Berauschende Worte

Es blieb immer alles künstlich. Ich habe mich an meinen eigenen Worten berauscht. Es war, wie wenn man singt und nicht mehr auf die Worte hört, nur noch auf die Melodie.

Aussage des Protagonisten in Peter Stamms “Agnes” zum Thema, weshalb er nicht mehr schreibe.

Genau. So. Oder so ähnlich.

Ach ja, es gibt auch andere Gründe, nicht zu schreiben. Arbeit zum Beispiel. Aus gegebenem Anlass (mein momentaner Zustand) ein Rückverweis hierhin.

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Vom Trauen

Sie fragt sich, wieso sie sich nicht einfach mal traut. Wieso sie es nicht wenigstens einmal versucht. Es geht gar nicht darum zu springen, von hoch droben, ohne Seil, Netz und doppelten Boden. Es geht nur darum, ein Leben zu führen, wie sie es sich vorstellt. Und sie fragt sich, warum sie dazu immer zu viel Angst hatte.

Zu viel Angst, einfach Germanistik oder Philosophie auf Magister zu studieren und dann womöglich mit einem unbrauchbaren Abschluss dazustehen. Zu viel Angst über ein spannendes Thema zu promovieren, weil es doch so schwer ist, eine Stelle an der Uni zu finden. Und danach wird alles noch schwieriger. Zu viel Angst, um das Referendariat nicht anzutreten und sich einfach so nach Jobs umzusehen. Zu viel Angst, sich zum Beispiel als Übersetzerin oder Lektorin zu versuchen, denn die Aussichten sind doch so schlecht. Und natürlich viel zu viel Angst, das zu tun, was sie am liebsten möchte: einfach zu schreiben und zu sehen, wohin das führt.

Sie müsste sich nicht solche Sorgen machen, die Voraussetzungen sind eigentlich gut: ein Dach über dem Kopf, ein wenig Geld auf dem Konto, jemand den sie liebt an der Seite und Eltern, die sie nicht verhungern lassen würden (nimmt sie an).

Und jetzt hat sie ein Problem: sie hat keine Zeit mehr, sich auch nur annähernd um die Dinge zu kümmern, die ihr wirklich Spaß machen (Lesen, Schreiben, Lieben), weil die Arbeit und der Druck sie auffressen. Und sie möchte eigentlich gerne mit Menschen zusammensein und zusammenarbeiten, die sie respektieren. Sie will sich nicht erst ein klein wenig Respekt erkämpfen müssen, Tag für Tag, immer von Neuem. Mit Mitteln, die sie dazu zwingen, sich andauernd zu verstellen, die sie nicht mehr sie selbst sein lassen. Und sie möchte nicht dauernd die Leistungen anderer Menschen bewerten, auch das liegt ihr nicht. Fünf Tage die Woche eine Rolle spielen, die einem nicht passt, ist verdammt anstrengend. Fünf Tage die Woche kämpfen, ist verdammt aufreibend. Sieben Tage die Woche trotzdem sehr viel arbeiten ist keine gute Voraussetzung, um glücklich zu sein.

Sie fragt sich, wie es weitergehen wird. Ob sie sich gewöhnen wird. Ob sie sich gewöhnen will. Ob sie so werden wird, wie man werden muss, um diesen Job zu machen. Ob sie so werden will. Und sie fragt sich, ob sie sich eines Tages Vorwürfe machen wird, dass sie es nicht wenigstens einmal versucht hat so zu leben, wie sie sich das eigentlich vorstellt. Ob sie sich später nicht fragen wird, ob es nicht doch hätte klappen können und ob sie sich nicht verfluchen wird, dass sie sich nicht – nicht ein einziges Mal – getraut hat.

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Silvester-Geschichte

Eigentlich sind es ja die größten Idioten, die Silvesterböller schon Tage vor dem Jahreswechsel zünden und knallen lassen. Das sind die, die irgendwas nicht verstanden haben, die nicht warten können, die kein Benehmen haben und ihren Mitmenschen ohne weiteres auf den Geist gehen. Es sind die, die sich nicht um die Schönheit mancher Traditionen und nicht um Rücksichtnahme auf verschreckte Haustiere scheren. Irgendwelche Volltrottel oder meinetwegen Kinder.

