Free Burma!

Mir ist schon klar, dass dieses Blog nicht viel gelesen wird, aber wahrscheinlich schadet es dennoch nicht, wenn ich hier noch einmal darauf hinweise, es wäre ja schön, wenn sich auch möglichst viele aus der Fraktion Literatur-Blog beteiligen würden, deshalb sei hier zitiert:

Blogger aus aller Welt bereiten einen Aktionstag zur Unterstützung der friedlichen Revolution in Burma vor. Wir wollen ein Zeichen für den Frieden setzen und den Menschen, die ihr grausames Regime ohne Waffen bekämpfen, unsere Sympathie bekunden. Diese Blogger haben vor, am 4. Oktober 2007 ihre normalen Blog-Aktivitäten einzustellen, um nur einen einzigen Artikel zu veröffentlichen: Ein rotes Banner mit dem Text „Free Burma!“.

Neue Informationen dazu gibt es immer wieder bei Robert Basic, der das Ganze auch mitangestoßen hat, neue Informationen zur Lage in Burma gibt es im Ticker des Spiegelfechters und die Blogger haben inzwischen eine eigene Homepage (auf der man sich auch als Teilnehmer eintragen kann) und ein internationales Wiki eingerichtet, sehr schöne Grafiken gibt es u.a. bei der Blogwiese. Mitmachen!

Geschrieben in Alltag | 3 Kommentare

Nie mehr

für S.

Möchte Dein Herz essen, Deine ewige Liebe.
Möchte beenden. Dein oder mein Leben.
Ist das selbe.

Möchte meine Hände um Deinen Hals schließen, bis ich den Kehlkopf eingedrückt fühle.
Möchte eine kühle Messerklinge in das Fleisch meiner Handgelenke versenken.
Einige Blutstropfen hinzugefügt zu dem roten Meer, durch das ich wate und das sich Leben nennt.
Möchte beenden. Dein oder mein Leben.

Möchte nicht mehr sinnlos schweigen, fragen, schreiben.
Möchte springen oder schwimmen. Weiter.
Möchte schlingern, wie ich es tue, nicht mehr.
Nie mehr schwanken, Schranken setzen und weichen.
Möchte beenden. Dein oder mein Leben.
Ist das selbe.

Möchte Dein Herz essen. Deine ewige Liebe.
Möchte eher sterben, als Du mich verläßt, sagst, Du liebst mich nicht mehr.
Möchte Dir lieber mein Herz zu essen geben, als sagen zu müssen, Du hättest mich nicht geliebt.
Bis zum Ende.
Möchte lieber töten, als Dein Herz verlieren.
Dich oder mich.

Möchte versinken, ertrinken in einem Meer aus Liebe, das mir keiner mehr nehmen kann.
In mir leidenschaftliche Einsamkeit, Schweigen.
Möchte nichts mehr verlieren.
Nie mehr.

Möchte Dein Herz essen, Deine ewige Liebe.
Muß beenden. Dein oder mein Leben.
Ist das selbe.

Juni 1997

Geschrieben in Lyrik | 4 Kommentare

Inspiration

Ich frage mich, was es mit den Ideen auf sich hat, den Ideen zu Geschichten vor allem. Momentan scheinen die meinen nur so überzusprudeln, wie aus einer Flasche, die lange Zeit fest verkorkt war und jetzt geöffnet wurde und überzuschäumen beginnt. Ich notiere mir die herabgeperlten Ideen und komme kaum dazu, sie auszuführen, da laufen schon die nächsten über.

Nun frage ich mich aber, wie das weitergehen soll. Manchmal habe ich Angst, dass die Flasche irgendwann einmal einfach leer sein könnte und ich alle Ideen aufgebraucht habe. Dass ich mich dann im blanken, ideenfreien Flaschenboden werde spiegeln können. Dann denke ich, dass ich vorsichtiger und vor allem sparsamer mit meinen Ideen umgehen sollte.

Schwerer fällt mir die schönere Vorstellung, dass es sich tatsächlich um ein Fass ohne Boden handeln könnte, um einen sprudelnden, heißen Geysir, direkt aus der Erdmitte aufsteigend. 

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U-Kultur

Zur Unterhaltungskultur musste man mich seltsamerweise erst überreden. Mein Vater las mir am Kinderbett Michail Bulgakow vor und in der vierten Klasse gab ich E.T.A. Hoffmann als meinen Lieblingsautoren an, weil ich den gerade aus dem elterlichen Bücherschrank gefischt hatte. Ich blieb auch später immer mehr E als U. Las fast alles von Thomas Mann, Albert Camus und Jean-Paul Sartre mit 15 und wurde später dann zur ‘Nietzsche-Expertin’. Ein bisschen schnöselig, ich weiß. Aber die Nebel von Avalon oder Herr der Ringe, die meine Klassenkameraden lasen, interessierten mich einfach nicht.

