Ein ♥ für Blogs – Empfehlung meiner Lieblingsblogs

So, das wird jetzt schwierig. Zu dieser Aktion hat der StyleSpion aufgerufen und es geht darum, die (u.a. durch Twitter verursachte) Blogkrise wieder ein bisschen abzufangen, hoffentlich mit folgendem Ergebnis: “Im Idealfalle entdecken wir alle neue Perlen und sorgen dafür, dass man sich untereinander ein wenig vernetzt (ja, so wie früher!).” Und ich kann mich nun nicht so recht entscheiden, wie viele meiner Lieblingsblogs ich euch zumuten kann und soll.

Über literarische Blogs habe ich ja vor einiger Zeit schon geschrieben, da wurde eigentlich das meiste genannt, was mich in dem Bereich interessiert und anspricht. Nochmal hervorheben will ich vielleicht die Niemandslandtage, auch wenn diese zur Zeit nur sporadisch befüllt werden. Was mir auch immer großes Vergnügen macht, das sind die Texte bei passe.par.tout und bei melancholie modeste. Nicht vergessen darf man natürlich auch meine Fast-Nachbarin Frau Kaltmamsell. Und für alle Wissenshaftsinteressierten möchte ich noch ein relativ neues Blog empfehlen, das täglich drei der spannendsten Beiträge (in Blogs und Online-Medien) aus der Wissenschaft vorstellt und kurz beschreibt, es nennt sich 3vor10.

Naja, und dann gibt es auch noch jede Menge andere, die ich lese und mag (sonst läse ich sie ja nicht), aber dazu vielleicht ein andermal bzw. bei meinen Lesezeichen.

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Schreiben ins Nichts

Kennt ihr das, wenn am Computer irgendein Fenster auf ist und ihr fröhlich lostippt, um irgendwas in ein Feld zu schreiben? Und dann seht ihr auf und bemerkt, dass das, was ihr getippt habt, nirgendwo steht? Das gemeinte Feld war nicht angeklickt. Ihr habt zwar geschrieben, aber es ist nirgendwo angekommen, die Worte oder Sätze stehen nirgendwo geschrieben, sind einfach verschwunden in den Untiefen des Computers, verschwunden im Nichts.

Ich frage mich manchmal, was mit diesen Worten, mit diesen angefangenen Sätzen passiert, die man ins Nichts schreibt. Ob sie irgendwo gespeichert werden, an einer geheimen Stelle im Computer, in seiner Abstellkammer? Oder ob sie zentral irgendwo gesammelt werden, all diese ins Nichts geschriebenen Sätze der Menschen? Ob es einen Ort gibt, an dem sich Worthaufen befinden, all die Sätze gestapelt, die nirgendwo angekommen sind? Oder ob das Nichts selbst sich langsam anfüllt mit diesen Worten, die geschrieben wurden, aber verloren gegangen sind?

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Twitterweisheiten

Auch ich komme immer öfter in die Verlegenheit, twitterabstinenten Freunden erklären zu müssen, was Twitter eigentlich sei. Wie ein Blog ist auch Twitter zuerst einfach mal ein Medium, ein Kommunikationsinstrument (und das sagt erstmal überhaupt nichts über die Qualität aus). Zwar steht über den jeweils verfügbaren 140 Zeichen die vorgegebene Frage “What are you doing?”, ob oder ggf. wie man diese Frage aber mit seinem Tweet (so heißt die einzelne Äußerung in Twitter) beantworten will, bleibt einem durchaus selbst überlassen. So reicht also die Bandbreite, wie man Twitter füllen kann – wie bei Blogs – von banalem (und oft dennoch interessantem) Alltagsgeschwätz über das Essen, die Katzen und das Fernsehprogramm bis hin zu hochwertigen Wortspielen, Aphorismen und jetzt eben auch ‘Twitterweisheiten’.

Alles begann gestern mit einem kleinen Gesprächsgeplänkel zwischen der (Wissens-)Werkstatt und dem guten Bosch, der schrieb:

Ein Tag ohne neue Follower ist ein verlorener Tag. #twitterweisheiten

worauf die (Wissens-)Werkstatt antwortete:

Der nächste Tweet ist immer der Schwerste! #twitterweisheiten

Damit war also eher zufällig der Begriff und die Idee der ‘Twitterweisheiten’ geboren, die sich in der Folge eines heftigen Zuwachses erfreuen durften. Einen Überblick (der immerzu aktualisiert wird) findet man dazu auf Summize unter dem Suchbegriff Twitterweisheiten. Von Fußballtweets und Sprichwörtern war man dann bald auch zur Twittersophie gelangt und es gab einen kleinen Durchlauf durch die Philosophiegeschichte, von den Vorsokratikern Heraklit und Xenophanes über den Sophisten Protagoras und Sokrates schließlich auch zu Aristoteles. Man löste sich aber auch von den Griechen und stieß über Kant bis zu Heidegger, Camus, mehrmals sogar Wittgenstein (woraufhin der Titel Twittgenstein verliehen wurde) und auch zu Deleuze vor.

