Silvester-Geschichte

Eigentlich sind es ja die größten Idioten, die Silvesterböller schon Tage vor dem Jahreswechsel zünden und knallen lassen. Das sind die, die irgendwas nicht verstanden haben, die nicht warten können, die kein Benehmen haben und ihren Mitmenschen ohne weiteres auf den Geist gehen. Es sind die, die sich nicht um die Schönheit mancher Traditionen und nicht um Rücksichtnahme auf verschreckte Haustiere scheren. Irgendwelche Volltrottel oder meinetwegen Kinder.

Aber es gibt auch Ausnahmen. Als sie mir sagte, dass sie Silvester nicht mehr erleben würde, war so eine. Sie war ganz ruhig dabei, sie sah mir fest in die Augen, aber ich glaube, ihre Stimme zitterte doch ein wenig. Ich wusste nicht, wie ich reagieren, was ich ihr antworten sollte, aber sie erwartete auch weder Reaktion noch Antwort. Sie sah mir weiter in die Augen und sagte: “Schenkst Du mir ein Feuerwerk, ein letztes?” und ich brauchte nur zu nicken.

Es war nicht schwer, die Feuerwerkskörper zu besorgen, mir ein Arrangement zu überlegen, das große Feld am Waldrand zu finden und sie hinzufahren. Es war nicht schwer, alles aufzubauen und sie dann in die Mitte der Wiese zu führen. Es war nur schwer, die Feuerwerkskörper dann zu zünden, mit all den Tränen in den Augen. Es war schwer ihr zuzusehen, wie sie in den Himmel blickte mit den großen Augen eines begeisterten Kindes, mit dem geöffneten Mund eines glücklichen Mädchens, bis der letzte Funken am Himmel versprüht war. Und das schwerste war, sie zurückzufahren und zu wissen, dass es nun vorbei war, ihr letztes Feuerwerk, ihr allerletztes, schon viele Tage vor Silvester.

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Vom Südwind

Manchmal, wenn die Nacht tief und dunkel ist und der Wind aus Süden weht, von dorther, wo Du bist, Iolanda, dann trägt jener Südwind das Rattern eines Zugs in seinen engen Gleisen zu mir und sein Warnsignal von fern. Dann denke ich an Dich und daran, wie einfach es wäre, jenen Zug zu besteigen, der nach Süden fährt und zu Dir, wie einfach es wäre und wie leicht es mir fällt, es nicht zu tun. Ich vermisse Dich nicht, Iolanda, ich vermisste Dich nie. Ich vermisste nie den Geruch Deiner Haut, nicht Dein weiches Fleisch, nicht die Wärme Deines Körpers in der Nacht, wenn der Zug vorbeifuhr und uns weckte mit seinem Signal und Du Dich an mich schmiegtest, bis Dein Atem wieder ruhig ging. Ich vermisse nicht das Leben neben den Zuggleisen und nicht das Leben mit Dir. Es war so leicht Dich zu verlassen, Iolanda.

Nur wenn der Südwind das Geräusch des Zuges zu mir trägt, dann denke ich an Dich und das Bahnwärterhäuschen neben den Gleisen, in dem wir lebten. Ich denke an den Dreck, in dem wir hausten, das schmutzige Geschirr im Spülbecken und die verstreute Kleidung auf dem Holzfußboden, die leeren Flaschen überall, ich denke an die ehemals weißen Gardinen, die der Südwind aus den offenen Fenstern flattern ließ, als wolle er dem Häuschen Flügel wachsen lassen. Du erzähltest mir von der Liebe, Iolanda, und wie sie Dich betrogen und verletzt hatte, immer wieder erzähltest Du von der unglücklichen Liebe; Du trankst dabei, trankst an gegen den Kummer und gegen die Kälte des Nordwinds. „Nach Süden,“ sagtest Du, den Kopf rücklings über das Fensterbrett aus dem Fenster des Bahnwärterhäuschens hängend, wenn der Zug vorbeirauschte, „nach Süden müsste man, einfach in den Zug steigen und nach Süden.“

Und Dein Blick blieb hängen im Blau des Himmels und in den Wolken, während das Rattern des Zugs in den engen Gleisen unsere Ohren betäubte. Du fuhrst nicht, Iolanda, sondern wir liebten uns, betäubt vom Wein, auf dem Bretterboden des Häuschens, das zitterte vom Vorbeifahren der Züge. Es war so leicht Dich zu verlassen, den Zug nach Norden zu nehmen und zu gehen, fort von Dir, fort vom Häuschen an den Gleisen, fort von unserem Leben und fort von Deinem Blick in den Himmel, wenn Du betäubt vom Süden träumtest. Noch nie warst Du im Süden gewesen, aber immer hattest Du ihn vermisst, diesen Süden, der Deine Hoffnungen barg und voll Deiner Träume hing, eben deshalb, weil Du ihn nicht kanntest.

Der Wind blies aus Norden, als wir uns das erste Mal trafen und Du weintest, weintest am Grab Deines Vaters, wie ich am Grab meines Vaters hätte weinen sollen, aber ich konnte nicht, Du weißt warum. Du weintest und warst betrunken, Dein verwischter Blick und Dein Schwanken, ich musste Dich festhalten, Iolanda, beinahe wärst Du gestürzt, zu unseren Vätern ins Grab, die da nebeneinander in ihren ausgehobenen Gruben lagen. Die nebeneinander lagen, weil sie sich gegenseitig fast totgeschlagen hatten, im Suff und liegen geblieben waren, Seite an Seite, in der Kälte des Nordwinds und bewusstlos erfroren. Gemeinsam hatten sie sich betrunken, gemeinsam hatten sie nach Hause gehen wollen, gemeinsam lagen sie nun in den Gruben.

Ein scharfer Wind kam aus Norden und der Friedhof war schon ganz winterlich und kahl, aber Du wolltest bleiben und ich hielt Dich fest, ohne Tränen für meinen Vater, der von Deinem totgeschlagen worden war, der Deinen totgeschlagen hatte, nach ihrem letzten Besäufnis. Ich hielt Dich und dann nahmst Du mich mit zu Dir ins Bahnwärterhäuschen an den Gleisen, das Deinem Vater gehört hatte, und ich blieb. Du erzähltest mir von der Liebe, Iolanda, und dass Dein Vater Dich geliebt hätte. Ich sagte, dass auch er Dich nur ausgenutzt und missbraucht hätte wie die anderen Männer. Du weintest, Du nicktest, schütteltest den Kopf. Dein Vater hätte sich wenigstens für Dich interessiert, sagtest Du, hätte sich um Dich gekümmert, auf Dich aufgepasst, unter Schluchzen.

Ich kümmerte mich um Dich, ich passte auf Dich auf, wie Dein Vater, und ich drang ein in Dein weiches Fleisch und ließ mich nachts von Dir wärmen, ließ mir die Narben auf meinem Rücken küssen von Dir, trank mit Dir und hörte Dir zu, wenn Du vom Süden erzähltest und von der Liebe. Und Du warst so dankbar, Iolanda, dass ich mich schämte. Es war so leicht zu gehen, nach Norden, als ich genug von Dir hatte, Iolanda, von Deinem warmen Fleisch, Deinen Träumen und dem Bahnwärterhäuschen, in dem uns nachts das Rattern der Züge in ihren engen Gleisen weckte, es war so leicht.

Nur wenn der Südwind weht, in einer Nacht, die tief und dunkel ist, dann denke ich an Dich und wie Du auf dem Holzfußboden liegst und der Zug stößt sein Warnsignal aus und der Nordwind weht die Gardinen aus den Fenstern als wolle er das Bahnwärterhäuschen zum Fliegen bringen.