Aber es gibt auch Ausnahmen. Als sie mir sagte, dass sie Silvester nicht mehr erleben würde, war so eine. Sie war ganz ruhig dabei, sie sah mir fest in die Augen, aber ich glaube, ihre Stimme zitterte doch ein wenig. Ich wusste nicht, wie ich reagieren, was ich ihr antworten sollte, aber sie erwartete auch weder Reaktion noch Antwort. Sie sah mir weiter in die Augen und sagte: “Schenkst Du mir ein Feuerwerk, ein letztes?” und ich brauchte nur zu nicken.

Es war nicht schwer, die Feuerwerkskörper zu besorgen, mir ein Arrangement zu überlegen, das große Feld am Waldrand zu finden und sie hinzufahren. Es war nicht schwer, alles aufzubauen und sie dann in die Mitte der Wiese zu führen. Es war nur schwer, die Feuerwerkskörper dann zu zünden, mit all den Tränen in den Augen. Es war schwer ihr zuzusehen, wie sie in den Himmel blickte mit den großen Augen eines begeisterten Kindes, mit dem geöffneten Mund eines glücklichen Mädchens, bis der letzte Funken am Himmel versprüht war. Und das schwerste war, sie zurückzufahren und zu wissen, dass es nun vorbei war, ihr letztes Feuerwerk, ihr allerletztes, schon viele Tage vor Silvester.

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Vom Südwind

Manchmal, wenn die Nacht tief und dunkel ist und der Wind aus Süden weht, von dorther, wo Du bist, Iolanda, dann trägt jener Südwind das Rattern eines Zugs in seinen engen Gleisen zu mir und sein Warnsignal von fern. Dann denke ich an Dich und daran, wie einfach es wäre, jenen Zug zu besteigen, der nach Süden fährt und zu Dir, wie einfach es wäre und wie leicht es mir fällt, es nicht zu tun. Ich vermisse Dich nicht, Iolanda, ich vermisste Dich nie. Ich vermisste nie den Geruch Deiner Haut, nicht Dein weiches Fleisch, nicht die Wärme Deines Körpers in der Nacht, wenn der Zug vorbeifuhr und uns weckte mit seinem Signal und Du Dich an mich schmiegtest, bis Dein Atem wieder ruhig ging. Ich vermisse nicht das Leben neben den Zuggleisen und nicht das Leben mit Dir. Es war so leicht Dich zu verlassen, Iolanda.

Nur wenn der Südwind das Geräusch des Zuges zu mir trägt, dann denke ich an Dich und das Bahnwärterhäuschen neben den Gleisen, in dem wir lebten. Ich denke an den Dreck, in dem wir hausten, das schmutzige Geschirr im Spülbecken und die verstreute Kleidung auf dem Holzfußboden, die leeren Flaschen überall, ich denke an die ehemals weißen Gardinen, die der Südwind aus den offenen Fenstern flattern ließ, als wolle er dem Häuschen Flügel wachsen lassen. Du erzähltest mir von der Liebe, Iolanda, und wie sie Dich betrogen und verletzt hatte, immer wieder erzähltest Du von der unglücklichen Liebe; Du trankst dabei, trankst an gegen den Kummer und gegen die Kälte des Nordwinds. „Nach Süden,“ sagtest Du, den Kopf rücklings über das Fensterbrett aus dem Fenster des Bahnwärterhäuschens hängend, wenn der Zug vorbeirauschte, „nach Süden müsste man, einfach in den Zug steigen und nach Süden.“

Und Dein Blick blieb hängen im Blau des Himmels und in den Wolken, während das Rattern des Zugs in den engen Gleisen unsere Ohren betäubte. Du fuhrst nicht, Iolanda, sondern wir liebten uns, betäubt vom Wein, auf dem Bretterboden des Häuschens, das zitterte vom Vorbeifahren der Züge. Es war so leicht Dich zu verlassen, den Zug nach Norden zu nehmen und zu gehen, fort von Dir, fort vom Häuschen an den Gleisen, fort von unserem Leben und fort von Deinem Blick in den Himmel, wenn Du betäubt vom Süden träumtest. Noch nie warst Du im Süden gewesen, aber immer hattest Du ihn vermisst, diesen Süden, der Deine Hoffnungen barg und voll Deiner Träume hing, eben deshalb, weil Du ihn nicht kanntest.

