Vom Reden und vom Schweigen

Ich fühle mich nicht schweigsam. Ich rede nur wenig. In mir läuft aber immer die Wortmaschine, die Formulierungen sucht und Funken sprüht, die tuckert und glüht, die Wendungen enträtselt und den rechten Ausdruck im rechten Moment ausfindig macht. Selbst wenn ich dennoch schweige. Das anhaltende Schnurren meiner Gedanken lässt mich mir selbst nicht schweigsam erscheinen, auch wenn kein Laut nach außen dringt, auch wenn ich weiß, dass ich schweigsam bin, weil es mir gesagt wird und weil es mir doch klar ist, wenn ich darüber nachdenke und die Worte zähle, die meinen Mund verlassen.

Kennt ihr den Film Das Piano? Die Protagonistin Ada ist stumm, aber sie drückt sich durch ihr Klavierspiel aus und deshalb kommt sie sich selbst gar nicht stumm vor, wie sie sagt. Sie kommuniziert nur anders. Ähnlich geht es mir mit dem Schreiben und den Worten in meinem Kopf, die mir schon ausreichend erscheinen, ein Genug an Kommunikation, wenn ich in meinem Kopf diskutiere und streite und abwäge und entscheide, auch wenn das verborgen bleibt. Wenn es doch nach außen soll, dann schreibe ich lieber als zu reden.

Und dann erliege ich manchmal der Idealvorstellung einer wortlosen Verständigung, eines Verstehens meines Innersten, ohne dass ich es wortreich nach außen stülpen müsste. Und dann wundere ich mich, wenn es nicht gelingt, wenn die wortlose Konversation der schnurrenden Gedankenmaschinen in uns versagt, wenn es zu Missverständnissen und Streitigkeiten und kleinen Verletzungen kommt, die vermeidbar gewesen wären, wenn ich nur geredet hätte, laut. Dann bin ich ein wenig verletzt, aber vor allem verwundert. Die Maschine in mir läuft so reibungslos, so geölt und glatt, dass es mich erstaunt, dass sie doch nicht nach außen dringt. Es ist doch alles so klar, die Gedanken so lange gekaut, die Schritte zergliedert, die Gespräche so genau vorformuliert in mir, weshalb nur weiß der andere nichts davon?

Mein Vater sprach einmal von alten Ehepaaren, die sich so gut kennen würden, dass sie nicht mehr miteinander zu sprechen brauchten, weil sie ohnehin schon wüssten, was der andere dächte. Ich glaube, er hat das nur einmal erwähnt, aber dieses Bild hat sich mir tief eingebrannt. Seitdem sehe ich die beiden vor mir, sich gegenüber in zwei mächtigen Ohrensesseln sitzend, sich in die Augen sehend und nicht schweigend, nein, still redend, der eine einen Gedanken zum anderen schickend, den dieser schon zuvor erraten hatte, worauf der andere nur mit einem Gedanken zu antworten bräuchte, darauf vertrauend, dass der diese Antwort ohnehin schon lang kenne. Eine sich ewig fortspinnende, ideale Konversation, ohne Missverständnisse und Störungen, unbeschadet der beiderseitigen Taubheit, bis beide sich zeitgleich wie auf Kommando wortlos aus ihren Sesseln erhöben und gemeinsam zu Bett gingen, bis sie sich küssten und sich schweigend eine gute Nacht wünschten. So stelle ich mir das vor.

Ich denke, mein Vater meinte diesen Satz eher negativ, diese Alten hätten sich nämlich nichts mehr zu sagen, für mich wird er aber zum Ideal: nicht sprechen müssen, dennoch verstanden werden und nicht mehr schweigsam erscheinen, nur noch schreiben, nicht mehr reden, erklären müssen. Obwohl es zu zweit noch einigermaßen geht. Schlimmer wird es erst in größeren Gruppen, etwa ab vier Menschen. Ich mag es nicht, wenn sich mehr als zwei oder maximal drei Augenpaare auf mich richten. Ich saß schon Abende lang in einer fröhlichen Runde, mit Menschen, die ich wirklich mochte und mit Gesprächsthemen, die mich interessierten und sprach dennoch fast kein Wort.

Ich glaube nicht, dass das bloß Schüchternheit ist. Es ist die Angst, angeblickt zu werden, es ist aber auch einfach das Gefühl, nicht noch eine Meinung beitragen zu müssen, wenn es schon drei zum Thema gibt. Es ist nicht das Gefühl, nichts zu sagen zu haben, eher ein Bedauern über das Ungenügen des mündlichen Ausdrucks, die Befürchtung, diese meine ungenügenden Worte könnten untergehen im Wörtermeer der anderen, meine Worte seien besser aufgehoben dort wo sie sind: in mir, in meinem Kopf, ausgespuckt von der tuckernden und surrenden, der tackernden und schnurrenden Wortmaschine.

Ich bin nicht schweigsam. Das scheint nur so.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.