Krausser II

Nachdem ich über Helmut Kraussers erste Lesung ja schon sehr erfreut war (wie ich hier auch berichtet habe), fand am 29.11.2007 also die zweite der drei Lesungen im Rahmen der Poetikprofessur an der Ludwig Maximilians Universität München statt. Die dritte Lesung wird dann nächste Woche, am 6.12.2007, im Literaturhaus München sein.

Obwohl der Münchner Poetikprofessor Krausser nach der vollmundigen Ankündigungsrede von Dr. Claude D. Conter  angab, jetzt doch nervös geworden zu sein, war er diesmal von Anfang an deutlich entspannter als letztes Mal. Der Hörsaal der LMU war wieder so gut wie voll, der Dichter blieb wieder sitzen (und erklärte dies mit seiner Unfähigkeit, im Stehen zu reden) und war wieder komisch, ironisch, belesen, pathetisch und ein großartiger Vorleser. Um es vorwegzunehmen: ich war begeistert, beinahe noch mehr als das letzte Mal. Und um das auch einmal dazuzusagen: eine Vorlesung ist das natürlich nicht, was Krausser da macht. Der rote Faden ist sehr undeutlich ausgeprägt, tragend sind eher die Assoziationen und Einfälle des Autors, aber das ist auch ganz gut so.

Begonnen hat Helmut Krausser diesmal – natürlich ging es wieder um das Pathos – mit dem Julius Caesar von William Shakespeare, den man unbedingt lesen solle. Danach war lange nichts, sagt Krausser. Bis Georg Büchner kam und Dantons Tod. Das war es dann aber auch wieder mit dem chronologischen Vorgehen und ich kann nur ähnlich assoziativ aneinanderreihen, was mir gefallen hat bzw. was ich mitnotiert habe, das bitte ich zu entschuldigen.

Ganz anders als Alban Nikolai Herbst in seiner Heidelberger Poetik-Vorlesung befürwortet Helmut Krausser eine Trennung zwischen U- und E-Literatur überhaupt nicht und meint sogar, die E-Literatur sei zumeist marginal, beleidigt, von sich selbst eingenommen und messianisch, obwohl sie ein Randdasein friste. Man solle doch lieber den Reichtum des Nebeneinander anerkennen und genießen. Krausser ist der Meinung, gute Literatur müsse es auch mit Harry Potter oder einem Computerspiel aufnehmen bzw. auch eine Dreizehnjährige ohne viel Leseerfahrung begeistern können.

Außerdem verteidigt er sich dagegen, einen konservativen Literaturbegriff zu haben, er sei eigentlich kein Romantiker und kein letzter Mohikaner, kein Traditionalist, sondern stehe für einen Mix von alt und neu, die Gleichzeitigkeit aller tradierter Formen, die in der Moderne möglich sei. Und die Mannigfaltigkeit der Gegenwart könne nur dadurch ent- und bestehen, dass sie auch einiges enthalte, was ihm nicht gefalle.

Niemand sei heutzutage nur ein Mensch, wir sind mehrere, sagt Krausser, jeder von uns. Und deshalb müsse auch auf Verschiedenes unterschiedlich reagiert werden (und reagiert werden dürfen). Nur die Spießer unter den Autoren versteckten sich in irgendwelchen Höhlen und hinter ihrer einmal erreichten Unverwechselbarkeit, statt Neues auszuprobieren. Er sei also nicht reaktionär, sondern wolle lediglich über die komplette Bandbreite der tradierten Stilmittel verfügen. Überhaupt seien die Reaktionäre von heute oft die Revolutionäre von morgen.

In diesem Kontext spricht Helmut Krausser auch über Metrik und Reim, die lange Zeit nur noch in der komischen Literatur für angemessen gehalten worden seien und teilweise noch heute für moderne Literatur verdammt würden. Krausser ist dagegen der Meinung, dass unsere Zeit nach formaler Strenge giere. Allerdings sollten Dichter unter 30 doch keinen Reim benutzen, einfach weil sie ihn nicht beherrschten. Jeder Vers sei eine Falle, man stehe mit einem Fuss im Grab und mit dem anderen auf einer Bananenschale.

Die Literatur des deutschen Sprachraums nach 1945 bezeichnet Krausser als suhrkampgetränktes Pathos-Vakuum, enstanden durch die Abscheu vor allen Stilmitteln der Nazis, u.a. auch vor dem Pathos. Das Existenzrecht der Literatur habe nur noch im Experiment bestanden, die Schriftsteller wollten nicht mehr bezirzen und bezaubern, dadurch sei das ‘Dienstleistungsverhältnis’ zwischen Autor und Lesern beschädigt worden. Stattdessen hätten die Autoren ihre Leser nun erziehen wollen, was nichts anderes sei als gutgemeinte Verachtung, der Wunsch nach Unterhaltung bei den Lesern sei diesen von den Schriftstellern sogar übel genommen worden.

