Stierkampf

Stierkampf

Ich denke nach über Stierkämpfe,
wie sie jeden Sommer ganze Städte
in den Taumel eines großen Fests versetzen,
bei dem tagelang alle Straßen bunt sind,
voller rot-gelber Fahnen, Wimpel,
geschwenkter Halstücher und Strohhüte,
Tage, an denen es so heiß ist, dass die Zeit stillsteht,
ein ganzes Städtchen in Blutdurst verfällt und
alle Gassen süß duften:
nach Hitze, Schweiß, dem Blut der Tiere
und gebratenen Stierhoden.

Ich denke an die Matadore,
die tänzelnd den Tod bringen,
ihre Pirouetten, den Hüftschwung,
die reiche Verzierung ihrer Kleider,
die Männer, die das Töten üben müssen
– es ist nichts, was man einfach so könnte –
die also das Töten üben müssen
in Kämpfen mit kleinen Stieren,
in vielen Versuchen.

Ich denke an den Moment des Tötens,
der einen nur Augen sein lässt
und Ohren für Applaus und Fanfaren,
wie der Atem stillsteht,
das Blut auf den Sand der Arena fällt und ihn
von goldgelb in schwarzrot verfärbt,
bis die abgeschnittenen Ohren des Stiers
unter Jubel in die Höhe gereckt werden und
der Matador auf den Schultern der jauchzenden Menge
hinausgetragen wird.

Und ich überlege, ob es bei Ratgeb dasselbe war:
seine Hinrichtung auch ein Höhepunkt im Jahreslauf,
ein Spiel mit klarem Ausgang,
ein Spektakel fürs Volk,
ob ganz Pforzheim auf den Beinen war,
unter Glockengeläut zum Richtplatz eilte,
in Blutdurst verfallen, auch hier
ein Fest, der Taumel der Zuschauer,
der süße Geruch in den Gassen.

Ich frage mich, ob die Scharfrichter ihre
auffallend roten Gewänder trugen,
warum sie geächtet und nicht gefeiert wurden
oder von manchen heimlich doch,
ob auch sie das Töten haben üben müssen
und an wem,
ob auch Ratgeb
die Ohren vom Kopf geschnitten bekam
und diese im Triumph
in die Höhe gereckt wurden,
nachdem sein Blut
den Boden schwarzrot verfärbt hatte.

Ich überlege, ob Ratgebs Hinrichtung
nicht grausamer war,
als man es einem Stier zumutet,
und ob ich, fasziniert wie beim Stierkampf,
in den Jubel eingestimmt hätte, ganz
im Moment des Tötens versunken wäre
und mich nicht gefragt hätte,
was richtig ist oder falsch.

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Diesen Text habe ich am 26. September 2026 in der Johanniskirche Schwäbisch Gmünd gelesen, bei der Benefizlesung „Maler, Mittler, Märtyrer“ des Gmünder Autorenkreises. Vierzehn Autorinnen und Autoren haben sich dort Jerg Ratgeb genähert, dem Gmünder Maler und Bauernkanzler, der vor 500 Jahren in Pforzheim gevierteilt wurde. Begleitet wurden sie von Orgelmusik und einem leibhaftigen Ratgeb.

Wie der Abend war, erzähle ich hier.

Der Koffer

Der Koffer

Das Gute an Bahnhöfen ist, dass man mit einem Koffer nicht auffällt. Sie hat einen Koffer, einen Rucksack und ein Deutschlandticket für diesen August. Sonst nichts. Aber das fällt an Bahnhöfen und in Zügen nicht auf.

Sie muss sich bemühen, schnell genug zu gehen, nicht zu trödeln. Wie eine normale Reisende. Sie darf nicht stehen bleiben. Und wenn doch, dann tut sie so, als würde sie auf jemanden warten. Sie stellt es sich so intensiv vor, dass sie die Menschen vor Augen hat, auf die sie wartet. Sie hält Ausschau. Manchmal merkt sie erst nach einer halben Stunde, dass die Menschen, auf die sie wartet, nicht kommen. Weil es sie nicht gibt, nie gegeben hat. Dann ist sie kurz enttäuscht. Aber das macht nichts, sie ist nicht aufgefallen, sie hat überzeugend genug gewartet.

Das mit den Toiletten ist auch schwierig. Sie darf den Koffer auf keinen Fall aus den Augen lassen. Die Toiletten in Zügen sind meist so eng, dass es ihr kaum gelingt, mitsamt ihrem Koffer hineinzugehen. Bahnhofstoiletten sind besser, aber auch dort erntet sie befremdete Blicke, wenn sie ihren Koffer mit in die Kabine nimmt. Sie muss schnell weitergehen, sobald sie die Toilette verlässt.

Die Gesichter der Menschen, die ihr begegnen, kommen ihr manchmal seltsam vertraut vor. Und sie weiß nicht, wieso. Ist sie ihnen tatsächlich schon öfter begegnet bei ihren Streifzügen? An diesem oder einem anderen Bahnhof? Kennt sie das Gesicht von früher? Das wäre das Schlimmste. Oder gehören sie nur zu jenen imaginierten Menschen, auf die sie schon einmal intensiv gewartet hat?

Manchmal macht sie sich also Sorgen, wenn sie jemandem begegnet, dessen Gesicht sie zu kennen glaubt. Und andererseits gehört es zu ihren liebsten Momenten, wenn sie ein vertrautes Gesicht sieht. Wenn die Person kein Anzeichen des ihrerseitigen Erkennens verrät, dann ist sie glücklich, dann lächelt sie.

Vielleicht ist es auch nur der Hunger, die Schwäche. Immer wieder fährt sie ein paar Haltestellen mit der Regionalbahn. Oft lassen die Menschen einen Rest ihres Proviants liegen, stecken etwas zurück in die Bäckertüte. Manchmal traut sie sich, eine der Suppenküchen in einer Bahnhofsmission aufzusuchen. Sie kann nur nicht lang bleiben und darf nicht auffallen, der Koffer immer an ihrer Seite.

Vielleicht ist es auch, weil sie zu wenig schläft. Ihre Tage erfordern viel Planung. An einem kleinen Bahnhof, an dem nachts keine Züge fahren, kann sie nicht bleiben. Hier kann sie nicht einmal ihren Anschlusszug verpasst haben, keine gute Ausrede, wenn sie angesprochen würde.

Es müssen große Bahnhöfe sein, auf denen sie die Nacht verbringt. Sie, ihr Koffer und ihr Rucksack. Den Bahnhof zu verlassen, ist ausgeschlossen. Sie darf nicht auffallen. Das Gute an Bahnhöfen ist, dass man mit einem Koffer nicht auffällt.

Sie hat keine Ahnung, was in dem Koffer ist. Sie hat ihn noch nie zu öffnen gewagt.