Erst vor kurzem hat mein Freund mich überredet, die Harry-Potter-Verfilmungen mit ihm anzusehen. Doch, ich habe mich amüsiert und ich konnte kaum den nächsten Film erwarten. Lesen würde ich das noch immer nicht. Ähnlich ging es mir mit den Star-Trek-Folgen und Star-Wars-Filmen: lange hatte ich mich dagegen verwehrt, dann habe ich sie doch angesehen und Vergnügen daran gefunden. Im Ohr geblieben ist mir vor allem das gefährlich-bedrohliche Sirren dieser kleinen Kampf-Raumschiffe, ihr wisst, was ich meine.

Genau dieses Geräusch stelle ich mir immer vor, wenn ich einen Artikel frisch einstelle und flugs die Suchmaschinen sich schwirrend auf meine Seite stürzen. So wie genau jetzt.

Geschrieben in Alltag | 1 Kommentar

Zephir

Zephiro torna, e ‘l bel tempo rimena
e i fiori et l’erbe, sua dolce famiglia,
et garrir Progne et pianger Philomena,
et primavera candida et vermiglia.

Das ist die erste Strophe eines Sonetts meines Lieblingsdichters Francesco Petrarca, Canzoniere Nr.310. Es passt überhaupt nicht zur jetzt herbstlichen Jahreszeit, denn es handelt vom Frühling, vom Westwind, der das schöne Wetter bringt, außerdem Blumen und Gräser, das Klagen der Schwalben und Weinen der Nachtigallen, wobei Petrarca hier den wiedermal blutigen Mythos um die beiden Schwestern Philomela und Prokne aufnimmt. Petrarca bindet diesen allerdings in die Beschreibung eines locus amoenus in der Oktav ein, um diesen mit seinem im Sextett beschriebenen Liebesleid zu kontrastieren. Und alles wegen Laura.

Und deshalb weiß ich, dass es sich bei Zephir oder Zephyr eben um den ‘vento occidentale’ handelt und nicht etwa um einen südlichen Hauch, mit dem Münchner Föhn gleichzusetzen, wie es uns der Philosoph Adrian Lippe am Anfang seiner Stadtführung durch München-Schwabing vordichten möchte:

Schwabing lächelt leise duch die Zeit,
Ein Stadtteil, der so viele Namen kannte:
Wahnmoching, Münchens schönste Tochter, geistige Hauptstadt, Zustand,
Und jeder dieser Namen war ein Kleid
Für ein Unfassliches, das weit durch diese Straßen weht,
Auf Zephirs Flügeln, der sich bayerisch gern als Föhn versteht.

Das ist nämlich der Einstieg in die Stadtführung zur Schwabinger Bohème, wie sie von Zephir-Events bzw. von Adrian Lippe und Bärbel Harder angeboten wird. Das war es aber auch schon, was ich an Kritik zu äußern glauben musste, alles was jetzt kommt, ist ein Loblied. Die Stadtführung findet jeden Sonntag um 11 in München statt (Treffpunkt ist der Georg-Elser-Platz gegenüber vom Alten Simpl) und man sollte unbedingt hingehen.

Stadtführungen zur Münchner oder Schwabinger Bohème, zum Schwabing der Jahrhundertwende oder ähnlichem, gibt es ja fast schon reihenweise, die Stadtführung von Zephir ist allerdings etwas besonderes: sie nennt sich ‘gedichteter Streifzug durch West-Schwabing’ und ist größtenteils gereimt! Man könnte dies für eine Schnapsidee halten, an bemüht Gedichtetes von Oma zum Geburtstag oder an mündlich vorgetragen Unverständliches denken, das Erstaunliche hier ist aber, dass es völlig gelingt, die Idee aufgeht. Die Verse von Adrian Lippe, der sich in einen Mann der Jahrhundertwende hineinversetzt, welcher einen jungen, eben in München angekommenen Studenten durch Schwabing führt und über Schwabing aufklärt, sind kunstvoll genug, um nicht unbeholfen und lächerlich zu wirken und kunstlos genug, um nicht manieriert und unverständlich zu werden. Das Zuhören ist das reinste Vergnügen!