Der Wind blies aus Norden, als wir uns das erste Mal trafen und Du weintest, weintest am Grab Deines Vaters, wie ich am Grab meines Vaters hätte weinen sollen, aber ich konnte nicht, Du weißt warum. Du weintest und warst betrunken, Dein verwischter Blick und Dein Schwanken, ich musste Dich festhalten, Iolanda, beinahe wärst Du gestürzt, zu unseren Vätern ins Grab, die da nebeneinander in ihren ausgehobenen Gruben lagen. Die nebeneinander lagen, weil sie sich gegenseitig fast totgeschlagen hatten, im Suff und liegen geblieben waren, Seite an Seite, in der Kälte des Nordwinds und bewusstlos erfroren. Gemeinsam hatten sie sich betrunken, gemeinsam hatten sie nach Hause gehen wollen, gemeinsam lagen sie nun in den Gruben.

Ein scharfer Wind kam aus Norden und der Friedhof war schon ganz winterlich und kahl, aber Du wolltest bleiben und ich hielt Dich fest, ohne Tränen für meinen Vater, der von Deinem totgeschlagen worden war, der Deinen totgeschlagen hatte, nach ihrem letzten Besäufnis. Ich hielt Dich und dann nahmst Du mich mit zu Dir ins Bahnwärterhäuschen an den Gleisen, das Deinem Vater gehört hatte, und ich blieb. Du erzähltest mir von der Liebe, Iolanda, und dass Dein Vater Dich geliebt hätte. Ich sagte, dass auch er Dich nur ausgenutzt und missbraucht hätte wie die anderen Männer. Du weintest, Du nicktest, schütteltest den Kopf. Dein Vater hätte sich wenigstens für Dich interessiert, sagtest Du, hätte sich um Dich gekümmert, auf Dich aufgepasst, unter Schluchzen.

Ich kümmerte mich um Dich, ich passte auf Dich auf, wie Dein Vater, und ich drang ein in Dein weiches Fleisch und ließ mich nachts von Dir wärmen, ließ mir die Narben auf meinem Rücken küssen von Dir, trank mit Dir und hörte Dir zu, wenn Du vom Süden erzähltest und von der Liebe. Und Du warst so dankbar, Iolanda, dass ich mich schämte. Es war so leicht zu gehen, nach Norden, als ich genug von Dir hatte, Iolanda, von Deinem warmen Fleisch, Deinen Träumen und dem Bahnwärterhäuschen, in dem uns nachts das Rattern der Züge in ihren engen Gleisen weckte, es war so leicht.

Nur wenn der Südwind weht, in einer Nacht, die tief und dunkel ist, dann denke ich an Dich und wie Du auf dem Holzfußboden liegst und der Zug stößt sein Warnsignal aus und der Nordwind weht die Gardinen aus den Fenstern als wolle er das Bahnwärterhäuschen zum Fliegen bringen.

Geschrieben in Prosa | Keine Kommentare

Unter Strafe

Stünd’ Strafe aufs
Unglücklichsein,
ich fürchtete jeden
Polizisten und traute
mich nicht mehr
hinaus, säß’ daheim
und dächte daran
was mir drohte;
das würde mich
ganz unglücklich machen.

Geschrieben in Lyrik | 8 Kommentare

Vom Leichten und vom Schweren

Wenn alles so leicht wär’ wie
einschlafen, manchmal
wenn die Laken kühl sind und
Dein Atem ruhig geht
neben mir

Wenn alles so schwer wär’ wie
einschlafen, manchmal
wenn die Gedanken schmerzen,
im Kopf kreisen und
Du fehlst

Wie ein Stein sein
schwer wiegen und
leicht liegen

Geschrieben in Lyrik | 7 Kommentare

Das Grau der Tage

Ein Augenblick kommt, bleibt kurz, geht und es geschieht:

nichts. Ein nächster Augenblick kommt, ich atme aus, schließe die Augen und es geschieht:
kaum etwas. Das Grau vor meinen Augen wird nur um ein weniges dunkler und die Umrisse, die ich mit geöffneten Augen an den Rändern meines Blickfeldes noch erkennen kann, verschwinden. Ich atme die stickige Altenheimsluft meines Zimmers ein, hebe einen Augenblick später meine Lider erneut und meine Augen blicken ins Grau meiner Tage. Ich bin beinahe blind, beinahe.

