Prokrastination

Seit es dafür einen Namen gibt, ist ja alles nicht mehr so schlimm: man kann sich entlastet fühlen durch das Wissen um die Existenz von Millionen Leidensgenossen und geborgen, gerettet und beinahe geheilt durch die genaue Diagnose (Sie kennen das ja sicherlich, dass eine Krankheit bei Diagnosestellung unverzüglich nur noch halb so schlimm ist). Prokrastination heißt nun die verbreitete Angewohnheit, die Erledigung unangenehmer Dinge möglichst hinauszuzögern, aufzuschieben. Es gibt dazu Selbsthilfe-Bücher, Untersuchungen, Ursachenforschung und auch Max Goldt hat darüber geschrieben.

Nur: kennen Sie irgendjemanden, der nicht unter diesem Phänomen leidet? Oder gehören Sie gar selbst zu jener seltenen Spezies, die Opas Ratschlag "Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!" tatsächlich befolgt?

Ich muss ja gestehen: ich kenne solche Menschen gar nicht, die Unerfreuliches nicht gerne bis zum letzten Moment aufschieben und wahrscheinlich möchte ich solche Leute auch gar nicht kennenlernen. Die Prokrastination mag ja teilweise sehr unerfreuliche Folgen haben (vgl. dazu u.a. Oblomow), aber ist sie nicht auch durch und durch menschlich?

Und ist ein Mensch, der alles sofort erledigen muss, überhaupt noch einer und nicht eher ein seltsamer Roboter? Können solche Menschen noch das Leben genießen, müssen sie nicht andauernd irgendetwas erledigen (denn zu erledigen gibt es ja immer was)? Ist das nicht eigentlich krankhaft, ist das nicht ein Amoklauf des Über-Ichs? Ist ein menschenwürdiges, erfreuliches Leben nicht erst durch das Aufschieben von Dingen möglich?

Ich denke ja, dass die Krankheit Prokrastination – zumindest in den milderen Verlaufsformen – schlichtweg menschlich ist, in ihr veranschaulicht sich die Menschlichkeit geradezu, nämlich die Fähigkeit Gefühle zu haben (wie es übrigens auch das Gähnen macht) – unter anderem eben negative Gefühle, wenn man sich um Unangenehmes kümmern muss. Jeder, der solche Gefühle nicht hat, sollte einem verdächtig erscheinen.

Also: bleiben Sie morgens ruhig länger liegen, gähnen Sie herzhaft, wälzen Sie sich nochmal von einer Seite auf die andere, lassen Sie Ihrem Schweinehund freien Lauf und faulenzen Sie nach Herzenslust herum und vor allem: lesen Sie hier in diesem Blog weiter meine belanglosen Texte, Sie haben meinen Segen, Sie Mensch!

5 Comments for “Prokrastination”

says:

Prokrastination ist auch eine Chance: Flieht man vor einer Aufgabe, der sich irgendwann zu stellen einfach unumgänglich ist, so ist festzustellen, daß die Wohnung (respektive die Wohnschnecke) blitzblank sauber, der Abwasch besorgt, die Regale aufgeräumt und das Auto geputzt sind. Darüber hinaus werden auch andere Kleinigkeiten wie Rasenmähen, Unkraut jähten und dergleichen ganz erstaunlich liebevoll erledigt. Zuweilen ist auch festzustellen, daß das Mehr, welches unser Geist Zeit hatte, über die Problematik mehr oder weniger Unterbewußt zu reflektieren, sich letzthin bei der dann doch umgesetzten Aufgabe auszahlt, was die abgeklopfte Tiefe betrifft.
Ein Freund meint zudem, daß bei geschickter Koordination man unangenehme Aufgaben gewissermaßen strategisch gegeneinander aufwiegen und ausspielen kann, indem man sich das eine vornimmt und die Prokrastinations-Energie nutzt, um die eigentlich ins Auge gefaßte Aufgabe mit derselben Liebe zu erledigen wie gegebenenfalls den Abwasch. (Der ja sowieso hochgradig meditativ ist)

Das war ein langes “Hallo”, finde ich. Und wieso laden die Gravatar-Grafiken nun nicht?

says:

Ganz nebenbei gemerkt, bei prokrastinierendem Querrutschen durch die Texte des Blogs – anregend zu lesen und schmunzelwachkitzelnd. Allerdings muß ich jetzt packen und danach noch ein wenig am “Dichterbrand” weiter herumdoktoren, denn auch Prokrastination hat ihre Grenzen…

Worum es eigentlich ging: Schön, dass die Gravatare jetzt problemfrei laufen.

says:

Für andere Leser zur Erklärung: es ging um die Gravatare in Normans Blog, die man hier besichtigen kann.

@Norman: na dann viel Erfolg beim Verdrängen der Prokrastination und Bearbeiten des Dichterbrands!

says:

Die Verdrängung der Verdrängung, um den Dichter brennen zu lassen, nicht schlecht, nicht schlecht… 😉 Bis nach dem selbigen. Womit der “Dichterbrand” gemeint sei.

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