Silvester-Geschichte

Silvester-Geschichte

Eigentlich sind es ja die größten Idioten, die Silvesterböller schon Tage vor dem Jahreswechsel zünden und knallen lassen. Das sind die, die irgendwas nicht verstanden haben, die nicht warten können, die kein Benehmen haben und ihren Mitmenschen ohne weiteres auf den Geist gehen. Es sind die, die sich nicht um die Schönheit mancher Traditionen und nicht um Rücksichtnahme auf verschreckte Haustiere scheren. Irgendwelche Volltrottel oder meinetwegen Kinder.

Aber es gibt auch Ausnahmen. Als sie mir sagte, dass sie Silvester nicht mehr erleben würde, war so eine. Sie war ganz ruhig dabei, sie sah mir fest in die Augen, aber ich glaube, ihre Stimme zitterte doch ein wenig. Ich wusste nicht, wie ich reagieren, was ich ihr antworten sollte, aber sie erwartete auch weder Reaktion noch Antwort. Sie sah mir weiter in die Augen und sagte: “Schenkst Du mir ein Feuerwerk, ein letztes?” und ich brauchte nur zu nicken.

Es war nicht schwer, die Feuerwerkskörper zu besorgen, mir ein Arrangement zu überlegen, das große Feld am Waldrand zu finden und sie hinzufahren. Es war nicht schwer, alles aufzubauen und sie dann in die Mitte der Wiese zu führen. Es war nur schwer, die Feuerwerkskörper dann zu zünden, mit all den Tränen in den Augen. Es war schwer ihr zuzusehen, wie sie in den Himmel blickte mit den großen Augen eines begeisterten Kindes, mit dem geöffneten Mund eines glücklichen Mädchens, bis der letzte Funken am Himmel versprüht war. Und das schwerste war, sie zurückzufahren und zu wissen, dass es nun vorbei war, ihr letztes Feuerwerk, ihr allerletztes, schon viele Tage vor Silvester.

Vom Südwind

Manchmal, wenn die Nacht tief und dunkel ist und der Wind aus Süden weht, von dorther, wo Du bist, Iolanda, dann trägt jener Südwind das Rattern eines Zugs in seinen engen Gleisen zu mir und sein Warnsignal von fern. Dann denke ich an Dich und daran, wie einfach es wäre, jenen Zug zu besteigen, der nach Süden fährt und zu Dir, wie einfach es wäre und wie leicht es mir fällt, es nicht zu tun. Ich vermisse Dich nicht, Iolanda, ich vermisste Dich nie. Ich vermisste nie den Geruch Deiner Haut, nicht Dein weiches Fleisch, nicht die Wärme Deines Körpers in der Nacht, wenn der Zug vorbeifuhr und uns weckte mit seinem Signal und Du Dich an mich schmiegtest, bis Dein Atem wieder ruhig ging. Ich vermisse nicht das Leben neben den Zuggleisen und nicht das Leben mit Dir. Es war so leicht Dich zu verlassen, Iolanda.

Nur wenn der Südwind das Geräusch des Zuges zu mir trägt, dann denke ich an Dich und das Bahnwärterhäuschen neben den Gleisen, in dem wir lebten. Ich denke an den Dreck, in dem wir hausten, das schmutzige Geschirr im Spülbecken und die verstreute Kleidung auf dem Holzfußboden, die leeren Flaschen überall, ich denke an die ehemals weißen Gardinen, die der Südwind aus den offenen Fenstern flattern ließ, als wolle er dem Häuschen Flügel wachsen lassen. Du erzähltest mir von der Liebe, Iolanda, und wie sie Dich betrogen und verletzt hatte, immer wieder erzähltest Du von der unglücklichen Liebe; Du trankst dabei, trankst an gegen den Kummer und gegen die Kälte des Nordwinds. „Nach Süden,“ sagtest Du, den Kopf rücklings über das Fensterbrett aus dem Fenster des Bahnwärterhäuschens hängend, wenn der Zug vorbeirauschte, „nach Süden müsste man, einfach in den Zug steigen und nach Süden.“