Besonders freut mich, dass unsere Twitterweisheiten schon weltweit Anhänger gefunden haben und von Isabella Mori (moritherapy) inzwischen in einem sehr vergnüglichen Blogpost teilweise ins Englische übersetzt wurden. Daraufhin musste ich natürlich auch gleich eine englische Twitterweisheit tweeten. In der Literatur wären hier noch einige Lücken zu füllen (nur Heine tauchte schon auf), auch Bibelzitate waren bisher noch spärlich gesät, aber die guten alten Sprichwörter sind ja auch einfach schön, wie dieses hier von textundblog:

Reden ist Silber, Twittern ist Gold. #twitterweisheiten

In diesem Sinne wünsche ich euch ein besinnliches Wochenende, es lohnt sich sicher, hier in den Twitterweisheiten zu blättern und ab und an wieder hineinzuschauen, was uns Neues eingefallen ist. Und für die, die selbst (noch) kein Twitter haben: hinterlasst doch eure Twitterweisheiten einfach hier in den Kommentaren, ich twittere sie dann sehr gerne stellvertretend für euch! Hier im Blog klappt das jetzt übrigens auch endlich besser, dass meine letzten Tweets rechts unten angezeigt werden.

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Von Bibliotheken

Ich liebe ja Bücher über alles. Ich mag sie in der Hand halten und spüren, ich mag in ihnen blättern, ich mag sie ‘begreifen’, ihren Einband und die einzelnen Seiten, ich mag sie rascheln hören und ihren Geruch atmen. Und ich will Bücher, die ich lese, auch immer am liebsten besitzen, ausleihen ist nicht so meins. Um ehrlich zu sein, gehe ich aber dann auch nicht gut mit meinen Büchern um (also ist es auch besser, wenn sie nicht ausgeliehen sind), es dürfen ruhig Eselsohren hinein, meine Bücher werden aufgeschlagen unsanft auf den Bauch gelegt, meine Bücher werden mit in die Badewanne genommen, mit zum Frühstück, mit an den Strand.

Für mich sind sie dann aber nicht ‘beschädigt’, für mich sind sie dann erst so richtig ‘mein’, erobert durch den sichtbaren Gebrauch. Ich mag die von der Feuchtigkeit zerknitterten Seiten, die gebrochenen Buchrücken, die Wasser-, Kaffee-, Marmeladen- oder Tomatensoßenflecken, ich mag den Sand, der noch Jahre später beim Aufschlagen herausrieselt und die plattgedrückten Mücken, die ich mit dem Buch gefangen habe. Ich mag es, wenn man auf den ersten Blick sieht: oh, dieses Buch ist nicht neu, es wurde gelesen, es wurde geliebt.

In manchen Phasen meines Lebens habe ich so viele Bücher erstanden (natürlich mehr als ich lesen konnte), dass jemand einmal zu mir sagte, ich kaufe Bücher wie andere Leute Brot. Ich habe Bücher wirklich gerne, egal ob neue oder gebrauchte, egal ob frischgedruckte oder natürlich noch lieber sehr alte, ich kann mir ein Leben ohne Bücher schlichtweg nicht vorstellen. Und ich liebe natürlich Bücherregale, die sich unter dem Gewicht der Bücher nur so biegen, und am liebsten sind mir Wände, die man gar nicht sieht, weil sie nämlich ganz und gar von Bücherregalen bedeckt sind (auch wenn dazu mein Geld und Platz zu Hause natürlich nicht reichen).

Was ich aber dennoch nicht mag – und das erstaunt nach allem Gesagten vielleicht (von der Liebe auch zu alten, benutzten Büchern und der Liebe zu flächendeckenden Bücherregalen) – was ich also trotz allem nicht mag, sind Bibliotheken. Zumindest nicht die zahlreichen Abarten von Universitätsbibliotheken. Ich gebe ja zu, dass das ungerecht und unlogisch ist, denn nirgends sonst findet man schließlich so viele Bücher, druckfrische wie Erstausgaben, nirgendwo sonst so wenig sichtbare Wände, weil alles von Büchern bedeckt ist und nirgendwo sonst kommt man überhaupt an bestimmte Bücher heran, die vergriffen, alt, nicht wieder aufgelegt etc. sind. Und ja, Bibliotheken können wirklich schön sein, wie uns gerade wieder die Wissenswerkstatt mit einigen sehenswerten Fotos von Pracht-Bibliotheken gezeigt hat.

Sobald ich aber eine der meist weniger prächtigen Universitätsbibliotheken betrete, wird trotz meiner Bücherliebe mein Mund staubtrocken und ich selbst entsetzlich müde. Alles was dann kommt, finde ich nur noch sehr, sehr anstrengend. Das beginnt ja schon mit den kleinen Schließfächern, vierzig Zentimeter hoch, aber oben haben sie doch einen Haken, an dem man seine Jacke aufhängen soll: wessen Jacke passt denn da rein, ohne auf dem Schließfachboden zu schleifen? Irgendwelche Baby- oder Zwergenjacken vielleicht, aber das sind ja dann doch die eher ungewöhnlichen Bibliotheksbesucher. Trotzdem, irgendwie quetscht man dann (denn gerade im Winter, wenn man mit Tasche und dickem Mantel kommt, ist es nichts anderes als quetschen) doch noch alles ins Schließfach, bemüht sich noch, das richtige Geldstück zu finden (denn nein, die Bibliotheken können sich nicht einigen, ob sie zu diesem Zweck nun 1- oder 2-Euro-Stücke haben wollen und so hat man natürlich immer gerade das falsche Geldstück zur Hand) und schließt ab.