Eingeflochten werden aber auch zeitgenössische Verse und Briefe: von Joachim Ringelnatz, Stefan George, Frank Wedekind, Thomas Mann und anderen und gegen Ende gibt es eine Rilke-Überraschung. Keine wichtige Person aus dem Dunstkreis der Münchner Bohème fehlt, angeführt werden vielmehr auch etwas abgelegenere Gestalten wie Kathi Kobus, Anton Azbe, Karl Wolfskehl, Alfred Schuler, Ludwig Klages, Korfiz Holm und Albert Langen.

Und da ich beim Thema Schwabinger Bohème nicht ganz ohne Vorbildung bin und etwa zu Fanny zu Reventlow gearbeitet habe, wage ich noch ein weiteres Urteil anzufügen: die Stadtführung ist nicht nur vergnüglich, sondern auch sehr informativ und – auch das muss man mit Blick auf andere Stadtführungen leider betonen – die Informationen, die man erhält sind korrekt und erfrischend uneinseitig. Natürlich werden da Anekdoten erzählt, aber man bekommt auch – diesmal vor allem durch Bärbel Harder – wichtige historische Hintergründe erläutert, Architektonisches nähergebracht, Verbindungen geknüpft und auch Tiefergehendes mitgeteilt, so weit dies der Rahmen eben zulässt.

Diese Ausgewogenheit wird auch schlichtweg dadurch erreicht, dass es eben zwei Stadtführer sind, die es sich da leisten, verschiedene Rollen zu übernehmen, sich abzuwechseln und es so schaffen, die Balance zwischen anekdotisch-vergnüglich-zeitgeistigem und historisch-informativem zu halten. Und denen es so auch gelingt, die Dinge durch Bilder anschaulich zu machen, zeitgenössische Gemälde, Illustrationen und Fotografien, immer wieder von Bärbel Harder zur Illustration hochgehalten.

Der gute Eindruck verstärkt sich zum Ende hin noch weiter: an der letzten Station, einem hübschen, kleinen Cafè (namens ‘Narrentasse’) erhält man nicht nur ein Glas Sekt, sondern auch noch ein Informationsblatt, auf dem die wichtigsten Stationen mit einem kleinen Stadtplan, die wichtigsten Persönlichkeiten mit Bild und einer kurzen Beschreibung zur Erinnerung verzeichnet sind.

Also bitte, alle die München und Umgebung bewohnen oder bereisen: einfach am Sonntag um 11 Uhr zum Georg-Elser-Platz in der Türkenstrasse gehen (eine Anmeldung ist nicht erforderlich) und für nur 15 Euro zwei Stunden lang erfreuen und informieren lassen! Oder nochmal hier lesen.

Nachtrag: Ich musste erfahren, dass diese besondere Stadtführung ab dem 30. März 2008 leider nicht mehr stattfinden wird.
 

 
Literaturtips:

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F. Gräfin zu Reventlow

So nannte sie sich jedenfalls selbst, dieser Name steht als Autorname auf ihren Büchern. Unter anderem am Titelbild der Erstausgabe ihres Romans Von Paul zu Pedro, im Untertitel Amouresken, von 1912, kann man dies feststellen.

Amouresken_01a.jpg

 
Deshalb ist der Streit, ob sie nun eigentlich Fanny zu Reventlow hieß oder lieber Franziska (Gräfin) zu Reventlow heißen wollte (manchmal wird sie gar Franziska von Reventlow genannt), eigentlich schon wieder überflüssig. Fakt ist, dass sie auf die Namen ‘Fanny Liane Wilhelmine Sophie Auguste Adrienne’ getauft wurde, wie sich das für eine Tochter aus einer Adelsfamilie gehörte. Erst als ‘Fanny’ von Husum bzw. Lübeck nach München kam, wurde Fanny wohl plötzlich von manchen für eine Abkürzung von Franziska gehalten. Während Fanny im Norden englisch-vornehm klingt, nannte man in Bayern höchstens seine Kühe so. Fanny unterschrieb weiterhin mit F. Gräfin zu Reventlow und nur selten mit Fanny, noch bei ihrer (Schein-)Heirat 1911 mit Baron Rechenberg-Linten wird in ihrem russischen Pass allerdings ‘Fanny’ stehen, ‚Franziska zu Reventlow‘ schrieb sie gar nur ein einziges Mal mit eigener Hand. Trotzdem ist sie als Franziska zu Reventlow in die (Literatur-)Geschichte eingegangen. Das liegt an obigem Missverständnis und daran, dass auch ihre spätere Herausgeberin, ihre Schwiegertochter Else Reventlow, die sie persönlich nicht mehr kennenlernen konnte, den Namen Franziska für passender hielt. Später haben Biographen auch immer wieder behauptet, Fanny selbst habe eine Abneigung gegen den Namen Fanny gehabt, aber das haben sie sich wohl schlichtweg ausgedacht. So schnell kann’s gehen.