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‘Gelegenheit’ oder ‘Linguistischer Liebestod’

Das Wellenschlagen des Meeres und das Anrauschen der Wogen, das Murmeln des Wassers und Raunen der See neben euch, die glühenden Schrägstrahlen der schon beinahe untergegangenen Sonne vor euch, der kühler werdende Sand, sich den Körperformen anschmiegend, unter euch und ihr liegt, liegt dicht beieinander. Das ist die perfekte Gelegenheit. Du gibst ihr den Joint noch einmal, den sie gerollt hat, mit ihrer Zunge das Papier befeuchtend, das Du beneidetest um die Berührung, der letzte Zug soll für sie sein. Mit geschlossenen Lidern saugt sie den Rauch in sich, berauschend, sie hält den Atem an, verschließt ihn tief in sich, doch während sie den Stummel im Sand ausdrückt, steigt ihr Dampf aus der Nase, wie aus den Nüstern eines erhitzten Pferdes. Auch sie ist erhitzt, von der untergehenden Sonne und vom Rausch und sie fragt sich einen Moment, ob das Schwanken tatsächlich von den dunklen Krümeln im Tabak kommt oder einfach von diesem wiederholten, angestrengten Luftanhalten.

Unterversorgung mit Sauerstoff, jedenfalls aber fühlt sie sich schwebend und nicht ganz von dieser Welt, obwohl sie die ganze Zeit ruhig und stetig am abendlichen Strand liegt, neben Dir, dicht. Es keimt Lachlust in ihr auf, es schüttelt und durchwühlt sie schon, es keimt Liebeslust in ihr auf, es durchpulst sie schon unruhig, ihr Blut an manchen Stellen. Ich sage es Dir nochmal, das ist die perfekte Gelegenheit. Denn ihr liegt schon und ‚Gelegenheit’ kommt von ‚liegen’, etymologisch gesehen, und diese Gelegenheit kommt Dir gelegen, worauf wartest Du, dichter rückt sie nicht mehr heran.

Früher bedeutete Gelegenheit ‚Lage’ und ‚Lager’, heute jedoch ‚Möglichkeit’ und ‚Chance’ und Du hast jetzt die Chance Deine Lage zu ändern, um euer Liegen in ein Liebeslager zu verwandeln, warte nicht mehr, es gilt die Möglichkeit zu nutzen in eurer angenehmen Lage, jetzt. Du lerntest sie an der Universität kennen und Du betetest sie an, vom ersten Augenblick an, Du liebtest es, hinter ihr zu sitzen und ihr schönes, glattglänzendes, rötlich schimmerndes Haar fallen zu sehen, wenn sie den Kopf schräg legte beim Zuhören und sie tat es immer beim Zuhören und Du liebtest es immer. Du hast Dich in die Schräglage ihres Kopfes verliebt und hättest ihre Sommersprossen küssen mögen, wenn sie an Dir vorbei ging, so viele, jede einzelne von ihnen.

Daran denkst Du und – oh nein! – Du denkst an das Seminar, das sie mit Dir besuchte, und grübelst, was Du dort zur Wortbildung von ‚Gelegenheit’ gelernt hast, statt an die Bedeutung zu denken: ‚Gelegenheit’ ist das günstige Zusammentreffen von Umständen und günstiger werden sie nicht mehr. Du weißt, wozu Du jetzt Gelegenheit hättest, Du bräuchtest Dich nur zu ihr beugen. Was Du finden würdest: es wäre Salzgeschmack auf den verkrusteten Lippen, es wäre süßer Speichel und ein williger Mund und vielleicht würde sie Dich nicht sogleich fortschicken, aus dem Rausch erwacht, sondern Dir Gelegenheit geben, Dich zu bewähren an ihrer Seite. Kupplerinnen nannte man auch ‚Gelegenheitsmacherinnen’. Gelegenheitsmacherinnen für euch sind jetzt das Meer, das Abendrot, das Wellenraunen, der Sommerduft und der Rausch, der eure Glieder schwer und euer Blut hitzig macht. Der Joint, der ihr Blut Wellen schlagen lässt in den Adern, der ihren Schoß aufwühlt, sie schweben macht und Du solltest jetzt, die Gelegenheit am Schopfe packend, Dich hinüberlehnen, zum Kuss Dich beugen, zum ersten. Es ist der geeignete Augenblick.

Statt dessen fällt Dir endlich ein, dass ‚Gelegenheit’ die Suffigierung eines Partizips ist, und ich sage Dir, der letzte Zug war zu viel für Dich, Du starrst in den sich verdunkelnden Himmel über Dir statt an das Versüßende neben Dir zu denken, Du musst Deine Müdigkeit abschütteln, sofort. Doch Du bleibst benommen, alles ist neblig in Deinem Hirn und Du verstrickst Dich in Deine Gedanken und sinnst nach über Redewendungen – oh nein! – ‚Gelegenheit macht Diebe’, fällt Dir ein, doch Du solltest an die Erwiderung denken: ‚Geld macht Diebe, Gelegenheit macht Lust und Liebe’ und Du solltest an den Diebstahl von Küssen denken jetzt, auf jede ihrer Sommersprossen unter der meeressalzigen Kruste.

Denn sonst bin ich es, der Dein Klagen hören muss, wie ich es war, der Deinen Klagen lauschen musste, dass Du sie nicht anzusprechen wagtest, dass sie, die Göttergleiche, die Göttliche, Dir den Lebensmut raube, das Herz bräche, den Verstand stehle. Und letzteres glaube ich gern, wenn Du wegen Deines Nebelhirns diese perfekte Gelegenheit verstreichen lässt statt zu tun, worauf Du schon so lange sehnlichst wartest.

Die Sonne ist jetzt ins Meer getaucht, endgültig, sie sieht nach den Fischen, der Sand ist ausgekühlt unter euch, Du kannst Dich nicht winden aus den Gedanken Deiner Gehirnwindungen und merkst nicht, wie ihr Blut abkühlt und sich das Wellenschlagen in ihrem Schoß beruhigt. Sie steht auf, nurmehr ein wenig schwankend und sagt: “Ich geh’ jetzt mal wieder zu den anderen!” und sie zögert nicht.

Ich höre Dein Herz brechen, Du schreckst auf und bemerkst, dass Du sie verpasst hast, die perfekte Gelegenheit, die nie mehr wiederkehrende, die unwiederbringliche, die einmalige. Und darauf wäre selbst Dein Linguistik-Professor nicht stolz.

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Das Grau der Tage

Ein Augenblick kommt, bleibt kurz, geht und es geschieht:

nichts. Ein nächster Augenblick kommt, ich atme aus, schließe die Augen und es geschieht:
kaum etwas. Das Grau vor meinen Augen wird nur um ein weniges dunkler und die Umrisse, die ich mit geöffneten Augen an den Rändern meines Blickfeldes noch erkennen kann, verschwinden. Ich atme die stickige Altenheimsluft meines Zimmers ein, hebe einen Augenblick später meine Lider erneut und meine Augen blicken ins Grau meiner Tage. Ich bin beinahe blind, beinahe.

Dass ich nicht ganz blind bin, macht es kaum besser. Ich kann mich nur auf die Jagd machen nach Schemen, die ich dort zu erahnen vermag, wo ich nicht hinsehe, ganz außen, die aber verschwimmen, verschwinden, wenn ich sie in den Blick zu nehmen, zu fixieren suche. Das Perfide an dieser Krankheit ist, dass sie mir genau das entzieht, was mein Interesse findet, was ich anblicken will. Dort, im Zentrum meines Blicks, wird es unscharf und grau, immer nur grau.

Es begann beim Lesen, meiner liebsten Beschäftigung, es begannen Buchstaben zu fehlen genau an den Stellen, wo ich las, wo ich verstehen wollte. Anfangs konnte ich noch raten, doch es fehlten immer mehr Buchstaben, von Tag zu Tag. Das Schwarz-Weiß der Lettern auf dem Papier wurde verschlungen vom alles verdeckenden, einheitlichen Grau. Und die Ärzte konnten nichts tun. Empfahlen mir Lupen und Lichter und schickten mich schließlich nach Hause, überließen mich hilflos meiner Erkrankung. Ich versuchte weiterhin zu lesen, doch täglich wurde es weniger, was ich erkennen konnte und täglich hätte ich Tränen weinen mögen um jeden Satz, der sich nicht mehr begreifen ließ, Tränen weinen um jedes Buch, das ich nicht mehr lesen konnte.

