Literaturblogs

Eigentlich wollte ich das ja schon auf dem FrauenBarCamp erzählen. Da war dann aber keine Zeit und kein Raum mehr zur Verfügung. Also hole ich es jetzt einfach als Artikel hier nach: Die Vorstellung einiger Literaturblogs. Das bedeutet, dass ich nicht theoretisch danach fragen werde, was ein Literaturblog ist, sein kann und wie man ihn definiert, was genau sich nun Literaturblog nennen darf und was nicht. Das können andere sicher viel besser. Es bedeutet einfach, dass ich einige Blogs hier verlinken und kurz beschreiben möchte, damit sich Interessierte gegebenenfalls von dort aus auch weiterklicken können. Natürlich eine höchst subjektive Auswahl.

Aber zuerst: was ist für mich ein Literaturblog, welche Art von Blog führe ich hier an? Ich verstehe darunter zunächst einmal keinen Bücher-Rezensionsblog wie z.B. Liisas Litblog oder auch den Lesekreis. Ich verstehe darunter auch nicht das Tagebuch eines Schriftstellers, wie wir es etwa beim “Leipzig-Tagebuch” von Else Buschheuer (u.a. Autorin von Ruf! Mich! An!) haben. Erstens erzählt sie hier ausschließlich Geschichten aus ihrem Leben und kommentiert ihren Alltag. Auch wenn das sogar schon in Buchform erschienen ist, für mich sind das keine literarischen Texte im engeren Sinne. Außerdem kann man sich sogar streiten, ob das ein Blog ist: man kann nicht kommentieren! Für mich ist das aber ein Definitionselement, das ganz elementar zu einem Blog gehört.

Was ich also unter Literaturblogs verstehe, das sind “Literarische Blogs”, also Blogs, auf denen literarische Texte (Lyrik oder Prosa) veröffentlicht werden. Das muss nicht ausschließlich der Fall sein (natürlich sind meist auch persönliche Texte eingestreut), aber doch überwiegend. Natürlich ist das eine winzige Nische in der (in Deutschland) ohnehin nicht so großen Blogwelt. Hier wird kein Geld verdient, hier finden sich relativ wenige Leser, hier kommt niemand in die Blogcharts. Die Frage, die sich nun also stellt: Wie findet man literarische Blogs?

Ein möglicher Startpunkt ist trotz allem immer noch das Online-Magazin mindestenshaltbar, das bedauerlicherweise im Mai 2008 eingestellt wurde. Trotzdem findet man hier jeweils zu einem bestimmten Thema literarische Texte von Bloggern und Bloggerinnen. Die Blogs dieser Autoren sind wiederum verlinkt, so dass man sich hier schon einige interessante Literaturblogs zusammensammeln kann. Mindestenshaltbar wurde erst von Katharina Borchert geführt, dann von DonDahlmann übernommen und von knallgrau betrieben, bis diese keine Lust mehr hatten. Das ganze ist magazinmäßig aufgezogen, glänzte jeweils durch eine tolle Grafik, setzte sich bei jeder Ausgabe ein bestimmtes Thema und außerdem gab es Podcasts zu ausgewählten Beiträgen.

Wie gesagt: tot, leider. Eine “lebendige” Sammelstelle für Literaturblogs findet man unter Litblogs.net, die schließlich im Untertitel schon “literarische Weblogs” heißen. Dort sind die Feeds von momentan 17 selbständigen literarischen Blogs versammelt. Das Projekt wurde 2004 von Markus A. Hediger und Hartmut Abendschein gegründet und gedeiht und wächst seitdem sanft vor sich hin. Die Feeds aller Blogs sind dort direkt als Paket abonnierbar. Es lohnt sich wirklich, dort zu stöbern!

Einer der dort vertretenen Autoren ist Alban Nikolai Herbst mit seinem Weblog Die Dschungel. Alban Nikolai Herbst heißt eigentlich Alexander von Ribbentrop und lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Bekannt wurde er wahrscheinlich vor allem durch einen “Literaturskandal”, gegen seinen Roman “Meere” hatte eine ehemalige Gefährtin 2003 eine einstweilige Verfügung erwirkt. Alban Nikolai Herbst (kurz auch ANH genannt) bloggt seit 2004 und nennt sein Blog auch “seinen Roman”. Dieser heißt nicht umsonst “Die Dschungel”, denn der Aufbau der Seite mit all den Unterkategorien und mit all den anderen Autoren, die neben ANH selbst auf “Die Dschungel” schreiben, ist höchst kompliziert und verschachtelt und außerdem von einer Vermischung von Fiktion und Realität gekennzeichnet. Das sollte einen vom Lesen aber keinesfalls abhalten. Auf der Hauptseite finden sich jeweils eigene und fremde Texte, aber manchmal auch Gedichte, die noch überarbeitet werden. Die Überarbeitung durch und nach Kommentierung wird so sichtbar, was ein höchstspannender Prozess ist. Außerdem gibt es Albans Arbeitsjournal, aus dem ersichtlich wird, dass der Arbeitstag des Autors jeweils gegen 5:30 Uhr beginnt. Auch als Mittel zur Selbstdisziplinierung gedacht (wenn ich das richtig verstanden habe), erfährt man dort, woran Alban arbeitet, welche Musik er hört und auch einiges aus seinem ganz persönlichen Leben. Mehr dazu kann man auch in der Rubrik Tagebuch lesen, wo allerdings nicht nur Alban selbst, sondern auch verschiedene andere Personen (von denen man nicht so genau weiß, ob es sie wirklich gibt) schreiben, die Identitäten bleiben unklar, was ja aber auch ganz reizvoll ist. Ein interessantes Projekt war auch Albans Werkstatt, eine virtuelle Literaturwerkstatt, die er in Zusammenhang mit seiner Poetikprofessur in Heidelberg begonnen hatte. Hier konnte jeder seine Texte einstellen, entweder einfach so oder zu einem gestellten Thema und Alban lektorierte und verbesserte. Sehr hilfreich und ein herausragender Service. Das Ganze ist inzwischen ins “Virtuelle Seminar” der Uni Heidelberg verlegt worden, sicher auch einen Besuch wert!

Weitergehen soll es jetzt mit Sudabeh Mohafez, einer in Teheran geborenen Schriftstellerin, die in Stuttgart lebt und schon mehrere Erzählungen und einen Roman veröffentlicht hat. 2008 war sie für den Bachmannpreis nominiert, ebenfalls 2008 erhielt sie den MDR-Literaturpreis. Ihr Blog heißt ganz bescheiden “zehn zeilen – eukapirates versucht sich an der kleinen Form”. Sie schreibt hier in unregelmäßigen Abständen jeweils 10 Zeilen nach der Methode: maximal 10 Minuten schreiben, maximal 2 Mal überarbeiten. Mit immer wieder interessanten Ergebnissen.

Auch Benjamin Stein, der in München lebt, hat schon Preise erhalten, unter anderem für seinen Roman “Das Alphabet des Juda Liva”, 1993 hat auch er am Bachmannwettbewerb teilgenommen. Auf seinem Blog Turmsegler erscheint ein Mix aus Rezensionen, aus Gedichten und Zitaten anderer Schriftsteller mit Kommentar, Berichten aus dem eigenen Leben und eigenen literarischen Texten. So kann man auch hier dem Entstehen literarischer Werke zusehen.

Ein wunderbarer Lyrik-Blog ist Helmut Schulzes Blog “Parallalie”. Helmut Schulze lebt in Umbrien (Italien) und schreibt dort seine kleinen Texte.

Ein letzter Favorit von mir sind die Niemandslandtage. “Nellas Niemandsland: Neurosen, Nettigkeiten und notwendiger Nonsens” enthält kurze Texte in einer wunderschönen Sprache, die einen besonderen Reiz nochmal daraus gewinnen, dass völlig unklar bleibt, ob sie fiktiv oder autobiographisch sind.