Aber Fanny hatte viele Namen und es wurde vieles über sie geschrieben. Eine Aufzählung ist ein wahres Kuriositätenkabinett und durchaus interessant. Ein paar Stilblüten seien hier beispielhaft zitiert: Ludwig Klages nannte sie „eine heidnische Heilige“ und sah in ihr „das Element nordischen Heidentums in unvermischter Reinheit“, für Rainer Maria Rilke war sie die „Madonna mit dem Kinde“. Oskar Panizza nannte sie einmal eine „Amazone“, dann eine „schleswig-holsteinsche Venus“, aber auch „tapferes Voll-Weib“ und spricht sie als „Sie holsteinsches Prinzeßchen, Sie schneeweißes Marzipan-Persönchen“ an. Für Alfred Schuler war Reventlow eine „Sirene“, für Theodor Lessing eine „Lais“ und „Braut von ganz Schwabing“. Für Stefan George spielte sie „die Rolle des Mephisto“ und für Franz Hessel war sie „die Mildeste und Wildeste“. Otto Falckenberg erzählt zusammenfassend: „Sie war die schöne, kluge, große Hetäre, das weibliche Ideal Schwabings, noch dazu ebenso mütterlich wie amourös: die immer ersehnte Synthese von Mutter und Dirne, die Astarte des ‚kosmischen Urschlammes‘, die Wiederkehr des Mutterrechtes.“ Daraus wird auch deutlich, dass sie alle wichtigen Persönlichkeit der Jahrhundertwende in München kannte, dass alle über sie schrieben und an sie schrieben (Rilke steckte ihr etwa jeden Tag ein Liebesgedicht in den Briefkasten, wie traumhaft!).

Aber damit hört es noch lang nicht auf, es geht noch viel weiter, eine Sammlung von verschiedensten Benennungen (insgesamt knapp 60) habe ich in meiner Arbeit ‘Anleitung zum Unbürgerlichsein – F. Gräfin zu Reventlows Roman Von Paul zu Pedro als Spiel mit Genres und Geschlecht‘ im Anhang angeführt, mit Fußnoten nachgewiesen, versteht sich.

Kann man über jemanden wie Fanny überhaupt noch etwas schreiben? Soll man über sie überhaupt noch etwas schreiben, persönlich? Soll man mitmachen bei dieser Polonaise von Benennungen, noch mehr Stilblüten hinzufügen? Und doch: ich habe über ein halbes Jahr nur von ihr und über sie gelesen, über ihr Werk geschrieben, jede Zeile ihres Tagebuchs gelesen, sie ist mir ans Herz gewachsen. Und ich habe mir ein Bild von ihr gemacht, sie bedeutet mir etwas, ihr Foto steht auf meinem Schreibtisch. Natürlich habe ich mir etwas vorgestellt. Dass sie klein war und zerbrechlich wirkte, schmal und hübsch, dass sie lange Kleider trug und manchmal einen Hut. Dass sie die Haare teilweise ganz kurz trug und burschikos und keck wirkte bei ihrer Hochzeit. Dass ich sie sehr gemocht hätte, aber ich mir nicht sicher bin, ob sie das erwidert hätte. Dass sie sehr mutig war und sehr genau hat wissen müssen, was sie wollte: unverheiratet mit ihrem Sohn leben, zur damaligen Zeit ein Skandal. Dass sie unheimlich vieles anpackte und wieder fallen ließ, aber immer wieder die selbe Begeisterung zeigte für Neues. Dass sie gerne reiste, wirklich hart arbeitete, aber dennoch nie Geld hatte. Dass sie großzügig war und unbekümmert, aber zwischendrin auch unglaublich einsam und unglücklich. Dass sie sich in ihrer Schwangerschaft fast umgebracht hätte, ihr Kind dann aber ihr Ein-und-Alles war. Dass sie Männer sehr liebte, aber eben nicht immer nur einen, schön der Reihe nach. Dass sie Schriftstellerin und Übersetzerin war und viel lieber Malerin sein wollte. Dass sie einfach ihren Weg ging und in keine Schubladen passt. Dass sie einfach bewunderungswürdig ist.

