Krausser III

Nachdem ich hier schon über die erste und zweite Vorlesung des Schriftstellers Helmut Krausser zu Pathos und Präzision im Rahmen der Poetikprofessur der LMU München berichtet habe, nun zur dritten Lesung am 06.12.2007, die diesmal nicht in einem Hörsaal der Ludwig Maximilians Universität sondern im Münchner Literaturhaus stattfand.

Krausser wollte diesmal vielleicht noch etwas arroganter und überheblicher erscheinen als die letzten Male, aber natürlich nicht ohne Selbstironie und seine Lesung mäanderte wieder ziemlich unstrukturiert, aber anekdotisch, unterhaltsam um ein Thema, auf das er immer wieder zurückkam, es von allen Seiten attackierend, das er diesmal aber immerhin klar benannte: "Gibt es das gute Buch?"

Er selbst täte sich schwer, über Poetik zu reden, denn er wechsle die seine bei jedem neuen Buch aus (und sie verändere sich auch, je mehr man sich dem Ziel eines Buches nähere) und diese Pose übersteigert Krausser noch, wenn er später behauptet, von Literatur überhaupt nichts zu verstehen. Für eine Poetik-Vorlesung sei er somit völlig ungeeignet und überhaupt bekäme er auch zu wenig Geld dafür. Schon gar viel zu wenig Geld, um uns tatsächlich etwas über Literatur beizubringen, denn die Konkurrenz auf dem Buchmarkt sei so schon hart genug.

Um diesen Buchmarkt, seine Unwägbar- und Ungerechtigkeiten und die Unwissenheit und Ignoranz mancher Kritiker geht es bei dieser Vorlesung sehr oft. Und außerdem natürlich um Perfektion, die ja eigentlich dazu führen müsse, dass ein Buch einfach von allen (also auch allen Kritikern) gut gefunden würde. Krausser stellt aber schnell klar, dass es nur eine ‘subjektive Perfektion’ geben könne, irgendjemand fände ja immer irgendeinen Mangel.

Der einzige Mensch, sagt Krausser, der Wesentliches zu einem Text zu sagen hat, sei dessen Autor. Denn niemand kenne den Text so gut wie er (womit er freilich Recht hat) und nicht jeder Text wisse mehr als sein Autor (womit ich mir trotzdem nicht sicher bin). Dass Autoren von Literatur so viel verstünden wie Vögel von der Ornithologie, das sei Unsinn, aber mit System. Der Autor wisse die Wahrheit über seinen Text, aber freilich müsse er sie nicht sagen, er könne lügen.

Jedenfalls sollten wir deshalb nicht auf unsere Professoren hören, die ja bekanntlich das Gegenteil von Krausser behaupten (sondern auf die Autoren), denn alle anderen, die über Texte redeten, seien nur Parasiten, die Literaturwissenschaft eine ganze Wissenschaft der Textaneignung. Das nennt man dann wohl (zusammen mit dem Vorwurf, zu wenig Geld zu bekommen) Gastgeber-Beschimpfung.

Diesmal bringt Helmut Krausser – immer noch nachdenkend über den perfekten Text – eigene Cover-Versionen bekannter Gedichte von Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke und Conrad Ferdinand Meyer, sozusagen ‘Updates’, die unter anderem die sprachliche Aktualisierung im Sinn haben. An Friedrich Hölderlins Hälfte des Lebens traut er sich dann doch nicht, die ‘Verbesserungen’ würden hier zu marginal ausfallen. Christian Morgensterns Das ästhetische Wiesel schreibt er dagegen ganz um, nur die Anekdote beibehaltend, denn an sich sei auch dieses Gedicht perfekt.

Perfekt sei auch der Satz von Charles Bukowski "Da waren Männer, die taten Dinge", zumindest im Kontext betrachtet und von sich selbst findet er auch ein, zwei perfekte Sätze und zumindest ein perfektes Gedicht, das er selbst jahrelang für defizitär hielt (es steht zusammen mit anderen perfekten Gedichten in Plasma). Krausser meint, dass der Mythos der Perfektion so manchem Schriftsteller posthum auch peinlich sein könnte und er legt Franz Kafkas ersten Satz aus Der Prozess auseinander, er hat viele verbesserte Varianten dafür: "Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet." So wie der Original-Satz von Kafka dastünde, könne man sich den Rest des Romans jedenfalls genaugenommen auch sparen.