Schlimmer noch als die Buchstaben war aber das Verschwinden der Gesichter. Das der Pflegerinnen und das der Bekannten, die mich für unfreundlich hielten, weil ich sie nicht begrüßte, wenn sie mir auf der Straße begegneten. Aber die Menschen, die ich anschauen wollte, in deren Gesichtszügen ich zu lesen begehrte, bekamen durchs Zuwenden meines Blicks statt des Gesichts graue Kreise auf die Schultern. Wenn mich heute jemand besuchen kommt, dann muss ich fragen, wer es ist, bevor ich mich freuen kann. Wenn heute eine der Pflegerinnen eintritt, bitte ich sie zuerst, mir ihren Namen zu nennen, denn ich kann sie nicht mehr voneinander unterscheiden.

Eines Morgens trat ich vor den Spiegel und erkannte mich nicht, ich näherte mich weiter, doch da war nichts, kein Gesicht mehr, nichts als verschwommenes Grau, das alles überdeckt. Ich kann mich nicht mehr anblicken, ich weiß nicht mehr, wie ich selbst aussehe. Ich kann nicht alte Fotos anschauen, um zu erahnen, wie mein Gesicht heute sein könnte. Ich fahre mir über die knittrigen Wangen, die faltige Stirn, reibe mir die Augen und versuche mir eine Vorstellung zu machen, aber es gelingt mir nicht.

Der Fernseher wurde zum schwarzen Kasten ohne Farben und ohne Bild und ich stelle ihn lauter, um zu bemerken, dass er läuft, bis ich es nach einiger Zeit nicht mehr ertragen kann und ihn abstellen muss. Ich sehe vor mich hin, ins Graue, die Augenblicke kommen und gehen, ohne dass etwas geschähe. Ich bin eingesperrt in mir, bin eingesperrt ins Grau meiner Tage und kann nur sitzen und warten. Meistens warte ich darauf einzuschlafen, nur minutenweise einzunicken, jeder Augenblick, in dem ich schlafe und nicht dieses Grau sehen muss, ist ein gewonnener.

Manchmal drücke ich die Tasten meines Telefons, die eingespeicherten Nummern werden gewählt und oft erreiche ich dennoch niemanden. Manchmal spreche ich auf die Anrufbeantworter am anderen Ende, um meine eigene Stimme zu hören. Manchmal ist jemand zu Hause, aber es ist nie derjenige, den ich zu sprechen hoffte, die Ziffern auf den Telefontasten kann ich nicht mehr lesen. Dann sage ich meiner Enkelin, dass ich sie gern habe, aber ich glaube nicht, dass sie mich zurückrufen wird.

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Herr Ernst

Darf ich vorstellen: die neue und wieder wunderschöne April-Ausgabe von mindestenshaltbar ist da, diesmal ohne Thema aber dafür mit Musik! Und in diesem ‘Heft’ ist nach einer Pause auch wieder eine Geschichte von mir: Herr Ernst. Ich bin ganz zufrieden damit, sie ist richtig ‘handlungsreich’ für meine Verhältnisse, also: rübergehen, Lesebefehl! Kommentare bitte gerne hier oder dort.

Noch ein Wort zur Musik zu meiner Geschichte: die ist vom großartigen Kevin Hamann alias Clickclickdecker alias My first trumpet. Der Mensch hat so viele verschiedene Musikprojekte, dass es zwar sehr erfreulich aber langsam auch ein bisschen unübersichtlich wird. Es gibt ihn erstens als Clickclickdecker (mit Homepage und Blog), das ist sehr sympathisch-melancholischer Gitarren-Indie-Rock mit deutschen Texten, die oft in einem absurd hohen Tempo vorgetragen werden, sehr hübsch! Als Click hat der Herr mich auch schon zwei Mal auf Konzerten in München sehr erfreut.

Außerdem gibt es dann aber eben My first trumpet, Clicks ‘Elektropop-Projekt’, in das man bei mySpace reinhören und dessen Platte Frerk man sich hier komplett umsonst herunterladen kann (macht das unbedingt, es lohnt sich!). Aus dieser Platte stammt das Stück mit dem wunderbaren Titel ‘Autonarkose’, das ich mir zu meiner Geschichte ausgesucht habe.

Letztlich ist Click zur Zeit aber am aktivsten mit seinem Projekt Bratze (auch hier mySpace, Homepage, Blog), das es sich sicher auch zu beobachten lohnt. Also, hört euch das an oder lest zu Click nochmal nach: in der Wissenswerkstatt gibt es einen Artikel zu “My first trumpet bezaubert mit Frerk” und auch einen zu Click als “Überzeugungstätergitarrenrocker“.


Nachtrag: Nachdem mindestenshaltbar inzwischen eingestellt wurde, hier der Text nochmal komplett:

Herr Ernst

Vielleicht hätte man es an dem Christbaum merken müssen, der im März immer noch geschmückt auf dem kleinen Balkon stand. Vielleicht hätte man es einfach daran merken müssen, dass man dem alten Herrn Ernst gar nicht mehr im Treppenhaus begegnete. Aber nach dem Tod seiner Frau im Herbst war er ohnehin immer seltener aus der Wohnung gekommen und sein immer mürrisches Wesen machte es einem leicht, ihn nicht zu vermissen. Erst hinterher fragte man sich, ob man nicht etwas hätte bemerken müssen, fragte sich, warum man denn nicht an ihn gedacht und sich gesorgt hatte.

Seine Frau war ganz anders gewesen, das genaue Gegenteil, sehr lebhaft, lebensfroh und kontaktfreudig, jeden sprach sie im Treppenhaus an, sie lauerte den Bewohnern regelrecht auf, um sie in ein Schwätzchen zu verstricken und oft hörte man sie laut und mit schöner Alt-Stimme singen, tagsüber, wenn ihr Mann nicht zu Hause war. Während er in der Arbeit war, sang sie die alten Schlager aus ihrer Jugend und manchmal musste man sich dann ein Lachen verkneifen, wenn die alte Dame mit tiefer Stimme “Kann denn Liebe Sünde sein?” oder “Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?” trällerte. Ihr Mann hatte das gar nicht gern. Auch das Klavierspiel hatte er ihr verboten und ihr Klavier kurz nach der Hochzeit verkauft, denn das Musikmachen war ihm verdächtig und gehörte sich nicht für eine anständige Ehefrau, das war seine Meinung. Deshalb blieb es still, sobald er nach Hause gekommen war, sehr still, kein Gesang, kein Radio, kein Lachen mehr von Frau Ernst.

Sie vermisste ihr Klavier, sie sprach oft davon, wie sie als junges Mädchen Klavierstunden bekommen hatte und trotz ihrer kleinen Hände sofort Schlager spielen wollte, ohne lästige Anfänger- und Fingerübungen und wie ihr das auch gelungen war. Ihr Klavier hatte ihr Mann ihr genommen, aber ihre Stimme konnte er ihr doch nicht nehmen. Und so sang sie fröhlich und trotzig, auch ohne Klavierbegleitung, sobald er nur das Haus verließ. Jeden der Hausbewohner packte sie mindestens einmal nach einem Gespräch bei der Hand und führte ihn mit leuchtenden Augen in ihre Wohnung, wo sie stolz wie ein Kind ihren größten Schatz herzeigte: ein original Autogramm von Zarah Leander, ihrem großen Idol, extra für sie.

Man musste sie einfach mögen, die Frau Ernst, auch wenn sie einem manchmal gehörig auf die Nerven gehen konnte, wenn man es eilig hatte, sie einen aber doch im Gespräch festhielt. Ihr Tod kam plötzlich, kurz nachdem ihr Mann in Rente gegangen war, so plötzlich wie sie es sich immer gewünscht hatte. Auch ihre Mutter war damals mitten am Tag, im fahrenden Linienbus ganz unvorbereitet zwischen all den Leuten vom Schlag getroffen worden und sofort tot, wie sie erzählte, so wolle sie auch sterben, so ohne jede Vorwarnung, ohne Krankheit, ohne Schmerzen. Denn sie, sie sei niemals im Leben krank gewesen, nie, nicht einmal eine Erkältung habe sie jemals gehabt und sie könne es sich auch gar nicht vorstellen, auch nicht im Alter, das passe einfach nicht zu ihrer Rossnatur. Dann lieber kerngesund und plötzlich umfallen. Dieser Wunsch war ihr dann tatsächlich erfüllt worden, aber viel früher, als sie gedacht hatte.