Natürlich ist das nicht alles und, wie gesagt, die Auswahl höchst subjektiv. Dennoch wäre das mal ein Anfang für alle Interessierten. Weitersuchen und -lesen kann man dann auch noch in den Links meiner Blogroll in der Rubrik “Literaturteil” (und teilweise auch im Feuilleton).

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Feuchtgebiete von Charlotte Roche

Ja, ich bin verdammt spät dran. Und das liegt nicht am exzellenten Service von Amazon, von dessen Schnelligkeit ich immer wieder begeistert bin, sondern ausschließlich an mir. Aber jetzt, nachdem meine Prüfungen endlich vorbei und sogar die Ergebnisse (mit denen ich mehr als zufrieden bin) schon da sind, habe ich ja ausreichend Zeit, auch mal besagte Zeit zu verplempern. Denn dass die Lektüre der Feuchtgebiete von Charlotte Roche eher in den Bereich der ‘Zeitverschwendung’ fallen würde (und zusätzlich ‘Geldverschwendung’), war mir eigentlich von Anfang an klar. Aber: die Neugier obsiegte.

Um es kurz zu machen: obwohl das Buch auf jeder Seite nach Skandal schreit, war ich weder schockiert, noch fühlte ich mich provoziert, noch habe ich das Buch vor Ekel aus der Hand legen müssen, wie einige berichten. Das mag an meiner recht hohen ‘Ekelgrenze’ liegen, die schon lange durch Henry Millers Opus pistorum, Das obszöne Werk Georges Batailles oder durch die Werke des Marquis de Sade geschult ist (allesamt aber deutlich bessere Bücher). Die Provokation ist also zumindest bei mir (aber nicht nur bei mir) missglückt. Das wäre nicht weiter schlimm, hätte man nicht bei jedem Wort das Gefühl, dass dieses Buch unbedingt provozieren will! Die Feuchtgebiete sind aber auch kein erotisches Buch, kein ‘Porno’ , wie manchmal geschrieben wurde (obwohl es ab und an auch um Analsex, Bordells und Masturbation geht), zumindest nicht in dem Sinne, dass sie beim Lesen erregen würden. Auch mit dieser Meinung bin ich nicht alleine.

Das Problem aber ist: das Buch ist noch nicht einmal besonders unterhaltsam. Okay, an ein, zwei Stellen musste ich schmunzeln, das war es aber auch schon. Und alles, was das Buch zu sagen hat, ist eigentlich auf den ersten zehn bis zwanzig Seiten schon gesagt. Danach, spätestens aber ab Seite 100 (und das Buch hat 220 Seiten) ist es wirklich nur noch langweilig. Wenn auf den ersten Seiten schon zehnmal das Wort ‘Arschficken’ oder ‘Muschischleim’ steht, dann finde ich es beim elften Mal auch nicht mehr aufregend, sondern fast schon normal. Wenn mir schon erzählt wurde, dass die Protagonistin Helen Memel gerne besagten ‘Muschischleim’, ihre Popel und ihren Wundschorf aufisst, finde ich es wenig überraschend, dass sie dies auch mit dem Inhalt ausgedrückter Pickel, den Ablagerungen an den Augen nach dem Schlafen und mit Ohrenschmalz tut. Habe ich irgendetwas vergessen? Nun, sie isst quasi alles, was ihr Körper so produziert und das wird eben in aller Ausführlichkeit aufgezählt, variiert und breitgetreten. Nunja.

Ich habe leider aber auch noch mehr Probleme mit diesem Buch: ich finde diese Protagonistin Helen überhaupt nicht überzeugend. Natürlich ist sie ohnehin eine Karikatur, aber niemals eine 18jährige! Sie wünscht sich ein Kind und lässt sich mit 18 heimlich sterilisieren (den Arzt, der das macht, soll mir Charlotte Roche aber mal zeigen!). Sie zeichnet ihre Mutter als schreckliche, neurotische, hochgradig gestörte Person, ihren Vater nur als halbgestört, will ihm aber eine ‘Wiedervereinigung’ mit der Mutter (das ist ja ihr großes Ziel!) antun? Sie macht die größten Schweinereien und verwendet dann dennoch mädchenhaft-kindliche Ausdrücke wie ‘Muschi’ und ‘Kacka’? Verzeihung, aber da fielen mir auf Anhieb jede Menge ‘schmutzigere’ Ausdrücke ein. Aber vielleicht ist das einfach der nötigen Variation geschuldet. Ich finde jedenfalls, das passt alles nicht, das geht weit über einen ‘widersprüchlichen Charakter’ hinaus, das ist einfach unglaubwürdig.

Und neben dem Essen sämtlicher Körperausscheidungen (was ja erstmal niemandem schadet) kommen wir noch zu den ‘ganz ekligen’ Stellen: dass Helen im Rausch die vermischte Kotze von sich und ihrer Freundin trinkt, nunja, das wird durch die Drogen ja halbwegs entschuldigt. Aber dass sie ihre Tampons auf dem Boden öffentlicher Toiletten zwischenlagert und dort die Klobrillen offensichtlich mit Vorliebe erstmal mit ihren Schamlippen ab- und sauberwischt, um zu beweisen, dass sie sich trotzdem keinen Pilz einfängt, Entschuldigung, das hat weder mit Körperbewusstsein, mit Kampf gegen den Hygienezwang, noch mit ‘Natürlichkeit’, noch mit Coolness irgend etwas zu tun, das ist einfach nur noch Dummheit. Lachen kann ich darüber leider auch nicht, vielleicht sollte man das.

Die Handlung: wie gesagt, da passiert nicht viel, es ist ein einziger innerer Monolog der Protagonistin, die im Krankenhaus liegt, über Hygiene und deren Gegenteil nachdenkt, ein bisschen aus ihrem kurzen Leben erzählt und unbedingt ihre Eltern wieder zusammenbringen will (was ich nicht begreifen kann, aber vielleicht liegt das daran, dass ich kein Scheidungskind bin). Nach einer Notoperation (die sie durch Selbstverletzung absichtlich herbeigeführt hat, um noch eine längere Chance zur Elternwiedervereinigung an ihrem Krankenbett zu bekommen), gibt sie diesen Plan aber urplötzlich und (für mich) ohne erkennbaren Grund wieder auf. Die ganze Eltern-und-Scheidungskind-Handlung bleibt irgendwie seltsam undeutlich, oberflächlich, aufgesetzt. Stattdessen verliebt sich Helen dann in den braven (und sehr blass gezeichneten) Krankenpfleger (dem sie einige ihrer Geschichten erzählt und der ihre ‘Arschwunde’ nach der Hämorrhoiden-OP fotografieren muss) und naja, das Ende, das ist wirklich die Krönung, die Krönung des Unpassenden und Unglaubwürdigen…

Die oft kritisierte Sprache finde ich nun gar nicht so schrecklich, sondern durchaus dem Thema angemessen, über diese Themen in hochliterarischer Sprache unterrichtet zu werden, macht auch nicht unbedingt mehr Vergnügen. Die Sprache ist (vom Anlass ausgehend) weder besonders schlecht, noch besonders gut, aber auch Charlotte Roche selbst würde höchstwahrscheinlich nicht behaupten, damit ein literarisches Meisterwerk vorgelegt zu haben. Was andere mit “schlecht lektoriert” meinen, verstehe ich aber nicht ganz… Unangenehm finde ich höchstens die Ausdrucksweise “auf Klo”, die dauernd benutzt wird.