Und zuletzt habe ich mir noch unheimlich oft gedacht, wie unverschämt viele Rezensenten, Biographen und sonstige Autoren in ihrem Urteil ihr gegenüber oft waren. Und wie ignorant. Dass sie andauernd nur über ihr skandalöses Leben schrieben und darüber, wen sie alles kannte und im Bett hatte. Dass es ihnen nicht langweilig wurde, darüber zu schreiben. Und warum zum Teufel sie nicht ab und zu öfter in ihre Bücher hineinsahen und einfach lasen, was sie selbst schrieb. Und dass sie einfach nicht anerkennen wollten, dass sie wirklich schreiben konnte. Dass ihre Bücher unheimlich amüsant, genau beobachtet und gut erzählt sind. Und natürlich dass ihre Bücher das sind, was ich in meiner Arbeit zu zeigen versuche: intertextuell verwobene Kunstwerke.

Das alles tut natürlich überhaupt gar nichts zur Sache, was ich mir dachte und vorstellte und ich denke, es ist mir auch gelungen, meine Sympathien und Antipathien aus dieser wissenschaftlichen Arbeit herauszuhalten. Außer vielleicht ein klein wenig beim allerletzten Satz, wo ich schreibe: „Klar ist aber jetzt schon, dass das Bild von Reventlow als unbedarfter, unbelesener und unpolitischer Autorin von autobiographischer Unterhaltungsliteratur, die sie nur mit Hilfe von Männern verfassen konnte, gründlich revidiert werden muss.“ Und natürlich, wenn ich im Anhang Catherina Godwin aufnehme, eine so gut wie vergessene aber ebenso spannende Autorin, die einiges mit Fanny zu Reventlow teilt und 1910 ein Buch mit dem genialischen Titel ‚Begegnungen mit mir‘ veröffentlichte. Später ist Catherina Godwin dann wohl immer mehr in Richtung niedere Unterhaltungsliteratur abgedriftet, mit Titeln wie ‚Hotel der Erfüllung‘ und ähnlichem.
 

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Näheres zu meiner Arbeit über Fanny zu Reventlows Roman Von Paul zu Pedro könnt ihr übrigens hier erfahren und die Arbeit auch herunterladen.

Der Titel ‘Anleitung zum Unbürgerlichsein’ ist natürlich Paul Watzlawicks ‘Anleitung zum Unglücklichsein’ entwendet, ich konnte ja nicht ahnen, dass er nur ein paar Tage nach Titelfindung sterben würde und fühle mich auch ein wenig schuldig. Mord durch Zitation sozusagen.

Ach ja, und es lohnt sich wirklich, einfach ihre Romane zu lesen, sie sind tatsächlich herrlich komisch: mein Lieblingsbuch ‘Von Paul zu Pedro – Amouresken’ (über Männer, Beziehungen, die Liebe und die leidige Angelegenheit mit Geld und Beruf), ‘Der Geldkomplex’ (sehr amüsante Parodie auf die Psychoanalyse, gibt es auch als Hörbuch; hier auch die Abbildung des Titelbildes der Erstausgabe von 1916), ‘Herrn Dames Aufzeichnungen’ (über das Leben der Bohème in München-Schwabing der Jahrhundertwende) und natürlich ihre Tagebücher. Um komplett zu sein hier auch ihr erster, autobiographischer Roman Ellen Olestjerne, ihr letzter, unvollendeter ‘Der Selbstmordverein’ (leider momentan nicht einzeln erhältlich), ihre Erzählungen (sehr hübsche Ausgabe, die neben den Erzählungen auch ‘Von Paul zu Pedro’ enthält) und – der Einfachheit halber – die gesammelten Werke in 5 Bänden.

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Und – ein heißer Tip – Fannys ausgesprochen reizender Briefwechsel mit ihrem zeitweiligen Lebensgefährten Bohdan von Suchocki: ‘Wir üben uns jetzt wie Esel schreien’. Dort (im sehr kundigen Vorwort von Jürgen Gutsch) sind auch zwei Schüttelreime von Fanny zu Reventlow zu finden, die ich euch nicht vorenthalten möchte:

Denn wenn ich diese Pfötchen knutsch
gehn meiner Seele Knötchen pfutsch

Man muss nicht so viel Liebe treiben,
dass sich die Triebe selbst entleiben.

 

Und wer an einer Stadtführung zur Münchner Bohème interessiert ist, um sein Wissen zu vertiefen, der lese hier weiter.