Man lächelt erschöpft und will den Schlüssel irgendwohin stecken, wirft aber noch einen kurzen Blick darauf: am Schlüssel befindet sich kein Anhänger mit der Nummer des Schließfachs. Das war ja eigentlich klar, denn selbst bei ganz neu installierten Schließfächern fehlen nach allerkürzester Zeit die allermeisten Nummernanhänger an den Schlüsseln. Sammelt die eigentlich irgendjemand? Gehen Leute gezielt in Bibliotheken, um ihre Kollektion von Schließfachschlüsselanhängern aufzubessern? Auf der Suche nach der 375, die ihnen in der Sammlung noch fehlt? Mit einfachem Abrieb ist das Ganze jedenfalls nicht zu erklären, dazu verschwinden zu viele. Was zum Teufel machen die Leute damit? Man versucht sich also wenigstens ungefähr einzuprägen, wo das eigene Schließfach ist und schreitet dann zur Tat.

Das eigentlich Anstrengende und Enervierende beginnt dann aber erst. Denn hat man die Signaturen der benötigten Büchern einmal gefunden, muss man ja noch diese selbst im Regal finden und da frage ich mich jedes Mal, wie es denn sein kann, dass die Bücher, die man sucht, entweder ganz, ganz oben in den Regalen stehen (so dass man sich auf einen Schemel, in anderen Bibliotheken auf eine wenig vertrauenserweckende Leiter begeben muss) oder aber ganz, ganz unten, nur wenige Zentimeter über dem Boden (so dass man sich gleich auf den wenig vertrauenserweckenden Teppichboden setzen muss, um sie auch nur ansehen zu können).

Was in aller Welt machen die Bibliothekare mit dem Rest des Regals, mit all den Regalmetern in der Mitte zwischen diesen Extremen, an die man ganz bequem, ohne Verrenkungen und ohne sich in Gefahr zu begeben herankommen könnte? Was um Himmels willen steht da? Sind das nur lauter Bücher-Atrappen, in denen gar nichts abgedruckt ist? Oder sind das absichtsvoll all die Bücher, die nun wirklich niemand braucht und sehen will? Sind das nur Platzhalter, damit man die Bibliotheksbenutzer sehr zielsicher nach ganz oben oder ganz unten jagen kann? Spätestens an dieser Stelle wünsche ich mir nur noch sehr viel Wasser (gegen die staubtrockene Luft) und mein Bett.

Man kann jetzt möglichst schnell einen Kopierer suchen, alles kopieren, was man lesen will und die Bibliothek fluchtartig wieder verlassen, das gelingt meistens aber nicht: erstens sind die spärlichen Kopierer sowieso zumeist alle besetzt und die Schlange sehr lang, zweitens bräuchte man eine spezielle Kopierkarte, die es nur drei Häuser weiter an einer speziellen Verkaufsstelle gibt und drittens wäre das einfach viel zu viel und viel zu teuer. Man kämpft also weiter, sucht sich einen Sitzplatz und schlägt die Bücher auf, die man sich unter Einsatz seiner Kraft und Geschicklichkeit heldenhaft erobert hat.

Wenn man nun versucht, konzentriert zu lesen, sich Stichpunkte zu machen oder vielleicht nur aufzuschreiben, was man unbedingt benötigt und doch einfach kopieren möchte, damit man diesem Ort möglichst bald entkommen kann, dann trifft man auf ein weiteres Hindernis der Bibliotheksbenutzung: die anderen Bibliotheksbenutzer. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass diese anderen nur in die Bibliothek gelassen wurden, um einen abzulenken und beim Arbeiten zu stören.

Die harmloseste Spezies unter den Bibliotheksbenutzern ist noch die, die dieselbe mit ihrem Büroarbeitsplatz verwechseln und um sich herum ein wildes Sammelsurium an mitgebrachten Sachen installieren, bei denen man sich wundert, dass sie diese überhaupt alle tragen konnten. Da finden sich natürlich bündelweise Stifte, verschiedene Sorten, Kugelschreiber, Bleistifte, Buntstifte, Leuchtmarker, Glitzerstifte mit und ohne Duft und so weiter. Außerdem natürlich Spitzer, Locher, Hefter, lange Lineale und was man sonst noch braucht. Dazu kommen dann aber auch noch Kaugummis und Lutschbonbons (was für ein Glück, dass man keine Getränke und Brotzeit mitnehmen darf, sonst sähen die Tische dieser Benutzer sicher wie ein kompletter Bahnhofskiosk aus). Außerdem darf natürlich eine Handcreme nicht fehlen, genauso eine Haarbürste, ein…, eine…, die Vielzahl der sorgfältig um den Benutzer herum aufgebauten Dinge ist schlicht unerschöpflich und kaum vorstellbar.

