Neue Netze

Das neue Netz? – Tagung an der Universität Bamberg 20.-22. September 2007
Technorati: dnn2007

Eigentlich gehöre ich ja gar nicht dazu. Ich bin weder Soziologin, noch Kommunikations-, Medienwissenschaftlerin, Informatikerin oder ähnliches, wie die meisten hier. Ich halte keinen Vortrag, ich beschäftige mich auch sonst nicht wissenschaftlich mit dem Web 2.0 und bin eigentlich davon ausgegangen, dass ich das Zuhören durchaus mit eigenem Lesen oder Schreiben unterbrechen würde. Aber mein Block und mein Buch ruhen in meiner Tasche aus. Irgendwie wird alles viel zu interessant.

Am Ende des Tages bildet man einen Stuhlkreis, es soll diskutiert werden, es stottert erst und holpert, dann läuft es an und die Diskussion gewinnt an Fahrt, wird engagiert und auch ein klein wenig emotional, die Blickpunkte der verschiedenen Disziplinen prallen tatsächlich produktiv aufeinander. Da treten ganz dezent die unterschiedlichsten Dialekte zum Vorschein, es wird sanft gesächselt und Wienerisch gesprochen zum Niederknien. Und es keimt zwischendurch kurz das Gefühl auf, dass das hier ein klitzekleiner Teil der Geschichte ist. Irgendwie ist ja jeder Moment irgendwie Geschichte, hinterher, aber dieser vielleicht doch etwas mehr. Weil es etwas Neues ist, was hier gemacht und besprochen wird, ein wissenschaftlicher Diskurs über das ‚Neue Netz‘. Weil die hier zwar nicht die ersten sind, die sich an einer Definition versuchen, aber ihnen darin auch noch nicht gar so viele voraus gegangen sind und ein Ergebnis noch lange nicht absehbar ist. Ich gehöre eigentlich gar nicht dazu, aber jetzt bin ich Teil davon.

Was mich als Literaturwissenschaftlerin aber noch mehr interessieren würde, ist der Zusammenhang zwischen (literarischen) Blogs, weiblichem Sprechen und Authentizität. Erstens ist es ja wohl so, dass nach Jan Schmidt die Blogosphäre vorwiegend weiblich ist. Zweitens werden Blogs offenbar mit einem hohen Grad an Authentizität in Verbindung gebracht, d.h. es wird auch davon ausgegangen, dass es sich um mehr oder minder unzensiertes autobiographisches Sprechen (im Gegensatz zum fiktiven Sprechen) handelt. Drittens wird in den literaturwissenschaftlichen Gender-Studies davon ausgegangen, dass es zwischen Weiblichkeit und Autobiographie einen doppelten Zusammenhang gibt: erstens ermöglichen bestimmte literarische Moden, die ein scheinbar autobiographisches Sprechen ausstellen (wie etwa der empfindsame Briefroman des 18. Jahrhunderts) den Eintritt von Frauen in die Literatur. Dies auch, weil autobiographisches, authentisches, natürliches Sprechen immer schon mit dem Sprechen von Frauen in Zusammenhang gebracht wurde. Das hat nicht zuletzt mit der behaupteten Kultur – Natur Dichotomie zwischen Mann und Frau zu tun. Gerade der Briefroman ist dann ein Genre, das mit diesen Annahmen spielt, nämlich bewusst autobiographisches Sprechen fingiert. Es entsteht die Fiktion von Authentizität. Und dies noch einmal verstärkt, wenn es sich um eine weibliche Autorin handelt. Dann wird der Text oft sofort auf sie und ihr Leben zurückgelesen, der Text wörtlich genommen. Weibliches Schreiben erscheint identisch mit autobiographischem Schreiben, schon weil man Frauen ein fiktional-literarisches Schreiben gar nicht zutraut.

Was könnte man jetzt als Literaturwissenschaftler aus diesen Annahmen schließen? Dass, ganz platt gesagt, die Blogs die Briefromane der Moderne sind? Mit allen Chancen und Problemen? Autobiographisch/authentisch markiertes Sprechen, vorwiegend von Frauen? Ist die Blogosphäre deshalb weiblich geprägt, weil genau dieses Sprechen auch den Frauen den Zugang zu einer Autorposition erlaubt? Und umgekehrt, werden Blogs deshalb als autobiographisch gelesen, weil sie besonders häufig von Frauen geschrieben werden? Wie kommt es überhaupt zu dieser Verbindung von Blog und Authentizität? Wie erzeugen Blogs diese Fiktion von Authentizität? Oder ist es nur so, dass – ähnlich wie bei einer Wissenschaft 2.0 – bloß eine klare und anerkannte Markierung dafür fehlt, dass es sich jetzt um einen fiktionalen Text handelt? Wie sieht es aus, wenn ein Autor/eine Autorin bewusst mit dieser Fiktion von Authentizität spielt, etwa in literarischen Blogs?

Fragen über Fragen, mit denen sich wahrscheinlich noch niemand in der (deutschen) Literaturwissenschaft beschäftigt hat, oder? Antworten, Anmerkungen und Literaturtips bitte gerne hier!