Warum aber strebt ein Autor überhaupt nach Perfektion, wenn sie nur subjektiv und zeitabhängig ist, warum vertut man Zeit, in der man Texte schreiben könnte, deren Mängel den meisten Lesern gar nicht auffallen würden? Kraussers Antwort ist schlicht: Die Liebe zum Wort. Diese habe Gemeinsamkeiten mit der Liebe von Eltern zu ihren Kindern, Zuneigung und Eitelkeit sei hier vermischt. Trotzdem sei aber die Legende vom ersten Satz, der unbedingt sitzen müsse, Quatsch. Der beste Einstieg nütze nichts, wenn der Text schlecht sei, wenn der Text aber gut sei, verzeihe man auch den mäßigen ersten Satz. Perfektion im Roman sei ohnehin kaum jemals erreichbar, irgendwo sei immer ein kleiner Fehler, Perfektion im Gedicht aber hin und wieder schon.

Krausser führt selbst die Autoren an, die ihn geprägt hätten, da waren als erste Lektüre die griechischen Heldensagen, dann folgte Karl May (den er aus der Schulbibliothek stahl), mit 9 Charles Dickens, mit 10 Ephraim Kishon und später Max Frisch, Bert Brecht, Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer, Franz Kafka, Ernest Hemingway, Charles Bukowski, Louis-Ferdinand Céline, Knut Hamsun, Ernst Jünger, Fjodor Dostojewski, Gustave Flaubert, Robert Gernhardt… (die Liste ist sicher nicht vollständig).

Jeder Autor werde so beeinflusst von anderen Autoren und er mixe die verschiedenen Techniken, die er sich dort abschaue, bis das Ergebnis originär und originell auf den Leser wirke. Ein Autor, der ein Werk vorlegen wolle, der müsse sein erstes Buch auf jeden Fall vor 30 veröffentlichen. Was man dazu brauche, sei vor allem ein übersteigertes Selbstbewusstsein, etwas Talent und ein großer Wille, denn nur aus Größenwahn könne Größe entstehen. Sei das erste Buch auch immer fehlerbehaftet, so könne man aus einem gedruckten Buch doch viel mehr lernen, als aus einem unabgeschlossenen Manuskript, das zweite Buch könne dann besser werden. 

Trotzdem beschäftigt Krausser die Frage weiterhin, warum manche schlechten Bücher Preise bekämen und manche guten Bücher keine Beachtung fänden (und er bringt als Beispiel den beinahe vergessenen Friedo Lampe). Es sei ja so, dass jedes gute Buch auch Verrisse, teils bösartige Verrisse bekomme, außer das Buch sei so harmlos, dass es nicht einmal fähig sei, noch den kleinsten Hass zu erregen. Insgesamt sei das aber ein Glücksspiel (vor allem bei der Vergabe von Literaturpreisen) und Krausser bescheinigt der Literaturkritik ein zwangsläufiges Versagen. Literaturkritik sei am Ende lächerlich und auch wenn sie gut geschrieben sei, bliebe sie doch nur Kundenservice und Verbraucherinformation.

Ihm persönlich gehe Literaturkritik auf den Sack (nicht nur wegen der beiden Totalverrisse seines Romans Eros in der SZ und FAZ, die ihn viel Geld gekostet hätten). Die Leserbewertungen bei Amazon seien aber dasselbe in grün hinter den Ohren, nur oft noch viel blöder. Für ihn sei Literatur eine heilige Sache, aber als Autor dürfe man die Literaturkritik auf keinen Fall ernst nehmen. Das Problem sei auch, dass man sich nicht wehren könne, selbst wenn Dinge falsch dargestellt würden, ein Leserbrief sei jedenfalls nicht das Mittel der Wahl.

Existiere es denn wirklich nicht, das rundum gute Buch, das jeden Rezensenten an die Wand wirft?, fragt Krausser. Nein, antwortet er sich selbst, denn die Lektüre eines Buches sei von vielen Dingen abhängig, u.a. von der Bildung, der Lebenslage, der Stimmung, der Aufmerksamkeit, der seelischen Befindlichkeiten, es könne also gar kein allseits gutes Buch geben. Es gebe schlicht unterschiedliche Bedürfnisse, verschiedene Anforderungen an ein Buch, von Person zu Person, Jahr zu Jahr wechselnd (z.B. könne man ein Buch mit 16 grandios finden, es aber später belächeln).