Jetzt kommt aber erst das Schlimmste: Charlotte Roche behauptet ja in Interviews immer, sie habe in Feuchtgebiete gegen den Hygienewahn und Rasurzwang anschreiben wollen, gegen Intimwaschlotionen, parfümierte Slipeinlagen und das den Frauen antrainierte Gefühl, ‘untenrum’ schmutzig zu sein und zu stinken. Man kann sich darüber streiten, ob das heutzutage und außerhalb von Amerika überhaupt notwendig ist, aber das ist ja durchaus ein hehres Motiv, das man ihr als Bonus anrechnen sollte! Aber, wie auch schon Sigrid Neudecker geschrieben hat: die Protagonistin wettert zwar gegen Intimrasur und den angeblichen ‘Rasurzwang’ ist selbst aber mit großer Freude komplett rasiert (also außer am Kopf an allen verfügbaren Körperstellen). Macht das irgendeinen Sinn? Und ich möchte darauf noch aufbauen, denn das größte Problem ist doch, dass dieses Buch sein ehrenwertes Anliegen – Sexualität und Körper mit all seinen Begleiterscheinungen und Folgen als etwas natürliches, normales darzustellen – selbst konterkariert. Denn dieses Buch spielt (und hier setze ich einfach einmal voraus: bewusst) mit dem Ekel, so dass es wiederum genau das erzeugt, wogegen es eigentlich vorgehen möchte: das Angewidertsein von Körperlichkeit und Körpersäften.

Feuchtgebiete erzeugt keinen ‘heilsamen Schock’, nach dem die Leserin beruhigt ihre Slipeinlagen weglässt (was ja wirklich gesünder ist!), sich ihrem Liebhaber nicht immer zwanghaft frisch geduscht, parfümiert und komplettrasiert präsentieren muss, sondern verstärkt doch noch den Ekel vor all dem, was da in unserem Körper vorgeht und aus ihm herauskommt! Es baut nicht wirklich Hemmungen ab, wenn von Fürzen beim Sex und den braunen Flecken nach dem Analsex die Rede ist! Es führt nicht zu mehr ‘Natürlichkeit’ und Unverkrampftheit, wenn man vorgeführt bekommt, wie jemand sämtliche Körperausscheidungen verspeist. Dieses Buch versagt meiner Meinung nach bei seinem eigenen Anliegen vollständig und das ist ja wohl der größte Vorwurf, den man diesem Buch machen kann.

Meine Empfehlung also: mal in die Interviews auf YouTube reinschauen (ich empfehle besonders das im NDR, aber auch der 2. Teil bei Kerner ist unterhaltsam), denn hier ist Charlotte Roche deutlich besser, lustiger, lockerer und interessanter als in ihrem Buch. Und wer mag, kann auch die ersten zwanzig Seiten von Feuchtgebiete im Buchladen anlesen. Das reicht für einen Eindruck, macht erstmal auch ein bisschen Spaß, aber danach kommt wie gesagt nicht mehr viel. Und vielleicht züchte ich ja mal ein Avocadobäumchen. Und einen kleinen Vorteil hat das Buch ja tatsächlich auch, wie im Literaturcafé zu lesen steht: plötzlich reden alle mal wieder über ein Buch! Ansonsten können einem die Feuchgebiete wie Herrn Denis Scheck aber auch einfach am Arsch vorbeigehen.


Und hier noch ein Exkurs für all jene, die an weiblichen Dingen ‘untenrum’ näher interessiert sind, alle anderen überspringen das bitte!

Was mich auch gestört hat, ist, dass das Buch, was den ‘Muschischleim’ betrifft, schlichtweg schlecht recherchiert ist. Das kann man der Protagonistin Helen anlasten, die sich eben ihre Gedanken macht, ohne besonders gut informiert zu sein, aber eigentlich erwarte ich schon etwas Genauigkeit von einem Buch, das sich dermaßen ausführlich mit weiblicher Anatomie und weiblichen Ausscheidungen beschäftigt. Helen redet nämlich statt von ‘Muschischleim’ auch oft von ihrem ‘Smegma‘, wenn sie den Zervixschleim meint und behauptet so, dieses Smegma käme nicht davon, dass man sich nicht ausreichend wäscht. Im Lexikon (und bei Wikipedia) steht nämlich: “Mit bloßem Auge sichtbare Ansammlungen von Smegma können sich nur bei mangelnder Intimhygiene bilden” und dem widerspricht sie heftigst, mit dem Hinweis auf ihr beflecktes Höschen (S.22-23).

Jetzt besteht da aber einfach ein Unterschied: der Zervixschleim fließt vom Gebärmutterhals (lat. Cervix) durch die Scheide nach draußen, zur Selbstreinigung, und das passiert tatsächlich dauernd, mit oder ohne Waschen. Das ist der ‘Muschischleim’, den Helen in ihrer Unterhose findet oder ins Klo fließen sieht und der ganz normal ist. Und ‘Smegma’ heißen eben tatsächlich nur die dadurch entstehenden und nach einer Weile unangenehm riechenden Ablagerungen in den Hautfalten der Schamlippen und um die Klitoris und die haben eben wirklich mit ‘mangelnder Intimhygiene’ zu tun, ganz anders als der Zervixschleim.

Helen erzählt auch davon, wie sich die Konsistenz dieses Smegmas verändere, “mal wie Hüttenkäse, mal wie Olivenöl, je nachdem, wie lange ich mich nicht gewaschen habe” (S.51). Auch das ist kompletter Unsinn. Wie gesagt kommt der Zervixschleim von innen, seine Konsistenz lässt sich durch Waschen nicht beeinflussen, sondern unterliegt vielmehr den Veränderungen im weiblichen Zyklus, in dessen Lauf sich auch die Konsistenz des Schleims verändert. Soviel zur Genauigkeit von dem, womit sich dieses Buch hauptsächlich beschäftigt.

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Von Bibliotheken

Ich liebe ja Bücher über alles. Ich mag sie in der Hand halten und spüren, ich mag in ihnen blättern, ich mag sie ‘begreifen’, ihren Einband und die einzelnen Seiten, ich mag sie rascheln hören und ihren Geruch atmen. Und ich will Bücher, die ich lese, auch immer am liebsten besitzen, ausleihen ist nicht so meins. Um ehrlich zu sein, gehe ich aber dann auch nicht gut mit meinen Büchern um (also ist es auch besser, wenn sie nicht ausgeliehen sind), es dürfen ruhig Eselsohren hinein, meine Bücher werden aufgeschlagen unsanft auf den Bauch gelegt, meine Bücher werden mit in die Badewanne genommen, mit zum Frühstück, mit an den Strand.

Für mich sind sie dann aber nicht ‘beschädigt’, für mich sind sie dann erst so richtig ‘mein’, erobert durch den sichtbaren Gebrauch. Ich mag die von der Feuchtigkeit zerknitterten Seiten, die gebrochenen Buchrücken, die Wasser-, Kaffee-, Marmeladen- oder Tomatensoßenflecken, ich mag den Sand, der noch Jahre später beim Aufschlagen herausrieselt und die plattgedrückten Mücken, die ich mit dem Buch gefangen habe. Ich mag es, wenn man auf den ersten Blick sieht: oh, dieses Buch ist nicht neu, es wurde gelesen, es wurde geliebt.

In manchen Phasen meines Lebens habe ich so viele Bücher erstanden (natürlich mehr als ich lesen konnte), dass jemand einmal zu mir sagte, ich kaufe Bücher wie andere Leute Brot. Ich habe Bücher wirklich gerne, egal ob neue oder gebrauchte, egal ob frischgedruckte oder natürlich noch lieber sehr alte, ich kann mir ein Leben ohne Bücher schlichtweg nicht vorstellen. Und ich liebe natürlich Bücherregale, die sich unter dem Gewicht der Bücher nur so biegen, und am liebsten sind mir Wände, die man gar nicht sieht, weil sie nämlich ganz und gar von Bücherregalen bedeckt sind (auch wenn dazu mein Geld und Platz zu Hause natürlich nicht reichen).