Denn eigentlich freute sie sich sehr auf die Rente ihres Mannes, sie erzählte immer wieder begeistert von den Plänen, die sie für diese Zeit hatte, sie hätten ja endlich noch reisen, noch so viel erleben können! Ein Leben lang hatte Herr Ernst gearbeitet, von früh bis spät, auch für sie, sagte er, für sie, die keine Ausbildung hatte, weil schon ihre Mutter das nach dem Besuch der Hauswirtschaftsschule für ein gutbürgerliches Mädchen für überflüssig gehalten hatte, obwohl sie gerne etwas hätte lernen wollen, für sie hatte Herr Ernst gearbeitet, für die es sich seiner Meinung nach auch überhaupt nicht ziemte zu arbeiten. Anständige Frauen blieben zu Hause, machten den Haushalt, umsorgten den Ehemann und brachten abends pünktlich das Essen auf den Tisch, anständige Männer sorgten dafür für den Lebensunterhalt, so einfach war das.

Und dann war es endlich so weit, mit der Rente. Vielleicht ertrug sie es einfach nicht, diesen mürrischen Menschen und sein strenges Regiment plötzlich den ganzen Tag zu Hause um sich zu haben, ertrug es nicht, dass er ihr jetzt dauernd sagte, was zu tun war und sie bei jeder Regelübertretung ermahnte, dass er jedes Schwätzchen mit den Nachbarn, die für ihn Unbekannte waren, für überflüssig hielt und es missbilligte, vielleicht ertrug sie es einfach nicht, dass sie jetzt auch tagsüber nicht mehr singen durfte. Vielleicht entzog ihr seine reine Anwesenheit die Lebenslust. Jedenfalls lag sie eines Morgens einfach tot neben ihm im Bett, nur wenige Wochen, nachdem er seine Rente angetreten hatte, und an diesem Tag sah man den Herrn Ernst zum ersten und letzten Mal emotional aufgewühlt und erregt. Er lief durchs Treppenhaus und klingelte alle Nachbarn aus dem Schlaf, weil er nicht wusste, was er tun solle mit seiner toten Frau, weil er überhaupt nicht wusste, was er tun sollte.

Nach der Beerdigung von Frau Ernst, an der sämtliche Hausbewohner teilnahmen, zog Herr Ernst sich zurück und verließ die Wohnung nur noch schwarz gekleidet zu seinen seltenen Einkäufen, sprach mit niemandem, nur den lautgestellten Fernseher hörte man ab und zu durch die Wände. Nie bekam er Besuch, er hatte keine Freunde, seine Frau war wohl die einzige gewesen, die seinen strengen Charakter aushalten konnte.

Dann war es Frühling geworden, die Jahreszeit, in der Frau Ernst sonst Frühlingslieder gesungen und fröhlich den sorgfältig verteilten Weihnachtsschmuck gegen eine verfrühte Osterdekoration ausgetauscht hatte, die Jahreszeit, in der sie jedem, dessen sie im Treppenhaus habhaft werden konnte, froh erzählte, dass es in einem Frühling gewesen sei, in einem Frühling im Krieg, in dem sie ihren Mann kennengelernt habe, ein Frühling, in dem die Bomben noch die aufgerissenen Felder zu einem glühenden Blühen gebracht hatten. Freudestrahlend berichtete sie dann von ihrem “Ernstl”, wie “schmuck” er damals in Uniform ausgesehen habe – wofür sie auch gerne Fotos als Beweis vorlegte – und wie glücklich sie damals mit ihm gewesen sei.

“Jaja,”, sagte sie dann, “eine Frau wird erst schön durch die Liebe.” Wenn man “Ernstl” aber kannte, dann musste man den Schluss ziehen, dass dies niemals an ihm hatte liegen können, sondern vielmehr Frau Ernst über die Fähigkeit verfügte, mit beinahe jedem Menschen, in beinahe jeder Situation glücklich zu sein. Ihre Augen verschatteten sich nur, wenn sie erzählte, dass sie keine Kinder hatten bekommen können, obwohl sie sich Kinder so sehr gewünscht habe, aber sie fand sicher sehr bald einen Grund, das Thema zu wechseln und fröhlich von etwas anderem zu sprechen. Vielleicht war sie dann lächelnd damit fortgefahren, dass nur der Nachname ihres Mannes nun wirklich nicht zu ihr passe.

In diesem Frühjahr, nach ihrem Tod, blieb der Christbaum, den Herr Ernst trotz allem im Dezember hinausgestellt hatte, bis in den März auf dem kleinen Balkon stehen, aber niemand wunderte sich, niemand dachte überhaupt noch an Herrn Ernst. Vielleicht hätte man einmal bei ihm klingeln, ihm Hilfe anbieten sollen, aber andererseits war man sich sicher zurückgewiesen zu werden und es schien doch alles in Ordnung. Auch roch man nichts, der Winter war kalt und Herrn Ernsts Sparsamkeit führte dazu, dass er die Heizung meist ausgeschaltet ließ. Erst als der große Briefkasten vor Werbung und Kontoauszügen überquoll, rief irgendwer aus dem Haus die Polizei, nachdem Herr Ernst auch nach mehrmaligem Klingeln nicht geöffnet hatte. Er musste schon im Dezember gestorben sein, Verwesung und teilweise Mumifikation waren schon fortgeschritten, als man ihn auf der Couch sitzend fand, auf seinem Schoß das alte Notenheft mit dem Autogramm von Zarah Leander.

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Requiem

Nimm sie zurück, Du kannst sie wiederhaben, Dir gehört sie, ich will sie nicht mehr, sie kann Dich nicht vergessen. Wenn sie zu mir aufschaut, dann sehe ich ihren Blick suchen, nach Ähnlichkeiten mit Dir. Wenn sie mit mir spricht, dann spüre ich, dass ihr Ohr nach Deiner Stimme und Deinen Worten verlangt. Wenn ich sie küsse, dann weiß ich, dass sie an Deine Lippen denkt, wenn ich sie berühre, weiß ich, dass sie Deine schlanken Pianistenhände ersehnt, wenn ich mit ihr schlafe, dann fühle ich ihr Begehren nach Dir, wenn ich sie stöhnen höre, scheint sie mir nur Deinen Namen zu hauchen.

Ich versuchte das Requiem eurer Liebe zu sein, requiem aeternam dona eis, aber es will nicht erklingen. Alles Fleisch ist wie Gras, nur nicht Dein Fleisch, an das sie unablässig denkt, wenn sie meines berührt. Es will nicht verdorren, so sehr ich mich auch bemühe, sie kann Dich noch immer nicht vergessen.

Ich wollte sie trösten, vorhin, ich wollte ihr Tee bringen, dampfend und besänftigend, aber sie hat mich nicht erhört, sie hatte kein Erbarmen mit mir, sie hat ihre Tür nur noch fester vor mir verschlossen und sich ans Klavier gesetzt. Sie spielt Deine Stücke, immer wieder die Stücke, die Du für sie komponiert hast und ihr vorspieltest. Sie spielt lang, Du hast ihr viele Kompositionen geschenkt und wenn sie fertig ist, beginnt sie von vorn. Es ist ein Tag der Tränen heute, sie weint, man hört es am Klang der Tasten unter ihren zittrigen Fingern.

Vielleicht denkt sie noch nicht einmal an Dich, nicht an die Trennung von Dir, sie ist vielmehr ganz in Deinen Stücken, ganz versunken in Dich. Ich hasse Deine Stücke und wie sie sie spielt, ich sitze wartend in der Küche, unterm ewigen Licht der Leuchtstoffröhre und fühle mich elend wie im Maul eines Löwen, aber ich wage es nicht, ihre Tür zu öffnen, ich wage es nicht sie anzusprechen. Bisher habe ich immer nur abgewartet bis es vorbei war.