20 Comments for “Neue Netze”

says:

Heyho, danke für den langen Beitrag! 🙂
Zum weiblichen vs. männlichen Sprechen hilft Dir folgender First-Monday-Artikel weiter:
http://tinyurl.com/28jaf8

Der Text ist quantitativ; folgender eher literaturwissenschaftlich:
Kathleen Fitzpatrick (2007) The Pleasure of the Blog: The Early Novel, the Serial, and the Narrative Archive. In: Blogtalks reloaded.

says:

Okay, das ist dann wohl tatsächlich schon so etwas wie Wissenschaft 2.0: ich formuliere vorsichtig erste Fragen und in kürzester Zeit kommen mir hier Literaturhinweise vom Fachmann ins Haus geflattert! So macht Arbeit doch Spaß! Danke dafür!

says:

Hallo Kaya,

Hast Du nicht mit über “Second Life” diskutiert?

Ja, Weblogs stehen in dieser Tradition authentischen Schreibens. Ich habe ja immer ein bißchen das Gefühl, dass z.B. auch der Leib von Bloggerinnen stärker thematisiert wird als bei Bloggern, also die Innerlichkeit körperlicher Erfahrung stärker zum Tragen kommt und als Merkmal authentisches Schreiben anzeigt. Aber eben auch die Narrativität solcher Blogs, im Gegensatz etwa zu jenem Kraftsportblog, den ich in meinem Vortrag dargestellt habe, der ja kaum ein Narrativ verlangt.
Anthony Giddens hat in seinem Buch “The Transformation of Intimacy” auch die soziologischen Gründe für die Koinzidenz von Weiblichkeit und autobiographischem Schreiben herausgestellt, und das später dann mit den Flugbahnen des Selbst verbunden, die mehr oder weniger das Ergebnis von life politics sind (allerdings ist das keine geschlechtsspezifische Kategorie mehr.)
Er zitiert da auch eine Studie aus den 70ern oder 80ern, die zeigen konnte, das männliche Teenager kaum eine zusammenhängende Geschichte von ihrem “Ersten Mal” erzählen können, während junge Frauen das ausnmalen können und führt das auf eine spezifische Mädchensozialisation zurück, die sich durch enge Freundschaften auszeichnet, in denen sich die Mädchen gegenseitig ganz viel erzählen.
Nun frag ich mich, a) warum ich jetzt bei Giddens lande, b) wenn ich das tue, inwiefern Weblogs z.B. Medien einer solchen Selbstsozialisation sind? Vielleicht müsste man mal gezielt Weblogs von weiblichen Teenagern untersuchen

says:

Hallo Lars, bei der Diskussion um ‘Second Life’ war ich leider nicht zugegen… Aber das mit der Narrativität von Blogs ist natürlich auch wieder ein schöner Mosaikstein, danke!

says:

Ja, sehr richtig, Marc hat mich auch eben erinnert, dass es ja auch teilweise um Second life ging, aber es ging ja auch um vieles andere, insofern dachte ich, Du meinst eine andere Second-life-Diskussion…

says:

Tatsächlich meinte ich auch eine andere und dachte zuerst an die zweite Mitdiskutandin, mit der ich vorher schon mal über second life (im Anschluß an mein Referat) diskutiert hatte.

says:

“Zweitens werden Blogs offenbar mit einem hohen Grad an Authentizität in Verbindung gebracht, d.h. es wird auch davon ausgegangen, dass es sich um mehr oder minder unzensiertes autobiographisches Sprechen (im Gegensatz zum fiktiven Sprechen) handelt.”

ja und nein, dass ist ja die sache. blogs werden, so jedenfalls mein eindruck, oft als “journalismus von unten” gesehen. und nicht als etwas literarisches. gleichzeitig wird den schreibenden der status des autoren oder der autorin abgesprochen, es wird alles, was dort steht, für bare münze genommen. probieren sie es mal aus, lesen sie blog x.) oder y.) mal als etwas ausgedachtes, wie bspw. ein roman. aber da sind sie bestimmt schon selbst drauf gekommen 😉

achso, für mich sind authenzität und fiktion nicht unbedingt widersprüchlich.

says:

Authentizität und Fiktion schließen sich sicherlich nicht gegenseitig aus, sind aber doch die entgegengesetzten Pole auf einer Geraden, auf der sich Texte einordnen lassen. Sehr interessant ist in diesem Kontext das Buch von Annette C. Anton: Authentizität als Fiktion. Briefkultur im 18. und 19. Jahrhundert, wo sie darstellt, dass Briefromane eben gerade die ‘Fiktion von Authentizität’ erzeugen. Genau dies meine ich auch bei Blogs feststellen zu können, auch wenn dies manchmal unabsichtlich geschieht (dann nämlich, wenn jemand wirklich fiktional schreibt, aber es als biographisch gelesen wird, woraus auch folgt, dass dem Schreiber eben die Autorposition verweigert wird). Da gewinnt dann das Medium (Briefroman oder Blog) so viel Macht, dass es auch gegen die Intention des Autors arbeiten kann.

says:

Hallo Kaya,

Danke für den Literaturtip.

Hast Du übrigens noch Literaturhinweise zur Briefkultur und zu den Briefromanen? Würde mich brennend interessieren!

says:

Hallo Lars, in der Wissenswerkstatt steht hier meine Abschlussarbeit zum Download bereit, darin gibt es ein Kapitel zum Briefroman mit viel Literatur, das würde sonst den Rahmen hier sprengen…

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