Was ich aber dennoch nicht mag – und das erstaunt nach allem Gesagten vielleicht (von der Liebe auch zu alten, benutzten Büchern und der Liebe zu flächendeckenden Bücherregalen) – was ich also trotz allem nicht mag, sind Bibliotheken. Zumindest nicht die zahlreichen Abarten von Universitätsbibliotheken. Ich gebe ja zu, dass das ungerecht und unlogisch ist, denn nirgends sonst findet man schließlich so viele Bücher, druckfrische wie Erstausgaben, nirgendwo sonst so wenig sichtbare Wände, weil alles von Büchern bedeckt ist und nirgendwo sonst kommt man überhaupt an bestimmte Bücher heran, die vergriffen, alt, nicht wieder aufgelegt etc. sind. Und ja, Bibliotheken können wirklich schön sein, wie uns gerade wieder die Wissenswerkstatt mit einigen sehenswerten Fotos von Pracht-Bibliotheken gezeigt hat.

Sobald ich aber eine der meist weniger prächtigen Universitätsbibliotheken betrete, wird trotz meiner Bücherliebe mein Mund staubtrocken und ich selbst entsetzlich müde. Alles was dann kommt, finde ich nur noch sehr, sehr anstrengend. Das beginnt ja schon mit den kleinen Schließfächern, vierzig Zentimeter hoch, aber oben haben sie doch einen Haken, an dem man seine Jacke aufhängen soll: wessen Jacke passt denn da rein, ohne auf dem Schließfachboden zu schleifen? Irgendwelche Baby- oder Zwergenjacken vielleicht, aber das sind ja dann doch die eher ungewöhnlichen Bibliotheksbesucher. Trotzdem, irgendwie quetscht man dann (denn gerade im Winter, wenn man mit Tasche und dickem Mantel kommt, ist es nichts anderes als quetschen) doch noch alles ins Schließfach, bemüht sich noch, das richtige Geldstück zu finden (denn nein, die Bibliotheken können sich nicht einigen, ob sie zu diesem Zweck nun 1- oder 2-Euro-Stücke haben wollen und so hat man natürlich immer gerade das falsche Geldstück zur Hand) und schließt ab.

Man lächelt erschöpft und will den Schlüssel irgendwohin stecken, wirft aber noch einen kurzen Blick darauf: am Schlüssel befindet sich kein Anhänger mit der Nummer des Schließfachs. Das war ja eigentlich klar, denn selbst bei ganz neu installierten Schließfächern fehlen nach allerkürzester Zeit die allermeisten Nummernanhänger an den Schlüsseln. Sammelt die eigentlich irgendjemand? Gehen Leute gezielt in Bibliotheken, um ihre Kollektion von Schließfachschlüsselanhängern aufzubessern? Auf der Suche nach der 375, die ihnen in der Sammlung noch fehlt? Mit einfachem Abrieb ist das Ganze jedenfalls nicht zu erklären, dazu verschwinden zu viele. Was zum Teufel machen die Leute damit? Man versucht sich also wenigstens ungefähr einzuprägen, wo das eigene Schließfach ist und schreitet dann zur Tat.

Das eigentlich Anstrengende und Enervierende beginnt dann aber erst. Denn hat man die Signaturen der benötigten Büchern einmal gefunden, muss man ja noch diese selbst im Regal finden und da frage ich mich jedes Mal, wie es denn sein kann, dass die Bücher, die man sucht, entweder ganz, ganz oben in den Regalen stehen (so dass man sich auf einen Schemel, in anderen Bibliotheken auf eine wenig vertrauenserweckende Leiter begeben muss) oder aber ganz, ganz unten, nur wenige Zentimeter über dem Boden (so dass man sich gleich auf den wenig vertrauenserweckenden Teppichboden setzen muss, um sie auch nur ansehen zu können).

Was in aller Welt machen die Bibliothekare mit dem Rest des Regals, mit all den Regalmetern in der Mitte zwischen diesen Extremen, an die man ganz bequem, ohne Verrenkungen und ohne sich in Gefahr zu begeben herankommen könnte? Was um Himmels willen steht da? Sind das nur lauter Bücher-Atrappen, in denen gar nichts abgedruckt ist? Oder sind das absichtsvoll all die Bücher, die nun wirklich niemand braucht und sehen will? Sind das nur Platzhalter, damit man die Bibliotheksbenutzer sehr zielsicher nach ganz oben oder ganz unten jagen kann? Spätestens an dieser Stelle wünsche ich mir nur noch sehr viel Wasser (gegen die staubtrockene Luft) und mein Bett.

Man kann jetzt möglichst schnell einen Kopierer suchen, alles kopieren, was man lesen will und die Bibliothek fluchtartig wieder verlassen, das gelingt meistens aber nicht: erstens sind die spärlichen Kopierer sowieso zumeist alle besetzt und die Schlange sehr lang, zweitens bräuchte man eine spezielle Kopierkarte, die es nur drei Häuser weiter an einer speziellen Verkaufsstelle gibt und drittens wäre das einfach viel zu viel und viel zu teuer. Man kämpft also weiter, sucht sich einen Sitzplatz und schlägt die Bücher auf, die man sich unter Einsatz seiner Kraft und Geschicklichkeit heldenhaft erobert hat.

Wenn man nun versucht, konzentriert zu lesen, sich Stichpunkte zu machen oder vielleicht nur aufzuschreiben, was man unbedingt benötigt und doch einfach kopieren möchte, damit man diesem Ort möglichst bald entkommen kann, dann trifft man auf ein weiteres Hindernis der Bibliotheksbenutzung: die anderen Bibliotheksbenutzer. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass diese anderen nur in die Bibliothek gelassen wurden, um einen abzulenken und beim Arbeiten zu stören.

Die harmloseste Spezies unter den Bibliotheksbenutzern ist noch die, die dieselbe mit ihrem Büroarbeitsplatz verwechseln und um sich herum ein wildes Sammelsurium an mitgebrachten Sachen installieren, bei denen man sich wundert, dass sie diese überhaupt alle tragen konnten. Da finden sich natürlich bündelweise Stifte, verschiedene Sorten, Kugelschreiber, Bleistifte, Buntstifte, Leuchtmarker, Glitzerstifte mit und ohne Duft und so weiter. Außerdem natürlich Spitzer, Locher, Hefter, lange Lineale und was man sonst noch braucht. Dazu kommen dann aber auch noch Kaugummis und Lutschbonbons (was für ein Glück, dass man keine Getränke und Brotzeit mitnehmen darf, sonst sähen die Tische dieser Benutzer sicher wie ein kompletter Bahnhofskiosk aus). Außerdem darf natürlich eine Handcreme nicht fehlen, genauso eine Haarbürste, ein…, eine…, die Vielzahl der sorgfältig um den Benutzer herum aufgebauten Dinge ist schlicht unerschöpflich und kaum vorstellbar.

Natürlich gibt es auch immer mehr Bibliotheksbesucher, die mit ihren Laptops ankommen, dagegen ist natürlich erstmal auch wenig einzuwenden. Nur: bitte macht doch vorher eure Lautsprecher aus! Es nervt unheimlich, wenn alle paar Minuten aus irgendeiner Bibliotheksecke die Windows-Startmelodie zu hören ist. So schön ist die nicht! Und dann, naja, dann kann man sich schon manchmal ärgern, wenn man sich mühsam einen Platz gesucht hat, weil beinahe alle belegt sind und die Bibliothek fast überquillt, andere aber ganz ruhig auf ihren Plätzen sitzen, diese offenbar aber nur belegen, um in aller Ruhe Solitär spielen zu können und das nicht nur zwischendurch, sondern beobachtbar stundenlang. Ja, da könnte man sich schon fast aufregen.