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Neue Netze

Das neue Netz? – Tagung an der Universität Bamberg 20.-22. September 2007
Technorati: dnn2007

Eigentlich gehöre ich ja gar nicht dazu. Ich bin weder Soziologin, noch Kommunikations-, Medienwissenschaftlerin, Informatikerin oder ähnliches, wie die meisten hier. Ich halte keinen Vortrag, ich beschäftige mich auch sonst nicht wissenschaftlich mit dem Web 2.0 und bin eigentlich davon ausgegangen, dass ich das Zuhören durchaus mit eigenem Lesen oder Schreiben unterbrechen würde. Aber mein Block und mein Buch ruhen in meiner Tasche aus. Irgendwie wird alles viel zu interessant.

Am Ende des Tages bildet man einen Stuhlkreis, es soll diskutiert werden, es stottert erst und holpert, dann läuft es an und die Diskussion gewinnt an Fahrt, wird engagiert und auch ein klein wenig emotional, die Blickpunkte der verschiedenen Disziplinen prallen tatsächlich produktiv aufeinander. Da treten ganz dezent die unterschiedlichsten Dialekte zum Vorschein, es wird sanft gesächselt und Wienerisch gesprochen zum Niederknien. Und es keimt zwischendurch kurz das Gefühl auf, dass das hier ein klitzekleiner Teil der Geschichte ist. Irgendwie ist ja jeder Moment irgendwie Geschichte, hinterher, aber dieser vielleicht doch etwas mehr. Weil es etwas Neues ist, was hier gemacht und besprochen wird, ein wissenschaftlicher Diskurs über das ‚Neue Netz‘. Weil die hier zwar nicht die ersten sind, die sich an einer Definition versuchen, aber ihnen darin auch noch nicht gar so viele voraus gegangen sind und ein Ergebnis noch lange nicht absehbar ist. Ich gehöre eigentlich gar nicht dazu, aber jetzt bin ich Teil davon.

Was mich als Literaturwissenschaftlerin aber noch mehr interessieren würde, ist der Zusammenhang zwischen (literarischen) Blogs, weiblichem Sprechen und Authentizität. Erstens ist es ja wohl so, dass nach Jan Schmidt die Blogosphäre vorwiegend weiblich ist. Zweitens werden Blogs offenbar mit einem hohen Grad an Authentizität in Verbindung gebracht, d.h. es wird auch davon ausgegangen, dass es sich um mehr oder minder unzensiertes autobiographisches Sprechen (im Gegensatz zum fiktiven Sprechen) handelt. Drittens wird in den literaturwissenschaftlichen Gender-Studies davon ausgegangen, dass es zwischen Weiblichkeit und Autobiographie einen doppelten Zusammenhang gibt: erstens ermöglichen bestimmte literarische Moden, die ein scheinbar autobiographisches Sprechen ausstellen (wie etwa der empfindsame Briefroman des 18. Jahrhunderts) den Eintritt von Frauen in die Literatur. Dies auch, weil autobiographisches, authentisches, natürliches Sprechen immer schon mit dem Sprechen von Frauen in Zusammenhang gebracht wurde. Das hat nicht zuletzt mit der behaupteten Kultur – Natur Dichotomie zwischen Mann und Frau zu tun. Gerade der Briefroman ist dann ein Genre, das mit diesen Annahmen spielt, nämlich bewusst autobiographisches Sprechen fingiert. Es entsteht die Fiktion von Authentizität. Und dies noch einmal verstärkt, wenn es sich um eine weibliche Autorin handelt. Dann wird der Text oft sofort auf sie und ihr Leben zurückgelesen, der Text wörtlich genommen. Weibliches Schreiben erscheint identisch mit autobiographischem Schreiben, schon weil man Frauen ein fiktional-literarisches Schreiben gar nicht zutraut.

Was könnte man jetzt als Literaturwissenschaftler aus diesen Annahmen schließen? Dass, ganz platt gesagt, die Blogs die Briefromane der Moderne sind? Mit allen Chancen und Problemen? Autobiographisch/authentisch markiertes Sprechen, vorwiegend von Frauen? Ist die Blogosphäre deshalb weiblich geprägt, weil genau dieses Sprechen auch den Frauen den Zugang zu einer Autorposition erlaubt? Und umgekehrt, werden Blogs deshalb als autobiographisch gelesen, weil sie besonders häufig von Frauen geschrieben werden? Wie kommt es überhaupt zu dieser Verbindung von Blog und Authentizität? Wie erzeugen Blogs diese Fiktion von Authentizität? Oder ist es nur so, dass – ähnlich wie bei einer Wissenschaft 2.0 – bloß eine klare und anerkannte Markierung dafür fehlt, dass es sich jetzt um einen fiktionalen Text handelt? Wie sieht es aus, wenn ein Autor/eine Autorin bewusst mit dieser Fiktion von Authentizität spielt, etwa in literarischen Blogs?

