Jerg Ratgeb in der Johanniskirche – Lesung mit dem Gmünder Autorenkreis
Vor 500 Jahren wurde der Gmünder Maler Jerg Ratgeb in Pforzheim gevierteilt. Am 26. September haben wir ihn zurückgeholt: in die Johanniskirche, mit vierzehn Texten, Orgelmusik und einem Ratgeb aus Fleisch und Blut. Ich war dabei. Und ich habe gefroren.
Mein Körper ist längst wieder zu Hause (und inzwischen auch aufgetaut), aber mit den Gedanken sitze ich immer noch in der Gmünder Johanniskirche. Bei der Benefizlesung „Maler, Mittler, Märtyrer“ durfte ich wieder mit dem Gmünder Autorenkreis lesen. Und ich habe es sehr genossen. Jaaa, trotz allem. (Mehr dazu weiter unten.)
Wer war Jerg Ratgeb?
Jerg Ratgeb ist ein Gmünder Kind, am Haus des Weltladens erinnert heute eine Gedenktafel an ihn. Er war einer der eigenwilligsten Maler seiner Zeit. Sein bekanntestes Werk ist der Herrenberger Altar, und dort ist die Passion so drastisch und farbgewaltig gemalt, dass man nicht einfach daran vorbeigehen kann. Auch 500 Jahre später nicht.
Im Bauernkrieg 1525 stellte er sich auf die Seite der Aufständischen und wurde ihr Kanzler, also ihr Sprecher und Vermittler. Bezahlt hat er dafür mit seinem Leben: 1526 wurde er in Pforzheim hingerichtet, gevierteilt von vier Pferden. Maler, Mittler, Märtyrer. Treffender kann man es kaum sagen.
Vierzehn Stimmen, ein Mann
Vierzehn Autor:innen haben sich diesem Mann genähert, jede und jeder von einer anderen Seite. Es gab Gedichte und Kurzprosa, ein fiktives Interview und eine Pressemitteilung aus der Zukunft. Ratgebs Frau erzählte ihre eigene Geschichte, die Leibeigenen bekamen eine Stimme, und einmal wurde Ratgeb kurzerhand ins Jahr 2056 geschickt. Und die vier beteiligten Pferde haben sich unterhalten. Ja, genau diese vier Pferde.
Bei manchen Texten musste ich lächeln, andere lagen mir wie ein Stein im Magen. Eine Frage tauchte immer wieder auf, jedes Mal ein bisschen anders: Was würde Ratgeb heute fordern? Ich habe gestaunt, wie weit sich ein einziges Thema öffnet, wenn man es vierzehn Menschen in die Hände legt.
Orgel und ein Ratgeb aus Fleisch und Blut
An der Orgel saß Kirchenmusikdirektor Stephan Beck. Er hat improvisiert und jeden Text so aufgefangen, dass zwischen den Lesungen nie Leere entstand. Mal klang es tröstlich, mal so düster, dass ich mich unwillkürlich tiefer in meinen Stuhl gedrückt habe.
Und dann war da noch Daniel Sethaler. Oder besser: Jerg Ratgeb. Im historischen Gewand wandelte er durchs Kirchenschiff, lag uns zu Füßen (ganz wörtlich) und hörte zu. Nur in Marianna Posselts fiktivem Interview gab er selbst Antwort, ansonsten blieb er still. Trotzdem war er der Mittelpunkt des Abends. Beim Lesen habe ich manchmal fast vergessen, dass Ratgeb nicht wirklich zurückgekommen ist.
Mein Text: Stierkampf
Mein eigener Beitrag handelt von Stierkämpfen. Von Festen, bei denen getötet wird. Von Matadoren, die das Töten üben müssen. Und von der Frage, ob eine Hinrichtung vor 500 Jahren nicht genauso ein Spektakel fürs Volk war. Am Ende bleibt eine ziemlich unbequeme Frage übrig, und die geht an mich selbst: Hätte ich mitgejubelt?
Hier könnt ihr meinen Text „Stierkampf“ nachlesen.
Ein Wort zur Temperatur
Eins muss ich der Ehrlichkeit halber noch loswerden: In der Johanniskirche war es kalt. Nicht frisch, nicht kühl. Kalt. So kalt, als hätten die romanischen Mauern den letzten warmen Tag irgendwann im 13. Jahrhundert eingelagert und seither nie wieder herausgerückt. Meine roten Stiefel haben tapfer durchgehalten. Meine Zehen? Nun ja.
Falls ihr also zur nächsten Lesung in die Johanniskirche kommt: Nimm eine Decke mit. Oder zwei. 😉
Danke
Gelesen haben mit mir Holger Kaposty, Dorothee Wimmer, Anja Krüger, Julia Häfner, Gise Kayser-Gantner, Jutta von Ochsenstein, Hermann Schöllkopf, Rebekka Bahlinger, Melanie Pröhl für Mona Kirschner, Marianna Posselt, Ute Schwarting, Wilhelm Lienert und Marie Baumann. Es war so schön, wieder neben euch zu lesen und euch zu lauschen!
Veranstaltet haben den Abend der Münsterbauverein und der Gmünder Autorenkreis. Danke an alle, die der Kälte getrotzt und für den Münsterbauverein gespendet haben.
Die Fotos sind wie immer von meinem Mann Marc Scheloske. Er hat den ganzen Nachmittag mit der Kamera in dieser Kälte ausgeharrt und trotzdem ruhige Hände behalten. Respekt!