Ärgern kann man sich natürlich auch über die lauten Gespräche, die einen aufschrecken und über das Absatzgeklapper, das einen immer wieder aufblicken und der vorbeistolzierenden Dame nachblicken lässt. Man versteht ja, dass jemand Aufmerksamkeit will, das ist ja auch legitim, aber bitte, versucht diese doch irgendwie anders zu erreichen als mit Schuhen, mit denen man ebensogut Flamenco tanzen könnte, so einen Lärm machen sie auf jedem Holzboden. Schuhe in Bibliotheken sind ja ohnehin so ein Thema, denn es ist durchaus verbreitet, selbige in der Bibliothek auszuziehen. Meine Meinung dazu: das muss nicht sein! Eure löchrigen Socken solltet ihr nur eurer Katze daheim zeigen, ich kann auf den Anblick gerne verzichten.

Überhaupt auch nicht zu unterschätzen ist die mangelnde Körperhygiene in den Bibliotheken: das fängt an mit den unbeschuhten, strumpfsockigen Käsefüßen, die einem da entgegengestreckt werden und geht weiter zur unterlassenen Benutzung irgendwelcher Deodorants. Und nein, ich finde Schweißgeruch nicht konzentrationsfördernd, ganz im Gegenteil! Besonders schlimm wird das, wenn man zwar wegen des Nebenmanns Gestank kaum mehr zu atmen vermag, trotzdem aber den Platz nicht wechseln kann, weil die Bibliothek fast überquillt und alle Plätze von Solitärspielern besetzt werden.

Hat man sich dann wegen all dieser und anderer Widrigkeiten dazu entschlossen, die Bibliothek doch zu verlassen, weil man hier ohnehin keinen Schritt vorankommt, dann kommen noch einige Hürden: erst muss man die aus den Regalen geholten Bücher sorgfältig dahin zurückstellen, wo sie waren, also ganz oben oder ganz unten ins Regal, sich auf die Leiter schwingen oder auf den Boden kauern (am besten legt man sich bäuchlings flach auf den Boden), dabei, wenn man sich schon in so eine Position gebracht hat, kann man auch gerne noch das ordnen, was die Mitbibliotheksbenutzer da so hinterlassen haben. Denn obwohl diese ja offensichtlich lesen können (was machten sie sonst in einer Bibliothek?), fällt ihnen das Signaturen-Lesen und das Ordnen der Bücher nach diesen Zahlen offensichtlich sehr, sehr schwer. ‘Durcheinander’ ist oft gar kein Ausdruck für das, was man in den Regalen vorfindet.

Hat man die Bibliothek also mit sich unvorstellbarerweise immer noch steigernder Staubtrockenheit des Mundes und schnell weiter anwachsender Müdigkeit verlassen, wartet nur noch der letzte Stolperstein: ich habe Bibliotheksbenutzer schon eine halbe Stunde lang in den Reihen der Schließfächer nach ‘ihrem’ Schließfach suchen sehen, jedes einzelne mit dem Schlüssel prüfend, hoffend, dass er da nun doch einmal passt. Letztlich reißt man nur noch erleichtert seine völlig zerknitterten Kleidungsstücke aus dem endlich wiedergefundenen Schließfach und schaut, dass man möglichst schnell zu einem großen Getränk und einem weichen Bett kommt.

Wie gesagt, ich liebe Bücher und auch ich erstarre angesichts der bei Marc gezeigten Prachtbibliotheken und von ihm so genannten ‘Kathedralen des Wissens’ genauso wie Robert in Ehrfurcht, aber die Universitätsbibliotheken: nein, wirklich nicht, die haben damit rein gar nichts zu tun, keine Liebe, keine Ehrfurcht, nichts davon, ich könnte richtig gut darauf verzichten.

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Endlich! Pascoli!

So, heute war endlich meine letzte schriftliche Prüfung. In zwei Wochen beginnt dann der Durchlauf durch die 11 mündlichen, aber jetzt freue ich mich erst einmal, dass ich alles Schriftliche hinter mich gebracht habe. Heute zum Abschluss also die Klausur in Italienischer Literaturwissenschaft, eigentlich ja nun eines meiner liebsten ‘Fächer’ und ich habe die letzten Tage fast nur mit der Lektüre von Petrarca- und anderen Gedichten verbracht, was ja durchaus sehr nett und angenehm ist.

Nur: es kam mal wieder nichts von dem dran, was ich speziell vorbereitet hatte, gar nichts, keine Standardthemen, nur "Abseitiges"… Und: nicht mein geliebter Francesco Petrarca, kein Petrarkismus, keine Gaspara Stampa, kein Giambattista Marino oder ein sonstiges Barockgedicht, kein Giacomo Leopardi und kein Drama von Luigi Pirandello. Naja, war zwar vergeblich, aber trotzdem nett, wieder einige Sonette von Petrarca zu lesen…

Stattdessen kam unter anderem Giovanni Pascoli dran, von dem ich bisher (also vor dem Lernen auf die Klausur) nicht allzu viel gehört hatte: Lyriker der Jahrhundertwende, des Ästhetizismus, der Dekadenz (neben dem Zeitgenossen D’Annunzio), in Italien wohl vor allem durch Schulbücher sehr bekannt, außerhalb von Italien weniger. Es gab also folgendes Gedicht von Pascoli zu analysieren, das aus seiner Gedichtsammlung Myricae stammt:

Il tuono

E nella notte nera come il nulla,
a un tratto, col fragor d’arduo dirupo
che frana, il tuono rimbombò di schianto:
rimbombò, rimbalzò, rotolò cupo,
e tacque, e poi rimareggiò rinfranto,
e poi vanì. Soave allora un canto

s’udì di madre, e il moto di una culla.

Ein wirklich wunderbares, ein perfektes Gedicht und auch für jene ein wenig zu genießen, die des Italienischen nicht mächtig sind, denn tuono heißt Donner und jetzt: bitte laut vorlesen! Man hört den Donner ja förmlich, besonders sein Anrollen in "rimbombò, rimbalzò, rotolò", das dann rhythmisch hart auf das "cupo" (= dumpf) auftrifft (Betonungen auf dem ò und dem direkt folgenden u von cupo). Und dann schon der erste Vers (E nella notte nera come il nulla), so weich, so sanft mit diesen n’s und l’s, den Alliterationen und dem regelmäßig alternierend betonten Endecasillabo, auch das bitte laut lesen! Übersetzt klingt das viel weniger schön ("Und in der Nacht, schwarz wie das Nichts").

Aber es war ja auch keine Übersetzung, sondern ‘bloß’ eine Analyse bzw. Interpretation verlangt und in diesem Gedicht sind Inhalt (in der Nacht ertönt plötzlich ein Donnern und verhallt dann), Reimform (v.a. der das ganze Gedicht umarmende Reim von nulla in V.1 und culla in V.7), Rhythmik (von ruhig alternierend zu unregelmäßig zurück zu ruhig) und Lautung (besonders die dunklen o’s und die r’s im zentralen 4. Vers, inhaltlich der Höhepunkt des Donners und des Gedichts) wirklich perfekt aufeinander abgestimmt. Eine wirklich geniale, symmetrische und zugleich zyklische Form, bei der einfach alles stimmt und dazu ein lautmalerisches Wunderwerk!