Natürlich gibt es auch immer mehr Bibliotheksbesucher, die mit ihren Laptops ankommen, dagegen ist natürlich erstmal auch wenig einzuwenden. Nur: bitte macht doch vorher eure Lautsprecher aus! Es nervt unheimlich, wenn alle paar Minuten aus irgendeiner Bibliotheksecke die Windows-Startmelodie zu hören ist. So schön ist die nicht! Und dann, naja, dann kann man sich schon manchmal ärgern, wenn man sich mühsam einen Platz gesucht hat, weil beinahe alle belegt sind und die Bibliothek fast überquillt, andere aber ganz ruhig auf ihren Plätzen sitzen, diese offenbar aber nur belegen, um in aller Ruhe Solitär spielen zu können und das nicht nur zwischendurch, sondern beobachtbar stundenlang. Ja, da könnte man sich schon fast aufregen.

Ärgern kann man sich natürlich auch über die lauten Gespräche, die einen aufschrecken und über das Absatzgeklapper, das einen immer wieder aufblicken und der vorbeistolzierenden Dame nachblicken lässt. Man versteht ja, dass jemand Aufmerksamkeit will, das ist ja auch legitim, aber bitte, versucht diese doch irgendwie anders zu erreichen als mit Schuhen, mit denen man ebensogut Flamenco tanzen könnte, so einen Lärm machen sie auf jedem Holzboden. Schuhe in Bibliotheken sind ja ohnehin so ein Thema, denn es ist durchaus verbreitet, selbige in der Bibliothek auszuziehen. Meine Meinung dazu: das muss nicht sein! Eure löchrigen Socken solltet ihr nur eurer Katze daheim zeigen, ich kann auf den Anblick gerne verzichten.

Überhaupt auch nicht zu unterschätzen ist die mangelnde Körperhygiene in den Bibliotheken: das fängt an mit den unbeschuhten, strumpfsockigen Käsefüßen, die einem da entgegengestreckt werden und geht weiter zur unterlassenen Benutzung irgendwelcher Deodorants. Und nein, ich finde Schweißgeruch nicht konzentrationsfördernd, ganz im Gegenteil! Besonders schlimm wird das, wenn man zwar wegen des Nebenmanns Gestank kaum mehr zu atmen vermag, trotzdem aber den Platz nicht wechseln kann, weil die Bibliothek fast überquillt und alle Plätze von Solitärspielern besetzt werden.

Hat man sich dann wegen all dieser und anderer Widrigkeiten dazu entschlossen, die Bibliothek doch zu verlassen, weil man hier ohnehin keinen Schritt vorankommt, dann kommen noch einige Hürden: erst muss man die aus den Regalen geholten Bücher sorgfältig dahin zurückstellen, wo sie waren, also ganz oben oder ganz unten ins Regal, sich auf die Leiter schwingen oder auf den Boden kauern (am besten legt man sich bäuchlings flach auf den Boden), dabei, wenn man sich schon in so eine Position gebracht hat, kann man auch gerne noch das ordnen, was die Mitbibliotheksbenutzer da so hinterlassen haben. Denn obwohl diese ja offensichtlich lesen können (was machten sie sonst in einer Bibliothek?), fällt ihnen das Signaturen-Lesen und das Ordnen der Bücher nach diesen Zahlen offensichtlich sehr, sehr schwer. ‘Durcheinander’ ist oft gar kein Ausdruck für das, was man in den Regalen vorfindet.

Hat man die Bibliothek also mit sich unvorstellbarerweise immer noch steigernder Staubtrockenheit des Mundes und schnell weiter anwachsender Müdigkeit verlassen, wartet nur noch der letzte Stolperstein: ich habe Bibliotheksbenutzer schon eine halbe Stunde lang in den Reihen der Schließfächer nach ‘ihrem’ Schließfach suchen sehen, jedes einzelne mit dem Schlüssel prüfend, hoffend, dass er da nun doch einmal passt. Letztlich reißt man nur noch erleichtert seine völlig zerknitterten Kleidungsstücke aus dem endlich wiedergefundenen Schließfach und schaut, dass man möglichst schnell zu einem großen Getränk und einem weichen Bett kommt.

Wie gesagt, ich liebe Bücher und auch ich erstarre angesichts der bei Marc gezeigten Prachtbibliotheken und von ihm so genannten ‘Kathedralen des Wissens’ genauso wie Robert in Ehrfurcht, aber die Universitätsbibliotheken: nein, wirklich nicht, die haben damit rein gar nichts zu tun, keine Liebe, keine Ehrfurcht, nichts davon, ich könnte richtig gut darauf verzichten.

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Rowohlt-Liebe zum 100.