Dass ich nicht ganz blind bin, macht es kaum besser. Ich kann mich nur auf die Jagd machen nach Schemen, die ich dort zu erahnen vermag, wo ich nicht hinsehe, ganz außen, die aber verschwimmen, verschwinden, wenn ich sie in den Blick zu nehmen, zu fixieren suche. Das Perfide an dieser Krankheit ist, dass sie mir genau das entzieht, was mein Interesse findet, was ich anblicken will. Dort, im Zentrum meines Blicks, wird es unscharf und grau, immer nur grau.

Es begann beim Lesen, meiner liebsten Beschäftigung, es begannen Buchstaben zu fehlen genau an den Stellen, wo ich las, wo ich verstehen wollte. Anfangs konnte ich noch raten, doch es fehlten immer mehr Buchstaben, von Tag zu Tag. Das Schwarz-Weiß der Lettern auf dem Papier wurde verschlungen vom alles verdeckenden, einheitlichen Grau. Und die Ärzte konnten nichts tun. Empfahlen mir Lupen und Lichter und schickten mich schließlich nach Hause, überließen mich hilflos meiner Erkrankung. Ich versuchte weiterhin zu lesen, doch täglich wurde es weniger, was ich erkennen konnte und täglich hätte ich Tränen weinen mögen um jeden Satz, der sich nicht mehr begreifen ließ, Tränen weinen um jedes Buch, das ich nicht mehr lesen konnte.

Schlimmer noch als die Buchstaben war aber das Verschwinden der Gesichter. Das der Pflegerinnen und das der Bekannten, die mich für unfreundlich hielten, weil ich sie nicht begrüßte, wenn sie mir auf der Straße begegneten. Aber die Menschen, die ich anschauen wollte, in deren Gesichtszügen ich zu lesen begehrte, bekamen durchs Zuwenden meines Blicks statt des Gesichts graue Kreise auf die Schultern. Wenn mich heute jemand besuchen kommt, dann muss ich fragen, wer es ist, bevor ich mich freuen kann. Wenn heute eine der Pflegerinnen eintritt, bitte ich sie zuerst, mir ihren Namen zu nennen, denn ich kann sie nicht mehr voneinander unterscheiden.

Eines Morgens trat ich vor den Spiegel und erkannte mich nicht, ich näherte mich weiter, doch da war nichts, kein Gesicht mehr, nichts als verschwommenes Grau, das alles überdeckt. Ich kann mich nicht mehr anblicken, ich weiß nicht mehr, wie ich selbst aussehe. Ich kann nicht alte Fotos anschauen, um zu erahnen, wie mein Gesicht heute sein könnte. Ich fahre mir über die knittrigen Wangen, die faltige Stirn, reibe mir die Augen und versuche mir eine Vorstellung zu machen, aber es gelingt mir nicht.

Der Fernseher wurde zum schwarzen Kasten ohne Farben und ohne Bild und ich stelle ihn lauter, um zu bemerken, dass er läuft, bis ich es nach einiger Zeit nicht mehr ertragen kann und ihn abstellen muss. Ich sehe vor mich hin, ins Graue, die Augenblicke kommen und gehen, ohne dass etwas geschähe. Ich bin eingesperrt in mir, bin eingesperrt ins Grau meiner Tage und kann nur sitzen und warten. Meistens warte ich darauf einzuschlafen, nur minutenweise einzunicken, jeder Augenblick, in dem ich schlafe und nicht dieses Grau sehen muss, ist ein gewonnener.

