht wusste, was er tun sollte.

Nach der Beerdigung von Frau Ernst, an der sämtliche Hausbewohner teilnahmen, zog Herr Ernst sich zurück und verließ die Wohnung nur noch schwarz gekleidet zu seinen seltenen Einkäufen, sprach mit niemandem, nur den lautgestellten Fernseher hörte man ab und zu durch die Wände. Nie bekam er Besuch, er hatte keine Freunde, seine Frau war wohl die einzige gewesen, die seinen strengen Charakter aushalten konnte.

Dann war es Frühling geworden, die Jahreszeit, in der Frau Ernst sonst Frühlingslieder gesungen und fröhlich den sorgfältig verteilten Weihnachtsschmuck gegen eine verfrühte Osterdekoration ausgetauscht hatte, die Jahreszeit, in der sie jedem, dessen sie im Treppenhaus habhaft werden konnte, froh erzählte, dass es in einem Frühling gewesen sei, in einem Frühling im Krieg, in dem sie ihren Mann kennengelernt habe, ein Frühling, in dem die Bomben noch die aufgerissenen Felder zu einem glühenden Blühen gebracht hatten. Freudestrahlend berichtete sie dann von ihrem “Ernstl”, wie “schmuck” er damals in Uniform ausgesehen habe – wofür sie auch gerne Fotos als Beweis vorlegte – und wie glücklich sie damals mit ihm gewesen sei.

“Jaja,”, sagte sie dann, “eine Frau wird erst schön durch die Liebe.” Wenn man “Ernstl” aber kannte, dann musste man den Schluss ziehen, dass dies niemals an ihm hatte liegen können, sondern vielmehr Frau Ernst über die Fähigkeit verfügte, mit beinahe jedem Menschen, in beinahe jeder Situation glücklich zu sein. Ihre Augen verschatteten sich nur, wenn sie erzählte, dass sie keine Kinder hatten bekommen können, obwohl sie sich Kinder so sehr gewünscht habe, aber sie fand sicher sehr bald einen Grund, das Thema zu wechseln und fröhlich von etwas anderem zu sprechen. Vielleicht war sie dann lächelnd damit fortgefahren, dass nur der Nachname ihres Mannes nun wirklich nicht zu ihr passe.

In diesem Frühjahr, nach ihrem Tod, blieb der Christbaum, den Herr Ernst trotz allem im Dezember hinausgestellt hatte, bis in den März auf dem kleinen Balkon stehen, aber niemand wunderte sich, niemand dachte überhaupt noch an Herrn Ernst. Vielleicht hätte man einmal bei ihm klingeln, ihm Hilfe anbieten sollen, aber andererseits war man sich sicher zurückgewiesen zu werden und es schien doch alles in Ordnung. Auch roch man nichts, der Winter war kalt und Herrn Ernsts Sparsamkeit führte dazu, dass er die Heizung meist ausgeschaltet ließ. Erst als der große Briefkasten vor Werbung und Kontoauszügen überquoll, rief irgendwer aus dem Haus die Polizei, nachdem Herr Ernst auch nach mehrmaligem Klingeln nicht geöffnet hatte. Er musste schon im Dezember gestorben sein, Verwesung und teilweise Mumifikation waren schon fortgeschritten, als man ihn auf der Couch sitzend fand, auf seinem Schoß das alte Notenheft mit dem Autogramm von Zarah Leander.

Geschrieben in Prosa | 3 Kommentare

Tapes ‘n Tapes

Nur ein kleiner Musikhinweis: die Tapes ‘n Tapes, eine vierköpfige Band aus Minneapolis, deren erstes Album The Loon mich wirklich (auch live) begeisterte (ich erinnere nur an den umwerfenden, rumpeligen Song Insistor!), haben jetzt ihre zweite Platte Walk it off fertig. Zu diesem Anlass gibt es hier gratis vier Songs vom neuen Album als mp3′s herunterzuladen und hier kann man sich sogar das ganze Album schonmal anhören!

