Endlich! Pascoli!

So, heute war endlich meine letzte schriftliche Prüfung. In zwei Wochen beginnt dann der Durchlauf durch die 11 mündlichen, aber jetzt freue ich mich erst einmal, dass ich alles Schriftliche hinter mich gebracht habe. Heute zum Abschluss also die Klausur in Italienischer Literaturwissenschaft, eigentlich ja nun eines meiner liebsten ‘Fächer’ und ich habe die letzten Tage fast nur mit der Lektüre von Petrarca- und anderen Gedichten verbracht, was ja durchaus sehr nett und angenehm ist.

Nur: es kam mal wieder nichts von dem dran, was ich speziell vorbereitet hatte, gar nichts, keine Standardthemen, nur "Abseitiges"… Und: nicht mein geliebter Francesco Petrarca, kein Petrarkismus, keine Gaspara Stampa, kein Giambattista Marino oder ein sonstiges Barockgedicht, kein Giacomo Leopardi und kein Drama von Luigi Pirandello. Naja, war zwar vergeblich, aber trotzdem nett, wieder einige Sonette von Petrarca zu lesen…

Stattdessen kam unter anderem Giovanni Pascoli dran, von dem ich bisher (also vor dem Lernen auf die Klausur) nicht allzu viel gehört hatte: Lyriker der Jahrhundertwende, des Ästhetizismus, der Dekadenz (neben dem Zeitgenossen D’Annunzio), in Italien wohl vor allem durch Schulbücher sehr bekannt, außerhalb von Italien weniger. Es gab also folgendes Gedicht von Pascoli zu analysieren, das aus seiner Gedichtsammlung Myricae stammt:

Il tuono

E nella notte nera come il nulla,
a un tratto, col fragor d’arduo dirupo
che frana, il tuono rimbombò di schianto:
rimbombò, rimbalzò, rotolò cupo,
e tacque, e poi rimareggiò rinfranto,
e poi vanì. Soave allora un canto

s’udì di madre, e il moto di una culla.

Ein wirklich wunderbares, ein perfektes Gedicht und auch für jene ein wenig zu genießen, die des Italienischen nicht mächtig sind, denn tuono heißt Donner und jetzt: bitte laut vorlesen! Man hört den Donner ja förmlich, besonders sein Anrollen in "rimbombò, rimbalzò, rotolò", das dann rhythmisch hart auf das "cupo" (= dumpf) auftrifft (Betonungen auf dem ò und dem direkt folgenden u von cupo). Und dann schon der erste Vers (E nella notte nera come il nulla), so weich, so sanft mit diesen n’s und l’s, den Alliterationen und dem regelmäßig alternierend betonten Endecasillabo, auch das bitte laut lesen! Übersetzt klingt das viel weniger schön ("Und in der Nacht, schwarz wie das Nichts").

Aber es war ja auch keine Übersetzung, sondern ‘bloß’ eine Analyse bzw. Interpretation verlangt und in diesem Gedicht sind Inhalt (in der Nacht ertönt plötzlich ein Donnern und verhallt dann), Reimform (v.a. der das ganze Gedicht umarmende Reim von nulla in V.1 und culla in V.7), Rhythmik (von ruhig alternierend zu unregelmäßig zurück zu ruhig) und Lautung (besonders die dunklen o’s und die r’s im zentralen 4. Vers, inhaltlich der Höhepunkt des Donners und des Gedichts) wirklich perfekt aufeinander abgestimmt. Eine wirklich geniale, symmetrische und zugleich zyklische Form, bei der einfach alles stimmt und dazu ein lautmalerisches Wunderwerk!

Und dann die letzten beiden Zeilen, wenn der Donner verhallt ist (vanì), dieser neue, zweite Satz, der mit soave (= süß, lieblich) einsetzt, was den Gesang (canto) einer Mutter bezeichnet, den man jetzt nach dem Donner hört und das Geräusch der Bewegung einer Wiege (culla), diese letzten Zeilen, die rhythmisch, lautlich und inhaltlich wieder zur Ruhe zurückkehren, die regelmäßige Bewegung der Wiege im Takt des mütterlichen Gesangs hörbar machen und nach dem naturgewaltigen Ereignis eine familiäre Idylle skizzieren, nur anzitieren, die aber so sehr zu berühren wissen!

Ihr seht: ich bin begeistert (und das obwohl ich eine Klausur darüber schreiben musste), ein wirklich großartiges Gedicht! Auch wenn es nicht einfach war (einige Worte waren ohne Wörterbuch dann doch recht schwierig) und mir auch die Zusatzfragen (nach dem Vergleich mit anderen Naturgedichten und der Literaturgeschichte) etwas zu schaffen machten, bin ich dennoch sehr froh, dieses Gedicht kennengelernt und so genau analysiert zu haben, denn das hat sich wirklich gelohnt. Und jetzt bin ich kaputt, aber glücklich!

3 Comments for “Endlich! Pascoli!”

says:

Danke, das hat auch wirklich einfach Spaß gemacht. Und von Pascoli werde ich sicher in Zukunft noch viele Gedichte lesen.

Ich hoffe nur, der Korrektor hält die Begeisterung nicht für geheuchelt… Aber ich habe es gelesen und war wirklich berührt von der Wärme der Schlussverse und dachte nur: ja, das lohnt sich wenigstens, sich die nächsten Stunden damit zu beschäftigen (was man von Klausuraufgaben ja leider nicht immer behaupten kann)!

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