Bis sie selbst die Türe öffnete, sie selbst herauskam zu mir, mit abgewendetem Blick. Ich empfing sie wie ein vom Himmel gefallenes Geschenk, wie ein verwirrtes Kind, wie eine Neugeborene und wenn sie mit mir ins Bett gehen wollte, tat ich so als wüsste ich nicht, dass ich nur das Feuer löschte, das Du, das Deine Musik in ihr entfachte. Ich glaube nicht, dass sie auch nur ein einziges Mal wirklich bei mir, mit mir war. Ich glaube nicht mehr, dass es besser werden wird, wie ich es lange geglaubt habe, ich glaube nicht mehr, dass sie mich lieben lernen wird, wie sie Dich liebte. Ich glaube nicht mehr an ein seliges Ende für uns. Sie kann Dich nicht vergessen.

Sie kann das Requiem nicht vergessen, das Du ihr versprochen hast. Das Requiem, das sie sich von Dir zum Geburtstag wünschte, das Du ihr komponiertest und ihr dann doch nicht gabst, weil es inzwischen vorbei war zwischen euch. Manchmal sitzt sie nur still vor dem Klavier, mit leerem Blick, die Hände im Schoß und denkt an die Schublade, in der ihr Requiem vielleicht liegt oder sie denkt an die Flammen, die ihr Requiem vielleicht verbrannt haben. Und sie denkt sich aus, wie es klingen könnte. Sie weiß nur, dass es mit einem Trompetensolo beginnen sollte, wir wissen warum, denn das war schon das Zeichen für euer Ende, ein Widerhaken in ihrem Fleisch, ein Widerhaken in Deinem.

Ich war dabei, als es passierte, es war nach einer Feier des Trompeters, zu der auch Du kommen wolltest. Du schienst vielbeschäftigt zu dieser Zeit, manchmal wolltest Du sie nicht sehen oder konntest es nicht, niemand von uns wusste genaueres. Du hattest versprochen zu kommen und ich weiß, dass sie sich schon freute, Dich dort zu sehen, aber dann kamst Du nicht. Dafür blieben wir um so länger, ich schlief auf dem Boden und sie im Hochbett des Trompeters. Sie war enttäuscht und betrunken, ich glaube nicht, dass sie nachdachte, sie wollte nur nach oben, ins Hochbett, und es war ihr egal, dass er ebenfalls hinaufstieg. Und ich schlief ein, zwei Meter unter ihnen.

Du kannst mir keinen Vorwurf machen, ich hätte es nicht verhindern können, auch wenn ich Dein Freund war, so wie der Trompeter Dein Freund war. Das einzig Rätselhafte war, dass sie es Dir nicht einfach gestand, dass sie den Trompeter im Rausch geküsst hatte und zu Dir zurückkehrte, Du hättest ihr doch verziehen. Später erklärte sie mir, dass sie dem Anschein der Inkonsequenz aus dem Weg hatte gehen, sich ihre Wankelmütigkeit nicht hatte eingestehen wollen, zu dem Versprechen zu stehen versuchte, das sie dem Trompeter mit ihren Küssen gegeben zu haben glaubte. Sie wollte ihm nicht weh tun, sie mochte ihn. Aber sie liebte Dich.

Und deshalb kam sie dann doch zurück zu Dir: eine Trompete könne immer nur eine Melodie spielen, hat sie mir später gesagt, während die Orgel doch meist drei- oder vierstimmig sei und wenn nötig könnten sogar allein die Füße vierstimmig spielen. Sie sagte es, als sei das eine Erklärung für ihr Verhalten. Du hast sie noch einmal zurückgenommen, nach Wochen, aber der Bruch zwischen euch wollte nicht mehr heilen und die Ankündigung des Trompetensolos am Beginn ihres Requiems war nur eine der Gemeinheiten, nur eine der vielen kleinen Quälereien, die Du ihr zufügtest.

Sie sagt, sie habe das Gefühl, Dich getötet zu haben in dem Moment, in dem sie Dich dann endgültig verlassen habe. Weil Du daraufhin völlig aus ihrem Leben verschwunden seist, plötzlich, nichts mehr mit ihr zu tun haben wolltest, nichts, ihr das Requiem verweigertest. Du gabst ihr nur ein kurzes Stück zum Abschied, das sie nicht spielen wollte, denn es war überschrieben mit: Kaltes Lebewohl.

Ich blieb der Freund an ihrer Seite und begann von diesem Moment an zu warten, bis ich etwas anderes für sie würde sein können, bis sie mich erhörte, sich meiner erbarmte. Ich hörte mir geduldig wie ein Lamm an, was Du ihr immer noch und immer noch bedeutetest, wie sie ihre Loblieder sang und tausend Mal Hosanna. Und dass sie nicht vergessen konnte, wie sie zum ersten Mal bei Dir war und danach die Decke noch mit schamrotem Gesicht bis über ihre nackten Brüste zog und wie Du ihr Erdbeereis brachtest, dann. Sie kauft oft Erdbeereis und ich erfuhr mehr, als ich wissen wollte, ich weiß mehr, als ich wissen sollte. Ich habe keine kleine, nein, eine große Zeit lang Mühe gehabt, mit ihr und ich finde keinen Trost. Mein Leben hatte ein Ziel, ihre Liebe, aber ich kann sie nicht erlangen. Jetzt weiß ich: sie kann nicht hinwegkommen über Deine Erdbeerküsse.

Stundenlang hört sie manchmal das Mozart- oder Brahms-Requiem, als könne sie daraus erahnen, wie Deines klingen könnte. Stundenlang hört sie die Orgelstücke aus Schlafes Bruder, denn Du hattest ihr versprochen, die Stücke zu üben, um sie ihr vorzuspielen. Immer wieder hört sie die rasende Toccata Tu es petra von Henri Mulet und denkt dabei an den Moment, in dem ein Schmetterling durchs herbstliche Kirchenschiff segelte, wie getragen vom Atem der Orgel, während Du dieses Stück spieltest. Wenn sie eine Orgel hört, dann denkt sie immer nur an Dich und manchmal weint sie einen Tag der Tränen lang um Dich, immer noch.

Sie öffnet die Tür nicht, ich sitze wartend in der Küche, unter dem ewigen Licht der Leuchtstoffröhre und sie spielt immer wieder dieses Stück, das von Dir sein muss, es ist Dein Stil, aber ich kenne es noch nicht. Es kann nur das Kalte Lebewohl sein, aber es klingt nicht so. Es klingt sanft, zärtlich, liebevoll und warm, sie hört nicht auf, es immer wieder zu spielen. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Ich ertrage dieses Stück nicht, das sie zum ersten Mal spielt, in das sie versinkt, in dem sie aufgeht wie in ihrer Liebe zu Dir, ich wünschte sie hätte es nie gespielt, wie sie es zwei Jahre lang niemals spielte, in einer Schublade verbarg, den Titel scheuend.

Was soll ich tun? In manchen Momenten des Zorns dachte ich, sie zu verlassen wäre zu wenig, würde meine Demütigung nicht wieder gut machen, ich wollte warten auf einen Tag der Rache, wollte kein Lamm sein, mich nicht zur Opferbank führen lassen. Doch ich liebe sie immer noch. Wer rettet mich vor dem Rachen des Löwen? Wer erbarmt sich meiner? Ich trage Leid, ich trage Traurigkeit, aber wes soll ich mich trösten? Ich werde gehen müssen.

Nimm sie zurück, sie wird immer Dir gehören, ob Du willst oder nicht. Nimm sie zurück und gib ihr ihr Requiem, spiel ihr Schlafes Bruder vor, lass die Orgel atmen, lass die Kirchenbänke vibrieren von ihrem gewaltigen Klang und lass Schmetterlinge fliegen für sie. Gib ihr Erdbeerküsse und nimm sie zurück, sie gehört Dir, sie wird Dich nie vergessen. Ich will sie nicht mehr, ich gebe auf, ich werde gehen, requiem aeternam dona nobis.