Und ich bin mal wieder bezaubert, ich mag einfach dieses Tempo, dieses zähe Voranschreiten des Rhythmus’ manchmal, dieses Rumpeln und die kratzige, brüchige, leicht gequetschte Stimme des Sängers und kann mal wieder kaum sitzenbleiben beim Anhören (und möchte am liebsten laut mitsingen, obwohl ich die Songs noch gar nicht kenne)! Also hoffe ich, dass euch das genauso gute Frühlingslaune macht wie mir!

via nicorola mal wieder 

Geschrieben in Alltag | 1 Kommentar

Requiem

Nimm sie zurück, Du kannst sie wiederhaben, Dir gehört sie, ich will sie nicht mehr, sie kann Dich nicht vergessen. Wenn sie zu mir aufschaut, dann sehe ich ihren Blick suchen, nach Ähnlichkeiten mit Dir. Wenn sie mit mir spricht, dann spüre ich, dass ihr Ohr nach Deiner Stimme und Deinen Worten verlangt. Wenn ich sie küsse, dann weiß ich, dass sie an Deine Lippen denkt, wenn ich sie berühre, weiß ich, dass sie Deine schlanken Pianistenhände ersehnt, wenn ich mit ihr schlafe, dann fühle ich ihr Begehren nach Dir, wenn ich sie stöhnen höre, scheint sie mir nur Deinen Namen zu hauchen.

Ich versuchte das Requiem eurer Liebe zu sein, requiem aeternam dona eis, aber es will nicht erklingen. Alles Fleisch ist wie Gras, nur nicht Dein Fleisch, an das sie unablässig denkt, wenn sie meines berührt. Es will nicht verdorren, so sehr ich mich auch bemühe, sie kann Dich noch immer nicht vergessen.

Ich wollte sie trösten, vorhin, ich wollte ihr Tee bringen, dampfend und besänftigend, aber sie hat mich nicht erhört, sie hatte kein Erbarmen mit mir, sie hat ihre Tür nur noch fester vor mir verschlossen und sich ans Klavier gesetzt. Sie spielt Deine Stücke, immer wieder die Stücke, die Du für sie komponiert hast und ihr vorspieltest. Sie spielt lang, Du hast ihr viele Kompositionen geschenkt und wenn sie fertig ist, beginnt sie von vorn. Es ist ein Tag der Tränen heute, sie weint, man hört es am Klang der Tasten unter ihren zittrigen Fingern.

Vielleicht denkt sie noch nicht einmal an Dich, nicht an die Trennung von Dir, sie ist vielmehr ganz in Deinen Stücken, ganz versunken in Dich. Ich hasse Deine Stücke und wie sie sie spielt, ich sitze wartend in der Küche, unterm ewigen Licht der Leuchtstoffröhre und fühle mich elend wie im Maul eines Löwen, aber ich wage es nicht, ihre Tür zu öffnen, ich wage es nicht sie anzusprechen. Bisher habe ich immer nur abgewartet bis es vorbei war.

Bis sie selbst die Türe öffnete, sie selbst herauskam zu mir, mit abgewendetem Blick. Ich empfing sie wie ein vom Himmel gefallenes Geschenk, wie ein verwirrtes Kind, wie eine Neugeborene und wenn sie mit mir ins Bett gehen wollte, tat ich so als wüsste ich nicht, dass ich nur das Feuer löschte, das Du, das Deine Musik in ihr entfachte. Ich glaube nicht, dass sie auch nur ein einziges Mal wirklich bei mir, mit mir war. Ich glaube nicht mehr, dass es besser werden wird, wie ich es lange geglaubt habe, ich glaube nicht mehr, dass sie mich lieben lernen wird, wie sie Dich liebte. Ich glaube nicht mehr an ein seliges Ende für uns. Sie kann Dich nicht vergessen.

Sie kann das Requiem nicht vergessen, das Du ihr versprochen hast. Das Requiem, das sie sich von Dir zum Geburtstag wünschte, das Du ihr komponiertest und ihr dann doch nicht gabst, weil es inzwischen vorbei war zwischen euch. Manchmal sitzt sie nur still vor dem Klavier, mit leerem Blick, die Hände im Schoß und denkt an die Schublade, in der ihr Requiem vielleicht liegt oder sie denkt an die Flammen, die ihr Requiem vielleicht verbrannt haben. Und sie denkt sich aus, wie es klingen könnte. Sie weiß nur, dass es mit einem Trompetensolo beginnen sollte, wir wissen warum, denn das war schon das Zeichen für euer Ende, ein Widerhaken in ihrem Fleisch, ein Widerhaken in Deinem.