Schon immer habe ich den Rowohlt-Verlag geliebt, mein absoluter Favorit unter den Verlagen, natürlich wegen der dort veröffentlichten Autoren: Simone de Beauvoir ist dort, Jean-Paul Sartre und Albert Camus auch, außerdem Wolfgang Borchert, Ernest Hemingway, Henry Miller und Philip Roth, Paul Auster und Siri Hustvedt, Virginie Despentes, Nicholson Baker und James Salter, Tahar Ben Jelloun und auch Helmut Krausser und Michel Houellebecq teilweise, um nur eine unvollständige und völlig ungeordnete Liste einiger meiner großen "Idole" hier anzuführen. Ich habe Rowohlt immer geliebt und es war und blieb mein Traum, einmal dort ein Buch zu veröffentlichen, mich so einzureihen zwischen diese großen Namen.

Außerdem gibt es da natürlich auch noch die wunderbaren Rowohlt-Monographien, die ich reihenweise verschlungen habe. Über die roten Rowohlt-Reihen mit Sartre-Büchern in meinem Bücherschrank und darüber, dass ich in einem gewissen Alter immer eines davon mit mir herumschleppte (weshalb einige Bände auch völlig zerfleddert sind), hatte ich ja schon einmal geschrieben. Ich mochte immer dieses Kürzel und das Logo rororo und an den seltsamen Ort ‘Reinbek’, über den man sonst wahrscheinlich nie etwas gehört hätte, habe ich mich auch nur anfangs gewundert.

Ich wollte also ohnehin schon einmal einen Artikel über Rowohlt schreiben und ein Loblied singen, jetzt habe ich aber erfahren, dass mein Lieblingsverlag dieses Jahr auch noch seinen 100. Geburtstag feiert (er wurde nämlich 1808 in Leipzig gegründet), dieser Verlag, über den Joachim Güntner zu diesem Anlass in der NZZ schreibt:

Rowohlt ist nicht so gediegen wie S. Fischer, nicht so nüchtern wie C. H. Beck, nicht so intellektuell wie Suhrkamp. Dafür spritziger, beweglicher, frecher, modischer.

Das bringt es ganz gut auf den Punkt, finde ich: Rowohlt hat dieses gewisse Etwas, ein aufregendes, ein bisschen anrüchiges, anstößiges, erotisches, modernes und avantgardistisches Etwas, finde ich. Also gehen hiermit die herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstag von mir an meinen Lieblingsverlag! Die Jubiläums-Website (mit virtuellem Rundgang durchs Verlagsgebäude und sogar einem Jubiläums-Blog) kann sich übrigens wirklich sehen lassen und ist einen Besuch wert!

Nur eine, eine einzige kleine Kritik habe ich: könnt ihr euch noch an die Pfandbrief-Werbung in alten Rowohlt-Büchern erinnern? Erst kürzlich ist mir in einer etwas älteren Ausgabe (1970) des Standardwerks von Marian Szyrocki zur deutschen Literatur des Barocks (damals in der Reihe ‘Rowohlts deutsche Enzyklopädie’) wieder so eine vergilbte Seite aufgefallen:

Poetischer_Trichter.jpg

Der Werbetext dazu lautet (wobei zu beachten ist, dass es sich beim ‘Poetischen Trichter‘ um ein barockes Literatur-Lehrbuch von 1647 von Georg Philipp Harsdörffer handelt, das dem Schüler die ‘Teutsche Dicht- und Reimkunst’ "in Vl. Stunden einzugiessen" fähig sein soll):

Ein poetischer Trichter … macht aus einem prosaischen Menschen nicht in sechs Stunden einen Dichter und Reimer. Und eine Anzeige macht nicht in sechs Minuten aus einem Autofan einen Eisenbahnfahrer, aus einem Weltenbummler einen Eigenheimsparer, aus einem Wasserscheuen einen Badefreund, aus einem Verschwender einen Sparsamen. So soll hier gar nicht erst versucht werden, den Leichtfüßigen, Prassern, Geldverschleuderern und Sparmuffeln, Habenichtsen und Ewigborgern die ‘Teutsche Spar- und Zinskunst’ einzugießen. […]

Und das Frappierende und höchst Angenehme daran ist ja, dass man sich da wirklich die Mühe gemacht hat, die Werbung dem Buch anzupassen, sie thematisch intelligent einzupassen, zusätzlich noch ein ‘barockes’ Bild zu malen und einen ziemlich amüsanten, sprachlich durchaus eleganten und ironischen Text dazu zu schreiben! Mir hat das immer sehr gefallen und da kommt meine einzige, kleine Kritik: könnte man das nicht wieder machen, diese lustige und hübsche Pfandbrief-Werbung? Die gehörte doch irgendwie dazu und fehlt mir schon sehr in den neuen Büchern!

 

Linktips zum 100. Geburtstag des Rowohlt-Verlags:

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Vom Reden und vom Schweigen

Ich fühle mich nicht schweigsam. Ich rede nur wenig. In mir läuft aber immer die Wortmaschine, die Formulierungen sucht und Funken sprüht, die tuckert und glüht, die Wendungen enträtselt und den rechten Ausdruck im rechten Moment ausfindig macht. Selbst wenn ich dennoch schweige. Das anhaltende Schnurren meiner Gedanken lässt mich mir selbst nicht schweigsam erscheinen, auch wenn kein Laut nach außen dringt, auch wenn ich weiß, dass ich schweigsam bin, weil es mir gesagt wird und weil es mir doch klar ist, wenn ich darüber nachdenke und die Worte zähle, die meinen Mund verlassen.