Das Problem sei nur, dass Rezensenten, diese Halbtagsdiktatoren, sich wie beleidigte Kinder benähmen, die ihre Meinung hinausposaunten, als gälte es einen Kreuzzug zu führen und dass sie davon ausgingen, jedes Buch sei genau für sie geschrieben worden. Ein Literaturkanon wie der Marcel ReichRanickis sei nur deshalb bewundernswert, weil es ein Individuum geschafft habe, sich vor der Zeit aufzubrezeln.

Sehr angetan ist Helmut Krausser von Daniel Kehlmann, hier träfen sich ausnahmsweise einmal wieder Tiefe und Schönheit mit Lesbarkeit oder sogar Unterhaltsamkeit. Statt daraus zu folgern, Kehlmann sei nur ein ‘Unterhaltungsautor’, sei es doch eigentlich logisch und sehr erfreulich, wenn sich endlich mal ein gutes Buch auch gut verkaufe.

Kraussers Blick auf die Zukunft: eine neue Romantik, ein neuer Idealismus, ein Sturm-und-Drang des Inneren deute sich zumindest an (auch wenn eine neue Epoche sicher neue Benennungen hervorbrächte). Die Behauptung, nach Joyce könne man nicht mehr auktorial schreiben, stamme von Autoren, die weder auktorial nocht sonst wie schreiben könnten. Ein Autor könne niemals etwas für die Nachfolgenden einengen, die einfachste Definition von Kunst sei schließlich immer noch ‘Bereicherung der Welt, Erweiterung des Horizonts’, das stünde ganz im Gegensatz zu einer Einschränkung.

Den Willen zur Originalität, den Krausser in den letzten 50 Jahren in der deutschen Literatur walten sieht, hält er für hemmend, die Ergebnisse für verkrampft, man solle aus der Tradition schöpfen, aus ihr ins Eigene einfügen, sich aber nicht beschränken und in erster Linie solle man das Publikum unterhalten, Literatur sei schlichtweg ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Kein Autor, sei er noch so ein großes Genie, sei unabdingbar und die Welt käme selbst ohne Hölderlin irgendwie klar (Krausser könnte auf seiner Meinung nach mittelmäßige Autoren wie Wolf Biermann, Heinrich Böll oder Stefan George aber gut verzichten). Das Volk sei heute nicht dümmer als früher, vielmehr lebten wir in einer gebildeten Zeit, man solle aufhören zu jammern und in Weimar hätte es auch nicht mehr oder bessere Schriftsteller gegeben, die hätten sich nur besser zu vermarkten gewusst.

Sensiblen Kreaturen wie sich selbst rate er aber von der Beschäftigung mit Kunst strikt ab. Er selbst sei eine schizophrene Persönlichkeit, mal mild, mal wütend, er verbiete sich nichts, denn sonst würde er ‘mit Kondom denken’. Andererseits sei er mit sich selbst im Reinen, er habe in seinen Büchern nichts wider besseres Wissen verschwiegen, aber er könne ganz gut lügen.

Am Ende der Vorlesung spricht er also klar an, was man die ganze Zeit über als Eindruck mitnehmen konnte: Krausser bezieht gerne Position, baut sie gern groß auf und stellt sich mit Freude quer, gleichzeitig blitzt aber immer durch: vielleicht meine ich das auch gar nicht so, vielleicht posiere ich nur, vielleicht lüge ich, vielleicht ist es aber auch wirklich meine heiligste Überzeugung, man kann sich nicht sicher sein mit ihm und das ist sehr spannend. Schade, dass dies die letzte Lesung war.

Die Tagung bzw. das Kolloquium Helmut Krausser und die Gegenwartsliteratur der Romantik, das ebenfalls im Literaturhaus München stattfindet, geht noch bis zum Samstag, dem 08.12.2007, das Programm findet sich hier oder hier.

Hier geht es nochmal zu Krausser I und Krausser II.

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