Ich war dabei, als es passierte, es war nach einer Feier des Trompeters, zu der auch Du kommen wolltest. Du schienst vielbeschäftigt zu dieser Zeit, manchmal wolltest Du sie nicht sehen oder konntest es nicht, niemand von uns wusste genaueres. Du hattest versprochen zu kommen und ich weiß, dass sie sich schon freute, Dich dort zu sehen, aber dann kamst Du nicht. Dafür blieben wir um so länger, ich schlief auf dem Boden und sie im Hochbett des Trompeters. Sie war enttäuscht und betrunken, ich glaube nicht, dass sie nachdachte, sie wollte nur nach oben, ins Hochbett, und es war ihr egal, dass er ebenfalls hinaufstieg. Und ich schlief ein, zwei Meter unter ihnen.

Du kannst mir keinen Vorwurf machen, ich hätte es nicht verhindern können, auch wenn ich Dein Freund war, so wie der Trompeter Dein Freund war. Das einzig Rätselhafte war, dass sie es Dir nicht einfach gestand, dass sie den Trompeter im Rausch geküsst hatte und zu Dir zurückkehrte, Du hättest ihr doch verziehen. Später erklärte sie mir, dass sie dem Anschein der Inkonsequenz aus dem Weg hatte gehen, sich ihre Wankelmütigkeit nicht hatte eingestehen wollen, zu dem Versprechen zu stehen versuchte, das sie dem Trompeter mit ihren Küssen gegeben zu haben glaubte. Sie wollte ihm nicht weh tun, sie mochte ihn. Aber sie liebte Dich.

Und deshalb kam sie dann doch zurück zu Dir: eine Trompete könne immer nur eine Melodie spielen, hat sie mir später gesagt, während die Orgel doch meist drei- oder vierstimmig sei und wenn nötig könnten sogar allein die Füße vierstimmig spielen. Sie sagte es, als sei das eine Erklärung für ihr Verhalten. Du hast sie noch einmal zurückgenommen, nach Wochen, aber der Bruch zwischen euch wollte nicht mehr heilen und die Ankündigung des Trompetensolos am Beginn ihres Requiems war nur eine der Gemeinheiten, nur eine der vielen kleinen Quälereien, die Du ihr zufügtest.

Sie sagt, sie habe das Gefühl, Dich getötet zu haben in dem Moment, in dem sie Dich dann endgültig verlassen habe. Weil Du daraufhin völlig aus ihrem Leben verschwunden seist, plötzlich, nichts mehr mit ihr zu tun haben wolltest, nichts, ihr das Requiem verweigertest. Du gabst ihr nur ein kurzes Stück zum Abschied, das sie nicht spielen wollte, denn es war überschrieben mit: Kaltes Lebewohl.

Ich blieb der Freund an ihrer Seite und begann von diesem Moment an zu warten, bis ich etwas anderes für sie würde sein können, bis sie mich erhörte, sich meiner erbarmte. Ich hörte mir geduldig wie ein Lamm an, was Du ihr immer noch und immer noch bedeutetest, wie sie ihre Loblieder sang und tausend Mal Hosanna. Und dass sie nicht vergessen konnte, wie sie zum ersten Mal bei Dir war und danach die Decke noch mit schamrotem Gesicht bis über ihre nackten Brüste zog und wie Du ihr Erdbeereis brachtest, dann. Sie kauft oft Erdbeereis und ich erfuhr mehr, als ich wissen wollte, ich weiß mehr, als ich wissen sollte. Ich habe keine kleine, nein, eine große Zeit lang Mühe gehabt, mit ihr und ich finde keinen Trost. Mein Leben hatte ein Ziel, ihre Liebe, aber ich kann sie nicht erlangen. Jetzt weiß ich: sie kann nicht hinwegkommen über Deine Erdbeerküsse.