Und dann die letzten beiden Zeilen, wenn der Donner verhallt ist (vanì), dieser neue, zweite Satz, der mit soave (= süß, lieblich) einsetzt, was den Gesang (canto) einer Mutter bezeichnet, den man jetzt nach dem Donner hört und das Geräusch der Bewegung einer Wiege (culla), diese letzten Zeilen, die rhythmisch, lautlich und inhaltlich wieder zur Ruhe zurückkehren, die regelmäßige Bewegung der Wiege im Takt des mütterlichen Gesangs hörbar machen und nach dem naturgewaltigen Ereignis eine familiäre Idylle skizzieren, nur anzitieren, die aber so sehr zu berühren wissen!

Ihr seht: ich bin begeistert (und das obwohl ich eine Klausur darüber schreiben musste), ein wirklich großartiges Gedicht! Auch wenn es nicht einfach war (einige Worte waren ohne Wörterbuch dann doch recht schwierig) und mir auch die Zusatzfragen (nach dem Vergleich mit anderen Naturgedichten und der Literaturgeschichte) etwas zu schaffen machten, bin ich dennoch sehr froh, dieses Gedicht kennengelernt und so genau analysiert zu haben, denn das hat sich wirklich gelohnt. Und jetzt bin ich kaputt, aber glücklich!

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Vorbei!!!!

Ich hab’s tatsächlich überstanden! Diese furchtbaren Geschichts-Klausuren sind vorbei! Und ich habe jeweils einiges hinschreiben können und es steht auch nicht nur Blödsinn drin… Ich bin sehr erleichtert, dass sich mein Alptraum (nämlich zu keiner Frage etwas hinschreiben zu können und ein leeres Blatt abgeben zu müssen) nicht erfüllt hat! Also vielen herzlichen Dank fürs zahlreiche Daumendrücken (vor allem auch ans Katl und an den Lieblingsmenschen).

Ich bin aber auch ziemlich erschöpft, das war schon richtig viel Arbeit und vor allem auch Stress! Am Freitag war ich erst mal noch sehr aufgedreht, dann bin ich aber schon um halb zwölf ins Bett und habe über neun Stunden sehr fest durchgeschlafen (wie lange ich schon nicht mehr so viel und gut geschlafen hatte!). Jetzt habe ich ca. 1000 ungelesene Beiträge in meinem Feed-Reader und muss mal langsam schauen, was so außerhalb meiner Lernerei passiert ist…

Für mich kommen jetzt zwar noch drei schriftliche und elf mündliche Prüfungen, aber das ist irgendwie nicht mehr so schlimm: die drei schriftlichen in Italienisch sehe ich irgendwie lockerer, da werde ich schon irgendwie bestehen – und die mündlichen sind ja ganz anders: man weiß was drankommt, man hat es abgesprochen, kann sich vorbereiten, das ‘Richtige’ lernen, kennt die Prüfer etc. Trotz der Menge an Prüfungen ist das alles also irgendwie deutlich angenehmer!

So: das Leben (und Bloggen) kann wieder beginnen!

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Abtauchen

Ihr habt ja sicherlich schon bemerkt, dass es hier in letzter Zeit etwas stiller ist; das wird in den nächsten Tagen auch nicht besser werden, im Gegenteil, ich werde bis Samstag ganz ‘abtauchen’, denn morgen habe ich mein Staatsexamen in ‘Alter Geschichte’ (ich habe griechische Geschichte gelernt) und am Freitag die Prüfung in ‘Neuerer Geschichte’ (1500-1800, ich habe mich vor allem auf die Zeit der Reformation vorbereitet). Wieder zwei fünfstündige Klausuren (und so verflucht früh) jeweils von 8.00 bis 13.00 Uhr.

Tja, und diese Prüfungen finde ich ganz schrecklich und mir fällt immer nur auf, was ich alles nicht gelernt habe und welche Fragen ich alle nicht beantworten könnte und so kann ich nur hoffen, dass irgendetwas drankommt, wozu ich etwas schreiben kann und ich kein weißes Blatt abgeben muss. Kein gutes Gefühl…

Also müsst ihr mir wieder die Daumen sehr fest drücken (das hat das letzte Mal ja schon ganz gut geklappt ;-) ) und dann bleibt nur die Hoffnung, dass das alles auch so ruhig und schön, beschaulich und bezaubernd wird wie in folgendem Video (mit Unterwasser-Skulpturen von Jason de Caires Taylor, die Musik ist von Yann Tiersen, der u.a. die Filmmusik zu Amélie und Good Bye Lenin! gemacht hat):

Besonders gefällt mir natürlich der Mann mit Schreibmaschine am Schreibtisch, über den die Fische witschen…

Mit Dank via Desideria | Es ist, was es ist…

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Leere der Fülle

Nochmal ein kurzer Veranstaltungshinweis für alle Münchner: morgen, Samstag, den 23.2. lese ich wie schon angekündigt um 19 Uhr im Vortragssaal der Münchner Stadtbibliothek am Gasteig, Rosenheimer Straße 5, um den 15. Haidhauser Werkstattpreis des Münchner Literaturbüros. Der Preisträger wird vom Publikum bestimmt, die zehn Kandidaten sind: Herrmann Rupp, Aye Alavie, Christoph I. Altmann, Michael Ried, Damaris Nübel, N. Bohrmann, Karl Bertram Raster, Gipp Primus, Georg Eggers, Kaya Presser, Eintritt 6 €.

Ich bin momentan gar nicht in der Stimmung dazu, mein Text muss nochmal überarbeitet und auch ‘probegelesen’ werden, im Moment hängt mein Kopf aber noch in den Prüfungen dieser Woche. In Mediävistik ging es mir sehr gut, denke ich, die Kudrun kam dran, die Übersetzung war nicht sehr schwer, zu den Fragen konnte ich jede Menge hinschreiben… In Neuerer Deutscher Literatur hatte ich leider nicht so viel Glück, ich hatte mich vor allem auf Drama vorbereitet, da kam aber keine Frage mit Textausschnitt vor, sondern nur so ganz Allgemeines und das ist nie so besonders gut zu bearbeiten, wenn es nicht wirklich das eigene Spezialgebiet ist. Glücklicherweise hatte ich mich auch auf Lyrik vorbereitet und habe also den Gedichtvergleich zwischen Goethes ‘Um Mitternacht’ und Mörikes ‘Um Mitternacht’ genommen… Was dabei rauskommt, da bin ich mir nicht so sicher…

Wie dem auch sei, das muss ich jetzt erstmal wieder aus meinem Kopf ‘verabschieden’ und eigentlich müsste ich jetzt sofort anfangen Geschichte zu lernen, denn zweieinhalb Wochen sind dafür ja gar nicht so viel und es graut mir ziemlich vor diesen Prüfungen, weil ich einfach fürchte, dass ich zu keiner Frage auch nur irgendetwas sagen kann und dann ein leeres Blatt abgeben muss, ein Alptraum! Also muss ich mich wohl oder übel ans Werk machen…

Meine Schreiblust ist dafür gerade irgendwo in Bodennähe, ich möchte das mal ‘Leere der Fülle‘ nennen, denn einerseits ist mein Kopf angefüllt mit all dem Wissen und den Details, die ich mir unbedingt merken wollte und dem, was ich mir noch unbedingt merken muss, und andererseits ist da eine kreative Leere und Lustlosigkeit, die ich schon lange nicht mehr erlebt habe… Tja, da ist dann wohl nichts zu machen. Ich hoffe aber, dass es nach den Geschichtsprüfungen, also in drei Wochen, wieder besser wird, dann bereite ich mich auf Italienisch vor, das macht mehr Spaß und ist auch ‘lockerer’.