Kennt ihr den Film Das Piano? Die Protagonistin Ada ist stumm, aber sie drückt sich durch ihr Klavierspiel aus und deshalb kommt sie sich selbst gar nicht stumm vor, wie sie sagt. Sie kommuniziert nur anders. Ähnlich geht es mir mit dem Schreiben und den Worten in meinem Kopf, die mir schon ausreichend erscheinen, ein Genug an Kommunikation, wenn ich in meinem Kopf diskutiere und streite und abwäge und entscheide, auch wenn das verborgen bleibt. Wenn es doch nach außen soll, dann schreibe ich lieber als zu reden.

Und dann erliege ich manchmal der Idealvorstellung einer wortlosen Verständigung, eines Verstehens meines Innersten, ohne dass ich es wortreich nach außen stülpen müsste. Und dann wundere ich mich, wenn es nicht gelingt, wenn die wortlose Konversation der schnurrenden Gedankenmaschinen in uns versagt, wenn es zu Missverständnissen und Streitigkeiten und kleinen Verletzungen kommt, die vermeidbar gewesen wären, wenn ich nur geredet hätte, laut. Dann bin ich ein wenig verletzt, aber vor allem verwundert. Die Maschine in mir läuft so reibungslos, so geölt und glatt, dass es mich erstaunt, dass sie doch nicht nach außen dringt. Es ist doch alles so klar, die Gedanken so lange gekaut, die Schritte zergliedert, die Gespräche so genau vorformuliert in mir, weshalb nur weiß der andere nichts davon?

Mein Vater sprach einmal von alten Ehepaaren, die sich so gut kennen würden, dass sie nicht mehr miteinander zu sprechen brauchten, weil sie ohnehin schon wüssten, was der andere dächte. Ich glaube, er hat das nur einmal erwähnt, aber dieses Bild hat sich mir tief eingebrannt. Seitdem sehe ich die beiden vor mir, sich gegenüber in zwei mächtigen Ohrensesseln sitzend, sich in die Augen sehend und nicht schweigend, nein, still redend, der eine einen Gedanken zum anderen schickend, den dieser schon zuvor erraten hatte, worauf der andere nur mit einem Gedanken zu antworten bräuchte, darauf vertrauend, dass der diese Antwort ohnehin schon lang kenne. Eine sich ewig fortspinnende, ideale Konversation, ohne Missverständnisse und Störungen, unbeschadet der beiderseitigen Taubheit, bis beide sich zeitgleich wie auf Kommando wortlos aus ihren Sesseln erhöben und gemeinsam zu Bett gingen, bis sie sich küssten und sich schweigend eine gute Nacht wünschten. So stelle ich mir das vor.

Ich denke, mein Vater meinte diesen Satz eher negativ, diese Alten hätten sich nämlich nichts mehr zu sagen, für mich wird er aber zum Ideal: nicht sprechen müssen, dennoch verstanden werden und nicht mehr schweigsam erscheinen, nur noch schreiben, nicht mehr reden, erklären müssen. Obwohl es zu zweit noch einigermaßen geht. Schlimmer wird es erst in größeren Gruppen, etwa ab vier Menschen. Ich mag es nicht, wenn sich mehr als zwei oder maximal drei Augenpaare auf mich richten. Ich saß schon Abende lang in einer fröhlichen Runde, mit Menschen, die ich wirklich mochte und mit Gesprächsthemen, die mich interessierten und sprach dennoch fast kein Wort.

Ich glaube nicht, dass das bloß Schüchternheit ist. Es ist die Angst, angeblickt zu werden, es ist aber auch einfach das Gefühl, nicht noch eine Meinung beitragen zu müssen, wenn es schon drei zum Thema gibt. Es ist nicht das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, eher ein Bedauern über das Ungenügen des mündlichen Ausdrucks, die Befürchtung, diese meine ungenügenden Worte könnten untergehen im Wörtermeer der anderen, meine Worte seien besser aufgehoben dort wo sie sind: in mir, in meinem Kopf, ausgespuckt von der tuckernden und surrenden, der tackernden und schnurrenden Wortmaschine.

Ich bin nicht schweigsam. Das scheint nur so.

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Einmal einfach

Einmal einfach schon mittags eine Flasche Sekt öffnen, sich ein bisschen betrinken und den Rest des Tages glücklich glucksend und kichernd im Bett verbringen.

Einfach mal zum Tortenessen nach Salzburg fahren, sich den Bauch vollschlemmen, bis nichts mehr geht und mozartkugelrund wieder zurück.

Sich mal einfach in einem Luxushotel der Heimatstadt einmieten für eine Nacht, die weißen, frischgebügelten Laken genießen und sich das Frühstück ganz vornehm aufs Zimmer bringen lassen. 