Stundenlang hört sie manchmal das Mozart- oder Brahms-Requiem, als könne sie daraus erahnen, wie Deines klingen könnte. Stundenlang hört sie die Orgelstücke aus Schlafes Bruder, denn Du hattest ihr versprochen, die Stücke zu üben, um sie ihr vorzuspielen. Immer wieder hört sie die rasende Toccata Tu es petra von Henri Mulet und denkt dabei an den Moment, in dem ein Schmetterling durchs herbstliche Kirchenschiff segelte, wie getragen vom Atem der Orgel, während Du dieses Stück spieltest. Wenn sie eine Orgel hört, dann denkt sie immer nur an Dich und manchmal weint sie einen Tag der Tränen lang um Dich, immer noch.

Sie öffnet die Tür nicht, ich sitze wartend in der Küche, unter dem ewigen Licht der Leuchtstoffröhre und sie spielt immer wieder dieses Stück, das von Dir sein muss, es ist Dein Stil, aber ich kenne es noch nicht. Es kann nur das Kalte Lebewohl sein, aber es klingt nicht so. Es klingt sanft, zärtlich, liebevoll und warm, sie hört nicht auf, es immer wieder zu spielen. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Ich ertrage dieses Stück nicht, das sie zum ersten Mal spielt, in das sie versinkt, in dem sie aufgeht wie in ihrer Liebe zu Dir, ich wünschte sie hätte es nie gespielt, wie sie es zwei Jahre lang niemals spielte, in einer Schublade verbarg, den Titel scheuend.

Was soll ich tun? In manchen Momenten des Zorns dachte ich, sie zu verlassen wäre zu wenig, würde meine Demütigung nicht wieder gut machen, ich wollte warten auf einen Tag der Rache, wollte kein Lamm sein, mich nicht zur Opferbank führen lassen. Doch ich liebe sie immer noch. Wer rettet mich vor dem Rachen des Löwen? Wer erbarmt sich meiner? Ich trage Leid, ich trage Traurigkeit, aber wes soll ich mich trösten? Ich werde gehen müssen.

Nimm sie zurück, sie wird immer Dir gehören, ob Du willst oder nicht. Nimm sie zurück und gib ihr ihr Requiem, spiel ihr Schlafes Bruder vor, lass die Orgel atmen, lass die Kirchenbänke vibrieren von ihrem gewaltigen Klang und lass Schmetterlinge fliegen für sie. Gib ihr Erdbeerküsse und nimm sie zurück, sie gehört Dir, sie wird Dich nie vergessen. Ich will sie nicht mehr, ich gebe auf, ich werde gehen, requiem aeternam dona nobis.

Geschrieben in Prosa | 3 Kommentare

Erleuchtungen

Es ist ja so, dass man kurz vor Prüfungen immer das Gefühl hat, viel zu wenig gelernt zu haben und ohnehin überhaupt gar nichts zu wissen und alles ist ganz schrecklich. Viel mehr kann ich dazu auch nicht sagen, ich will euch mein Gejammer ersparen, morgen geht es los, also bitte drückt mir die Daumen! Die Prüfung morgen beginnt um 8.00 Uhr, ich hoffe also, dass die unter euch, die zu solch unmenschlicher Uhrzeit noch schlafen, die Daumen auch im Schlaf drücken können! Dann 5 ganze Stunden Qual und ich kann nur auf die ein oder andere Erleuchtung hoffen. Und am Donnerstag dann gleich dasselbe noch einmal, auch von 8-13 Uhr.

Hier also nur der kurze Hinweis auf das ein oder andere Musikalische, damit ihr euch die Zeit vertreiben könnt, solange ich in die Prüfungen untertauche, vielleicht ist ja was für euch dabei und ihr habt beim Hören auch die ein oder andere Erleuchtung.