Und Dein Blick blieb hängen im Blau des Himmels und in den Wolken, während das Rattern des Zugs in den engen Gleisen unsere Ohren betäubte. Du fuhrst nicht, Iolanda, sondern wir liebten uns, betäubt vom Wein, auf dem Bretterboden des Häuschens, das zitterte vom Vorbeifahren der Züge. Es war so leicht Dich zu verlassen, den Zug nach Norden zu nehmen und zu gehen, fort von Dir, fort vom Häuschen an den Gleisen, fort von unserem Leben und fort von Deinem Blick in den Himmel, wenn Du betäubt vom Süden träumtest. Noch nie warst Du im Süden gewesen, aber immer hattest Du ihn vermisst, diesen Süden, der Deine Hoffnungen barg und voll Deiner Träume hing, eben deshalb, weil Du ihn nicht kanntest.

Der Wind blies aus Norden, als wir uns das erste Mal trafen und Du weintest, weintest am Grab Deines Vaters, wie ich am Grab meines Vaters hätte weinen sollen, aber ich konnte nicht, Du weißt warum. Du weintest und warst betrunken, Dein verwischter Blick und Dein Schwanken, ich musste Dich festhalten, Iolanda, beinahe wärst Du gestürzt, zu unseren Vätern ins Grab, die da nebeneinander in ihren ausgehobenen Gruben lagen. Die nebeneinander lagen, weil sie sich gegenseitig fast totgeschlagen hatten, im Suff und liegen geblieben waren, Seite an Seite, in der Kälte des Nordwinds und bewusstlos erfroren. Gemeinsam hatten sie sich betrunken, gemeinsam hatten sie nach Hause gehen wollen, gemeinsam lagen sie nun in den Gruben.

Ein scharfer Wind kam aus Norden und der Friedhof war schon ganz winterlich und kahl, aber Du wolltest bleiben und ich hielt Dich fest, ohne Tränen für meinen Vater, der von Deinem totgeschlagen worden war, der Deinen totgeschlagen hatte, nach ihrem letzten Besäufnis. Ich hielt Dich und dann nahmst Du mich mit zu Dir ins Bahnwärterhäuschen an den Gleisen, das Deinem Vater gehört hatte, und ich blieb. Du erzähltest mir von der Liebe, Iolanda, und dass Dein Vater Dich geliebt hätte. Ich sagte, dass auch er Dich nur ausgenutzt und missbraucht hätte wie die anderen Männer. Du weintest, Du nicktest, schütteltest den Kopf. Dein Vater hätte sich wenigstens für Dich interessiert, sagtest Du, hätte sich um Dich gekümmert, auf Dich aufgepasst, unter Schluchzen.

Ich kümmerte mich um Dich, ich passte auf Dich auf, wie Dein Vater, und ich drang ein in Dein weiches Fleisch und ließ mich nachts von Dir wärmen, ließ mir die Narben auf meinem Rücken küssen von Dir, trank mit Dir und hörte Dir zu, wenn Du vom Süden erzähltest und von der Liebe. Und Du warst so dankbar, Iolanda, dass ich mich schämte. Es war so leicht zu gehen, nach Norden, als ich genug von Dir hatte, Iolanda, von Deinem warmen Fleisch, Deinen Träumen und dem Bahnwärterhäuschen, in dem uns nachts das Rattern der Züge in ihren engen Gleisen weckte, es war so leicht.

Nur wenn der Südwind weht, in einer Nacht, die tief und dunkel ist, dann denke ich an Dich und wie Du auf dem Holzfußboden liegst und der Zug stößt sein Warnsignal aus und der Nordwind weht die Gardinen aus den Fenstern als wolle er das Bahnwärterhäuschen zum Fliegen bringen.