Einmal einfach so, ungeplant und unangekündigt über die Alpen weg fahren, auf der anderen Seite bei einem Latte macchiato pausieren und dann bis ans Meer und weit hinausschwimmen, egal wie kalt das Wasser ist, Salzwasser schlucken und glücklich sein.

Dass man immer nur dran denkt, wenn’s gerade völlig unmöglich ist und dass man nie auf diese Gedanken kommt, wenn’s ginge. Als wäre das Dran-Denken doch schöner als die Erfüllung. (?)

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Tomatendosenmissernte

Geschälte Tomaten in Dosen (kurz: Dosentomaten oder Tomatendosen) gehören ja zu meinen Lieblingslebensmitteln. Ich mache daraus eine einfache Tomatensoße zu Nudeln oder schwäbischen Maultaschen, ein Sugo mit Staudensellerie und Walnüssen oder mit Thunfisch zu den Spaghetti oder ein Ragù, also Bolognese-Soße, manchmal auch Ratatouille oder Hackfleischklösschen in Rotwein-Tomatensauce (schmeckt sehr lecker zur norditalienischen Polent(in)a) oder die Soße auf die selbstgemachte Pizza oder zu gefüllten Paprikaschoten und manchmal kommt auch eine Dose ins indisch angehauchte Curry mit Kokosmilch.

Ich brauche die Dinger also wirklich oft. (Und wer jetzt Appetit bekommen hat, der darf gern nach den Rezepten fragen.) Überhaupt schmecken die Tomaten aus der Dose ja auch viel besser als jene frischen aus holländischen Treibhäusern, die nicht einmal wissen, was Sonne ist und ein wenig nach dem Plastik schmecken, in das sie verpackt wurden. Gerade im Winter sind Dosentomaten die Tomaten der Wahl, sie schmecken das ganze Jahr über gleich und man ahnt immerhin etwas von dem Sommer, den sie erlebt haben müssen.

Nun ist es aber so, dass in meinem örtlichen Supermarkt, einem T.-Mann (der vor ca. zehn Jahren alle anderen Supermärkte im Viertel systematisch verdrängt und aufgekauft hat, so dass es nur noch T.-Filialen im Viertel gibt, dafür aber gleich drei davon in nächster Nähe), dass dort also ungefähr schon die letzten zwei Monate immer wieder die für meine heißgeliebten Dosentomaten vorgesehenen Regalbretter mit gähnender Leere glänzen. Die Tomatendosen der gewohnten Marke gibt es schlichtweg nicht mehr und nur ab und zu tauchen Paletten mit Dosen irgendwelcher anderer, nie-gesehener Marken für kurze Zeit auf, mit denen man sich eindecken kann, das tun aber auch andere Leute und so sind die Dosen schnellstens wieder ausverkauft, aufgekauft, weg sind sie wieder.

Was ist passiert? Gab es dieses Jahr eine Missernte an Tomatendosen? Ich bin ja auch nicht dumm, ich weiß ja, dass Dosentomaten nicht ganzjährig wachsen, auch nicht im Süden, also muss es ja wohl an der diesjährigen Ernte liegen. Was ist also diesen Sommer geschehen? Wollten die Bienen nicht anfliegen und verschmähten die metallisch duftenden Tomatendosenstrauchblüten beständig, statt sie zu befruchten? Gab es ein Bienensterben wegen Schwermetallvergiftung, weil die Bienen die Tomatendosenstrauchpollen nicht vertrugen? Oder sind Tomatendosensträucher gar Selbstbestäuber und es war den ganzen Sommer über absolut windstill?

Herrschte ein solcher Wassermangel in Italien, dass die armen Dosentomatenstauden unter dem Gewicht der schweren Tomatendosen einknickten, geschwächt? Gab es Hagel oder schlimme Unwetter, die die Tomatendosen von den Sträuchern wehten, ehe sie reif waren und die richtige Größe erreicht hatten? Gab es einen schlimmen Schädlingsbefall? Irgendwelche Nagetiere, die es mit evolutionär angepassten Vorderzähnen endlich schafften, sich auf das Öffnen der Tomatendosen am Strauch zu spezialisieren? Oder ein neuer Dosentomatenwurm, eingeschleppt aus Südamerika?

Vielleicht streikten dieses Jahr auch die Tomatendosenerntehelfer (in Italien wird ja ohnehin dauernd gestreikt), so dass die überreifen Dosen herabfielen, aufplatzten und verfaulten? Hat die Mafia etwas damit zu tun? Oder Berlusconi, der die Wiederwahlen schon vorausahnte, seinen kommenden Wahlsieg mit einer großen Tomatenparty feiern will und die Jahresernte deshalb im Land zurückhielt, Italien was den Italienern zusteht oder so?

Irgendetwas muss passiert sein. Steht uns eine Tomatendosenknappheit bevor, gar eine Dosentomatenhungersnot, aber niemand will es schon laut sagen? Ich bin ratlos und verzweifelt.

