Berauschende Worte

Es blieb immer alles künstlich. Ich habe mich an meinen eigenen Worten berauscht. Es war, wie wenn man singt und nicht mehr auf die Worte hört, nur noch auf die Melodie.

Aussage des Protagonisten in Peter Stamms “Agnes” zum Thema, weshalb er nicht mehr schreibe.

Genau. So. Oder so ähnlich.

Ach ja, es gibt auch andere Gründe, nicht zu schreiben. Arbeit zum Beispiel. Aus gegebenem Anlass (mein momentaner Zustand) ein Rückverweis hierhin.

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Lebensverschönernde Maßnahmen

Ich habe beschlossen, dass etwas anders werden muss. Es ist nicht der erste Januar, also kein klassisches Datum für gute Vorsätze, aber so lange kann ich wirklich nicht warten! “Alles neu macht der Mai” muss da als Motto reichen.

Ich habe hier geschrieben, dass 2009 das schlimmste Jahr meines Lebens war. Und nun möchte ich dafür sorgen, dass 2010 da deutlich, sehr deutlich besser wird. Nicht, dass es in Gefahr stünde 2009 zu toppen, da kommt so schnell nichts heran, nein, eigentlich war 2010 bisher schon ganz okay, meistens erträglich, manchmal mehr als das. Trotzdem kann es noch besser werden. Kann ja immer. Und trotzdem möchte ich noch, dass da viel mehr Abstand dazwischenliegt, bezüglich der Lebensqualität, zwischen 2009 und 2010. Trotz auslaufendem Referendariat, das heute noch genau 40 Tage bis zur allerletzten Prüfung dauern wird. Ab 1. August kommen die Sommerferien und Zeit für Pläne und Träume, aber so lange mag ich nicht mehr warten.

Also muss es jetzt sofort losgehen mit meinen “lebensverschönernden Maßnahmen”. Und das meint eigentlich nicht mehr als: genau hinschauen, bewusst wahrnehmen, Kleinigkeiten genießen, Lebenslust auskosten und festhalten. Jeden Tag ein bisschen. Das kann ein gutes Essen sein, eine nette Begegnung, ein Film, intensives Musikhören, ein Stück Schokolade, die Ringelstrumpfhose, die ich trage, eine Umarmung, das Lächeln eines fremden Menschens, Sonnenstrahlen, ein Klavierstück, ein lustiges Erlebnis in der Schule, ein gutes Glas Wein, ein Gespräch, ein Kuss, ein Gedicht, das mich findet. Oderoderoder. Ganz egal. Ein liebenswertes, lebenswertes Detail jedes einzelnen Tages. Und damit mir das nicht nur so vorbeiflutscht und dann wieder weg ist, damit ich es bewusster erlebe und weniger leicht vergesse, möchte ich diese lebensverschönernden Maßnahmen hier festhalten, jeden Tag mindestens eine.

Heute wird begonnen, denn dieser Tag ist der erste Tag des Rests meines Lebens, wie es so schön heißt. Mal sehen, was daraus wird, aus meinem guten Vorsatz. Aber so schwer kann das ja eigentlich nicht sein. Ein bisschen wie Tagebuchbloggen, aber eben nur in Auswahl. Und vielleicht macht es dem ein oder anderen ja Spaß, hier mitzulesen und regt ihn an, selbst die ein oder andere lebensverschöndernde Maßnahme zu ergreifen.

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Dinge

sich dabei zusehen
wie man dinge
genau falsch
macht

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Rückblick 2009 – diesmal als Stöckchen/Liste

Nachdem ich das bei den anderen immer so furchtbar gerne lese und spannend finde, habe ich die Liste dieses Jahr doch auch mal ausgefüllt.

1. Zugenommen oder abgenommen?

Erst zugenommen, dann seit dem Sommer wieder abgenommen, beides stressbedingt, schätze ich. Insgesamt wahrscheinlich alles beim Alten.