Hier mal ‘meine’ Gedichte, vielleicht wollt ihr euch ja mal in einem Vergleich üben, aber ‘Seien Sie vorsichtig mit einer eventuellen Epocheneinordnung’ (wie es verunsichernderweise in der Angabe stand):

Johann Wolfgang Goethe: Um Mitternacht

Um Mitternacht ging ich, nicht eben gerne,
Klein, kleiner Knabe, jenen Friedhof hin
Zu Vaters Haus, des Pfarrers, Stern am Sterne,
Sie leuchteten doch alle gar zu schön;
Um Mitternacht.

Wenn ich dann ferner in des Lebens Weite
Zur Liebsten mußte, mußte, weil sie zog,
Gestirn und Nordschein über mir im Streite,
Ich gehend, kommend Seligkeiten sog;
Um Mitternacht.

Bis dann zuletzt des vollen Mondes Helle
So klar und deutlich mir ins Finstere drang.
Auch der Gedanke willig, sinnig, schnelle
Sich ums Vergangne wie ums Künftige schlang;
Um Mitternacht.

Eduard Mörike: Um Mitternacht

Gelassen stieg die Nacht an Land,
lehnt träumend an der Berge Wand;
ihr Auge sieht die goldne Waage nun
der Zeit in gleichen Schalen stille ruhn.
Und kecker rauschen die Quellen hervor,
sie singen der Mutter, der Nacht, ins Ohr
vom Tage,
vom heute gewesenen Tage.

Das uralt alte Schlummerlied -
sie achtet’s nicht, sie ist es müd;
ihr klingt des Himmels Bläue süßer noch,
der flücht’gen Stunden gleichgeschwungnes Joch.
Doch immer behalten die Quellen das Wort,
es singen die Wasser im Schlafe noch fort
vom Tage,
vom heute gewesenen Tage.

Es gibt sicher schwierigere Gedichte und der Goethe ist ja auch recht einleuchtend, aber der Mörike, nun ja, ganz bin ich dem nicht auf die Schliche gekommen, fürchte ich, ich bin aber auch weder Mörike-Experte noch -Freund, diese ganze Zeit, Klassik, Romantik, Biedermeier, interessiert mich nicht besonders, aber das hilft ja nun nichts… Drückt mir die Daumen, dass der Korrektor mir gnädig ist (und meine Schrift lesen kann)!

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Kürzer treten

So, liebe Leser, bei mir wird es in den nächsten sechs Wochen (und auch danach) ein wenig stiller werden, denke ich, weil der Endspurt für meine Prüfungsvorbereitungen gekommen ist. In drei Wochen habe ich die schriftlichen Prüfungen in Mediävistik und Neuerer Deutscher Literatur, nochmal drei Wochen darauf folgen die Prüfungen in Alter Geschichte und Geschichte der Frühen Neuzeit. Alle vier Klausuren sind fünfstündig. Tja, da habe ich was vor mir und noch einiges zu tun.

Nochmal drei Wochen später kommen dann drei schriftliche Prüfungen in Italienisch (Übersetzung, Textproduktion und eine literaturwissenschaftliche Klausur), danach folgen dann recht flott hintereinander weg die 11 mündlichen Prüfungen in Geschichte, Germanistik und Italienisch (je 20-30 Minuten). Ende Juni ist dann alles vorbei.

Also bitte nicht wundern, wenn hier ab jetzt in etwas größeren Abständen geschrieben und veröffentlicht wird! Ich bitte um euer Verständnis. Drückt mir die Daumen!

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Solche Tage

Sie kennen solche Tage ja sicher. Solche Tage, an denen es das wunderbarste Wetter hat, bis, ja bis Sie das Haus verlassen wollen. Sie binden sich also eilig die Schuhe. Ja, und genau dann reißt natürlich ein Schnürsenkel. Nachdem Sie dann mit einem anderen Paar Schuhen an den Füßen aus dem Haus treten, beginnt es urplötzlich heftig zu regnen. Solche Tage meine ich. Solche Tage, an denen Sie außerdem – ohne sich irgendeiner Schuld bewusst zu sein, ohne auch nur den Anflug eines Katers zu haben – unter dem sogenannten ‘Dummheitskopfschmerz’ leiden.

Der Dummheitskopfschmerz ist keine Migräne, er präsentiert sich nicht wegen irgendwelcher durcheinandergetrunkener Alkoholika der letzten Nacht, er schmerzt noch nicht einmal richtig, drückt kaum, spannt nur ein wenig, reicht aber aus, damit Sie sich den ganzen Tag über ein wenig matt, beeinträchtigt, erledigt, müde, jedenfalls nicht ganz auf der Höhe fühlen. ‘Dumm’ eben. Und wie gesagt, rührt der gemeine Dummheitskopfschmerz noch nicht einmal von irgendwelchen Exzessen her (dann lohnte er sich womöglich immerhin), nein, nur daher, vielleicht etwas zu wenig Wasser getrunken, zu kurz oder aber auch zu lang geschlafen zu haben. Im Grunde also nur Ihre eigene ‘Dummheit’, dass Sie ihn haben.

Dennoch ist es sehr gut zu wissen, dass Ärzten diese Diagnose bislang unbekannt geblieben ist, denn wer hört schon gern von seinem akademisch gebildeten Arzt: "Sie leiden nur unter Dummheitskopfschmerz, da kann ich leider nichts für Sie tun, ob er vergeht, weiß ich nicht zu sagen, bei manchen Menschen ist das angeboren und dauerhaft." Nein danke!

An solchen Tagen jedenfalls, schon müde beim Aufstehen und irgendwie verdattert, vom Dummheitskopfschmerz geplagt, gebeutelt von der zuverlässigen Widrigkeit des Wetters und dem vorauszuberechnenden Reißen des Schnürbands im ungünstigstmöglichen Augenblick, fragen Sie sich schon mal, ob sich da irgendein höheres Wesen eigentlich über Sie amüsiert und auf Ihre Kosten lustig macht, anders ist das ja kaum zu erklären.

Sie beschließen also, lieber zu Hause zu bleiben, bevor noch mehr passiert und schlagen ein Buch zum Willehalm Wolframs von Eschenbach auf und lesen den schönen Satz, dass ein Ritter in der großen Schlacht zwischen Christen und Heiden "schwer verwundert" worden sei. Nein, kein Verleser, das steht da wirklich! Eine sehr hübsche pazifistische Utopie der Verfasser eigentlich: man stelle sich vor, wie sich da die beiden riesigen und tödlich verfeindeten Heere gegenüberliegen und statt zu kämpfen, verwundern sich die tapferen Ritter gegenseitig (und dann auch noch schwer!) und ziehen letztlich wahrscheinlich höchst irritiert und friedlich von dannen. Auch eine gute Lösung!

Dann schlagen Sie aber ein Buch zur Pest im Spätmittelalter auf und müssen erstmal minutenlang über den Titel des Aufsatzes sinnieren, denn dieser lautet: "Busse in Zeiten des Schwarzen Todes". Und dann begreifen Sie langsam: nein, da geht es doch nicht um neue, spektakuläre Erkenntnisse  der Wissenschaft zur Entwicklung motorisierter Fahrzeuge und automobiler Innovationen, jetzt doch schon im 14. Jahrhundert! Nein, es geht schlicht und einfach um den völlig willkürlichen und verwirrenden Einsatz der ss/ß-Schreibung. Denn natürlich gab es im Spätmittelalter deutlich weniger Busse als heutzutage, dafür aber sicherlich deutlich mehr ‘Buße’, gerade in Zusammenhang mit der Pest, der angeblichen ‘Strafe Gottes’, und der Untertitel lautet dann auch ‘Die Züge der Geissler‘.

Nach dieser Erkenntnis können Sie das Buch beruhigt wieder schließen, in Ihrem Zustand und für den Dummheitskopfschmerz ist Lesen ohnehin nicht anzuraten, am besten Sie gehen gleich wieder ins Bett, denn sonst passiert Ihnen am Ende auch noch sowas.