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Altern

„Der ist doch viel zu jung für Dich!“, sagten sie und ich verstand es nicht, verstand nicht das ‚zu‘ im Satz und nicht die Empörung in ihren Stimmen. Laut in den Stimmen meiner Freundinnen, leiser in denen meiner Kollegen und überdeutlich in der Stimme meiner Mutter. Ja, er ist jung, Mitte zwanzig. Aber wieso ‚zu jung‘ oder gar ‚viel zu jung‘, wer bestimmt darüber, wer setzt dieses Maß? Und was zum Teufel hat das mit mir zu tun, selbst wenn ich um so viele Jahre älter bin? Er ist jung und das ist er ohne mich und mit mir, nichts außer den verstreichenden Jahren kann daran etwas ändern, ich mache ihn weder jünger noch älter, nichts ändert sein Zusammensein mit mir an seiner Jugend. Warum also immer wieder dieser Vorwurf an mich?

Er gefiel mir und mir schmeichelte, dass er sich für mich interessierte, mir schmeichelte, dass er mich umwarb und küsste und begehrte, der mein Sohn hätte sein können. Wie man so schön sagt. Wie ich oft sagen hörte. Ich zweifelte, aber sein immer steif werdendes Geschlecht, sobald er seinen Körper an meinen presste, war ein Argument für sich. Eines der schönsten Komplimente für eine alternde Frau, eine Frau, die mehr fürchtet zu altern, als sie tatsächlich altert, ein Kompliment, das mich verjüngte und nach dem ich süchtig wurde, das ich immer wieder haben wollte.

Und er? Ich habe ihn nie gefragt, was er an mir als älterer Frau schätzte und ich habe immer geflissentlich vermieden, seiner Mutter zu begegnen. Er wollte lernen. Mehr war es anfangs nicht, erst dann verliebten wir uns.

Was es dann wurde? Eine ganz normale Beziehung, ohne ‚alt‘ und ohne ‚jung‘ und vor allem ohne ‚zu‘, zumindest wenn wir unter uns blieben. Eine schöne Beziehung, eine frische, junge, immer wieder überraschende Beziehung, etwas Aufregendes, eine liebevolle, zärtliche Beziehung. Erst dann begann, was wohl in jeder Liebesgeschichte irgendwann beginnt, weil eine jede altert mit der Zeit.

Ich schien mich abzunutzen wie eine Gegenstand, den man täglich berührt, Gewöhnung setzte ein. Mein Körper schien sich abzunutzen von Tag zu Tag und die Nacktheit meines Körpers erregte nicht mehr. Mein nackter Körper ruhte immer öfter neben seinem, ohne dass er reagierte, immer öfter umarmte er mich, ohne dass sein Geschlecht aufstand und gegen meine Pobacken drückte.

Ich hatte geglaubt, er würde mein Altern nicht mehr bemerken, denn er hatte mich ja schon älter kennengelernt, nicht mehr frisch und glatt und prall wie ein junges Mädchen. Ich dachte, er würde sich nicht an meiner Orangenhaut und meiner erschlaffenden Bauchdecke stören, wenn sie von Anfang an zu mir gehörten. Aber ich altere weiter, unaufhaltsam, das Erschlaffen schreitet fort und ich glaube, er bemerkt es doch. Er sagt nichts, aber ich spüre seine Blicke auf meiner weichen Haut, schräg und stumm und brennend in jeder meiner Falten. Oder bilde ich sie mir nur ein? Ist es nur, dass ich an nichts anderes mehr denken kann und deshalb Blicke spüre, die es nicht gibt?

Vielleicht ist es doch nur das Altern unserer Beziehung und nicht meines, das zu dieser Abnutzung und Gleichgültigkeit führt. Mein Körper ist abgegriffen von seinen Berührungen, er ist abgeküsst von seinen Lippen und die Wiederholungen werden seltener, er versagt mir seine Komplimente. Und nichts ist schmerzlicher als seine Lippen, die sich den meinen entziehen, mich nicht mehr küssen mögen, nichts ist demütigender als sein weiches Geschlecht, das mich nicht mehr will.

Ich liege neben ihm, dem jungen Mann, den alle für ‚zu jung‘ für mich halten und weine, wenn er eingeschlafen ist. Ich weine über das Ausbleiben seiner Berührungen, das Erschlaffen meiner Haut, ich weine über die Stärke seiner Begierde, die vorbei ist, ich weine darüber, dass ich mich jetzt erst wirklich alt fühle, neben ihm, der mich einst verjüngt hatte und der sich nun meinem abgenutzten Körper verweigert. Und doch liebe ich ihn, kann ihn nicht verlassen, muss mich täglich dieser Demütigung aussetzen und fürchte, dass er irgendwann gehen wird.

Nur manchmal, in guten Momenten, lächle ich und sage zu mir: Eigentor! Du wolltest begehrt werden von einem Jungen, Dich durch ihn verjüngen und schläfst jetzt unbegehrt neben einem, der Dir Dein Altern erst vor Augen führt. Selbst Schuld, denke ich dann, Du hättest hören sollen auf die Entrüstung in den Stimmen Deiner Freundinnen, Kollegen, Deiner Mutter, nur einmal, Du hättest Dich nicht verlieben, nicht süchtig werden dürfen und Du hättest es wissen müssen, dass auch Beziehungen altern, nicht nur Du, müder werden und schlaffer und sich abnutzen und dass nichts hilft dagegen.

