Du

"Hast Du keine Angst?", frage ich Dich und sehe Dir in die Augen. Bekomme aber keine Antwort. Seit vierzehn Jahren war das Vergangenheit, Du und ich. Damals hatte ich Dich gefragt, was wohl wäre, wenn wir uns jemals aus den Augen verlieren und dann nach langer Zeit wiedertreffen sollten. "Ich würde mich sofort wieder in Dich verlieben", hattest Du gesagt, mich in den Arm genommen, nicht mehr losgelassen. Ich hatte genickt. "Ich auch. Aber ich lass Dich nicht mehr gehen, nie mehr."

Damals dachten wir, dass wir ohnehin für immer zusammen bleiben würden, immer und ewig, Du und ich. Ich Deine Erste und Du mein Erster. Mein erster Mann, meine erste Liebe. Die erste Liebe ist immer die letzte. Alles was danach kommt, ist nur noch eine desillusionierte Kopie, der verzweifelte Versuch einer Wiederholung, die hoffnungslose Sehnsucht nach etwas Verlorenem. Nichts ist noch einmal wie beim ersten Mal, nichts. Nicht die heimlichen Blicke, nicht das verschwörerische Flüstern, nicht das beglückte Lächeln, nicht die Intensität der Berührungen, nicht das Küssen und dieser Geschmack nach Erdbeereis, nichts. "Meine Eine und Einzige", hast Du mich damals genannt und es war uns nicht einmal aufgefallen, dass dies nur eine billige Übersetzung aus dem Englischen war. Du hattest es so gemeint. Und ich hatte es geglaubt. Mein Einziger.

Kann man denn wirklich so unglaublich jung sein, frage ich mich jetzt, nach vierzehn Jahren. Tatsächlich eine zufällige Begegnung, tatsächlich ein sofortiges Erkennen zwischen uns, eine Anziehung, magnetisch, und jetzt nebeneinander liegen. Aber das mit dem Verlieben will einfach nicht wieder klappen. Du bist nicht mehr Der und ich nicht mehr Die. Aber wir könnten ja Freunde werden jetzt. "Sag mal", fragst Du zurück, "stört es Dich, wenn ich, nur so ganz freundschaftlich, meine Hand auf Deinen Hintern lege?" Ich habe auf meine Frage keine Antwort bekommen und sehe Dir noch immer in die Augen. Ich finde nicht, was ich erwarte. Ich nicke nur. Du hast keine Angst. Ich habe einen Freund und Du, bei Dir weiß man das nicht so genau, aber das ist egal, jetzt.

"Fühlt sich immer noch so gut an", sagst Du. Ich lächle nur. Ich bin nicht mehr verliebt in Dich und auch nicht wieder. Du hast etwas zugenommen in den letzten vierzehn Jahren und ich wahrscheinlich auch. Auch das ist egal, jetzt. Du riechst noch immer wie früher. Dein Geruch macht mich träumen. Ich nähere meinen Schoß dem Deinen an, um so nahe an Dich heranzukommen, dass ich meine Hand über Deinen Arm strecken und ebenfalls auf Deinen Hintern legen kann, ganz freundschaftlich. So bleiben wir liegen. Du schmeckst nach Erdbeereis, immer wieder Erdbeereis.

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