Gerade wegen dieses ‘Pathos-Vakuums’ im deutschsprachigen Literaturraum habe hier Charles Bukowski so großen Erfolg haben können, nicht nur was er schrieb sei interessant gewesen, sondern auch wie er schrieb. Bukowski habe immer viel gewagt und getrunken und es sei keineswegs peinlich, ihn auch noch in höherem Alter zu lesen und gut zu finden. Besonders Bukowskis Lyrik lobt er.

Das Problem sei, dass dieser Literaturgeschmack der deutschen Nachkriegszeit (aus Unsicherheit im Urteil) in den Redaktionen noch weiter gepflegt würde wie ein uraltes, krankes Pferd, das einfach nicht verrecken wolle. Erst jetzt seien im Roman wieder narrative Strukturen ohne formale Experimente möglich und erlaubt. Folglich müssten die Autoren auch wieder lernen, das Stilmittel des Pathos sicher zu handhaben.

Irgendwo dazwischen kommt ein Gedicht von Dirk von Petersdorff namens Raucherecke (das man hier nachlesen kann und das dem Band Die Teufel in Arezzo entstammt), das sei das einzige, worum er den Dichter beneide. Außerdem spricht Krausser sehr positiv von Ian McEwan und seinem Roman Abbitte, nicht ganz so positiv von Ernest Hemingways ‘Kriegsgewinnlerpathos’ und noch etwas negativer von Ernst Jüngers Roman In Stahlgewittern, der literarisch eigentlich nicht wertvoll und nur ein Tatsachenbericht sei (dem man daraus dann aber auch keinen Vorwurf machen dürfe, der Humor der Protagonisten dürfe keineswegs dem Autor angekreidet werden).

Zuletzt ärgert sich Krausser noch über das angemaßte Gutmenschentum eines besserwisserischen Trommelzwergs, der allen auf die Nerven gehe und macht einen kleinen Schlenker zu Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht. Hier schließt Krausser mit der Frage, ob Kunst ihre Nebenwirkungen auf einem Beipackzettel mitteilen müsse? Dies sei ein schwieriges Thema, das er unbeantwortet lässt.

Kraussers Randbemerkungen zum Pathos: Pathos sei wie ein Messer – gefährlich in der falschen Hand. Hohles Pathos müsse nicht bekämpft werden, denn es platzt von selbst, wenn es sich bläht. Pathos sei Kokain für unsere ratio, ein galoppierendes Pferd unter unserem Arsch, ein Rauschmittel. Pathos sei natürlich nicht typisch deutsch. Pathos sei verbunden mit Eros (denn in der Adoleszenz, in den Jahren, in denen Eros zum bestimmenden Trieb werde, sei das Pathos ein wichtiges Ausdrucksmittel; manche Menschen seien nur ein Mal im Leben kreativ und zwar, wenn sie um ihre erste Liebe würben).

Pathos sei auch mit Thanatos verknüpft (obwohl der Tod allgemein sehr zu begrüßen sei, werde er individuell weniger positiv gesehen, führe zu Quengeleien und Widerspruch und zum Pathos des Leidens, letztlich zum Pathos des Leidens zu Tode). Auch Pathos und Melodie hingen zusammen (auch Melodie, agitiere und errege, mache verrückt und entrücke; so sei das Misstrauen gegen die Melodie in der ernsten Musik nicht zufällig gleichzeitig mit dem Misstrauen gegen jedes Pathos in der Literatur aufgetreten, jetzt erst gäbe es auch eine Rückkehr der Melodie, denn die E-Musik müsse erkennen, dass sie in eine Sackgasse gelaufen sei).

Aus seinen eigenen Texten wählt Helmut Krausser diesmal wieder ein Gedicht (ein abgebrochenes Sonett) und Ausschnitte aus seinem Roman Eros, der ihm einmal mehr den Vorwurf des Kitsches eingebracht habe (das Pathos im Roman rechtfertigt er aber damit, dass es aus der Position eines Jugendlichen erzählt werde und kein Adoleszent sei jemals kitschig). Er beschäftigt sich kurz mit der Frage, warum sein Werk derart umstritten sei und selten lauwarme Reaktionen hervorrufe. Aber als Künstler könne man ohne Feinde nicht leben.

Seine letzten Sätze richtet Krausser an die ‘Suchenden und Schreibenden’ unter den Zuhörern und rät ihnen: ‘Lassen Sie’s sein.’ Es mache einfach zu viel Arbeit. Und denen, die es partout nicht lassen könnten, empfiehlt er, hin und wieder unmodern zu sein. Sich nicht allem aus der literarischen Tradition verpflichtet zu fühlen, es aber im Auge zu behalten. Man solle schreiben, wie man es fühle und keinesfalls so, wie man glaube, dass es andere von einem erwarten. Künstler seien schließlich nur der Wahrheit verpflichtet.

Hier geht es zu Krausser III und hier nochmal zu Krausser I

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