Fragen über Fragen, mit denen sich wahrscheinlich noch niemand in der (deutschen) Literaturwissenschaft beschäftigt hat, oder? Antworten, Anmerkungen und Literaturtips bitte gerne hier!

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Lautes Altern

Ich fühle mich eigentlich nicht älter, reifer als mit 18, wo die Lebenserfahrung der letzten zehn Jahre geblieben ist, frage ich mich manchmal. Dass ich dennoch älter geworden bin, macht sich vor allem bei den Geräuschen bemerkbar, beim Knacken meiner Gelenke. Na gut, mit den Fingergelenken habe ich auch schon als Schülerin geknackt, mich am Entsetzen von Lehrern und Eltern erfreuend, aber alles andere kam später. Das knirschende Knacken meines linken Ellenbogens, wenn ich den Arm durchstrecke. Das manchmal schmerzhafte, helle Knacken meiner Knie, wenn ich in die Hocke gehe oder aus der Hocke aufstehe. Das kurze, silbrige Knacken meiner Fußgelenke, wenn ich die Füße drehe. Das dumpfe, tiefliegende Knacken meines Brustbeins, wenn ich mich ganz gerade aufrichte. Das mehrmalige Knacken meines Nackens, wenn ich den Kopf auf eine Seite lege oder kreisen lasse. Das Ineinanderklicken der Rückenwirbel, wenn ich die Hände hinter dem Rücken verschränke und anhebe.

Bald wird es kein Gelenk meines Körpers mehr geben, das nicht knackt. Ich frage mich nur, wie das werden soll, wenn ich wirklich alt werde. Ein Donnerdröhnen bei jeder Bewegung, eine Maschinengewehrsalve, ein ohrenbetäubendes Rattern? Kein Vergnügen, das Altwerden. Nur gut, dass man dann auch taub wird, mit der Zeit.

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Küsse

Ich habe mich verliebt in ihn. In den, der da vor mir her Fahrrad fährt. Es ist mitten in der Nacht, weit nach Mitternacht jedenfalls und wir fahren durch die Stadt, es ist kalt und ich friere in meinem dünnen Pullover. Eine frühe Herbstnacht schon. Ich mag es, wie er auf seinem Fahrrad sitzt, sehr aufrecht und ziemlich schräg, die eine Hand fast immer vom Lenker gelöst, manchmal in seine hintere Hosentasche gesteckt. Abenteuerlich, frei und stolz. Aber sein Rad quietscht, das Licht geht nicht, der dunkelrote Lack ist großflächig abgeplatzt und er fährt mit nur einem Pedal. Die Tretfläche aus Plastik fehlt, nur die metallene, runde Tretkurbel ragt noch hervor und es gelingt ihm seltsamerweise, diese so am Absatz seines Schuhs zu verhaken, dass er treten kann.

Wir fahren durch die Nacht und manchmal halten wir an, bleiben irgendwo stehen, auf einem Gehsteig, der menschenleeren Straße, um besser reden zu können, wir kennen uns erst ein paar Tage. Ich friere, aber ich sage nichts. Ich mag seine Art zu reden. Ich mag seine Stimme, wie er spricht und wie er mir zuhört. Ich mag es, mit ihm zu diskutieren, auch stundenlang und ich mag, was er denkt. Ich höre ihm gerne zu, auch wenn ich friere.

Und ich fahre gerne hinter ihm und sehe ihm beim Fahren zu. Nach und nach arbeiten wir uns durch die Stadt vor, bis wir beim Nymphenburger Kanal anlangen und vom Rad steigen. „Sag mir alles, was Du weißt,“ möchte ich ihm zurufen, „ich will Dir mein ganzes Leben erzählen, alles, nur für Dich.“ Aber ich schweige. Wir reden über Musik, die er mag und die wir schon gehört haben, beide nebeneinander auf dem Teppichboden sitzend, in seinem Zimmer, an dessen Tür geschrieben steht: „Am Ende bin ich nur ich selbst.“ Ich mag, wie er Musik hört und ich mag, wie er darüber sprichst und ich erwähne nicht, wie lange ich mich schon nach ihm sehne.