2. Haare länger oder kürzer?

Deutlich länger, nur mal Spitzen schneiden lassen…

3. Kurzsichtiger oder weitsichtiger?

Hoffentlich nicht noch kurzsichtiger.

4. Mehr Kohle oder weniger?

Hm, mehr, vorher habe ich gar nichts verdient, jetzt immerhin das Referendarsgehalt. (Ob man damit HartzIV-Niveau erreicht, ist allerdings nicht abschließend geklärt.)

5. Mehr ausgegeben oder weniger?

Wahrscheinlich mehr, wenn man an die ganzen Schulbücher und -Materialien denkt, die Schulbuchverlage haben wirklich verdient an mir! Und dann die Waschmaschine…

6. Mehr bewegt oder weniger?

Etwas mehr. Wieder im Sportstudio angemeldet und mit Yoga angefangen, auch wenn das durch relativ häufige Krankheiten nicht immer so umsetzbar war wie gewünscht…

7. Der hirnrissigste Plan?

Hm. Eigentlich hatte ich keine Zeit für hinrissige Pläne…

8. Die gefährlichste Unternehmung?

Jeden Tag wieder in die Schule gehen.

9. Der beste Sex?

Oh ja!

10. Die teuerste Anschaffung?

Die Waschmaschine, nachdem die alte ihren Geist aufgegeben hat. Nur der Herd, der jetzt auch kaputt ist, wird wohl noch teurer…

11. Das leckerste Essen?

Sicherlich das 5-Gänge-Klassikmenü bei Schuhbeck. Gefolgt vom Menu im Marais und den leckeren Tortellini in brodo in Bologna. Und von schwäbischen Linsen mit Spätzlen und den vielen Hühnersuppen, die wir dieses Jahr gekocht haben.

12. Das beeindruckendste Buch?

Hach, hätte ich doch letztes Jahr schon eine Liste geführt und wüsste, was ich alles gelesen habe… War aber ohnehin nicht so viel. Il tailleur grigio von Andrea Camilleri (noch nicht übersetzt) war jedenfalls sehr gut…

13. Der ergreifendste Film?

Hm. Das ist schwierig, wirklich schwierig. Auf DVD vielleicht Geh nicht fort, den musste ich gleich 2x sehen. Für Kino war wirklich wenig Zeit. Das weiße Band war interessant…

14. Die beste CD?

Vielleicht El radio von Chris Garneau. Und bei der italienischen Musik Safari von Jovanotti.

15. Das schönste Konzert?

Waren auch nicht so viele dieses Jahr. Also würde ich sagen Notwist im Volkstheater gewinnen kurz vor dem on3-Radio-Festival bzw. Bavarian Open im Funkhaus (wo überraschenderweise Pete Doherty auftauchte, was sicherlich aber nicht der Höhepunkt des Konzertes war).

16. Die meiste Zeit verbracht mit …?

…meinem Computer (Unterrichtsvorbereitung, Korrekturen mit Tabellen, Seminarberichte, Stoffverteilungspläne etc.)

17. Die schönste Zeit verbracht mit …?

Dem Lieblingsmenschen. Und Freunden. Und sehr netten Kollegen.

18. Vorherrschendes Gefühl 2009?

Alles ist schrecklich.

19. 2009 zum ersten Mal getan?

Yoga gemacht.

20. 2009 nach langer Zeit wieder getan?

Im Meer gebadet? Naja, sooo lange war’s auch wieder nicht her.

21. Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Wie, nur drei?
Lehrproben, Seminarberichte und Protokolle, viele Fachsitzungen, Korrekturen, nervige Klassen, Nachtschichten, Stress, Unterrichtsbesuche, Lärm, zu wenig Schlaf abwechselnd mit Schlaflosigkeit – oh, da fiele mir noch jede Menge ein.

22. Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?

Wird noch nicht verraten.

23. Das schönste Geschenk, das ich jemandem gemacht habe?

Hm.