 

Literaturtips:

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Simone und so

Es begann nicht mit ihr, sie kam später, es begann mit Sartre (natürlich). Jean-Paul Sartres Bücher standen im Bücherschrank meiner Eltern und ich begann mit 15, sie zu lesen. Statt in den Ballettunterricht zu gehen, setzte ich mich also fortan in Cafés, las Sartre und trank meinen ersten Kaffee, der mir scheußlich schmeckte, aber das gehörte dazu, undenkbar war es, Sarte ohne Kaffee zu lesen. Ich las die Zeit der Reife und den Aufschub, die ersten beiden Bände der Tetralogie ‘Die Wege der Freiheit’, schon der Titel eine einzige Verlockung. Und eine Sartre-Biographie stand auch noch im elterlichen Bücherschrank (sie stammte aus einer Zeit, als er noch nicht gestorben war).

Spätestens da muss mir auch Simone de Beauvoir begegnet sein (mit vollem Namen übrigens Simone Lucie-Ernestine-Marie-Bertrand de Beauvoir), die Frau an seiner Seite, die heute 100. Geburtstag hätte, läge sie nicht in Paris begraben, gemeinsam in einem Grab mit Jean-Paul auf dem Cimetière du Montparnasse (den ich natürlich später einmal besuchen musste).

Wenn ich mit 15, mit 16, 17, 18 irgendein Vorbild hatte, dann war sie es. Vielleicht wäre ich lieber wie Sartre selbst ‘gewesen’, dessen Bücher ich eines nach dem anderen verschlang, den Ekel, die Erzählungen, die Dramen, die Wörter (wobei ich wahrscheinlich nur die Hälfte verstand, nehme ich heute an), dessen Das Sein und das Nichts ich zumindest zu lesen versuchte und dessen Bücher ich schon wegen ihres rot-schwarzen Rowohlt-Einbandes liebte und andauernd mit mir herumschleppte. Aber nachdem er als Mann doch nicht so sehr als Vorbild taugte, wollte ich eben werden wie Simone und las auch ihre Bücher, ihre Autobiographien, Sie kam und blieb, Alle Menschen sind sterblich, Die Mandarins von Paris und kaufte mir irgendwann Das andere Geschlecht (über dessen Beginn ich dann aber doch nicht hinauskam).

Ich wollte gerne leben wie sie und eine Beziehung führen wie die zwischen Sartre und Beauvoir, diese unbedingte, unverbrüchliche, ‘notwendige’ Bindung zwischen den beiden, die sich ein Leben lang gegenseitig siezten und in getrennten Wohnungen oder Hotelzimmern lebten, ohne Kinder und ohne die Einschränkungen der Monogamie, frei. Ich wollte gerne so ein freies Leben für Literatur und Philosophie. Ich beneidete Beauvoir um die Beziehung zu Sartre, um den Pakt und ich beneidete sie um die Freiheit, sich dennoch auch andere Liebespartner genommen zu haben, Männer wie Frauen. Ich lernte, dass ihre große Liebe Nelson Algren hieß, ein amerikanischer Schriftsteller und dass sie Sartre oder eben dem Pakt zu Liebe dennoch auf das Leben an Algrens Seite verzichtete.

Ich lernte, dass ihr Kosename Biber war (frz. castor) und dass sie manchmal durchaus unter Sartres anderen Liebschaften litt (was ich aber nicht wie andere darauf zurückführte, dass sie eben eine Frau war und dass dies bei Frauen so ist, ich halte dies nicht für ‘weiblich’!). Ich las das Buch von Bianca Lamblin (Memoiren eines getäuschten Mädchens) und lernte, dass Beauvoir manche ihrer Philosophieschülerinnen verführte und diese dann teilweise wieder mit Sartre teilte und dass dies für die ‘Dritten’ im Bunde sicher nicht immer angenehm war. Ich lernte auch, dass Sartre offenbar ein sehr schlechter Liebhaber war und spätestens da beneidete ich Beauvoir etwas weniger.

Im Studium lernte ich wieder, welche Rolle Beauvoir für den Feminismus und die Gender-Studies spielte und welche Position sie hier in den Kontroversen einnahm. Sie schrieb in Das andere Geschlecht nicht nur den Satz "Man wird nicht als Frau geboren, man wird es" und brachte damit die Rolle der weiblichen Sozialisation auf den Punkt, sie nahm auch an, dass Frauen und Männer ansonsten gleich sind, gleich sein können, dass es keine angeborenen Unterschiede gäbe. Damit machte sie sich nicht nur Männer zum Feind, sondern auch jene Frauen und Feministinnen, die auf einer grundsätzlichen Verschiedenheit von Männern und Frauen beharren, die ‘EssenzialistInnen’ (und die dann damit entweder versuchen, Frauen ab- oder aber aufzuwerten als bessere Menschen).

Ich war immer Beauvoirs Meinung. Dass Frauen weder besser noch schlechter sind und kaum anders. Und freute mich darüber, wie sie die Einteilung von Menschen in Männer und Frauen kritisierte und die Konstruktion von Mensch=Mann und Frau=anders:

Die Menschheit ist männlich und der Mann definiert die Frau nicht an sich, sondern in Bezug auf sich. [...] Sie wird bestimmt und unterschieden mit Bezug auf den Mann, dieser aber nicht mit Bezug auf sie; sie ist das Unwesentliche angesichts des Wesentlichen. Er ist das Subjekt, er ist das Absolute: sie ist das Andere!

(Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht, Reinbek: Rowohlt 1968, S.10-11)

Ich freute mich, wie sehr sie immer darauf beharrte, einfach ein Mensch zu sein, so dass sie sagen konnte: "Ich hielt mich nicht für eine ‚Frau’; ich war ich!". Und als ich das Grab von Sartre und Beauvoir besuchte, da nickte ich ihm, der mich so geprägt hat, im Schatten von dessen größerer Bekanntheit sie immer stand, kurz zu, aber den Zettel mit dem schnell notierten Dank legte ich auf ihre Seite des Grabs.

 

Linktips:

  • Biographie Beauvoirs hier oder hier (mit weiteren Links und ausführlicher Bibliographie)
  • Artikel von Hannelore Schlaffer aus der SZ auf jetzt.de
  • Artikel von Ingrid Galster in der NZZ (via Lotrees)
  • Artikel von Barbara Vinken in der taz
  • Artikel von Christine Pries in der FR
  • Artikel von Julia Foss in der FAZ
  • Artikel von Ursula März zu Simone de Beauvoirs Briefen an Nelson Algren in der Zeit
  • Interessante Artikel von Alice Schwarzer, die mit Simone de Beauvoir befreundet war: hier und hier (und hier auch noch ein Interview mit Alice Schwarzer zum Thema)
  • Fotos von Simone de Beauvoir.
  • Beauvoir-Seite von dieStandard.
  • Zum erst jetzt aufgetauchten und von Le Nouvel Observateur veröffentlichten Nacktfoto Beauvoirs: http://lesekreis.org (das Foto gibt es hier größer/besser)
  • zum Nackfoto jetzt auch ein Artikel in der Zeit von Joachim Fritz-Vannahme, der unter dem Titel ‘Der skandalöse Akt’ über die Entstehung des Bildes und die Retusche durch den Nouvel Observateur berichtet

Filmtip: Simone de Beauvoir, eine moderne Frau, Dokumentarfilm, Frankreich 2007, Regie: Dominique Gros, am 10.01.08 um 22.40 Uhr auf arte.

Buchtip: Hans-Martin Schönherr-Mann: Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht, dtv 2007 (Schönherr-Mann ist auch Sartre-Spezialist und Professor für politische Philosophie an der Münchner LMU).

Mehr Buchtips hier.

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