Der Koffer

Der Koffer

Das Gute an Bahnhöfen ist, dass man mit einem Koffer nicht auffällt. Sie hat einen Koffer, einen Rucksack und ein Deutschlandticket für diesen August. Sonst nichts. Aber das fällt an Bahnhöfen und in Zügen nicht auf.

Sie muss sich bemühen, schnell genug zu gehen, nicht zu trödeln. Wie eine normale Reisende. Sie darf nicht stehen bleiben. Und wenn doch, dann tut sie so, als würde sie auf jemanden warten. Sie stellt es sich so intensiv vor, dass sie die Menschen vor Augen hat, auf die sie wartet. Sie hält Ausschau. Manchmal merkt sie erst nach einer halben Stunde, dass die Menschen, auf die sie wartet, nicht kommen. Weil es sie nicht gibt, nie gegeben hat. Dann ist sie kurz enttäuscht. Aber das macht nichts, sie ist nicht aufgefallen, sie hat überzeugend genug gewartet.

Das mit den Toiletten ist auch schwierig. Sie darf den Koffer auf keinen Fall aus den Augen lassen. Die Toiletten in Zügen sind meist so eng, dass es ihr kaum gelingt, mitsamt ihrem Koffer hineinzugehen. Bahnhofstoiletten sind besser, aber auch dort erntet sie befremdete Blicke, wenn sie ihren Koffer mit in die Kabine nimmt. Sie muss schnell weitergehen, sobald sie die Toilette verlässt.

Die Gesichter der Menschen, die ihr begegnen, kommen ihr manchmal seltsam vertraut vor. Und sie weiß nicht, wieso. Ist sie ihnen tatsächlich schon öfter begegnet bei ihren Streifzügen? An diesem oder einem anderen Bahnhof? Kennt sie das Gesicht von früher? Das wäre das Schlimmste. Oder gehören sie nur zu jenen imaginierten Menschen, auf die sie schon einmal intensiv gewartet hat?

Manchmal macht sie sich also Sorgen, wenn sie jemandem begegnet, dessen Gesicht sie zu kennen glaubt. Und andererseits gehört es zu ihren liebsten Momenten, wenn sie ein vertrautes Gesicht sieht. Wenn die Person kein Anzeichen des ihrerseitigen Erkennens verrät, dann ist sie glücklich, dann lächelt sie.

Vielleicht ist es auch nur der Hunger, die Schwäche. Immer wieder fährt sie ein paar Haltestellen mit der Regionalbahn. Oft lassen die Menschen einen Rest ihres Proviants liegen, stecken etwas zurück in die Bäckertüte. Manchmal traut sie sich, eine der Suppenküchen in einer Bahnhofsmission aufzusuchen. Sie kann nur nicht lang bleiben und darf nicht auffallen, der Koffer immer an ihrer Seite.

Vielleicht ist es auch, weil sie zu wenig schläft. Ihre Tage erfordern viel Planung. An einem kleinen Bahnhof, an dem nachts keine Züge fahren, kann sie nicht bleiben. Hier kann sie nicht einmal ihren Anschlusszug verpasst haben, keine gute Ausrede, wenn sie angesprochen würde.

Es müssen große Bahnhöfe sein, auf denen sie die Nacht verbringt. Sie, ihr Koffer und ihr Rucksack. Den Bahnhof zu verlassen, ist ausgeschlossen. Sie darf nicht auffallen. Das Gute an Bahnhöfen ist, dass man mit einem Koffer nicht auffällt.

Sie hat keine Ahnung, was in dem Koffer ist. Sie hat ihn noch nie zu öffnen gewagt.

Irgendetwas stirbt, aber der Wind weht

Irgendetwas stirbt, aber der Wind weht

Kurz vor der Dorfmitte hängen an den Häusern noch die grauen Satellitenschüsseln, die man für augestorben hielt, beim Haus daneben sind alle Rolläden heruntergelassen, weiß an weißer Fassade, die Einfahrt zugewuchert, die Wiese im Vorgarten bauchnabelhoch, aber da blüht noch ein Rosenbusch. Irgendwo weht eine Deutschlandfahne auf Halbmast und man fragt sich, ob das Absicht ist.

Am Straßenrand steht ein graues Auto mit weißem Band um den Griff der Beifahrertür, die Leute heiraten also noch. Eine Frau mit delligen, geröteten Oberarmen recht ihren Rasen zusammen, ein Rasenmäher springt an, die Gartenarbeit muss man am Samstag erledigen.

Die alte Dorfeiche überschattet die gesamte Dorfmitte, die aus der Kreuzung Post- und Schillerstraße besteht, mit Schiller hat das Dorf nun wirklich nichts zu tun. Der Wind tobt raschelnd durch die Blätter der himmelhohen Eiche und jemand hat die Regenbogenfahne aufgehängt, ein Gegengewicht, immerhin. Die Post hat schon geschlossen, keine Nachricht dringt mehr nach außen. Der Dorfladen schließt samstags um 12:30 Uhr, genauso die Bäckerei, in der nicht mehr selbst gebacken wird.

„Also, geschafft!“, sagt eine der Verkäuferinnen, während sie abschließt, den Laden und das Gespräch. Ein Tisch steht noch vor der Bäckerei, aber kein Stuhl.

Im Getränkemarkt kann man noch bis 13 Uhr Lotto spielen, dann beendet der einzelne Glockenschlag auch dieses Vergnügen, der größte Kapitalist wird sein Geld nicht mehr los. Dann gibt es nur noch den Automaten, eingebaut in einen gekachelten Raum, in dem es noch nach der Metzgerei riecht, die schon vor Jahren dicht gemacht hat. Wurstsalat, Fleischküchle, Maultaschen, Spätzle, Kartoffelsalat und Bratensoße in verschiedenen Größen kann man da holen.

Der Fortschritt hat aber auch veganes Alblinsencurry in den Kühlautomaten geweht, dessen Kühlzyklus plötzlich beendet ist und eine gespenstische Ruhe hinterlässt. In der Ecke steht ein Gummibaum aus den 80ern. Die Dorfkneipe öffnet am Samstag erst gar nicht, jeder muss zu Hause saufen. Die leeren Flaschen stellt man dann neben den drei überfüllten Containern ab.

Rote Straßenschilder weisen den Weg zum Uhrmachermeister, der schon lange tot ist. An der Bushaltestelle warten zwei Menschen, die sich nicht ansehen, sie steigen in den Bus, niemand steigt aus, alle wollen nur weg von hier. Die Frau hat einen Koffer dabei, die kommt nicht wieder. Als der Bus weg ist, hört man wieder nur Vogelgezwitscher, Bienensummen und das Rauschen in der Eiche.

Eine Krähe krächzt, der Rotmilan, der über der Kreuzung kreist, schreit seinen Raubvogelruf hinaus. Mittagsruhe wie in einem italienischen Dorf im Hochsommer, nur ohne jede Lebenslust. Der Asphalt ist rissig und hier und da holt sich die Natur ihre Rechte zurück, Gras und Löwenzahn wachsen in den Fugen und an den Rändern. Eine Schwebfliege setzt sich auf meine Notizen.