24. Das schönste Geschenk, das mir jemand gemacht hat?

Das diesjährige Weihnachtsgeschenk vom Lieblingsmenschen war schon sehr fein… Und der Adventskalender inkl. der roten Stiefel ja sowieso.

25. Der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?

“Okay, lass’ uns drüber nachdenken.”

26. Der schönste Satz, den ich zu jemandem gesagt habe?

?

27. 2009 war mit einem Wort …?

Schrecklich. Mit kurzen Lichtblicken.

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Rückblick – Vorschau

2009 war wahrscheinlich das schlimmste Jahr, das ich jemals hatte, schlimmer als ich es mir hätte vorstellen können. Und das ist mit nur einem Wort recht gut erklärt: Referendariat. Ich weiß nicht, warum das so sein muss, ich verstehe es nicht, aber es ist wohl ein Prinzip, wen man auch fragt: anstrengend, stressig, unangenehm, frustrierend, nervend, schlafraubend, deprimierend, belastend und es bedeutet schrecklich viel Arbeit, fast keine Freizeit, dauernde Kontrolle, dauernde Beobachtung, ständige Bewertung jeder Kleinigkeit, ständige Anspannung, Burn-Out noch vor dem eigentlichen Beginn, die Hölle, durch die man gehen muss.

Im letzten Jahr zehn verschiedene Klassen an zwei Schulen unterrichtet und drei Lehrproben gehabt, alle gut bestanden, aber dennoch die schlimmsten Prüfungen, die ich je hatte. Viel zu viele Tränen geweint, weil ich nicht mehr konnte, aber eigentlich für nichts, völlig umsonst. Natürlich viel gelernt, aber das hätte auch unter anderen, besseren Bedingungen stattfinden können. Ans Aufgeben gedacht und diesen Plan wieder aufgegeben, zum Durchhalten entschlossen.

Ich habe hier kaum etwas geschrieben, weil es schwierig geworden ist. Einerseits aus zeitlichen Gründen, ich schaffe das einfach nicht so nebenbei. Wenn man oft von 6 (aufstehen und in die Schule gehen) bis 12 (Unterrichtsvorbereitung abschließen oder Seminarbericht fertigschreiben oder oder) arbeitet, dann stellt sich auch nicht die rechte Inspiration ein. Vor zwei Jahren saß ich Weihnachten noch im Zug und habe Gedichte geschrieben. Diese Weihnachten saß ich im Zug und habe korrigiert. Die Arbeit nimmt man immer mit, als Lehrer hat man nie “Feierabend” und deshalb ist es schwer, sich Zeit zum Schreiben zu nehmen. Andererseits ist es ebenso schwierig, hier über mein Leben zu berichten, unter meinem echten Namen, der im Netz auffindbar ist, von Kollegen, Schülern etc. Und dann möchten meine werten Leser bestimmt nicht jede Gefühlsschwankung mitmachen, die ich so durchmache…

Im letzten Jahr für meine Verhältnisse (eigentlich bin ich nicht sehr anfällig) sehr oft krank gewesen, nach der letzten Lehrprobe hat es mich gleich zerbröselt, jetzt schnupfe ich schon wieder vor mich hin, aber das ist sicher auch einfach zu erklären.

Trotz allem: ich habe jemanden gehabt, an dem ich mich festhalten konnte und der mich festgehalten hat. Der mich ausgehalten hat, obwohl ich oft unausstehlich war, der mich aufgebaut hat, wenn es sein musste (und es musste oft). Mit dem ich schöne Stunden, Tage, Ferien verbracht habe, einen tollen Sommerurlaub mit See und Meer und Sonne und Zelt und Hotel und Wein und Pasta und Pizza und wie es sein soll. Und es gab auch einige schöne Abende mit Freunden und gutes Essen (vor allem gehäuft gegen Jahresende), das muss man diesem Jahr lassen.