1. Amplive hat ein Remix-Album vom Radiohead-Album ‘In Rainbows‘ gemacht, in welches ich mich ja auf Anhieb verliebt hatte. Ich finde es mehr oder weniger gelungen, es ist hier umsonst herunterzuladen und man ahnt die Genialität der Radiohead-Stücke noch durch die Songs hindurch, die mir da am besten gefallen, wo sie am wenigsten verändern und die Stimme von Thom Yorke am besten durchdringt… Ich empfehle aber auch einfach nochmal, das Radiohead-Album selbst zu kaufen! Hier als Vorgeschmack das wundervolle Video zu ‘All I need‘:

2. Ein (nachträgliches) Valentinstags-Geschenk gibt’s von der Mobius Band, die ihr kurzes Album ‘Love will reign supreme‘ mit einigen hübschen Cover-Songs (u.a. von Neil Young, The National, Bob Dylan) ebenfalls umsonst hier zum Herunterladen anbietet. Macht euch selbst ein Bild und überlegt euch, ob ihr das neue Album Heaven der Mobius Band haben wollt!

3. Okkervil River hat den wahrscheinlich kleinäugigsten genialsten Sänger, den es gibt. Auf der Homepage kann man nicht nur das neueste Album (The Stage Names) komplett anhören, man kann dort auch ebenfalls ein Mixtape mit Cover-Songs namens ‘Golden Opportunities‘ herunterladen (und die sollte man sich doch nicht entgehen lassen. Im Ernst, das lohnt sich schon wegen des sagenhaften Gesangs von Will Sheff). Die Songs der Band sind ja wirklich hinreissend großartig, auf einem Konzert war ich selbst auch schon mal und einen Live-Mitschnitt kann man sich hier ansehen:

4. Das alles habe ich nicht selbst zusammengesucht oder gefunden, sondern verdanke ich (größtenteils) dem wunderbaren Nicorola-Musikblog mit dem reizenden Untertitel rock-a-hula-baby. Dank also dorthin!

5. Ich melde mich Donnerstag oder Freitag wieder, wenn das schlimmste erstmal überstanden ist und wenn ich dann noch lebe… ;-)

Geschrieben in Alltag | 7 Kommentare

Morgens und abends

Wenn ich morgens aufstehe, dann bin ich fast immer voller Lebensmut und Tatendrang. Wenn ich abends ins Bett gehe, dann meist erschöpft und traurig, mit dem Gefühl, Zeit vergeudet, nichts geschafft zu haben und meine Prüfungen nie im Leben bestehen zu können, mit einem Herzen wie eine Wasserbombe: ein klitzekleines Pieksen in die dünne Plastikhaut bringt es zum Platzen und die Tränen zum Überlaufen. Meine Nerven waren nie die stärksten, aber dennoch frage ich mich, was da zwischendrin, zwischen morgens und abends, an solch einem Tag mit mir geschieht.

Mich interessieren die Dinge, die ich lernen muss, ich mag sie, ich arbeite mich anfangs mit Begeisterung durch die Literaturgeschichte, mir gefallen die theologischen Wirren der Reformationszeit und die sozialen des Bauernkriegs, ich schätze Kriemhild, Kudrun und Gyburc und übersetze mit großer Freude aus dem Mittelhochdeutschen, ich entdecke mit viel Interesse die Griechen wieder, die ich seit der Schulzeit so schmählich vernachlässigt habe, am liebsten würde ich mich sogleich über Homer hermachen und die griechischen Lyriker wieder im Original lesen, nichts lieber als das. Und ich weiß auch, dass es in gewisser Weise sogar ein Luxus ist, mich den ganzen Tag lang mit solchen Dingen beschäftigen zu dürfen, tief in Geschichte und Literatur einzutauchen, ich weiß, dass mancher gerne mit mir tauschen würde (statt arbeiten zu gehen).

Was mich aber einerseits stört ist die Begrenzheit der Zeit und die Masse an Stoff, die es mir verbieten, mich tiefer in Einzelheiten einzuarbeiten, mir verbieten, mich zu spezialisieren, nachzufragen, nachzuforschen. Ich soll alles wissen, im Staatsexamen kann man mich alles fragen. Aber mir liegt nicht die Weite des Wissens, nicht die Oberflächlichkeit, mir liegt mehr die Vertiefung und der Perfektionismus im Kleinen, den ich mir jetzt austreiben muss. Ich muss mich selbst andauernd davon abhalten, mich in Details zu verlieren und noch dieses und jenes nachzusehen, denn ich muss einfach durch den Stoff durch! Und es fällt mir schwer zu akzeptieren, dass ich in die Prüfungen werde gehen müssen und nicht alles wissen werde.