Wir gehen am Kanal entlang, redend, frierend, das Wasser ganz dunkel, bis wir am Hubertusbrunnen angekommen sind. Die Stufen sind kalt und ein wenig feucht von der Nachtluft, aber der Blick ist schön und wir rücken näher zusammen. Ich liebe seinen Geruch. Ich mag es, wie er mich ansieht und ich könnte ihn stundenlang einfach nur anschauen. Ich mag seine Augen und seine Wimpern und seine Lippen und wie sie sich bewegen beim Sprechen. Ich mag seine kleinen Ohren und sein weiches Haar, seine Bartstoppeln. Ich mag seine Hände und ich will ihn berühren, jetzt. Vorsichtig schiebe ich meine Hand in seine, sehe ihn an, lausche seinem Atem. Er erzählt weiter, reagiert kaum, hält meine Hand aber fest in seiner, erst dann verstummt er. Ich mag es, mit ihm zu lachen, wie vorhin und ich mag es, mit ihm zu schweigen, wie gerade eben. Es stimmt, dass ich ihn nicht kenne, aber ich glaube, ich könnte ihn lieben, wenn ich ihn kennenlernen würde, kennenlernen dürfte. Ich möchte ihn kennenlernen, immer wieder.

Mir ist so kalt, dass ich zu zittern beginne in der Herbstnacht, aber das ist egal jetzt. Ich will ihn weiter ansehen und weiter seinen Geruch atmen. Ich möchte irgend etwas für ihn sein. Und ich kann nicht so lange warten, ich will nicht. Ich habe keine Wahl, ich muss mutig sein, denke ich. Kurzentschlossen neige ich mich vor und dann berühren meine Lippen die seinen, schöne Lippen, weiche Lippen, die ich sanft küsse, ich warte. Er küsst mich zurück, endlich, und so sitzen wir da, in der Kälte der Nacht, drei Uhr morgens, auf den Stufen des Hubertusbrunnens, vor uns das dunkle Wasser und knutschen. Sehen uns ungläubig und gläubig in die Augen und knutschen wieder.

Ich merke, dass ich ihn immer noch mag, immer mehr, seinen Geruch, seine Lippen, seine Zunge, seine Hände und Arme, die sich jetzt um mich gelegt haben, so wie die meinen um ihn. Meine Augen geschlossen und ganz hingegeben an das Küssen in der Stille. Ich möchte ihm sagen, dass ich ihn liebe, aber ich weiß, es ist zu früh dafür, auch wenn ich mir jetzt schon sicher bin. Ich sehne mich nach seinen Küssen in meinem Nacken, nach seinen Berührungen, nach seiner Haut und ich weiß, dass es nicht weit ist, zu ihm nach Hause. Dort könnte es warm sein, sehr nah und sehr neu.

Wir gehen zu unseren Fahrrädern, ich habe das Gefühl zu torkeln, so pulst das Blut durch meine Adern, so betäubt bin ich von seinen Küssen, so benommen von seinem Geruch. Wir fahren bis zu jener großen Kreuzung, an der man nur noch ein Stück nach rechts muss, um zu ihm zu kommen, dorthin, wo wir schon einmal auf dem Teppichboden seine Musik gehört haben, und er hält an. Ich wundere mich. Wir stehen nebeneinander, die Fahrräder zwischen den Beinen balancierend und er sagt nur: „Ich muss jetzt nach rechts.“ Ich nicke, das weiß ich auch. Wir schweigen uns kurz an, ich sehe ihm in die Augen, es dauert bis ich begreife. „Und ich?“, frage ich. „Du musst nach links, wenn ich mich nicht täusche.“ Ich nicke wieder. Ich bin niemand der sich aufdrängt, aber ich bin auch keine, die es schon einmal erlebt hätte, dass sie ein Mann nach Hause schickt. Er steht da und wirkt ein wenig ratlos, ich wundere mich und nicke noch einmal. „Komm gut nach Hause,“ sagt er, „und dann auch mal wieder her.“

Ich winke nur kurz und fahre dann los, immer geradeaus, ich blicke mich nicht um, ich friere immer noch und fahre sehr schnell. Jetzt bin ich mir noch sicherer, dass ich ihn haben will.

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POM

Dass ich mit der Polizei ausgesprochen wenig zu tun habe, spricht ja eigentlich für mich. Dass ich aber, als ich vor einigen Jahren den Diebstahl meiner Tasche anzeigte, den Namenszusatz POM für einen niedlichen Vornamen des ebenso niedlichen Polizeibeamten hielt, ist dennoch eher peinlich.

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