Trotzdem wünsche ich mir, dass das nächste Jahr “besser” wird. Bis Juli heißt es noch die Zähne zusammenbeißen und durchhalten, obwohl die letzte Wegstrecke auf dem Weg zum 2. Staatsexamen sicher nicht lustig wird: es stehen eine weitere Lehrprobe, viele Unterrichtsbesuche und viele mündliche Prüfungen an und das in enger Abfolge. Also Augen zu und durch oder so ähnlich. Und dann werde ich das mit dem Glücklich-Sein mal wieder in Angriff nehmen, mal sehen, ob ich das doch noch nicht verlernt habe… Und das mit dem Schreiben und Bloggen hoffentlich auch.

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Gedichte

gedichte sind
unfolgsame kinder
sie kommen nicht
wenn man sie ruft
man kann sie nicht zwingen
sie spielen verstecken
aber man darf sie
nicht suchen
nur finden

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laufen lernen

ich lerne laufen,
täglich mehr
sanfte schritte setzen
auf die entscheidung, die
gefallen ist und
tasten, ob sie trägt

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Vom Trauen

Sie fragt sich, wieso sie sich nicht einfach mal traut. Wieso sie es nicht wenigstens einmal versucht. Es geht gar nicht darum zu springen, von hoch droben, ohne Seil, Netz und doppelten Boden. Es geht nur darum, ein Leben zu führen, wie sie es sich vorstellt. Und sie fragt sich, warum sie dazu immer zu viel Angst hatte.

Zu viel Angst, einfach Germanistik oder Philosophie auf Magister zu studieren und dann womöglich mit einem unbrauchbaren Abschluss dazustehen. Zu viel Angst über ein spannendes Thema zu promovieren, weil es doch so schwer ist, eine Stelle an der Uni zu finden. Und danach wird alles noch schwieriger. Zu viel Angst, um das Referendariat nicht anzutreten und sich einfach so nach Jobs umzusehen. Zu viel Angst, sich zum Beispiel als Übersetzerin oder Lektorin zu versuchen, denn die Aussichten sind doch so schlecht. Und natürlich viel zu viel Angst, das zu tun, was sie am liebsten möchte: einfach zu schreiben und zu sehen, wohin das führt.

Sie müsste sich nicht solche Sorgen machen, die Voraussetzungen sind eigentlich gut: ein Dach über dem Kopf, ein wenig Geld auf dem Konto, jemand den sie liebt an der Seite und Eltern, die sie nicht verhungern lassen würden (nimmt sie an).

Und jetzt hat sie ein Problem: sie hat keine Zeit mehr, sich auch nur annähernd um die Dinge zu kümmern, die ihr wirklich Spaß machen (Lesen, Schreiben, Lieben), weil die Arbeit und der Druck sie auffressen. Und sie möchte eigentlich gerne mit Menschen zusammensein und zusammenarbeiten, die sie respektieren. Sie will sich nicht erst ein klein wenig Respekt erkämpfen müssen, Tag für Tag, immer von Neuem. Mit Mitteln, die sie dazu zwingen, sich andauernd zu verstellen, die sie nicht mehr sie selbst sein lassen. Und sie möchte nicht dauernd die Leistungen anderer Menschen bewerten, auch das liegt ihr nicht. Fünf Tage die Woche eine Rolle spielen, die einem nicht passt, ist verdammt anstrengend. Fünf Tage die Woche kämpfen, ist verdammt aufreibend. Sieben Tage die Woche trotzdem sehr viel arbeiten ist keine gute Voraussetzung, um glücklich zu sein.

Sie fragt sich, wie es weitergehen wird. Ob sie sich gewöhnen wird. Ob sie sich gewöhnen will. Ob sie so werden wird, wie man werden muss, um diesen Job zu machen. Ob sie so werden will. Und sie fragt sich, ob sie sich eines Tages Vorwürfe machen wird, dass sie es nicht wenigstens einmal versucht hat so zu leben, wie sie sich das eigentlich vorstellt. Ob sie sich später nicht fragen wird, ob es nicht doch hätte klappen können und ob sie sich nicht verfluchen wird, dass sie sich nicht – nicht ein einziges Mal – getraut hat.

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