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Vom Streicheln

Menschen werden für gewöhnlich gerne gestreichelt. Und menschliche Hände können gut streicheln. Hände können über Haare fahren und über Haut, sanft gleiten und streichen, sie können kitzeln, sich sanft anschmiegen oder massieren, sie können ganz leicht drüberhinfliegen oder fester zupacken, Hände sind wie zum Streicheln gemacht. Und Menschen, Menschen sind dazu gemacht, gestreichelt zu werden.

Aristoteles mag damit Recht haben, der Mensch sei ein zoon politikon, ein geselliges Lebewesen, der Mensch ist meiner Meinung nach aber noch etwas anderes: ein zoon streichelikon, ein zum Streicheln und zum Gestreichelt-Werden geborenes Lebewesen, ganz klar!

Und Tiere? Kürzlich beobachtete ich einen Hund, wie er sich an sein Frauchen drängte und den Kopf nach ihr reckte und es sichtlich (leise seufzend) genoss, wie sie ihn kraulte und leicht klopfte, wie ihre Hände durch sein Fell fuhren, wie sie ihn eben streichelte. Das ist ja nun nichts Neues oder Ungewöhnliches, aber erstmals fiel mir doch auf, dass Tiere so etwas ja eigentlich gar nicht können: sich gegenseitig streicheln.

Man mag es Affen ja rein von der Funktion ihrer Vorderpfoten her betrachtet noch zugestehen, sie könnten es motorisch, aber wenn mich nicht alles täuscht, tun sie es nicht: sie streicheln sich nicht gegenseitig, sie lausen sich. Das ist dann ja doch etwas anderes. Und Katzen oder Nagetiere können sich vielleicht gegenseitig lecken und putzen, aber von Streicheln schon anatomisch keine Spur. Und Vögel mit ihren Schnäbeln – nein, das ist kein streicheln. Ganz zu schweigen von irgendwelchen Huftieren, wenn die’s versuchten, würde es wohl eher schmerzhaft.

Nun ja, auch Hunde streicheln einander ja nicht, also einer den andren, ihre Pfoten sind nicht dazu gemacht. Ist es da nicht seltsam, dass sie es dennoch zulassen, wenn sie ein Mensch streichelt, dass sie es mögen und genießen, nach mehr verlangen, immer wieder? Sind Hunde auch zoa streichelika, zumindest passiv?

Und da frage ich mich dann: fehlt den wilden Hunden, den Wölfen da draußen, die einsam durch den Wald streifen, nicht vielleicht eine Hand, ab und zu, die sie streichelt?

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Entzugserscheinungen

Ich kann nicht ohne. Es geht nicht. Gestern groß angekündigt, aber ich kann einfach nicht ohne. Mein Innenleben verkraftet das nicht, es hat Entzugserscheinungen, es zittert und wimmert, ich bin süchtig, es geht nicht ohne Schreiben, koste es was es wolle.

Ich lebe alleine auf einem Floß, in der Mitte eines großen Sees, das dunkelgrüne Wasser ruht ganz still und glatt, kein Wind bewegt es. Mein hölzernes Floß liegt darauf als würde es schweben, schwerelos. Ein Nebel umgibt mich in der Lautlosigkeit und entzieht mir den Blick auf die Gestade, Gesellschaft leisten mir einzig der Ruf der fernen Vögel, die ich nicht sehen kann, mein denkender Geist und Schreibzeug. Mein Geist kreist um mich und durch den Nebel, ich liege auf dem Rücken und starre in die Wolken, alles um mich ist weiß, mein Blick fängt sich nirgendwo, aber das Floß trägt mich verlässlich, ich spüre die glatten, geschälten Stämme unter mir, fast weich. Und wenn ich nicht zum Füller greife, wenn ich nicht schreibe, dann neigen sich die Stämme. Ich beginne hinabzugleiten, ins kalte Nass, ganz langsam. Am ersten Tag sind es nur meine Fußsohlen, die vom Wasser benetzt werden, am zweiten hängen die Füße in den See, aber nach einer Woche steht mir das Wasser bis zum Hals. Dann werde ich ganz kalt und steif in der Wasserkühle und mein Herz schlägt langsamer, wie das der Fische in der Tiefe, dann fürchte ich, auf den Grund des dunkelgrünen Sees zu sinken, wohin kein Licht dringt und kein Vogelruf.

Ich lebe nah am Wasser, alles unter mir, in mir ist Wasser, wer Tränen braucht, dem kann ich welche abgeben, ich habe genug und ich kann sie nur halten, wenn ich schreibe, ich kann nicht ohne. Ich brauche die Worte um mich wie die Wolken und die Vogelrufe, wie das rettende Floß unter mir, ich brauche das Schreiben. Zumindest eine Zeile, einige Sätze, eine Randnotiz, ein Gedicht muss es sein, jeden Tag, sonst sinke ich in mir zusammen, gehe krumm und werde fahl und krank, sonst hört mein Herz auf zu atmen, sonst sinke ich ins Wasser und ersaufe in meinen Tränen.

Lichtblick heute: Die wundervolle Musik der Schwedin Lykke Li, deren komplettes Album man auf MySpace anhören kann, meine Favoriten sind Time Flies und das hier, Don’t you let me go tonight:

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