Manchmal drücke ich die Tasten meines Telefons, die eingespeicherten Nummern werden gewählt und oft erreiche ich dennoch niemanden. Manchmal spreche ich auf die Anrufbeantworter am anderen Ende, um meine eigene Stimme zu hören. Manchmal ist jemand zu Hause, aber es ist nie derjenige, den ich zu sprechen hoffte, die Ziffern auf den Telefontasten kann ich nicht mehr lesen. Dann sage ich meiner Enkelin, dass ich sie gern habe, aber ich glaube nicht, dass sie mich zurückrufen wird.

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Requiem

Nimm sie zurück, Du kannst sie wiederhaben, Dir gehört sie, ich will sie nicht mehr, sie kann Dich nicht vergessen. Wenn sie zu mir aufschaut, dann sehe ich ihren Blick suchen, nach Ähnlichkeiten mit Dir. Wenn sie mit mir spricht, dann spüre ich, dass ihr Ohr nach Deiner Stimme und Deinen Worten verlangt. Wenn ich sie küsse, dann weiß ich, dass sie an Deine Lippen denkt, wenn ich sie berühre, weiß ich, dass sie Deine schlanken Pianistenhände ersehnt, wenn ich mit ihr schlafe, dann fühle ich ihr Begehren nach Dir, wenn ich sie stöhnen höre, scheint sie mir nur Deinen Namen zu hauchen.

Ich versuchte das Requiem eurer Liebe zu sein, requiem aeternam dona eis, aber es will nicht erklingen. Alles Fleisch ist wie Gras, nur nicht Dein Fleisch, an das sie unablässig denkt, wenn sie meines berührt. Es will nicht verdorren, so sehr ich mich auch bemühe, sie kann Dich noch immer nicht vergessen.

Ich wollte sie trösten, vorhin, ich wollte ihr Tee bringen, dampfend und besänftigend, aber sie hat mich nicht erhört, sie hatte kein Erbarmen mit mir, sie hat ihre Tür nur noch fester vor mir verschlossen und sich ans Klavier gesetzt. Sie spielt Deine Stücke, immer wieder die Stücke, die Du für sie komponiert hast und ihr vorspieltest. Sie spielt lang, Du hast ihr viele Kompositionen geschenkt und wenn sie fertig ist, beginnt sie von vorn. Es ist ein Tag der Tränen heute, sie weint, man hört es am Klang der Tasten unter ihren zittrigen Fingern.

Vielleicht denkt sie noch nicht einmal an Dich, nicht an die Trennung von Dir, sie ist vielmehr ganz in Deinen Stücken, ganz versunken in Dich. Ich hasse Deine Stücke und wie sie sie spielt, ich sitze wartend in der Küche, unterm ewigen Licht der Leuchtstoffröhre und fühle mich elend wie im Maul eines Löwen, aber ich wage es nicht, ihre Tür zu öffnen, ich wage es nicht sie anzusprechen. Bisher habe ich immer nur abgewartet bis es vorbei war.

Bis sie selbst die Türe öffnete, sie selbst herauskam zu mir, mit abgewendetem Blick. Ich empfing sie wie ein vom Himmel gefallenes Geschenk, wie ein verwirrtes Kind, wie eine Neugeborene und wenn sie mit mir ins Bett gehen wollte, tat ich so als wüsste ich nicht, dass ich nur das Feuer löschte, das Du, das Deine Musik in ihr entfachte. Ich glaube nicht, dass sie auch nur ein einziges Mal wirklich bei mir, mit mir war. Ich glaube nicht mehr, dass es besser werden wird, wie ich es lange geglaubt habe, ich glaube nicht mehr, dass sie mich lieben lernen wird, wie sie Dich liebte. Ich glaube nicht mehr an ein seliges Ende für uns. Sie kann Dich nicht vergessen.

Sie kann das Requiem nicht vergessen, das Du ihr versprochen hast. Das Requiem, das sie sich von Dir zum Geburtstag wünschte, das Du ihr komponiertest und ihr dann doch nicht gabst, weil es inzwischen vorbei war zwischen euch. Manchmal sitzt sie nur still vor dem Klavier, mit leerem Blick, die Hände im Schoß und denkt an die Schublade, in der ihr Requiem vielleicht liegt oder sie denkt an die Flammen, die ihr Requiem vielleicht verbrannt haben. Und sie denkt sich aus, wie es klingen könnte. Sie weiß nur, dass es mit einem Trompetensolo beginnen sollte, wir wissen warum, denn das war schon das Zeichen für euer Ende, ein Widerhaken in ihrem Fleisch, ein Widerhaken in Deinem.