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Aimée

ihr Name: Aimée, so musste man sich zu ihr stellen, Geliebte, Süße, im Dorf in Südfrankreich zur Weinerntezeit, Villerouge, ich achtzehn und sie dreißig, alt damals, für mich, reif, Herbst, dunkelbraunes, gewelltes Haare, fällt auf ihre Schultern, braune Augen, schlanke Größe und schön, so schön, Gesicht, strahlend, Strahleblick, ihre Augen, leuchtend, sehr dunkel und so groß, tief, Mund, wie reife Trauben, prall, saftig, diese Lippen, voll und weich, zartrot, ganz glatt, Kussmund, Herzmund, herbstlich-reif, Lippen zum niemals wieder vergessen, zum sich auf ihnen vergessen, ein Lächeln zum Niederknien, Niedersinken, vor ihr, sogleich verliebt, in sie, ein Küssenwollen, sofort, als wir uns erstmals trafen, trotz der Gedanken an Aimées verrückten Vater, früher, bei meinen Großelternbesuchen, als kleines Mädchen, kindliche Furcht vor ihm, Verrückter, fou-fou, der Vater, durch die Gassen schleichend, traurig gekrümmt, sinnloses Stammeln, Hundebellen, sein Zischen, immer Hunde um ihn, struppiges Fell, verdreckt, räudig, Augen blutunterlaufen, Zungen hängend, Zähne gefletscht, sein Rufen, den Hunden zu, sein wahnsinniger Blick, bedrohlich, mein Verschwindenwollen in der Häuserwand, drehte mich um, ganz langsam, und dann weglaufen, wegrennen, nur fort, fort von ihm, der Frau und zwei Kinder verlor, beim Unfall saß er am Steuer, übriggeblieben: Aimée und ein Bruder, Dorfgetuschel, der sei schwul, auch von ihr wissen es alle, hatte es selbst schon flüstern hören, über Zusammenhänge mit dem Unglück rätselnd, böse Zungen, Aimée war in die Stadt geflohen, vor dem Raunen, dann, viel später, zur Weinerntezeit in Villerouge, nach dem Aufstehen vor Sonnenaufgang, Eindringen erster Schrägstrahlen in den dunklen Himmel, Morgenkühle in den Gliedern, Frösteln, zu acht im Laderaum des umgebauten Lastwagens, auf harten Holzbänken, ihr Namennennen und der sofortige Gedanke: die Lesbe und wollte mich ohrfeigen dafür, Aimée mir gegenüber, Zuckermund im Halbdunkel, ihr Lächeln strahlt, sie sieht mich so an, eng, unsere Knie berühren sich beinahe, nur beinahe, kein Zusammenstoß, trotz Ruckeln des Wagens über Feldwege, die Feuchte des Weinbergs am Morgen, Geruch nach nasser Erde und reifen Trauben, Farbpracht des Herbstlaubs, dann Hektik, Angst vor dem Falschmachen, vorm Langsamsein, Schnellerwerden des Arms, dessen Verlängerung die Schere, der Schweiß unter den Handschuhen, Schwererwerden des Eimers, immer wieder Leeren und weiter, nur manchmal, leise, ihr Blick in meinem Nacken, wie die Sonne, die erst hervorkriecht und trocknet, dann wärmt, dann sticht, dann brennt, wie der Rücken zu stechen, die Beine zu brennen beginnen bei jedem Bücken, so beginne ich zu brennen für sie, aber kein Wortwechsel, mit ihr, Aimée, an den ersten Tagen, dann die Einladung zum Essen, von ihr, kümmert sich, denn meine Eltern sind nicht da, süße Luft an diesem Abend im Dorf, bei der Rückkehr vom Feld, süß, blutig und tot, vom Wildschwein, das groß und dunkel in einer Gasse liegt, Jagdsaison, der Geruch macht die Luft schwingen, ein rotes klebrig-dickflüssiges Rinnsal läuft das Sträßchen hinab, nur ein Blick von ihr, dann in meine Augen, ich sagte sofort Ja, Ja, Ratatouille, sie so mütterlich, reif, Rosmarinduft und Thymian, Tomatensoße dick und dunkel wie Wildschweinblut, dunkelrot wie reife Trauben, zum Nachtisch – mein erster Gedanke schon beim Eintreten – wir, wir, mehr Blicken als Essen, unsere Augen verschlingen sich gegenseitig, mit Blicken verschlingen wir unsere Münder, unsere Münder das Ratatouille, kauen, beißen und denken ans Küssen, Gier nach anderem, Hungrigerwerden statt satter, hungrig nach Berührungen, dann, ohne dass wir es bemerken, ein Kuss, uns an den Händen haltend, süße Frauenlippen auf meinen, wie reife Trauben, prall und weich, ein Zusammenstreben jeder unserer Fasern, hin zum Verwandten, Brüste auf Brüsten, voll wie überreife Trauben, unvorstellbare Weichheit, Neugier auf Nie-Erfahrenes, Aimées Augen, Aimées Mund, Aimées Lächeln, Aimée, neu, Geschmack nach Traubensaft, süß, Haut an Haut, zart, weiter unten Geschmack nach Traubenmost, noch süßer und vergorener, ihr Geruch in meiner Nase, neu, ihr Saft an meinem Mund, ihr Flüstern, wie schön Du bist, sagt sie mir immer wieder, immer wieder, wie schön ich bin, zwischen Küssen, Glück durchpulst mich, mein Blut vibriert in mir, beim Abschied, Dorfnacht und immer noch süßer Geruch nach Wildschweinblut, dann fragt sie doch noch, in der Tür: ob ich einen Freund hätte, ich sehe ihre Augen dunkler werden, es sind die wahnsinnigen Augen ihres Vaters, die mich anblicken, ich höre Hundebellen, will verschwinden in der Häuserwand vor Scham, nur ein Moment, bedrohlich, will wegrennen, ich rieche Wildschweinblut, dann der traurige Blick ihres verrückten Vaters in ihrem, gebeugt, Türenschließen und kühle Tränen auf meinen Wangen, drehe mich um, ganz langsam und kein Wortwechsel mehr, nur noch manchmal Aimées leiser Blick in meinem Nacken, weinerntend, kein Wiederberühren, kein Wiederküssen, nie

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Organon

Es ist nicht leicht, zu denken, wenn die Orgel spielt. Es ist nicht einfach, nachzudenken, wenn die Orgel Dich bezaubert und bezirzt mit ihren Läufen, wenn sie Dich einwickelt mit ihrem säuselnd sanften Singen, wenn sie Dir Honig ums Maul schmiert, süß, wenn sie Dich lockt und verführt mit ihrem Sirenengesang, sich einschmeichelt bei Dir mit betörendem Klang. Es ist schwer, zu denken, wenn der Orgelklang anschwillt, die Orgel laut atmet, zu dröhnen beginnt und die Kirchenbänke zum Vibrieren bringt und Dein Herz gleich dazu. Es ist sehr schwer, zu denken, wenn die Orgel von dem Menschen gespielt wird, den Du liebst

Es ist nicht leicht, einen Menschen zu lieben, der glaubt, während Du nie einen Glauben hattest. Manchmal sitzt Du bei ihm auf der Empore und beobachtest seine schlanken Hände, wie sie über die Tasten wehen und die Füße, die die Pedale treten und wie er laut und heftig ein Register zieht. Und Du denkst an seine fliegenden oder heftigen Finger auf Deiner Haut, aber wagst es nicht, Dich ihm zu nähern im Spiel. Du denkst daran, diesen Menschen, den Du liebst, dort auf der Orgelbank zu lieben, auf die Manuale gestützt, eines Nachts, wenn draußen stiller Schnee fällt. Er hat die Schlüssel, doch er küsst Dich in der Kirche nicht einmal auf den Mund.

Es ist nicht einfach, seiner Musik zu lauschen, süß und mächtig, unten im Kirchenraum, wenn der Boden unter Deinen Fußsohlen zu zittern beginnt und der Orgelklang Deine Sinne weckt, Deinen Körper mit Gänsehaut überzieht und Du kannst Dich nicht einfach wehren gegen die Verführungskraft, die Betäubungsmacht der Orgel. Denn die Orgel ist ein Werkzeug, wie der berauschende Weihrauch, wie die Höhe des gotischen Kirchenschiffs, wie das Gold am Altar und der schläfrige Singsang der Pfarrer, die Orgel ist ein Werkzeug, um den Menschen das Opium des Glaubens zu verabreichen. Und dennoch kannst Du die Orgel nicht hassen.

Du sitzt dort unten auf der hintersten Holzbank, deren Lehne sich Dir in den Rücken bohrt, Du frierst, weil sie diese Kirche nie heizen und alles in Dir sträubt sich gegen den Anblick des angenagelten Leichnams, übergroß vor Dir am Kreuz, es ekelt Dich, es würgt Dich, aber Du gehst nicht. Es ist schwer, den Menschen, den Du liebst, Orgel spielen, das Werkzeug bedienen zu hören und trotzig sitzen zu bleiben, wenn der Pfarrer zum Aufstehn oder Niederknien aufruft. Es ist seltsam, die anderen Menschen vor Dir zu beobachten, die so gut wissen, was sie tun müssen, was sie sagen müssen, im Gottesdienst, die es eingeübt haben von Kindheit an, nur Du nicht, und die Dir wie Marionetten erscheinen, von unbekannten Befehlen bewegt.

Du kannst an Nietzsche denken, an Feuerbach und Marx und dennoch übermannt Dich die Macht der Orgel, verscheucht jeden Gedanken, macht Dich zittern und beten zu dem Menschen, den Du liebst und der die Orgel spielt. Seinetwegen kommst Du in die Kirche, seinetwegen sitzt Du auf der kalten Bank, seinetwegen möchtest Du die Hände falten, nur seinetwegen würdest Du niederknien. Manchmal neidest Du dem Menschen, den Du liebst, den Gott, den er hat, denn er gibt ihm Halt, den Du nie finden wirst. Und manchmal neidest Du seinem Gott ihn, denn er gibt seinem Gott Liebe, die er Dir vorenthält und Du willst nicht teilen und Du willst frei sein vom Glauben.

Es ist noch Jahre später schwer, wenn Du das Orgelspiel eines anderen hören möchtest, in der Kirche zu sitzen und dem Atem der Orgel zu lauschen, wie er durchs Kirschenschiff weht, wenn der letzte Ton verhallt ist und nicht zu weinen. Zu schwer war es, jemanden zu lieben, der glaubt, während Du nie einen Glauben hattest.

 

Zuerst erschienen in mindestenshaltbar: Organon, dort gibt es die Geschichte auch als Podcast, gelesen von Lisa-Maria Jank.

