Vater

Das Messer in der Hand des Mannes nähert sich dem Fuß des kleinen, blonden Mädchens. Der Mann hält den Fuß des Kindes sehr fest. Es ist ein gutes Messer, ein scharfes. Sein Griff ist schwarz mit silbrigen Nieten und seine Klinge ist gebogen. Ein scharfgeschliffenes Messer, das man zum Stutzen der Weinreben benutzt, zum Abhacken der jungen Triebe, zum Ernten der Traubendolden.

Der Mann und das Mädchen sitzen auf dem Boden, auf der von der südlichen Sonne gelbgedörrten Wiese, wie Stroh, in kurzen Hosen und ihre Gesichter sind braun. Es ist sein Blau in ihren Augen und das Blond seiner Jugend in ihrem Haar. Sie ist vier und sieht ihn nicht an, sie blickt auf ihren Zeh, dem sich das schwarze Messer nähert. Sie wehrt sich nicht, sie sitzt still, ihr Fuß in der Hand des Vaters.

Keine Angst in ihrem Blick, sondern das größtmögliche Vertrauen, das blindeste. Keine Besorgnis auf ihrem Gesicht, nur Neugier, Konzentration. Und wenn Gott selbst es befähle, der Vater würde ihr auch nicht ein Haar krümmen. Unwiederholbar einmalig ist diese absolute Gewissheit des Kindes, dass ein Mensch ihr nur das beste will.

In der Annäherung des Messers liegt Zärtlichkeit. Es findet den Dorn im Zeh, es holt ihn hervor, befreit vom Schmerz, fügt keinen zu.

Sie schichten Holz fürs Feuer und grillen Lammfleisch und Courgettes, die ledrig werden wie Schuhsohlen. Sie blicken in den Himmel, als es dunkel wird und zählen Sterne und Sternschnuppen, auf dem Rücken liegend. Unwiederbringliches Aufgehobensein in den Armen des Vaters.

Mein Vater hat heute sechzigsten Geburtstag und es ist nur das beste, was ich ihm wünsche.

Anmerkung: Genesis 22,1-19

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