Ich war dabei, als es passierte, es war nach einer Feier des Trompeters, zu der auch Du kommen wolltest. Du schienst vielbeschäftigt zu dieser Zeit, manchmal wolltest Du sie nicht sehen oder konntest es nicht, niemand von uns wusste genaueres. Du hattest versprochen zu kommen und ich weiß, dass sie sich schon freute, Dich dort zu sehen, aber dann kamst Du nicht. Dafür blieben wir um so länger, ich schlief auf dem Boden und sie im Hochbett des Trompeters. Sie war enttäuscht und betrunken, ich glaube nicht, dass sie nachdachte, sie wollte nur nach oben, ins Hochbett, und es war ihr egal, dass er ebenfalls hinaufstieg. Und ich schlief ein, zwei Meter unter ihnen.

Du kannst mir keinen Vorwurf machen, ich hätte es nicht verhindern können, auch wenn ich Dein Freund war, so wie der Trompeter Dein Freund war. Das einzig Rätselhafte war, dass sie es Dir nicht einfach gestand, dass sie den Trompeter im Rausch geküsst hatte und zu Dir zurückkehrte, Du hättest ihr doch verziehen. Später erklärte sie mir, dass sie dem Anschein der Inkonsequenz aus dem Weg hatte gehen, sich ihre Wankelmütigkeit nicht hatte eingestehen wollen, zu dem Versprechen zu stehen versuchte, das sie dem Trompeter mit ihren Küssen gegeben zu haben glaubte. Sie wollte ihm nicht weh tun, sie mochte ihn. Aber sie liebte Dich.

Und deshalb kam sie dann doch zurück zu Dir: eine Trompete könne immer nur eine Melodie spielen, hat sie mir später gesagt, während die Orgel doch meist drei- oder vierstimmig sei und wenn nötig könnten sogar allein die Füße vierstimmig spielen. Sie sagte es, als sei das eine Erklärung für ihr Verhalten. Du hast sie noch einmal zurückgenommen, nach Wochen, aber der Bruch zwischen euch wollte nicht mehr heilen und die Ankündigung des Trompetensolos am Beginn ihres Requiems war nur eine der Gemeinheiten, nur eine der vielen kleinen Quälereien, die Du ihr zufügtest.

Sie sagt, sie habe das Gefühl, Dich getötet zu haben in dem Moment, in dem sie Dich dann endgültig verlassen habe. Weil Du daraufhin völlig aus ihrem Leben verschwunden seist, plötzlich, nichts mehr mit ihr zu tun haben wolltest, nichts, ihr das Requiem verweigertest. Du gabst ihr nur ein kurzes Stück zum Abschied, das sie nicht spielen wollte, denn es war überschrieben mit: Kaltes Lebewohl.

Ich blieb der Freund an ihrer Seite und begann von diesem Moment an zu warten, bis ich etwas anderes für sie würde sein können, bis sie mich erhörte, sich meiner erbarmte. Ich hörte mir geduldig wie ein Lamm an, was Du ihr immer noch und immer noch bedeutetest, wie sie ihre Loblieder sang und tausend Mal Hosanna. Und dass sie nicht vergessen konnte, wie sie zum ersten Mal bei Dir war und danach die Decke noch mit schamrotem Gesicht bis über ihre nackten Brüste zog und wie Du ihr Erdbeereis brachtest, dann. Sie kauft oft Erdbeereis und ich erfuhr mehr, als ich wissen wollte, ich weiß mehr, als ich wissen sollte. Ich habe keine kleine, nein, eine große Zeit lang Mühe gehabt, mit ihr und ich finde keinen Trost. Mein Leben hatte ein Ziel, ihre Liebe, aber ich kann sie nicht erlangen. Jetzt weiß ich: sie kann nicht hinwegkommen über Deine Erdbeerküsse.

