Kurz vor der Dorfmitte hängen an den Häusern noch die grauen Satellitenschüsseln, die man für augestorben hielt, beim Haus daneben sind alle Rolläden heruntergelassen, weiß an weißer Fassade, die Einfahrt zugewuchert, die Wiese im Vorgarten bauchnabelhoch, aber da blüht noch ein Rosenbusch. Irgendwo weht eine Deutschlandfahne auf Halbmast und man fragt sich, ob das Absicht ist.
Am Straßenrand steht ein graues Auto mit weißem Band um den Griff der Beifahrertür, die Leute heiraten also noch. Eine Frau mit delligen, geröteten Oberarmen recht ihren Rasen zusammen, ein Rasenmäher springt an, die Gartenarbeit muss man am Samstag erledigen.
Die alte Dorfeiche überschattet die gesamte Dorfmitte, die aus der Kreuzung Post- und Schillerstraße besteht, mit Schiller hat das Dorf nun wirklich nichts zu tun. Der Wind tobt raschelnd durch die Blätter der himmelhohen Eiche und jemand hat die Regenbogenfahne aufgehängt, ein Gegengewicht, immerhin. Die Post hat schon geschlossen, keine Nachricht dringt mehr nach außen. Der Dorfladen schließt samstags um 12:30 Uhr, genauso die Bäckerei, in der nicht mehr selbst gebacken wird.
„Also, geschafft!“, sagt eine der Verkäuferinnen, während sie abschließt, den Laden und das Gespräch. Ein Tisch steht noch vor der Bäckerei, aber kein Stuhl.
Im Getränkemarkt kann man noch bis 13 Uhr Lotto spielen, dann beendet der einzelne Glockenschlag auch dieses Vergnügen, der größte Kapitalist wird sein Geld nicht mehr los. Dann gibt es nur noch den Automaten, eingebaut in einen gekachelten Raum, in dem es noch nach der Metzgerei riecht, die schon vor Jahren dicht gemacht hat. Wurstsalat, Fleischküchle, Maultaschen, Spätzle, Kartoffelsalat und Bratensoße in verschiedenen Größen kann man da holen.
Der Fortschritt hat aber auch veganes Alblinsencurry in den Kühlautomaten geweht, dessen Kühlzyklus plötzlich beendet ist und eine gespenstische Ruhe hinterlässt. In der Ecke steht ein Gummibaum aus den 80ern. Die Dorfkneipe öffnet am Samstag erst gar nicht, jeder muss zu Hause saufen. Die leeren Flaschen stellt man dann neben den drei überfüllten Containern ab.
Rote Straßenschilder weisen den Weg zum Uhrmachermeister, der schon lange tot ist. An der Bushaltestelle warten zwei Menschen, die sich nicht ansehen, sie steigen in den Bus, niemand steigt aus, alle wollen nur weg von hier. Die Frau hat einen Koffer dabei, die kommt nicht wieder. Als der Bus weg ist, hört man wieder nur Vogelgezwitscher, Bienensummen und das Rauschen in der Eiche.
Eine Krähe krächzt, der Rotmilan, der über der Kreuzung kreist, schreit seinen Raubvogelruf hinaus. Mittagsruhe wie in einem italienischen Dorf im Hochsommer, nur ohne jede Lebenslust. Der Asphalt ist rissig und hier und da holt sich die Natur ihre Rechte zurück, Gras und Löwenzahn wachsen in den Fugen und an den Rändern. Eine Schwebfliege setzt sich auf meine Notizen.
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