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Bettgeschichten

Sie liegt rücklings auf mir und stöhnt. Ich spüre ihre junge, weiche Haut, die sich auf ihren Engelsflügelchen wegen des Sonnenbrands abschält, spüre das lange, über mich hingebreitete, gelockte Haar und die Kuhle ihres Rückgrats, die rauhe Hornhaut an ihren Füßen, die sich in mich stemmen, ich spüre die Rundung ihres kleinen Hinterns schwer auf mich drücken. Ihr Unterleib bewegt sich immer schneller auf mir und plötzlich flucht sie: „Diese Scheißmatratze, es quietscht bei jeder Bewegung, das macht mehr Lärm als ich!“ Dann lacht sie auch noch. Ich aber finde das nicht komisch.

Ich bin eine französische Federkern-Matratze, zehn Zentimeter dick, zwei Meter lang und einen Meter zwanzig breit, breit genug für zwei, die sich lieben oder besser: frisch verliebt haben. Seit fünfzig Jahren bin ich in diesem Hotelzimmer, ich habe Qualität. Ich muss mich jetzt beschimpfen lassen? Das Quietschen der Federn spricht nur für mich, es zeichnet mich aus als treu und ergeben. Ich stehe stets zur Verfügung, wenn jemand mich braucht, ich scheue keine Beschwerlichkeiten. Ich bin eine leidenschaftliche Matratze, ich könnte die Menschen hassen, aber ich liebe sie, sie sind alles, was ich habe. Ich liebe die, die auf mir leben, ich will sie fühlen und hören, ich mag es, wenn sie mich benutzen und beschmutzen, das ist mein Zweck. Ich liebe die Tragödien, die auf mir vonstatten gehen, ich liebe Ehebrüche und Entjungferungen, ich liebe das erste Mal und das letzte Mal, auch nach der Trennung, ich liebe den Schlaf, den bewegungslos erschöpften und den unruhigen, das Wachliegen und Hin-und-Her-Wälzen und ich liebe das Glück, das sich auf mir vollzieht, immer wieder.

Ich bin imprägniert von Schweiß und Blut, besudelt von Sperma und süß-saurer Frauenflüssigkeit, mit Speichel und Tränen und mit Urin und Rotwein und Kaffee, beschmutzt von den Menschen, die sich auf mir ausruhten, amüsierten, stärkten, betranken, rauchten, feierten oder trauerten. All das ist tief in mich eingedrungen. Mein blaues Blumenmuster ist verblasst, ich bin befleckt in unzähligen Farben, von verglimmenden Kippen durchlöchert, von Fingernägeln sprödgerissen, selbst gebissen wurde ich ab und an, aber auch geküsst vor Erwartung und vor Sehnsucht im Unglück.

Das Leben hat Spuren hinterlassen auf mir, ich bin nicht mehr makellos und nicht mehr schön anzuschauen und die dünnen Leintücher haben meine Fehler nur unzureichend bedeckt. Deshalb haben sie mir eines Tages einen Überzug verpasst, der die Befleckungen verstecken soll, mich auf allen Seiten fest umschließt und sich nach Plastik anfühlt. Ich erinnere mich an das Ruckeln des Reißverschlusses, es wurde immer enger und beengender und jedes Geräusch leiser. Wenn niemand im Zimmer ist, dann bin ich jetzt tatsächlich ganz alleine und langweile mich, ferne Geräusche dringen nicht mehr zu mir. Seitdem sie mich verpackten, schwitze ich, wenn die Sonne auf mich scheint, so wie heute. Ich spüre nicht mehr jeden sanften Windhauch, nur noch den Herbststurm, wenn jemand das Fenster geöffnet lässt. Der Vogelsang, das Rufen der Schwalben und Gurren der Tauben, das liebestrunkene Vibrieren der Luft und die Akkordeonklänge der Straße dringen kaum noch zu mir. Die Gespräche der Menschen muss ich erraten, wenn sie nicht direkt an mich, in mich sprechen, auf mir ruhend.

Das Zimmer, mein Zimmer ist klein, sehr klein, ich an Stelle der Menschen würde mich beschweren, aber die meisten, die hierher kommen, sind noch so jung, dass sie gar nicht wissen, wie das geht, nicht auf die Idee verfallen, es sei überhaupt möglich. Das macht sie angenehm. Oft ist es ihre erste Reise, ihre erste fremde Stadt gemeinsam mit ihrem Geliebten. Das Zimmer ist so eng, dass die Besucher nicht wissen, wo sie ihre Koffer abstellen, nicht wissen, wo sie überhaupt stehen sollen, man kann nicht einen Bogen schlagen um mich, man fällt geradezu auf mich, sobald man eintritt.

Ich mag das. Dann spüre ich ihre Körper, dann kann ich ihren Gesprächen lauschen, wenn sie mir nah sind, auf mir liegen, dann genieße ich. Vielen Gästen gefällt das auch und ich wundere mich dennoch ein wenig, wie oft sie wiederkehren im Laufe des Tages, wie kurz ihre Ausflüge sind, wie wenig Zeit sie in den Straßen dieser sogenannten Stadt der Liebe verbringen und statt dessen auf mir: mit Liebe. Gerade die Unumgänglichkeit des Niederfallens auf mich, die Unmöglichkeit eines anderen Tuns in diesem Zimmer scheint verlockend zu wirken. Das erfreut mich, jedes Mal.

Auch das junge Paar, das erst gestern hier angekommen ist, für das es noch viel zu entdecken gäbe dort draußen, auch sie sind heute bereits zum vierten Mal hier. Heute morgen leise, im Halbschlaf, mehr ein Schieben als Bewegen, heute Mittag nach dem mit Käse belegten Baguette, dessen Krümel auf mich niederregneten, nach dem Rotwein, laut und lachend, heute Nachmittag zärtlich und schläfrig vor einer kurzen Siesta und jetzt nur sie allein auf mir, das Becken kreisend, während er danebensteht.

„So geht das nicht!“, sagt sie. „Ach so, Du vertraust mir also nicht!“, er lässt sich neben ihr auf mich fallen, auch er jung, schlank, sein Körper fester als ihrer, sein kurzes Haar kitzelt mich. Er meint es nicht ernst, er ist sich ihrer so gewiss. „Doch,“ lacht sie, „ich vertraue nur der Matratze nicht.“ Ich will empört sein, bin aber schon viel zu beschäftigt mit dem Gerangel, das da entsteht, dem Armgewirr und Beinverknoten, dem lauten, schmatzenden Küssen und leisen Kichern, seinem neckenden Prusten auf ihrem Bauch, ihren flink-kitzelnden Händen an seinen Rippen. Dann wird es ruhiger, aber die Verknotungen lockern sich nicht.

Ihre Unterhaltung gleicht jetzt einem Gurren, er spricht mit den Lippen nah an ihrem Hals und sie lacht leise und hell, ihr Glucksen bringt mich zum Beben. „Du, Du,“ flüstert er und sein Mund wandert, er haucht es ihr in die Haut, „Du, Du…“ wiederholt er immer wieder überall in ihren Körper. Ihr Leib vibriert auf mir, aber nicht mehr vor Lachen. „Duuuuu…“, raunt er lange in ihren Schoß. Wie glücklich die beiden sind. Doch dann steht er ganz plötzlich auf. „Was tust Du“, sagt sie kichernd, „Du brauchst nicht vor mir niederzuknien, ich bin eine emanzipierte Frau!“, reicht ihm ihre Hand hinunter und zieht ihn wieder auf mich. Sie sitzt jetzt und dann spüre ich, wie seine Knie sich ihr gegenüber in mich bohren, die beiden scheinen sich an den Händen zu halten. Und es wird ganz still.

„Für immer?“ Er schluckt an seinem Speichel. Ein Zittern läuft durch mich, als sie „Ja“ wispert. Ich würde weinen, wenn ich könnte. Die in mir bewahrte Feuchtigkeit sammelt sich als Kondenswasser an meiner Plastikhülle und ich erwarte ein Erdbeben.

Das Beben wird lang, sanft und für die Ewigkeit, ich höre ihre Münder unaufhörlich aufeinander ruhen, ihre jungen Körper lasten auf mir wie ein einziger und einige Tropfen fallen auf mich. Dann höre ich die junge Frau telefonieren, mit der Rezeption. Was ich kosten würde, fragt sie, ob sie mich mitnehmen kann, nach Hause. Vollkommenes Glück.

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