Stundenlang hört sie manchmal das Mozart- oder Brahms-Requiem, als könne sie daraus erahnen, wie Deines klingen könnte. Stundenlang hört sie die Orgelstücke aus Schlafes Bruder, denn Du hattest ihr versprochen, die Stücke zu üben, um sie ihr vorzuspielen. Immer wieder hört sie die rasende Toccata Tu es petra von Henri Mulet und denkt dabei an den Moment, in dem ein Schmetterling durchs herbstliche Kirchenschiff segelte, wie getragen vom Atem der Orgel, während Du dieses Stück spieltest. Wenn sie eine Orgel hört, dann denkt sie immer nur an Dich und manchmal weint sie einen Tag der Tränen lang um Dich, immer noch.

Sie öffnet die Tür nicht, ich sitze wartend in der Küche, unter dem ewigen Licht der Leuchtstoffröhre und sie spielt immer wieder dieses Stück, das von Dir sein muss, es ist Dein Stil, aber ich kenne es noch nicht. Es kann nur das Kalte Lebewohl sein, aber es klingt nicht so. Es klingt sanft, zärtlich, liebevoll und warm, sie hört nicht auf, es immer wieder zu spielen. Ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll. Ich ertrage dieses Stück nicht, das sie zum ersten Mal spielt, in das sie versinkt, in dem sie aufgeht wie in ihrer Liebe zu Dir, ich wünschte sie hätte es nie gespielt, wie sie es zwei Jahre lang niemals spielte, in einer Schublade verbarg, den Titel scheuend.

Was soll ich tun? In manchen Momenten des Zorns dachte ich, sie zu verlassen wäre zu wenig, würde meine Demütigung nicht wieder gut machen, ich wollte warten auf einen Tag der Rache, wollte kein Lamm sein, mich nicht zur Opferbank führen lassen. Doch ich liebe sie immer noch. Wer rettet mich vor dem Rachen des Löwen? Wer erbarmt sich meiner? Ich trage Leid, ich trage Traurigkeit, aber wes soll ich mich trösten? Ich werde gehen müssen.

Nimm sie zurück, sie wird immer Dir gehören, ob Du willst oder nicht. Nimm sie zurück und gib ihr ihr Requiem, spiel ihr Schlafes Bruder vor, lass die Orgel atmen, lass die Kirchenbänke vibrieren von ihrem gewaltigen Klang und lass Schmetterlinge fliegen für sie. Gib ihr Erdbeerküsse und nimm sie zurück, sie gehört Dir, sie wird Dich nie vergessen. Ich will sie nicht mehr, ich gebe auf, ich werde gehen, requiem aeternam dona nobis.

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Medusa

Meine Tränen machen mich
zur Medusa, der
schlangenhäuptigen mit
verzerrtem Gesicht, ich
beiße mir die
Lippen blutig mit
zu langen Zähnen und
winde mich
drachengeschuppt in
meinem Elend. 

Meine Tränen machen mich
zur Medusa und
Dich zu Stein.

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Altern

„Der ist doch viel zu jung für Dich!“, sagten sie und ich verstand es nicht, verstand nicht das ‚zu‘ im Satz und nicht die Empörung in ihren Stimmen. Laut in den Stimmen meiner Freundinnen, leiser in denen meiner Kollegen und überdeutlich in der Stimme meiner Mutter. Ja, er ist jung, Mitte zwanzig. Aber wieso ‚zu jung‘ oder gar ‚viel zu jung‘, wer bestimmt darüber, wer setzt dieses Maß? Und was zum Teufel hat das mit mir zu tun, selbst wenn ich um so viele Jahre älter bin? Er ist jung und das ist er ohne mich und mit mir, nichts außer den verstreichenden Jahren kann daran etwas ändern, ich mache ihn weder jünger noch älter, nichts ändert sein Zusammensein mit mir an seiner Jugend. Warum also immer wieder dieser Vorwurf an mich?

Er gefiel mir und mir schmeichelte, dass er sich für mich interessierte, mir schmeichelte, dass er mich umwarb und küsste und begehrte, der mein Sohn hätte sein können. Wie man so schön sagt. Wie ich oft sagen hörte. Ich zweifelte, aber sein immer steif werdendes Geschlecht, sobald er seinen Körper an meinen presste, war ein Argument für sich. Eines der schönsten Komplimente für eine alternde Frau, eine Frau, die mehr fürchtet zu altern, als sie tatsächlich altert, ein Kompliment, das mich verjüngte und nach dem ich süchtig wurde, das ich immer wieder haben wollte.