Und andererseits ist es einfach dieses ‘Muss’, das schon jeden Morgen wie ein Damoklesschwert über mir hängt und irgendwann, mitten im vergnüglichen Lesen und Lernen auf mich niedersaust, mir die Unfreiwilligkeit meines Tuns vor Augen führt und mir so jede Lust nimmt. Sobald ich mir vergegenwärtige, dass ich nicht anders kann, als jetzt auf Teufel-Komm-Raus zu lernen, keine Wahl habe, werde ich böse und bockig und mag nicht mehr. Warum nur bin ich so gemacht, dass mir alles, was ich ‘muss’ sogleich weniger Freude macht, dass sich dagegen in mir ein Trotz aufbaut, ein kindlicher, der irgendwann ausbricht und mich die geliebten Bücher verfluchen lässt?

Hätte ich doch nicht so viele Existenzialisten lesen sollen, um diesen Willen zur Freiheit, zur Freiwilligkeit, der mir jeden Tag das Lernen verdirbt, nicht noch zu stärken? Was tue ich gegen diesen Widerspruchskobold, der in mir hockt und immer ‘aber’ sagt oder ‘nein’ ruft? Neuerdings hängt ein Spruch von Goethe über meinem Schreibtisch:

"Beim Muss kann der Mensch allein zeigen, wie’s mit ihm steht. Willkürlich leben kann jeder."

Soso. Mal sehen, ob’s hilft. Und viel leichter wäre es ja auch, wenn ich mich jeweils auf eine Sache konzentrieren könnte, ohne mich um anderes zu sorgen, wenn ich mich mit Dramentheorie beschäftigen könnte, ohne mir zeitgleich Sorgen um das Examen in Geschichte zu machen. Und überhaupt ginge alles viel schneller und besser, wenn ich mir nicht so viele Sorgen machte, die ganz unnütz sind und mich kein Stück weiterbringen. Aber wie stellt man die ab?

Also jeden Tag ein Ringen mit mir, bis zur Lustlosigkeit, bis zur Erschöpfung, bis zur Weinerlichkeit, jeden Tag, bis der widerspenstige Gnom in mir losplärrt und mein Herz zur Wasserbombe macht. Jeden Tag ankämpfen gegen meinen Perfektionismus, gegen die Sorgen, gegen das ‘Müssen’ und gegen andere Ablenkungen sowieso. Und das noch bis Ende Juni. Ich darf gar nicht daran denken, wie lange das noch ist, Gottlob bin ich schlecht im Rechnen.

Was hilft, das sind die Narzissen, die auf meinem Schreibtisch stehen, ich hatte den intensiven Geruch von Narzissen ganz vergessen. Was hilft, das ist eine Umarmung und das Essen, das mir ein lieber und vielgeliebter Mensch liebevoll kocht und bäckt. Was hilft, sind die beiden VW-Käfer, die genau vor meiner Haustür stehen, einer golden, der andere narzissengelb, Stoßstange an Stoßstange, als würden sie sich aneinanderkuscheln und schmusen.

Kaefer_klein.jpg

Was hilft, ist immer wieder das Schreiben, das freiwillige, das mich trotzdem aufrecht gehen lässt. Was hilft, ist ein wenig jammern und getröstet werden. Was hilft, ist viel Schokolade, heißer Tee und ein heißes Bad. Was hilft, ist immer wieder Musik, zum Beispiel einer der allerbesten Songs, die ich kenne, Dilaudid  von The Mountain Goats. Das Lied heißt nicht zufällig ‘Dilaudid’ wie ein Schmerz- und Betäubungsmittel. Bitte das Video einfach nicht beachten, aber die Liveaufnahmen des Songs sind alle deutlich schlechter als das Original, also nur hinhören, aber laut aufdrehen:

Geschrieben in Alltag | 1 Kommentar
blogoscoop