Und er? Ich habe ihn nie gefragt, was er an mir als älterer Frau schätzte und ich habe immer geflissentlich vermieden, seiner Mutter zu begegnen. Er wollte lernen. Mehr war es anfangs nicht, erst dann verliebten wir uns.

Was es dann wurde? Eine ganz normale Beziehung, ohne ‚alt‘ und ohne ‚jung‘ und vor allem ohne ‚zu‘, zumindest wenn wir unter uns blieben. Eine schöne Beziehung, eine frische, junge, immer wieder überraschende Beziehung, etwas Aufregendes, eine liebevolle, zärtliche Beziehung. Erst dann begann, was wohl in jeder Liebesgeschichte irgendwann beginnt, weil eine jede altert mit der Zeit.

Ich schien mich abzunutzen wie eine Gegenstand, den man täglich berührt, Gewöhnung setzte ein. Mein Körper schien sich abzunutzen von Tag zu Tag und die Nacktheit meines Körpers erregte nicht mehr. Mein nackter Körper ruhte immer öfter neben seinem, ohne dass er reagierte, immer öfter umarmte er mich, ohne dass sein Geschlecht aufstand und gegen meine Pobacken drückte.

Ich hatte geglaubt, er würde mein Altern nicht mehr bemerken, denn er hatte mich ja schon älter kennengelernt, nicht mehr frisch und glatt und prall wie ein junges Mädchen. Ich dachte, er würde sich nicht an meiner Orangenhaut und meiner erschlaffenden Bauchdecke stören, wenn sie von Anfang an zu mir gehörten. Aber ich altere weiter, unaufhaltsam, das Erschlaffen schreitet fort und ich glaube, er bemerkt es doch. Er sagt nichts, aber ich spüre seine Blicke auf meiner weichen Haut, schräg und stumm und brennend in jeder meiner Falten. Oder bilde ich sie mir nur ein? Ist es nur, dass ich an nichts anderes mehr denken kann und deshalb Blicke spüre, die es nicht gibt?

Vielleicht ist es doch nur das Altern unserer Beziehung und nicht meines, das zu dieser Abnutzung und Gleichgültigkeit führt. Mein Körper ist abgegriffen von seinen Berührungen, er ist abgeküsst von seinen Lippen und die Wiederholungen werden seltener, er versagt mir seine Komplimente. Und nichts ist schmerzlicher als seine Lippen, die sich den meinen entziehen, mich nicht mehr küssen mögen, nichts ist demütigender als sein weiches Geschlecht, das mich nicht mehr will.

Ich liege neben ihm, dem jungen Mann, den alle für ‚zu jung‘ für mich halten und weine, wenn er eingeschlafen ist. Ich weine über das Ausbleiben seiner Berührungen, das Erschlaffen meiner Haut, ich weine über die Stärke seiner Begierde, die vorbei ist, ich weine darüber, dass ich mich jetzt erst wirklich alt fühle, neben ihm, der mich einst verjüngt hatte und der sich nun meinem abgenutzten Körper verweigert. Und doch liebe ich ihn, kann ihn nicht verlassen, muss mich täglich dieser Demütigung aussetzen und fürchte, dass er irgendwann gehen wird.

Nur manchmal, in guten Momenten, lächle ich und sage zu mir: Eigentor! Du wolltest begehrt werden von einem Jungen, Dich durch ihn verjüngen und schläfst jetzt unbegehrt neben einem, der Dir Dein Altern erst vor Augen führt. Selbst Schuld, denke ich dann, Du hättest hören sollen auf die Entrüstung in den Stimmen Deiner Freundinnen, Kollegen, Deiner Mutter, nur einmal, Du hättest Dich nicht verlieben, nicht süchtig werden dürfen und Du hättest es wissen müssen, dass auch Beziehungen altern, nicht nur Du, müder werden und schlaffer und sich abnutzen und dass nichts hilft dagegen.

Geschrieben in Prosa | 3 Kommentare
blogoscoop